okawa_shumei
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okawa_shumei [2022/07/29 15:46] – [Ideologie und Aktivitäten] bguelsoy | okawa_shumei [2022/08/07 23:25] (aktuell) – [Forschung und Rezeption] bguelsoy | ||
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//Autor, Nationalist// | //Autor, Nationalist// | ||
- | Ôkawa Shûmei 大川周明 war als Islamforscher, | + | Ôkawa Shûmei 大川周明 |
==== Herkunft und Werdegang ==== | ==== Herkunft und Werdegang ==== | ||
Ôkawa wurde am 6. Dezember 1886 in der Provinz Shônai (heutige Stadt Sakata in der Präfektur Yamagata) in eine angesehene Familie geboren, welche seit mehreren Generationen Ärzte hervorgebracht hatte. Da Ôkawa sich als ältester Sohn weigerte, diese Tradition fortzusetzen, | Ôkawa wurde am 6. Dezember 1886 in der Provinz Shônai (heutige Stadt Sakata in der Präfektur Yamagata) in eine angesehene Familie geboren, welche seit mehreren Generationen Ärzte hervorgebracht hatte. Da Ôkawa sich als ältester Sohn weigerte, diese Tradition fortzusetzen, | ||
=== Akademische und berufliche Laufbahn === | === Akademische und berufliche Laufbahn === | ||
- | Seine Ausbildung entsprach der typischen | + | Ôkawa durchlief die typische |
=== Politisches Engagement === | === Politisches Engagement === | ||
- | In den 1920ern und frühen | + | In den 1920ern und frühen |
=== Verhaftung als Kriegsverbrecher === | === Verhaftung als Kriegsverbrecher === | ||
- | Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg wurde Ôkawa als ideologischer Verantwortlicher für Japans Krieg am 12. Dezember 1945 verhaftet und ins Sugamo-Gefängnis gebracht. Nach vier Verhören war Ôkawa im März 1946 im Rahmen der Tôkyôter Strafprozesse (Tôkyô saiban 東京裁判) der einzige Zivilist, welcher als Kriegsverbrecher der Klasse A angeklagt wurde. Ôkawa schrieb Jahre später, wie überrascht er über die Anklage gewesen sei, da er während des Ausbruchs des Zweiten Sino-Japanischen Kriegs im Gefängnis gesessen und sich später nach seiner Entlassung darum bemüht habe, das brutale Vorgehen Japans in China zu unterbinden und die Beziehungen zu den USA zu normalisieren. Zum Prozessbeginn am 3. Mai 1946 machte | + | Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg wurde Ôkawa als ideologischer Verantwortlicher für Japans Krieg am 12. Dezember 1945 verhaftet und ins Sugamo-Gefängnis gebracht. Nach vier Verhören war Ôkawa im März 1946 im Rahmen der Tôkyôter Strafprozesse (Tôkyô saiban 東京裁判) der einzige Zivilist, welcher als Kriegsverbrecher der Klasse A angeklagt wurde. Ôkawa schrieb Jahre später, wie überrascht er über die Anklage gewesen sei, da er während des Ausbruchs des Zweiten Sino-Japanischen Kriegs im Gefängnis gesessen und sich später nach seiner Entlassung darum bemüht habe, das brutale Vorgehen Japans in China zu unterbinden und die Beziehungen zu den USA zu normalisieren. Zum Prozessbeginn am 3. Mai 1946 machte |
=== Die letzten Jahre nach dem Krieg === | === Die letzten Jahre nach dem Krieg === | ||
- | Nach seiner Entlassung zog sich Ôkawa mit seiner Ehefrau in sein Haus in Aikawa (Präfektur Kanagawa) zurück, wo er noch viele Jahre vom amerikanischen Geheimdienst beobachtet wurde. Es bestand | + | Nach seiner Entlassung zog sich Ôkawa mit seiner Ehefrau in sein Haus in Aikawa (Präfektur Kanagawa) zurück, wo er noch viele Jahre vom amerikanischen Geheimdienst beobachtet wurde. Es bestand weiterhin der Verdacht, dass Ôkawa nicht tatsächlich psychisch erkrankt war, sondern seinen merkwürdigen Auftritt |
==== Prägende Ereignisse und Einflüsse ==== | ==== Prägende Ereignisse und Einflüsse ==== | ||
- | Ôkawa interessierte sich bereits vor seinem Studium für fremde Sprachen und Religionen und bildete sich in westlicher Philosophie weiter. In Kumamoto las er als Schüler u.a. Platon, Aristoteles, Emmanuel | + | Ôkawa interessierte sich bereits vor seinem Studium für fremde Sprachen und Religionen und bildete sich in westlicher Philosophie weiter. In Kumamoto las er als Schüler u.a. Platon |
- | Als Ôkawa, welcher bis dahin keine Anzeichen einer nationalistischen Gesinnung aufgewiesen hatte, im Frühjahr 1912 mit einer Kompilation der japanischen Kaiserbiographie betraut wurde, erwachte er eigener Aussage nach während seiner Analyse des //Kojiki// 古事記 (712 n. Chr.) und //Nihon shoki// 日本書紀 (720 n. Chr.) in seiner Identität als Japaner. Der Tod des Meiji tennō | + | Als Ôkawa, welcher bis dahin keine Anzeichen einer nationalistischen Gesinnung aufgewiesen hatte, im Frühjahr 1912 mit einer Kompilation der japanischen Kaiserbiographie betraut wurde, erwachte er eigener Aussage nach während seiner Analyse des //Kojiki// 古事記 (712) und //Nihon shoki// 日本書紀 (720) in seiner Identität als Japaner. Der Tod des Meiji Tenne 明治天皇 (1852-1912) und der darauffolgende Selbstmord von General Nogi Maresuke 乃木希典 (1849-1912) bestärkten seinen neuentdeckten Nationalismus, |
==== Ideologie und Aktivitäten ==== | ==== Ideologie und Aktivitäten ==== | ||
- | Ein vereintes und befreites Asien unter japanischer Führung setzte für Ôkawa zunächst ein starkes Japanisches Kaiserreich voraus. Ôkawa formte im Sommer 1919 den Zirkel Yûzonsha 猶存社 (fortbestehende | + | Ein vereintes und befreites Asien unter japanischer Führung setzte für Ôkawa zunächst ein starkes Japanisches Kaiserreich voraus. Ôkawa formte im Sommer 1919 den Zirkel Yûzonsha 猶存社 (Fortbestehende |
- | Das übergeordnete Ziel von Ôkawa war aber vor allem die Befreiung und Vereinigung Asiens. Als ein Verfechter der Panasien-Bewegung war er der Ansicht, dass "Asien eins ist“ – ein Leitspruch, der von Okakura Kakuzô geprägt wurde, dessen wichtigen intellektuellen Einfluss Ôkawa häufig | + | Das übergeordnete Ziel von Ôkawa war aber vor allem die Befreiung und Vereinigung Asiens. Als ein Verfechter der Panasien-Bewegung war er der Ansicht, dass "Asien eins ist“ – ein Leitspruch, der von Okakura Kakuzô geprägt wurde, dessen wichtigen intellektuellen Einfluss Ôkawa häufig |
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- | Auch wenn Ôkawa sich für die Befreiung Asiens von der westlichen Hegemonie einsetzte und den Westen gegenüber Asien als unterlegen betrachtete, | + | Auch wenn Ôkawa sich für die Befreiung Asiens von der westlichen Hegemonie einsetzte und den Westen gegenüber Asien als unterlegen betrachtete, |
==== Kontinuitäten und Veränderungen === | ==== Kontinuitäten und Veränderungen === | ||
- | Als der Tennô am 15. August 1945 die Kapitulation Japans in einer Radioansprache verkündete, | ||
- | Der Krieg veränderte | + | Als der Tennô am 15. August 1945 die Kapitulation Japans in einer Radioansprache verkündete, |
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+ | Der Krieg veränderte Ôkawa | ||
==== Forschung und Rezeption === | ==== Forschung und Rezeption === | ||
- | Ôkawa Shûmeis Lebensgeschichte sticht zwar aus der Reihe gewöhnlicher Lebensläufe hervor, das macht sie jedoch nicht minder repräsentativ für eine der turbulentesten Momente in der japanischen Geschichte. Sein Denken und Handeln waren oft und grundsätzlich geprägt von und somit auch kennzeichnend für den Zeitgeist verschiedener Ären des modernen Japans. Seine Rückbesinnung auf das Meiji-Japan und seine Verherrlichung einer restauratorischen Lösung für das Land tragen deutlich die Unterschrift seiner Erfahrungen aus der jener Zeit. Auch als junger Mann vom Lande, den es für das Studium in die Hauptstadt gezogen hat, wo er sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen und seinen politischen Ideen Ausdruck verleihen konnte, war Ôkawa keinesfalls eine Ausnahmeerscheinung in Zeiten der Taishô-Demokratie. Selbst in der Nachkriegszeit, | ||
- | Ôkawa wurde in der Geschichtswissenschaft lange außer Acht gelassen, was vermutlich auf seinen Ruf als Panasiatiker und Radikaler zurückzuführen ist. Die Vernachlässigung Ôkawas ist insofern merkwürdig, | + | Ôkawa Shûmeis Lebensgeschichte steht repräsentativ für eine außergewöhnliche und von Wandel geprägte Zeitspanne der japanischen Geschichte. Als Mensch, der noch in der Meiji-Zeit geboren wurde, erfüllt Ôkawa ein Sehnsuchtsgefühl nach dieser Zeit - der Beginn der Modernisierung Japans bot das Versprechen von Möglichkeiten für die gesamte Bevölkerung. So ist die Forderung Ôkawas nach einer zweiten Restauration nicht nur einem nostalgischen Gefühl entsprungen, |
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+ | Die Kriegszeit bleibt im kollektiven Gedächtnis Japans häufig eine seltsame Leerstelle. Auch bei Ôkawa ist zu beobachten, dass er in der Nachkriegszeit nicht etwa an seine Tätigkeiten während des Krieges, sondern an seine Forderungen der Vorkriegszeit anschließt: | ||
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+ | Ôkawa wurde in der Geschichtswissenschaft lange außer Acht gelassen, was vermutlich auf seinen Ruf als Panasiatiker und Radikaler zurückzuführen ist. Die Vernachlässigung Ôkawas ist insofern merkwürdig, | ||
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+ | Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Biographie von Ôkawa Shûmei zeigt, wie sich bis heute nationalistische Ideen in Japan über die Zeit retten konnten und auch der verlorene Krieg mit den verheerenden Folgen | ||
====Literatur ==== | ====Literatur ==== | ||
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* AYDIN, Cemil: „Japan' | * AYDIN, Cemil: „Japan' | ||
* ESENBEL, Selcuk: „Japan’s Global Claim to Asia and the World of Islam: Transnational Nationalism and World Power, 1900–1945”. In: //The American Historical Review//, Bd. 109, Nr. 4 (2004), S. 1159–1162. | * ESENBEL, Selcuk: „Japan’s Global Claim to Asia and the World of Islam: Transnational Nationalism and World Power, 1900–1945”. In: //The American Historical Review//, Bd. 109, Nr. 4 (2004), S. 1159–1162. | ||
- | * HOTTA, Eri: // | + | * HOTTA, Eri: // |
* JAFFE, Eric: //A Curious Madness. An American Combat Psychiatrist, | * JAFFE, Eric: //A Curious Madness. An American Combat Psychiatrist, | ||
* KRÄMER, Hans Martin: „Pan-Asianism’s Religious Undercurrents: | * KRÄMER, Hans Martin: „Pan-Asianism’s Religious Undercurrents: | ||
* NEUMANN, Florian: „Ôkawa Shûmei und der Weg zur ‚Shôwa-Erneuerung‘“. In: //OAG Notizen//, Nr. 2 (2015a), S. 11-39. | * NEUMANN, Florian: „Ôkawa Shûmei und der Weg zur ‚Shôwa-Erneuerung‘“. In: //OAG Notizen//, Nr. 2 (2015a), S. 11-39. | ||
* NEUMANN, Florian: „Ôkawa Shûmei und Japans Krieg in Ostasien‘“. In: //OAG Notizen//, Nr. 11 (2015b), S. 11-39. | * NEUMANN, Florian: „Ôkawa Shûmei und Japans Krieg in Ostasien‘“. In: //OAG Notizen//, Nr. 11 (2015b), S. 11-39. | ||
- | * Ôkawa Shûmei kenshôkai | + | * ÔKAWA SHÛMEI KENSHÔKAI |
* ÔTSUKA, Takehiro 大塚健洋: | * ÔTSUKA, Takehiro 大塚健洋: | ||
- | * SZPILMAN, Christopher W.: „The Dream of One Asia: Ôkawa Shûmei and Japanese Pan-Asianism”. In: Harald Fuess (Hrsg.): //The Japanese Empire in East Asia and Its Postwar Legacy//. München: Iudicium, 1998, S. 49-63. | ||
* SAALER, Sven, KOSCHMANN, J. Victor (Hrsg.): // | * SAALER, Sven, KOSCHMANN, J. Victor (Hrsg.): // | ||
* SAALER, Sven, SZPILMAN, Christopher W. (Hrsg.): // | * SAALER, Sven, SZPILMAN, Christopher W. (Hrsg.): // | ||
- | * SAALER, Sven, SZPILMAN, Christopher W. (Hrsg.): | + | * SAALER, Sven, SZPILMAN, Christopher W. (Hrsg.): //Pan-Asianism. A Documentary History, Volume 2: 1920-Present// |
+ | * SZPILMAN, Christopher W.: „The Dream of One Asia: Ôkawa Shûmei and Japanese Pan-Asianism”. In: FUESS, Harald (Hrsg.): //The Japanese Empire in East Asia and Its Postwar Legacy//. München: Iudicium 1998, S. 49-63. | ||
* TAKEUCHI, Yoshimi: „Profile of Asian Minded Man x: Ôkawa Shûmei”, abrufbar unter: https:// | * TAKEUCHI, Yoshimi: „Profile of Asian Minded Man x: Ôkawa Shûmei”, abrufbar unter: https:// | ||
* USUKI, Akira: „A Japanese Asianist’s View of Islam—A Case Study of Ôkawa Shûmei" | * USUKI, Akira: „A Japanese Asianist’s View of Islam—A Case Study of Ôkawa Shûmei" |
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