okawa_shumei
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=== Akademische und berufliche Laufbahn === | === Akademische und berufliche Laufbahn === | ||
- | Ôkawa durchlief die typische Schullaufbahn eines Mitglieds der örtlichen Elite. Neben dem üblichen Lehrplan studierte er chinesische Klassiker und moderne Fremdsprachen wie Französisch und Deutsch. Nach dem Abschluss der Mittelschule in Shônai setzte er seine Schulausbildung an der Daigo kôtô gakkô 第五高等学校 in Kumamoto fort, wo er zeitweise als Vertretungslehrer im Fach klassisches Chinesisch arbeitete. Im Jahr 1907 nahm er das Studium der Religionswissenschaften mit dem Schwerpunkt auf altindische Klassiker an der Kaiserlichen Universität in Tôkyô auf und schloss es 1911 mit einem Aufsatz über den Gründer des Mahāyāna-Buddhismus ab. Danach schrieb er zwar gelegentlich Zeitschriftenartikel und fertigte Deutschübersetzungen für den militärischen Generalstab an, suchte jedoch zunächst keine feste Arbeitsstelle, | + | Ôkawa durchlief die typische Schullaufbahn eines Mitglieds der örtlichen Elite. Neben dem üblichen Lehrplan studierte er chinesische Klassiker und moderne Fremdsprachen wie Französisch und Deutsch. Nach dem Abschluss der Mittelschule in Shônai setzte er seine Schulausbildung an der Daigo kôtô gakkô 第五高等学校 in Kumamoto fort, wo er zeitweise als Vertretungslehrer im Fach klassisches Chinesisch arbeitete. Im Jahr 1907 nahm er das Studium der Religionswissenschaften mit dem Schwerpunkt auf altindische Klassiker an der Kaiserlichen Universität in Tôkyô auf und schloss es 1911 mit einem Aufsatz über den Gründer des Mahāyāna-Buddhismus ab. Danach schrieb er zwar gelegentlich Zeitschriftenartikel und fertigte Deutschübersetzungen für den militärischen Generalstab an, suchte jedoch zunächst keine feste Arbeitsstelle, |
=== Politisches Engagement === | === Politisches Engagement === | ||
- | In den 1920ern und frühen 1930ern plädierte Ôkawa in zahlreichen Schriften sowie Vorträgen in verschiedenen Vereinen und an prestigeträchtigen Akademien für eine „zweite Restauration“ (//daini ishin// 第二維新), | + | In den 1920ern und frühen 1930ern plädierte Ôkawa in zahlreichen Schriften sowie Vorträgen in verschiedenen Vereinen und an prestigeträchtigen Akademien für eine „zweite Restauration“ (//daini ishin// 第二維新), |
=== Verhaftung als Kriegsverbrecher === | === Verhaftung als Kriegsverbrecher === | ||
- | Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg wurde Ôkawa als ideologischer Verantwortlicher für Japans Krieg am 12. Dezember 1945 verhaftet und ins Sugamo-Gefängnis gebracht. Nach vier Verhören war Ôkawa im März 1946 im Rahmen der Tôkyôter Strafprozesse (Tôkyô saiban 東京裁判) der einzige Zivilist, welcher als Kriegsverbrecher der Klasse A angeklagt wurde. Ôkawa schrieb Jahre später, wie überrascht er über die Anklage gewesen sei, da er während des Ausbruchs des Zweiten Sino-Japanischen Kriegs im Gefängnis gesessen und sich später nach seiner Entlassung darum bemüht habe, das brutale Vorgehen Japans in China zu unterbinden und die Beziehungen zu den USA zu normalisieren. Zum Prozessbeginn am 3. Mai 1946 machte | + | Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg wurde Ôkawa als ideologischer Verantwortlicher für Japans Krieg am 12. Dezember 1945 verhaftet und ins Sugamo-Gefängnis gebracht. Nach vier Verhören war Ôkawa im März 1946 im Rahmen der Tôkyôter Strafprozesse (Tôkyô saiban 東京裁判) der einzige Zivilist, welcher als Kriegsverbrecher der Klasse A angeklagt wurde. Ôkawa schrieb Jahre später, wie überrascht er über die Anklage gewesen sei, da er während des Ausbruchs des Zweiten Sino-Japanischen Kriegs im Gefängnis gesessen und sich später nach seiner Entlassung darum bemüht habe, das brutale Vorgehen Japans in China zu unterbinden und die Beziehungen zu den USA zu normalisieren. Zum Prozessbeginn am 3. Mai 1946 machte |
=== Die letzten Jahre nach dem Krieg === | === Die letzten Jahre nach dem Krieg === | ||
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Ôkawa interessierte sich bereits vor seinem Studium für fremde Sprachen und Religionen und bildete sich in westlicher Philosophie weiter. In Kumamoto las er als Schüler u.a. Platon (428/ | Ôkawa interessierte sich bereits vor seinem Studium für fremde Sprachen und Religionen und bildete sich in westlicher Philosophie weiter. In Kumamoto las er als Schüler u.a. Platon (428/ | ||
- | Als Ôkawa, welcher bis dahin keine Anzeichen einer nationalistischen Gesinnung aufgewiesen hatte, im Frühjahr 1912 mit einer Kompilation der japanischen Kaiserbiographie betraut wurde, erwachte er eigener Aussage nach während seiner Analyse des //Kojiki// 古事記 (712) und //Nihon shoki// 日本書紀 (720) in seiner Identität als Japaner. Der Tod des Meiji tennō | + | Als Ôkawa, welcher bis dahin keine Anzeichen einer nationalistischen Gesinnung aufgewiesen hatte, im Frühjahr 1912 mit einer Kompilation der japanischen Kaiserbiographie betraut wurde, erwachte er eigener Aussage nach während seiner Analyse des //Kojiki// 古事記 (712) und //Nihon shoki// 日本書紀 (720) in seiner Identität als Japaner. Der Tod des Meiji Tenne 明治天皇 (1852-1912) und der darauffolgende Selbstmord von General Nogi Maresuke 乃木希典 (1849-1912) bestärkten seinen neuentdeckten Nationalismus, |
==== Ideologie und Aktivitäten ==== | ==== Ideologie und Aktivitäten ==== | ||
Ein vereintes und befreites Asien unter japanischer Führung setzte für Ôkawa zunächst ein starkes Japanisches Kaiserreich voraus. Ôkawa formte im Sommer 1919 den Zirkel Yûzonsha 猶存社 (Fortbestehende Vereinigung) mit Kita Ikki 北一輝 (1883-1937) und sprach sich unter anderem für die Abschaffung des Parlamentarismus im Rahmen einer sogenannten zweiten Restauration aus. Nachdem die erste Restauration (d.h. die Meiji-Restauration im Jahr 1868) die Unterdrückung durch die Kriegerklasse beendet habe, müsse eine zweite Restauration den Aufstieg des Volks und den Sturz der Cliquen (//kômin tôbatsu// 公民討伐) herbeiführen. So sollten Volk und Kaiser zusammengeschweißt und das in der Meiji-Zeit formell erklärte Ideal eines Staatsgründungsgeistes konkret realisiert werden, um dem Westen schließlich gestärkt entgegenzutreten. Der Parlamentarismus war für Ôkawa Ausdruck einer seit 1905 aufgekommenen geistigen Stagnation, welche eigennützigen Eliten ohne Staatsziele den Weg geebnet hatte. Im Dezember 1931 gründete Ôkawa die Jinmu Gesellschaft (Jinmukai 神武会), um junge und vor allem einflussreiche Bürger für sein Vorhaben zu gewinnen. Die Bewegung schaffte es nicht, die Parlamentswahlen im Februar 1932 zu beeinflussen und der Putschversuch des Militärs im März 1931, der sogenannte " | Ein vereintes und befreites Asien unter japanischer Führung setzte für Ôkawa zunächst ein starkes Japanisches Kaiserreich voraus. Ôkawa formte im Sommer 1919 den Zirkel Yûzonsha 猶存社 (Fortbestehende Vereinigung) mit Kita Ikki 北一輝 (1883-1937) und sprach sich unter anderem für die Abschaffung des Parlamentarismus im Rahmen einer sogenannten zweiten Restauration aus. Nachdem die erste Restauration (d.h. die Meiji-Restauration im Jahr 1868) die Unterdrückung durch die Kriegerklasse beendet habe, müsse eine zweite Restauration den Aufstieg des Volks und den Sturz der Cliquen (//kômin tôbatsu// 公民討伐) herbeiführen. So sollten Volk und Kaiser zusammengeschweißt und das in der Meiji-Zeit formell erklärte Ideal eines Staatsgründungsgeistes konkret realisiert werden, um dem Westen schließlich gestärkt entgegenzutreten. Der Parlamentarismus war für Ôkawa Ausdruck einer seit 1905 aufgekommenen geistigen Stagnation, welche eigennützigen Eliten ohne Staatsziele den Weg geebnet hatte. Im Dezember 1931 gründete Ôkawa die Jinmu Gesellschaft (Jinmukai 神武会), um junge und vor allem einflussreiche Bürger für sein Vorhaben zu gewinnen. Die Bewegung schaffte es nicht, die Parlamentswahlen im Februar 1932 zu beeinflussen und der Putschversuch des Militärs im März 1931, der sogenannte " | ||
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Das übergeordnete Ziel von Ôkawa war aber vor allem die Befreiung und Vereinigung Asiens. Als ein Verfechter der Panasien-Bewegung war er der Ansicht, dass "Asien eins ist“ – ein Leitspruch, der von Okakura Kakuzô geprägt wurde, dessen wichtigen intellektuellen Einfluss Ôkawa häufig betonte. Alle Panasiatiker mussten sich mit der offensichtlichen sprachlichen, | Das übergeordnete Ziel von Ôkawa war aber vor allem die Befreiung und Vereinigung Asiens. Als ein Verfechter der Panasien-Bewegung war er der Ansicht, dass "Asien eins ist“ – ein Leitspruch, der von Okakura Kakuzô geprägt wurde, dessen wichtigen intellektuellen Einfluss Ôkawa häufig betonte. Alle Panasiatiker mussten sich mit der offensichtlichen sprachlichen, | ||
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- | Auch wenn Ôkawa sich für die Befreiung Asiens von der westlichen Hegemonie einsetzte und den Westen gegenüber Asien als unterlegen betrachtete, | + | Auch wenn Ôkawa sich für die Befreiung Asiens von der westlichen Hegemonie einsetzte und den Westen gegenüber Asien als unterlegen betrachtete, |
==== Kontinuitäten und Veränderungen === | ==== Kontinuitäten und Veränderungen === | ||
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==== Forschung und Rezeption === | ==== Forschung und Rezeption === | ||
- | Ôkawa Shûmeis Lebensgeschichte | + | Ôkawa Shûmeis Lebensgeschichte |
- | Ôkawa wurde in der Geschichtswissenschaft lange außer Acht gelassen, was vermutlich auf seinen Ruf als Panasiatiker und Radikaler zurückzuführen ist. Die Vernachlässigung Ôkawas ist insofern merkwürdig, | + | Die Kriegszeit bleibt im kollektiven Gedächtnis Japans häufig eine seltsame Leerstelle. Auch bei Ôkawa ist zu beobachten, dass er in der Nachkriegszeit nicht etwa an seine Tätigkeiten während des Krieges, sondern an seine Forderungen der Vorkriegszeit anschließt: |
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+ | Ôkawa wurde in der Geschichtswissenschaft lange außer Acht gelassen, was vermutlich auf seinen Ruf als Panasiatiker und Radikaler zurückzuführen ist. Die Vernachlässigung Ôkawas ist insofern merkwürdig, | ||
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+ | Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Biographie von Ôkawa Shûmei zeigt, wie sich bis heute nationalistische Ideen in Japan über die Zeit retten konnten und auch der verlorene Krieg mit den verheerenden Folgen | ||
====Literatur ==== | ====Literatur ==== | ||
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* AYDIN, Cemil: „Japan' | * AYDIN, Cemil: „Japan' | ||
* ESENBEL, Selcuk: „Japan’s Global Claim to Asia and the World of Islam: Transnational Nationalism and World Power, 1900–1945”. In: //The American Historical Review//, Bd. 109, Nr. 4 (2004), S. 1159–1162. | * ESENBEL, Selcuk: „Japan’s Global Claim to Asia and the World of Islam: Transnational Nationalism and World Power, 1900–1945”. In: //The American Historical Review//, Bd. 109, Nr. 4 (2004), S. 1159–1162. | ||
- | * HOTTA, Eri: // | + | * HOTTA, Eri: // |
* JAFFE, Eric: //A Curious Madness. An American Combat Psychiatrist, | * JAFFE, Eric: //A Curious Madness. An American Combat Psychiatrist, | ||
* KRÄMER, Hans Martin: „Pan-Asianism’s Religious Undercurrents: | * KRÄMER, Hans Martin: „Pan-Asianism’s Religious Undercurrents: | ||
* NEUMANN, Florian: „Ôkawa Shûmei und der Weg zur ‚Shôwa-Erneuerung‘“. In: //OAG Notizen//, Nr. 2 (2015a), S. 11-39. | * NEUMANN, Florian: „Ôkawa Shûmei und der Weg zur ‚Shôwa-Erneuerung‘“. In: //OAG Notizen//, Nr. 2 (2015a), S. 11-39. | ||
* NEUMANN, Florian: „Ôkawa Shûmei und Japans Krieg in Ostasien‘“. In: //OAG Notizen//, Nr. 11 (2015b), S. 11-39. | * NEUMANN, Florian: „Ôkawa Shûmei und Japans Krieg in Ostasien‘“. In: //OAG Notizen//, Nr. 11 (2015b), S. 11-39. | ||
- | * Ôkawa Shûmei kenshôkai | + | * ÔKAWA SHÛMEI KENSHÔKAI |
* ÔTSUKA, Takehiro 大塚健洋: | * ÔTSUKA, Takehiro 大塚健洋: | ||
* SAALER, Sven, KOSCHMANN, J. Victor (Hrsg.): // | * SAALER, Sven, KOSCHMANN, J. Victor (Hrsg.): // | ||
* SAALER, Sven, SZPILMAN, Christopher W. (Hrsg.): // | * SAALER, Sven, SZPILMAN, Christopher W. (Hrsg.): // | ||
- | * SAALER, Sven, SZPILMAN, Christopher W. (Hrsg.): | + | * SAALER, Sven, SZPILMAN, Christopher W. (Hrsg.): //Pan-Asianism. A Documentary History, Volume 2: 1920-Present// |
- | * SZPILMAN, Christopher W.: „The Dream of One Asia: Ôkawa Shûmei and Japanese Pan-Asianism”. In: FUESS, Harald (Hrsg.): //The Japanese Empire in East Asia and Its Postwar Legacy//. München: Iudicium, 1998, S. 49-63. | + | * SZPILMAN, Christopher W.: „The Dream of One Asia: Ôkawa Shûmei and Japanese Pan-Asianism”. In: FUESS, Harald (Hrsg.): //The Japanese Empire in East Asia and Its Postwar Legacy//. München: Iudicium 1998, S. 49-63. |
* TAKEUCHI, Yoshimi: „Profile of Asian Minded Man x: Ôkawa Shûmei”, abrufbar unter: https:// | * TAKEUCHI, Yoshimi: „Profile of Asian Minded Man x: Ôkawa Shûmei”, abrufbar unter: https:// | ||
* USUKI, Akira: „A Japanese Asianist’s View of Islam—A Case Study of Ôkawa Shûmei" | * USUKI, Akira: „A Japanese Asianist’s View of Islam—A Case Study of Ôkawa Shûmei" |
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