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Die wichtigste Änderung der Abe-Regierung im Bezug auf die japanische Sicherheitspolitik war die Neuinterpretation des Artikels 9 der Verfassung, welcher Japan als pazifistische Nation definiert. Mithilfe dieser Neuinterpretation wurde die Rolle der Verteidigungskräfte erweitert, sodass sich ihre Aktivitäten nicht mehr bloß auf reine territoriale Verteidigung beschränkten, | Die wichtigste Änderung der Abe-Regierung im Bezug auf die japanische Sicherheitspolitik war die Neuinterpretation des Artikels 9 der Verfassung, welcher Japan als pazifistische Nation definiert. Mithilfe dieser Neuinterpretation wurde die Rolle der Verteidigungskräfte erweitert, sodass sich ihre Aktivitäten nicht mehr bloß auf reine territoriale Verteidigung beschränkten, | ||
- | Nach der kurzen Amtszeit von Suga Yoshihide 菅義偉, der nach Abes überraschendem Rücktritt im September 2020 das Amt des Premierministers übernahm, und dem Amtsantritt Kishida Fumio 岸田文雄, | + | Nach der kurzen Amtszeit von Suga Yoshihide 菅義偉, der nach Abes überraschendem Rücktritt im September 2020 das Amt des Premierministers übernahm, und dem Amtsantritt |
Im Licht dieses politischen Wandels und der Gefahr einer Revision des Artikel 9 rückt die Relevanz der lückenhaften Aufarbeitung der Kriegszeit in Japan erneut in den Vordergrund. | Im Licht dieses politischen Wandels und der Gefahr einer Revision des Artikel 9 rückt die Relevanz der lückenhaften Aufarbeitung der Kriegszeit in Japan erneut in den Vordergrund. | ||
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>> "Unser Land hat verloren. Unser Volk hat während des langen Krieges schrecklich gelitten. Die Armee hat unser Volk unterdrückt, | >> "Unser Land hat verloren. Unser Volk hat während des langen Krieges schrecklich gelitten. Die Armee hat unser Volk unterdrückt, | ||
- | In diesen knappen Worten wird die Kriegszeit in Japan im Schulbuch //Kuni no ayumi// くにのあゆみ von 1946 beschrieben. Unklar bleibt, ob das Unglück die Niederlage, das Leid oder der Krieg als solches war. Diese Mehrdeutigkeit ist bezeichnend für die historische Eingrenzung des von Japan ausgehenden Krieges in den 1930er und 1940er Jahren. Auch die Benennung des Krieges ist nicht eindeutig, denn sie ist abhängig von der Chronologie und politischen Perspektive. Spricht man vom **15-jährigen Krieg** (Jûgo' | + | In diesen knappen Worten wird die Kriegszeit in Japan im Schulbuch //Kuni no ayumi// くにのあゆみ von 1946 beschrieben. Unklar bleibt, ob das Unglück die Niederlage, das Leid oder der Krieg als solches war. Diese Mehrdeutigkeit ist bezeichnend für die historische Eingrenzung des von Japan ausgehenden Krieges in den 1930er und 1940er Jahren. Auch die Benennung des Krieges ist nicht eindeutig, denn sie ist abhängig von der Chronologie und politischen Perspektive. Spricht man vom **15-jährigen Krieg** (Jûgo' |
Einigkeit besteht jedoch beim Ende des Krieges: die Radioansprache von Kaiser Hirohito am 15. August 1945. Dieser Zeitpunkt ist in das kulturelle Gedächtnis Japans eingeschrieben. | Einigkeit besteht jedoch beim Ende des Krieges: die Radioansprache von Kaiser Hirohito am 15. August 1945. Dieser Zeitpunkt ist in das kulturelle Gedächtnis Japans eingeschrieben. | ||
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>> "The end of war was also a beginning. Noon, August 15, 1945 - the time of the surrender broadcast was inscribed in Japanese memory as the fictive moment when the past ended and the present began." | >> "The end of war was also a beginning. Noon, August 15, 1945 - the time of the surrender broadcast was inscribed in Japanese memory as the fictive moment when the past ended and the present began." | ||
- | Hiermit beginnt die Nachkriegszeit, | + | Hiermit beginnt die Nachkriegszeit, |
>> "einer Nachkriegszeit, | >> "einer Nachkriegszeit, | ||
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==== Umgang mit der Kriegsvergangenheit ==== | ==== Umgang mit der Kriegsvergangenheit ==== | ||
- | Nach der Rede von Kaiser Hirohito im Radio und der Verkündigung der Kapitulation Japans beginnt nicht nur die Nachkriegszeit. Sowohl die Politik als auch die Gesellschaft müssen sich mit dem Krieg als nationale Vergangenheit auseinandersetzen. Während in Deutschland erste offensichtliche Täter anhand ihres Parteibuchs identifiziert werden konnten, gestaltete sich die unmittelbare juristische Aufarbeitung in Japan schwieriger. Alleine der Umgang mit Kaiser Hirohito und seine zukünftige Rolle in einem demokratischen Japan musste | + | Nach der Rede von Kaiser Hirohito im Radio und der Verkündigung der Kapitulation Japans beginnt nicht nur die Nachkriegszeit. Sowohl die Politik als auch die Gesellschaft müssen sich mit dem Krieg als nationale Vergangenheit auseinandersetzen. Während in Deutschland erste offensichtliche Täter anhand ihres Parteibuchs identifiziert werden konnten, gestaltete sich die unmittelbare juristische Aufarbeitung in Japan schwieriger. Alleine der Umgang mit Kaiser Hirohito und seine zukünftige Rolle in einem demokratischen Japan mussten |
- | Unter der Leitung des Oberbefehlshabers der alliierten Streitkräfte General Douglas MacArthur (1880-1964) begann die Besatzungsmacht die politischen und militärischen Hauptverantwortlichen für den Pazifischen Krieg auszumachen und zur Verantwortung zu ziehen. Im April 1946 erhob der Internationale Militärgerichtshof für den Fernen Osten (Kyokutô kokusai gunji saiban | + | Unter der Leitung des Oberbefehlshabers der alliierten Streitkräfte General Douglas MacArthur (1880-1964) begann die Besatzungsmacht, die politischen und militärischen Hauptverantwortlichen für den Pazifischen Krieg auszumachen und zur Verantwortung zu ziehen. Im April 1946 erhob der Internationale Militärgerichtshof für den Fernen Osten (Kyokutô kokusai gunji saiban |
Für die japanische Bevölkerung bedeutete das Kriegsende vor allem Mangel und Not, so dass sich - besonders als das Ausmaß der Zerstörung nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki bekannt wurde - ein Bewusstsein als Opfer des Krieges (//higaisha ishiki// 被害者意識) durchsetzen konnte. Individuelle Verantwortung oder Schuld wurde nicht thematisiert, | Für die japanische Bevölkerung bedeutete das Kriegsende vor allem Mangel und Not, so dass sich - besonders als das Ausmaß der Zerstörung nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki bekannt wurde - ein Bewusstsein als Opfer des Krieges (//higaisha ishiki// 被害者意識) durchsetzen konnte. Individuelle Verantwortung oder Schuld wurde nicht thematisiert, | ||
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Das Zitat wirft die Frage auf, welcher Zweck die mediale Repräsentation einer Lebensgeschichte in Form einer Biographie rechtfertigt und leitet damit weiter zur kritischen Auseinandersetzung mit der Rechtfertigung des biographischen Schreibens an sich. | Das Zitat wirft die Frage auf, welcher Zweck die mediale Repräsentation einer Lebensgeschichte in Form einer Biographie rechtfertigt und leitet damit weiter zur kritischen Auseinandersetzung mit der Rechtfertigung des biographischen Schreibens an sich. | ||
- | Die Rechtfertigung des biographischen Objekts wird immer über die didaktische Funktion der Biographie und ihrem Erkenntniswert bestimmt. Das wiederum evoziert den Anspruch, dass Biographien unabhängig von ihrem Nachahmungswert überdurchschnittliche, | + | Die Rechtfertigung des biographischen Objekts wird immer über die didaktische Funktion der Biographie und ihrem Erkenntniswert bestimmt. Das wiederum evoziert den Anspruch, dass Biographien unabhängig von ihrem Nachahmungswert überdurchschnittliche, |
- | Die Legitimation der Biographisierung hat im Laufe der Zeit gemeinsam mit den ihr zugrunde liegenden Mechanismen ebenfalls einen Wandel erfahren. Diese Legitimationsmechanismen greifen zwar im vielfältigen medialen Spektrum des biographischen Erzählens unterschiedlich ein, lassen sich jedoch insgesamt in vier verschiedene Mechanismen einteilen: | + | Die Legitimation der Biographisierung hat im Laufe der Zeit gemeinsam mit den ihr zugrunde liegenden Mechanismen ebenfalls einen Wandel erfahren. Diese Legitimationsmechanismen greifen zwar im vielfältigen medialen Spektrum des biographischen Erzählens unterschiedlich ein, lassen sich jedoch |
* **Kontextuelle Mechanismen** beziehen die Legitimation aus den vielfältigen und wandelbaren Kontexten, in denen Biographien entstehen. Eine zustimmende oder ablehnende Einstellung gegenüber herrschenden Wertesystemen, | * **Kontextuelle Mechanismen** beziehen die Legitimation aus den vielfältigen und wandelbaren Kontexten, in denen Biographien entstehen. Eine zustimmende oder ablehnende Einstellung gegenüber herrschenden Wertesystemen, | ||
* **Personenbezogene Mechanismen** legitimieren über die Person des Autors, des biographischen Objekts oder der Zeugen und Rezipienten. So können etwa die Gruppenzugehörigkeit und Reputation des Biographen, die Prominenz des Biographisierten oder auch die Anschlussfähigkeit der Leserschaft als Mittel zur Legitimation genutzt werden. | * **Personenbezogene Mechanismen** legitimieren über die Person des Autors, des biographischen Objekts oder der Zeugen und Rezipienten. So können etwa die Gruppenzugehörigkeit und Reputation des Biographen, die Prominenz des Biographisierten oder auch die Anschlussfähigkeit der Leserschaft als Mittel zur Legitimation genutzt werden. | ||
* **Textuelle Legitimationsmechanismen** zielen auf die Anerkennung des biographischen Texts als zuverlässige und überzeugende biographische Darstellung. Diese Mechanismen reichen von textspezifischen Traditionen, | * **Textuelle Legitimationsmechanismen** zielen auf die Anerkennung des biographischen Texts als zuverlässige und überzeugende biographische Darstellung. Diese Mechanismen reichen von textspezifischen Traditionen, | ||
- | * **Quellenbezogene Mechanismen** leiten die Legitimation der Biographie von der unterschiedlich weit reichenden Quellenrecherche und -grundlage ab, auf der jede biographische Erzählung stützt. Bestimmte Quellentypen wie etwa Foto- und Videomaterial oder neu entdeckte Quellen können eine legitimierende Funktion für Biographien erfüllen. | + | * **Quellenbezogene Mechanismen** leiten die Legitimation der Biographie von der unterschiedlich weit reichenden Quellenrecherche und -grundlage ab, auf der jede biographische Erzählung stützt. Bestimmte Quellentypen wie etwa Foto- und Videomaterial oder neu entdeckte Quellen können eine legitimierende Funktion für Biographien erfüllen. |
Sowohl der Rechtfertigung des biographischen Objekts als auch den Legitimationsmechanismen des biographischen Schreibens geht immer ein Wahrheitsanspruch voraus. Die Frage, ob und inwiefern Biographien diesen Anspruch erfüllen, lässt sich nicht unabhängig vom Rollenverständnis des Biographen, von der Erwartungshaltung des Publikums und schließlich auch vom gewählten biographischen Genre beantworten. | Sowohl der Rechtfertigung des biographischen Objekts als auch den Legitimationsmechanismen des biographischen Schreibens geht immer ein Wahrheitsanspruch voraus. Die Frage, ob und inwiefern Biographien diesen Anspruch erfüllen, lässt sich nicht unabhängig vom Rollenverständnis des Biographen, von der Erwartungshaltung des Publikums und schließlich auch vom gewählten biographischen Genre beantworten. | ||
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>> "Die biographische Wahrheit lässt sich nicht auf einen Begriff bringen, sie ist ein relationales Gebilde, sie entsteht zwischen der biographischen Erzählung, ihren Objekten und den Lesern jeweils neu." (FETZ 2009, S. 55) | >> "Die biographische Wahrheit lässt sich nicht auf einen Begriff bringen, sie ist ein relationales Gebilde, sie entsteht zwischen der biographischen Erzählung, ihren Objekten und den Lesern jeweils neu." (FETZ 2009, S. 55) | ||
- | Das bestätigt für Biographien, | + | Das bestätigt für Biographien, |
>> "Über andere schreiben bedeutet immer auch, über sich selbst zu schreiben, denn die Rekonstruktion des Lebens anderer wird (bewusst oder unbewusst) geleitet von den eigenen Erfahrungen und Lebenserinnerungen." | >> "Über andere schreiben bedeutet immer auch, über sich selbst zu schreiben, denn die Rekonstruktion des Lebens anderer wird (bewusst oder unbewusst) geleitet von den eigenen Erfahrungen und Lebenserinnerungen." | ||
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Die Beiträge zu den einzelnen Personen gliedern sich in vergleichbare Abschnitte, um eventuelle Gemeinsamkeiten und grundlegende Unterschiede feststellen zu können: Herkunft, Familie, Ausbildung sowie Leben in verschiedenen Epochen. Ein kurzer Überblick über den Forschungsstand zur Person soll aufzeigen, welche Lücken und Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion der Biographie bestehen. Dies kann zu einer Begründung für die bisherige Vernachlässigung der Person im Kanonisierungsprozess führen. Eine ausführliche Literaturliste stellt schließlich nicht nur die verwendete Literatur dar, sondern führt auch weiterführende Quellen auf. | Die Beiträge zu den einzelnen Personen gliedern sich in vergleichbare Abschnitte, um eventuelle Gemeinsamkeiten und grundlegende Unterschiede feststellen zu können: Herkunft, Familie, Ausbildung sowie Leben in verschiedenen Epochen. Ein kurzer Überblick über den Forschungsstand zur Person soll aufzeigen, welche Lücken und Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion der Biographie bestehen. Dies kann zu einer Begründung für die bisherige Vernachlässigung der Person im Kanonisierungsprozess führen. Eine ausführliche Literaturliste stellt schließlich nicht nur die verwendete Literatur dar, sondern führt auch weiterführende Quellen auf. | ||
- | Die Beiträge sind das Ergebnis des Seminars "Von Aggressoren, | + | Die Beiträge sind das Ergebnis des Seminars "Von Aggressoren, |
In zukünftigen Seminaren sollen weitere biographische Darstellung hinzugefügt werden. | In zukünftigen Seminaren sollen weitere biographische Darstellung hinzugefügt werden. | ||
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* SCHWEIGER, Hannes: „‚Biographiewürdigkeit‘“. In: KLEIN, Christian (Hrsg.): //Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, | * SCHWEIGER, Hannes: „‚Biographiewürdigkeit‘“. In: KLEIN, Christian (Hrsg.): //Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, | ||
* SCHWENTKER, Wolfgang: "Was heißt in Japan ' | * SCHWENTKER, Wolfgang: "Was heißt in Japan ' | ||
- | * WINGFIELD-HAYES, | + | * WINGFIELD-HAYES, |
* YAMAMOTO, Mari: // | * YAMAMOTO, Mari: // | ||
* ZOLL, Daniel R.: „The Study of Life-Writing in Japan: A Partially Annotated Bibliography of Japanese Books and Articles on Biography and Autobiography, | * ZOLL, Daniel R.: „The Study of Life-Writing in Japan: A Partially Annotated Bibliography of Japanese Books and Articles on Biography and Autobiography, |
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