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ibuse_masuji

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ibuse_masuji [2022/08/07 22:51] – [Nach dem Krieg - auf der Suche nach einer neuen Identität] bguelsoyibuse_masuji [2022/08/07 23:24] (aktuell) – [Literatur] bguelsoy
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 ==== Zentrale Motive ==== ==== Zentrale Motive ====
  
-In der Nachkriegszeit legte Ibuse hohen Wert auf authentische Geschichten und den Einbezug von tatsächlichen Erlebnissen und Erfahrungen von Menschen. Zwar dienten ihm dabei häufig auch seine eigenen Erfahrungen als Grundlage, doch sind es Erlebnisse, die er mit vielen anderen Menschen dieser Zeit teilte. Beispiele dafür sind die Rückkehr nach Japan vom Kriegseinsatz in Übersee, der Verlust von geliebten Menschen durch den Krieg oder die Orientierungslosigkeit in den Wirren der letzten Kriegsmonate und der frühen Nachkriegszeit. Dabei thematisierte er -  wie schon in den Vorkriegswerken - die Frage nach der japanischen Identität. Nach der Niederlage im Krieg und der daraus resultierenden Abschaffung der alten Ordnung, die Umstrukturierung Japans zu einem demokratischen Staat entstand ein neuerlicher Umbruch und ein Identitätsvakuum, das viele Menschen orientierungslos zurückgeließ. Dieses Empfinden griff Ibuse in Werken wie //Wabisuke// auf und inszenierte das traditionelle japanische Dorf und dessen Gemeinschaft als Sehnsuchtsort. Gleichzeitig kritisiert Ibuse Elemente der neuen japanischen Identität der Nachkriegszeit. Das beste Beispiel dafür stellt //Kuroi ame// dar. Nach dem Ende des Krieges betonte Japan zunehmend seinen Status als einziges Opfer von Atombombenangriffen, weshalb dieser Status und die Erinnerung an die Angriffe in die neue japanische Identität einflossen - verankert durch staatstragende Zeremonien, Gedenkstätten und -veranstaltungen. Mit //Kuroi ame// kritisierte Ibuse, dass bei allem Zeremoniell die //hibakusha// als eigentliche Opfer kaum Beachtung fanden und aus weiten Teilen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen waren.+In der Nachkriegszeit legte Ibuse hohen Wert auf authentische Geschichten und den Einbezug von tatsächlichen Erlebnissen und Erfahrungen von Menschen. Zwar dienten ihm dabei häufig auch seine eigenen Erfahrungen als Grundlage, doch sind es Erlebnisse, die er mit vielen anderen Menschen dieser Zeit teilte. Beispiele dafür sind die Rückkehr nach Japan vom Kriegseinsatz in Übersee, der Verlust von geliebten Menschen durch den Krieg oder die Orientierungslosigkeit in den Wirren der letzten Kriegsmonate und der frühen Nachkriegszeit. Dabei thematisierte er -  wie schon in den Vorkriegswerken - die Frage nach der japanischen Identität. Nach der Niederlage im Krieg und der daraus resultierenden Abschaffung der alten Ordnung sowie der Umstrukturierung Japans zu einem demokratischen Staat entstand ein neuerlicher Umbruch und ein Identitätsvakuum, das viele Menschen orientierungslos zurückließ. Dieses Empfinden griff Ibuse in Werken wie //Wabisuke// auf und inszenierte das traditionelle japanische Dorf und dessen Gemeinschaft als Sehnsuchtsort. Gleichzeitig kritisiert Ibuse Elemente der neuen japanischen Identität der Nachkriegszeit. Das beste Beispiel dafür stellt //Kuroi ame// dar. Nach dem Ende des Krieges betonte Japan zunehmend seinen Status als einziges Opfer von Atombombenangriffen, weshalb dieser Status und die Erinnerung an die Angriffe in die neue japanische Identität einflossen - verankert durch staatstragende Zeremonien, Gedenkstätten und -veranstaltungen. Mit //Kuroi ame// kritisierte Ibuse, dass bei allem Zeremoniell die //hibakusha// als eigentliche Opfer kaum Beachtung fanden und aus weiten Teilen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen waren.
  
 Insgesamt zeigt sich, dass die Suche nach der japanischen Identität und nach Orientierung in vielen Werken Ibuses eine wichtige Rolle spielen, immer vor dem Hintergrund ihres jeweiligen historischen Kontextes. Ibuse, der sich mit öffentlichen politischen Äußerungen meist zurückhielt, nutzte seine Werke als Plattform für kritische Auseinandersetzungen. In seinen Werken der Vorkriegszeit ging er dabei auf den zunehmenden Nationalismus und Militarismus sowie den drohenden Krieg ein, während er in seinen Nachkriegswerken die Orientierungslosigkeit und Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit einfing. Seine Werke - sowohl vor als auch nach dem Krieg - stehen damit symbolisch für einen großen Teil der damaligen Gesellschaft und spiegeln deren Verlust bzw. deren Suche nach einer japanischen Identität wider. Insgesamt zeigt sich, dass die Suche nach der japanischen Identität und nach Orientierung in vielen Werken Ibuses eine wichtige Rolle spielen, immer vor dem Hintergrund ihres jeweiligen historischen Kontextes. Ibuse, der sich mit öffentlichen politischen Äußerungen meist zurückhielt, nutzte seine Werke als Plattform für kritische Auseinandersetzungen. In seinen Werken der Vorkriegszeit ging er dabei auf den zunehmenden Nationalismus und Militarismus sowie den drohenden Krieg ein, während er in seinen Nachkriegswerken die Orientierungslosigkeit und Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit einfing. Seine Werke - sowohl vor als auch nach dem Krieg - stehen damit symbolisch für einen großen Teil der damaligen Gesellschaft und spiegeln deren Verlust bzw. deren Suche nach einer japanischen Identität wider.
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 ==== Kontroverse und Forschungsstand ==== ==== Kontroverse und Forschungsstand ====
  
-1984 ergänzte Ibuse //Kuroi ame// im Rahmen einer Neufassung um eine Anmerkung, in welchem er erneut die zentrale Bedeutung der zugrundeliegenden Dokumente und Tagebücher betonte. Diese Ergänzung stellte für Toyota Seishi 豊田清史 (1921), einen Dichter aus Hiroshima , das Eingeständnis eines Plagiats dar. Für Toyota waren die Tagebücher Shigematsus - mit dem auch Toyota befreundet war - in der ursprünglichen Fassung nicht deutlich genug als Ursprungsmaterial gekennzeichnet. Deshalb veröffentlichte er 1988 - entgegen des ausdrücklichen Wunsches von Shigematsus Nachfahren - die originalen Tagebücher, um so die Deckungsgleichheit zu //Kuroi ame// aufzuzeigen. 1993 veröffentlichte Toyota darüber hinaus zwei Bücher, in denen er ausgewählte Passagen aus //Kuroi ame// mit den Gegenstücken aus den Tagebüchern direkt verglich, um so seine Vorwürfe zu untermauern. Diese Vorwürfe standen mehrere Jahre im Raum, was auch daran liegen mag, dass Ibuse selbst sich bis zu seinem Tod 1993 nie direkt zu den Vorwürfen äußerte. In der heutigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ibuses Werken gelten die Vorwürfe als widerlegt. Zum einen wird angeführt, dass Ibuse während der Entstehung und auch danach immer wieder auf die Tagebücher als Grundlage hingewiesen hat -  so auch bei seiner Dankesrede. Außerdem wies er in zwei Artikeln, die er 1966 veröffentlichte, ebenfalls auf Nutzung der Tagebücher hin: am 20. August in //Watakushi no kotoba// 私の言葉 (Meine Worte) und am 25. September in //Genbaku shôsetsu „Kuroi ame“ to Ibuse Masuji// 原爆小説『黒い雨』と井伏鱒二 (Atombombenroman „Schwarzer Regen“ und Ibuse Masuji). Zudem belegt der teilweise veröffentlichte Briefverkehr zwischen Shigematsu und Ibuse, dass Ibuse die Tagebücher zunächst gar nicht benutzen wollte+1984 ergänzte Ibuse //Kuroi ame// im Rahmen einer Neufassung um eine Anmerkung, in welcher er erneut die zentrale Bedeutung der zugrundeliegenden Dokumente und Tagebücher betonte. Diese Ergänzung stellte für Toyota Seishi 豊田清史 (1921), einen Dichter aus Hiroshima, das Eingeständnis eines Plagiats dar. Für Toyota waren die Tagebücher Shigematsus - mit dem auch Toyota befreundet war - in der ursprünglichen Fassung nicht deutlich genug als Ursprungsmaterial gekennzeichnet. Deshalb veröffentlichte er 1988 - entgegen des ausdrücklichen Wunsches von Shigematsus Nachfahren - die originalen Tagebücher, um so die Deckungsgleichheit zu //Kuroi ame// aufzuzeigen. 1993 veröffentlichte Toyota darüber hinaus zwei Bücher, in denen er ausgewählte Passagen aus //Kuroi ame// mit den Gegenstücken aus den Tagebüchern direkt verglich, um so seine Vorwürfe zu untermauern. Diese Vorwürfe standen mehrere Jahre im Raum, was auch daran liegen mag, dass Ibuse selbst sich bis zu seinem Tod 1993 nie direkt zu den Vorwürfen äußerte. In der heutigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ibuses Werken gelten die Vorwürfe als widerlegt. Zum einen wird angeführt, dass Ibuse während der Entstehung und auch danach immer wieder auf die Tagebücher als Grundlage hingewiesen hat -  so auch bei seiner Dankesrede. Außerdem wies er in zwei Artikeln, die er 1966 veröffentlichte, ebenfalls auf Nutzung der Tagebücher hin: am 20. August in //Watakushi no kotoba// 私の言葉 (Meine Worte) und am 25. September in //Genbaku shôsetsu „Kuroi ame“ to Ibuse Masuji// 原爆小説『黒い雨』と井伏鱒二 (Atombombenroman „Schwarzer Regen“ und Ibuse Masuji). Zudem belegt der teilweise veröffentlichte Briefverkehr zwischen Shigematsu und Ibuse, dass Ibuse die Tagebücher zunächst gar nicht benutzen wollte:
  
 >>„In truth, I had been thinking of writing a novel by borrowing various episodes from your diary, but I left it unwritten because it would have been wrong to steal the material without your consent and I, myself, have no actual knowledge of what happened. I am planning to pay you a visit and return the diary.“ (Briefverkehr zwischen Ibuse und Shigematsu, zitiert nach: TREAT 1988, S.135) >>„In truth, I had been thinking of writing a novel by borrowing various episodes from your diary, but I left it unwritten because it would have been wrong to steal the material without your consent and I, myself, have no actual knowledge of what happened. I am planning to pay you a visit and return the diary.“ (Briefverkehr zwischen Ibuse und Shigematsu, zitiert nach: TREAT 1988, S.135)
 Schließlich muss Ibuse zugute gehalten werden, dass es in den 1960er Jahren, der Zeit der Erstveröffentlichung von //Kuroi ame//, keine derart strikten Vorgaben zur Kenntlichmachung von Ausgangsmaterial gab, wie das in den 1980er Jahren der Fall war, als Toyota die Vorwürfe erstmal öffentlich erhob. Schließlich muss Ibuse zugute gehalten werden, dass es in den 1960er Jahren, der Zeit der Erstveröffentlichung von //Kuroi ame//, keine derart strikten Vorgaben zur Kenntlichmachung von Ausgangsmaterial gab, wie das in den 1980er Jahren der Fall war, als Toyota die Vorwürfe erstmal öffentlich erhob.
  
-Ibuse findet in der Literaturforschung vor allem durch seine Kontakte und Verbindungen zu anderen Schriftstellern, seine langjährige Tätigkeit als Autor und dabei vor allem aufgrund seines Werkes //Kuroi ame// Erwähnung. Gerade im westllichsprachigen Raum gibt es jedoch kaum Monographien, die sich mit seinem Schaffen befassen. Eine Ausnahme bildet //Pools of Water, Pillars of Fire// (1988) von John Whittier TREAT, der hier einen guten Überblick über die zentralen Ereignisse und Umbrüche in Ibuses Leben bietet und dabei besonders deren Einfluss auf Ibuses Werke herausarbeitet. //Pools of Water, Pillars of Fire// ist somit zu einem der zentralen Werke in der Forschung zu Ibuse geworden. Für die Auseinandersetzung mit Ibuse sind auch die autobiografischen Werke wichtig. Neben zahlreichen Artikeln und Aufsätzen ist //Hanseiki// von zentraler Bedeutung, denn Ibuse bietet darin selbst einen Einblick in seine frühen Jahre und viele für seinen Werdegang prägende Ereignisse. TREAT und viele andere beziehen sich deshalb immer wieder auf diese Werke, um Schlüsselmomente in Ibuses Leben herauszuarbeiten.+Ibuse findet in der Literaturforschung vor allem durch seine Kontakte und Verbindungen zu anderen Schriftstellern, seine langjährige Tätigkeit als Autor und dabei vor allem aufgrund seines Werkes //Kuroi ame// Erwähnung. Gerade im westllichsprachigen Raum gibt es jedoch kaum Monographien, die sich mit seinem Schaffen befassen. Eine Ausnahme bildet //Pools of Water, Pillars of Fire// (1988) von John Whittier TREAT, der hier einen guten Überblick über die zentralen Ereignisse und Umbrüche in Ibuses Leben bietet und dabei besonders deren Einfluss auf Ibuses Werke herausarbeitet. //Pools of Water, Pillars of Fire// ist somit zu einem der zentralen Werke in der Forschung zu Ibuse geworden. Für die Auseinandersetzung mit Ibuse sind auch die autobiographischen Werke wichtig. Neben zahlreichen Artikeln und Aufsätzen ist //Hanseiki// von zentraler Bedeutung, denn Ibuse bietet darin selbst einen Einblick in seine frühen Jahre und viele für seinen Werdegang prägende Ereignisse. TREAT und viele andere beziehen sich deshalb immer wieder auf diese Werke, um Schlüsselmomente in Ibuses Leben herauszuarbeiten.
  
  
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-  * ABE AUESTAD, Reiko: „Ibuse Masuji’s Kuroi Ame (1965) and Imamura Shōhei’s Film Adaptation (1989)“. In: //Bunron Zeitschrift für literaturwissenschaftliche Japanforschung//, Bd. 4 (2017), S. 106–124.+  * ABE AUESTAD, Reiko: „Ibuse Masuji’s Kuroi Ame (1965) and Imamura Shôhei’s Film Adaptation (1989)“. In: //Bunron Zeitschrift für literaturwissenschaftliche Japanforschung//, Bd. 4 (2017), S. 106–124.
   * DE PIERE, Veronica: „Kintsugi identities in the post-catastrophe Japan: the hibakusha in the post-1945 and post-2011 literature“. In: //Orientalia Parthenopea//, Bd. 17 (2017), S. 211–222.   * DE PIERE, Veronica: „Kintsugi identities in the post-catastrophe Japan: the hibakusha in the post-1945 and post-2011 literature“. In: //Orientalia Parthenopea//, Bd. 17 (2017), S. 211–222.
   * KEAVENEY, Christoper: „Literary Interventions: Yamamoto Sanehiko's Contributions to Sino-Japanese - Literary Exchange in the Interwar Period“. In: //Modern Chinese Literature and Culture//, Bd. 22, Nr. 2 (2010), S. 196–230.   * KEAVENEY, Christoper: „Literary Interventions: Yamamoto Sanehiko's Contributions to Sino-Japanese - Literary Exchange in the Interwar Period“. In: //Modern Chinese Literature and Culture//, Bd. 22, Nr. 2 (2010), S. 196–230.
   * KEENE, Donald: „Japanese Writers and the Greater East Asia War“. In: //The Journal of Asian Studies//, Bd. 23, Nr. 2 (1964), S. 209–225.   * KEENE, Donald: „Japanese Writers and the Greater East Asia War“. In: //The Journal of Asian Studies//, Bd. 23, Nr. 2 (1964), S. 209–225.
   * LIMAN, Anthony: „Ibuse Masuji (15 February 1898-10 July 1993)“. In: //Japanese Fiction Writers//, Bd. 180 (1997), S. 41-52.   * LIMAN, Anthony: „Ibuse Masuji (15 February 1898-10 July 1993)“. In: //Japanese Fiction Writers//, Bd. 180 (1997), S. 41-52.
-   * LIN, Yi-Ling: „Plagiarism, Hiroshima, and Intertextuality: Ibuse Masuji’s Black Rain Reconsidered“. In: //Bulletin of Reitaku University//, Bd. 19 Nr. 2 (2011), S. 23–55.+   * LIN, Yi-Ling: „Plagiarism, Hiroshima, and Intertextuality: Ibuse Masuji’s Black Rain Reconsidered“. In: //Bulletin of Reitaku University//, Bd. 19Nr. 2 (2011), S. 23–55.
    * MORICHINI, Giuseppe: „Prewar and Postwar Japanese Fiction: Why the former is little known and why the latter should be better known in the West“. In: //East and West//, Bd. 6, Nr. 2 (1955), S. 138–142.    * MORICHINI, Giuseppe: „Prewar and Postwar Japanese Fiction: Why the former is little known and why the latter should be better known in the West“. In: //East and West//, Bd. 6, Nr. 2 (1955), S. 138–142.
    * TREAT, John Whittier: //Pools of Water, Pillars of Fire.// Seattle: University of Washington Press 1988.    * TREAT, John Whittier: //Pools of Water, Pillars of Fire.// Seattle: University of Washington Press 1988.
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