Ökonomisches Kapital

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
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Mehrwert des ökonomischen Kapitals nach Reich

Mehrwert des ökonomischen Kapitals

In Bourdieus Beschreibung der Kapitalformen fehlt eine nähere Bestimmung wie das ökonomische Kapital in seinen Mehrwerten genau gebildet wird. Aus diesem Grund wird seine Erweiterung des Kapitalbegriffes kritisch gesehen. Dies gilt insbesondere für zwei Richtungen. Zum einen wurde der erweiterte Kapitalbegriff als zu offen bezeichnet. Ihm wurde unterstellt, dass er den Dualismus von Lohnarbeit und Kapital verließ, weil er nicht lediglich für die Kapitalisten die Kapitalformen einführte. Zum anderen werden seine Ausführungen von Ökonomen kritisiert, weil Bourdieu den Kapitalbegriff zu sehr aus dem Ökonomischen entfernt und aufweicht. Einige Ökonomen sehen hier die Gefahr, dass ökonomische Gesetzmäßigkeiten zu sehr durch subjektive Faktoren angereichert werden. Dies erscheint als zu willkürlich, um ökonomisches Kapital in seinen geldwerten Formen tatsächlich nachzuweisen. Gleichwohl bietet die „Aufweichung“ auch Vorteile, die darin gesehen werden können, dass die subjektiven Faktoren in einem deutlichen Zusammenspiel mit den Kapitalformen stehen. Dennoch favorisieren wir mit Reich ein Modell, dass eindeutig von Mehrwertfunktionen ausgeht, um den Kapitalbegriff zu bestimmen. Deshalb soll nachfolgend auf die Konstruktionsbedingungen der Bildung von ökonomischen Kapitals näher eingegangen wer-den, um für dieses zu zeigen, wie Mehrwerte gegenwärtig entstehen. Dies lässt sich dann auch auf die anderen Kapitalformen übertragen. Grundsätzlich gibt Reich zu bedenken, dass Mehrwert auf unterschiedliche Arten erzeugt werden kann. Es ist deswegen erforderlich dies im Zusammenhang mit dem ökonomischen Kapital zu betrachten und es dann weiter auch für die Konstruktion des Mehrwerts in den unterschiedlichen anderen Kapitalformen zu nutzen.


Mehrwertproduktion durch Lohnarbeit

Die Produktion von Mehrwert und von Waren, wie Marx sie konstruiert hat, ist im ökonomischen Handeln von Menschen nachvollziehbar. Es ist erkennbar, dass die Differenz zwischen dem Lohn und dem Wert der Arbeitszeit, den ein abhängig Beschäftigter erzeugt, wesentlich zu einem höheren Wert der Ware als Mehrwert) beiträgt. Die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft wird in der Praxis als Kostenfaktor gesehen. Sie ergeben sich insbesondere aus den gesellschaftlich üblichen Lohnkosten. Kapitalisten wissen, dass sie die Lohnkosten möglichst niedrig halten müssen, um sowohl eine Wertherstellung als auch einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Vor allem die Arbeitskraft und die Nutzung im Vergleich zur Bezahlung gelten als gut kalkulierbarer Kostenfaktor für den Gewinn, wohingegen die weiteren Produktionskosten oft schwieriger in der Marktkonkurrenz zu kalkulieren sind. Kapitalisten sprechen nicht gerne darüber, wie ihre Gewinne entstehen. Sie betonen vor allem das Risiko auf unsicheren Märkten und den Einsatz ihres Privatvermögens, das auf dem Spiel steht. Dass die Lohnarbeit angeeignet und aus dieser Gewinne generiert werden, das bleibt sehr oft unausgesprochen.

Mithilfe des Marxschen Modells für den Mehrwert aus Lohnarbeit wird dieser als Differenz erklärt. Diese Differenz kann aber auch einfach aus den Handlungen abgeleitet werden. Um die wesentlichen Handlungselemente im Umgang mit dem ökonomischen Kapital zu erfassen, sind nach Reich mindestens vier Aspekte in der Analyse der Nutzung dieser Differenz nötig:

1. Es existiert ein allgemeiner Qualifikations- sowie Arbeitsmarkt. Arbeitskräfte werden gesellschaftlich mit unterschiedlichen Standards von Ausbildung für eine arbeitsteilige Produktion oder Dienstleistung vorgehalten.

2. Eine grundlegende Bedingung für gesellschaftliches Handeln ist die Lohnarbeit. Bei großer Arbeitsteilung müssen genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und diese müssen frei sein, unterschiedlichen Berufe zu ergreifen und Verträge auf dem Arbeitsmarkt einzugehen.

3. Die Arbeitszeit wird gegen Lohn getauscht. Gesetzliche Bedingungen schützen in der Regel solche Verhältnisse. Der Käufer der Arbeitskraft ist gleichzeitig der Besitzer des Produktes/der Dienstleistung, die hergestellt wird. Lohnarbeit basiert auf privaten Besitzverhältnissen.

4. Die Höhe des Lohns wird jeweils historisch-kulturell erkämpft. Die Höhe wird einerseits durch den gesellschaftlichen Mindeststandard der Arbeitenden zum Leben bestimmt. Auf der anderen Seite kann der Lohn nur soweit steigen, wie für die Kapitalisten ein Gewinn realisierbar bleibt. Kompliziert wird dies dadurch, dass Lohnarbeit auch außerhalb von Gewinnverhältnissen existiert. Die hier entstehenden Kosten spielen bei erreichbaren Gewinnen eine implizite Rolle.


Diese vier Aspekte spiegeln nicht die Rechnungsweisen der modernen Wirtschaft wider, aber gelten als handlungsbezogene Voraussetzungen von Kosten-Nutzen-Rechnungen in kapitalistische Strukturen. Bei der Erzielung von Mehrwertsind zwei Spannungsfelder mindestens zu beachten:


1. Die Lohnkosten von Arbeitskräftenund ihre Unterformen können kulturell sehr stark schwanken. Im Zuge der Globalisierung der Märkte steigen die Konkurrenzbedingungen zwischen den unterschiedlichen Arbeitsmärkten und der Wirtschaft (lokal und global). Dies bedingt Wanderungsbedingungen der Arbeit und des Kapitals. Eine kontinuierliche Verbesserung der Lebensverhältnissen kann kapitalistisch so auf Dauer nicht für alle Menschen gleich gewährleistet werden. Armut muss zudem in den Wohlstandsländern immer relativ zum restlichen Vermögen der Gesamtgesellschaft berechnet werden.


2. Der Kapitalist kann trotz aller Anstrengungen (z.B. Werbung und Marketing) die auf dem Markt tatsächlich erzielte Preise nicht vollständig kontrollieren oder steuern, wohingegen ihm dies bei der Werterzeugung seiner Produkte/Dienstleistungen leichter möglich ist. Der tatsächliche Preis von Produkten auf dem Markt wird zum einen durch die Konkurrenz, zum anderen durch einen ständigen Verteilungskampf unter Einfluss auch staatlicher Regulationen bestimmt.


Für Marx war seine Mehrwerttheorie eine gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit, für die er klare Regeln sowie Konstanten definierte. Diese zeigten sich in der Handlungsanalyse nach Reich als idealtypische Konstruktionen. Der Mehrwert setzt eine Differenz theoretisch an und ist in Handlungen erkennbar. Seine Wirkungsweise lässt sich in den Handlungen und Handlungsergebnissen empirisch zeigen. Aus Lohnarbeit produzierter Mehrwert kann jedoch nicht lediglich auf produktives Arbeiten in der kapitalistischen Produktion beschränkt bleiben, da auch unproduktiv wirkende Arbeit implizit Beiträge in einer indirekten Beeinflussung von Gewinnen leistet. Aus diesem Grund macht es keinen Sinn in der Handlungsanalyse produktive und unproduktive Arbeit strikt gegenüber zu stellen. Betrachtet man die Kosten-Nutzen-Rechnung vereinfacht, so heißt dies, dass in der kapitalistischen Struktur die Menschen zunächst in die eigene Qualifikation investieren, um sich als Arbeitskraft einen Gebrauchswert zu bilden. Andere besitzen bereits genügend ökonomisches Kapital, um mit Hilfe von Lohnarbeit Gewinn zu erzielen. Der Mehrwert aus Lohnarbeit ist vereinfacht gesprochen eine Differenz zwischen Kosten und Gewinnen.


Von der Mehrwertproduktion profitieren vor allem die Kapitalisten. Die Lohnarbeiter bekommen für ihre Arbeit eine Vergütung, um das Leben zu bestreiten, die Kapitalisten machen in der Regel Gewinne, welche zu ökonomischem Kapital akkumuliert werden. In der Gegenwart zeigt die Verteilung des ökonomischen Kapitals, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter ansteigt. Daraus folgt, dass die Kapitalisten auf Dauer mehr von dieser Differenz profitieren als alle anderen. Dies gilt in zweifacher Weise:


1. Lediglich das Kapital weniger Menschen wird immer größer. Nach dem „World Wealth Report“ von Merril Lynch aus dem Jahr 2009 besitzen 8,6 Millionen Privatpersonen insgesamt 32,8 Billionen US-Dollar, welches bis 2013 auf circa 48,5 Billionen steigen soll. Laut der jährlich erscheinenden Milliardärsliste des Forbs-Magazins lässt sich das Gesamtvermögen von 1.011 Milliardären im Jahr 2010 nicht einmal schätzen. Es wird davon ausgegangen, dass circa 10% der Reichen weltweit etwa 85% des weltweiten Gesamtvermögens besitzen.


2. Auch die Menschen, die die Leitung des ökonomischen Kapitals managen, bekommen ein überproportionales Gehalt im Vergleich zu allen anderen. Dadurch steigen sie in die Liga der Superreichen auf. Die Bezüge von leitenden Managern steigerte sich in den Jahren von 1985 bis 2010 vom circa 40-fachen des durchschnittlichen Lohns auf circa das 100- bis 1000-fache an.


Der hergestellte und gesammelte Reichtum wird im Kapitalismus stark verschleiert. Betrachtet man das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt, so wird dies besonders deutlich. Im Bruttoinlandsprodukt (BIP) werden alle Ausgaben erfasst, auch die für Gefängnisse, Militär, Immobilienblasen. Durch alle Produkte und Verkäufe kann die Gesellschaft reicher werden, ohne dass dies bei der breiten Bevölkerung ankommt. Das mediane Haushaltseinkommen lag im Jahr 2008 in den USA bedingt durch die Inflation circa 4% unter dem von 2000, obwohl das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt um etwa 10% angestiegen war. Immer weniger Menschen der Gesellschaft haben heute mehr und immer mehr Menschen in der Gesellschaft besitzen weniger. In Deutschland besitzt das obere Fünftel ein fast fünfmal so hohes Einkommen wie das unterste Fünftel. Nur bei den oberen 20 % lässt sich eine statistisch signifikante Steigerung des Einkommens verzeichnen. Nach einer Erhebung aus dem Jahre 2004 zählen 16% der Menschen in der EU zu den Armen. Die Rate der Armen steigt in Relation zum Reichtum immer weiter an, statt sich zu minimieren. Das Bruttoinlandsprodukt hingegen steigt weiter an und kann diese Relation nicht ausdrücken.


Um nicht illusionäre Statistiken zu betreiben, müssen die Entwicklungen im Kapitalismus anders dargestellt werden. Die Betrachtung des Bruttoinlandsproduktes als Standardmaß ist auch nach Joseph Stiglitz wenig aussagekräftig. Es wird dagegen ein Maß gebraucht, welches das Wohlfahrtsniveau, Kennzeichen der Nachhaltigkeit sowie die Situation von Gesundheit und Bildung misst. Diese Aspekte werden im „United Nations Development Programm“ aus dem Jahr 2009 mit einbezogen. Im Jahr 2009 lag Norwegen auf Platz 1 und Australien auf Platz 2. Deutschland hingegen lag auf Platz 22, obwohl die ökonomische Einschätzung stärker hätte ausfallen müssen. Die Faktoren der Lebensqualität werden durch andere Aspekte kritischer gemessen (Einbezug von Armut, Arbeitslosigkeit, Bildung).


Es wird deutlich, dass in die ökonomische Form objektive (eindeutig definierbare ökonomische Kosten) und erweiternde (indirekte oder implizit zu bestimmende) Kosten eingehen. Es gilt zu beachten, dass die Produktion von Mehrwert begleitet wird von Ko-Konstruktionen und hierdurch relativiert wird. Hier wirken vor allem drei Mehrwertarten, die in den folgenden drei Unterkapiteln dargestellt werden.


Mehrwert durch Angebot und Nachfrage

Der erzielbare Preis wird so stark durch die Differenz zwischen gewöhnlichen/vorhandenen und ungewöhnlichen/seltenen Produkten/Dienstleistung bestimmt, dass der Preis nicht immer direkt und schon gar nicht ausschließlich mit der Wertbildung durch die Arbeit in Verbindung stehen muss. Aus der Differenz heraus betrachtet ist nicht einmal sichergestellt, dass der Unternehmer seine Unkosten der Produktion einnehmen oder gar Gewinn erzielen kann. Wenn es beispielsweise einen Konkurrenten gibt, der die gleiche Ware günstiger anbietet und genügend davon besitzt, so kann der Unternehmer mit den teureren Produkten die eigene Ware nicht absetzen. Desto größer die Konkurrenz ist, umso größer ist der Preiskampf um das Produkt. Je weniger Konkurrenz besteht, desto höher können durch Monopolisierung Preis und Gewinne ausfallen.


Einige Ökonomen halten diesen Punkt für so stark, dass die die Mehrwerttheorien von Marx außer Acht lassen. Sie argumentieren ausschließlich marktbezogen und erklären den Gewinn gerne aus einer subjektiven Wertzuschreibung heraus: Was mir eine Ware Wert ist, das bezahle ich. Demnach kann eine seltene oder ungewöhnliche Ware als günstig, gut oder qualitativ hochwertig angepriesen werden, weil sie eben selten erscheint, und wenn eine Nachfrage besteht, dann kann sie entweder mit mehr Gewinn oder weniger Verlust verkauft werden. Je länger ein Produkt konkurrenzlos verkauft werden kann, desto höher können die Gewinne ausfallen.

Bliebe man bei dieser verallgemeinerten Sichtweise, so hätte dies allerdings zur Folge, dass jede Wertbildung willkürlich und ausschließlich marktbezogen erfolgen würde. Damit wäre negiert, dass Waren überhaupt erst durch Arbeit hergestellt werden müssen, bevor sie auf den Markt gelangen. Zwar gibt es einzigartige Produkte, die sich der Kosten-Nutzen-Rechnung entziehen, wie beispielsweise Edelhuren und andere subjektive Wertgeschöpfe, wie Marxisten gerne argumentieren, doch unterliegt die Masse der Produkte, bedingt durch den Konkurrenzdruck des Kapitals, zum einen einer hohen Vergleichbarkeit und zum anderen einer Kosten-Nutzen-Rechnung (Wert der Produktionsmittel, Lohnkosten und Gewinnspanne). Bei hohen Gewinnen fließt das Kapital in die Zone, wo Gewinne möglich sind, und verstärkt die Konkurrenzsituation, wenn keine Monopolsituation besteht. Wenn keine Gewinne erzeugt werden, dann würde kein Kapital zur Verfügung stehen, um die Kosten für die Produktion zu decken. Es existieren ohnehin zahlreiche Strategien, die Konkurrenz durch Monopolbildung, Etablierung von Machtstrukturen oder Patentbildung auszuschließen und den Mechanismus von Angebot und Nachfrage zu entgehen.


Der Produzent einer Ware ist der Eigentümer und kann diese veräußern. Mithilfe von Zwischenverkäufen lassen sich während der Zirkulation der Eigentumsrechte der Ware weitere Gewinne im Sinne der Gewinnaufteilung erzielen. Auch privates Eigentum, wie beispielsweise eine Eigentumswohnung, kann einen Mehrwert erzeugen, wenn sie auf dem Mietmarkt angeboten wird. Dabei erscheint der Mietzins als Prämie auf das Eigentum. Viele gegenwärtige Kapitalgeschäfte folgen diesem Muster. Vereinfacht lassen sich alle auf Eigentumsrechten basierenden und realisierten Kapitalgewinne mit unter die Gewinne aus Angebot und Nachfrage zusammenfassen. Deutlich sieht man dies auf dem Immobilienmarkt und bei der Gewährung von Krediten jeglicher Art. Es ist wichtig zu erkennen, dass Angebot und Nachfrage nicht nur bei dem Verkauf von Waren und Dienstleistungen von Bedeutung sind.


Vier Aspekte sind in der Handlungsanalyse der Nutzung der Differenz zwischen Angebot und Nachfrage wesentlich, wenn das ökonomische Handeln auf den Märkten betrachtet wird:


1. Auf dem Markt werden die Bedürfnisse erzeugt oder aufrechterhalten. Es herrschen eine Nachfrage zum Austausch von Waren und Dienstleistungen und klare Eigentumsrechte, die beispielsweise den Verkauf, Kreditierung, Vermietung oder Verzinsung begründen.

2. Es herrscht ein Angebot, dass von den Teilnehmern des Marktes gesichtet und beurteilt wird. Es existieren Wahlmöglichkeiten, gäbe es keine, würde eine Monopolstellung bestehen, die die Möglichkeit besitzt willkürlich den Preis zu bestimmen. Der Markt löst solche Monopole wenn möglich langfristig auf.


3. Das Tauschmittel, welches den Tausch möglichst einfach ermöglicht, steht den Käufern, Mietern, Kreditnehmern ausreichend zur Verfügung. Auch die breite Masse der Lohnarbeiter besitzen dieses Tauschmittel um konsumieren zu können.

4. Die Tauschgeschäfte werden im Rahmen der Konkurrenz verwirklicht und die Marktmechanismen eingehalten. Durch Außenregulierung kann der Mechanismus zwischen Angebot und Nachfrage sich selbst regulieren. Dies ist vor allem nötig, wenn der Markt versagt.


Moderne Ökonomen entwickelten viele Theorien über diese Aspekte, welche die genannten Punkte differenziert in ihrem Mit- und Gegeneinander erfassen. Der Austausch gestaltet sich prozesshaft und zirkulär, daraus folgt, dass das eigene Handeln im für den Kapitalismus notwendigen Feld von Angebot und Nachfrage jeweils die eigenen Ausgangsbedingungen verändert. Angebot und Nachfrage relativieren die beschriebene Mehrwertproduktion aus Lohnarbeit und können diese im Einzelfall außer Kraft setzen. Zusätzlich gilt, dass in den Mehrwerten aus dem Eigentum zwar auch Arbeitszeit eingegangen ist, jedoch wird der Mieterlös bei Wohnungen in der Regel zum einen durch die Lage und zum anderen auf Grund von Angebot und Nachfrage bestimmt. Nur vor diesem Hintergrund lassen sich Immobilienspekulationen erklären. Der Zeitpunkt des Verkaufs/ Vermietung/ Verzinsung ist für die Kapitalisten besonders bedeutend, denn hier rechnet er seine Kosten gegen die Gewinne und versucht möglichst Extraprofite zu erzielen.


Joseph A. Schumpeter fügte den bestehenden Theorien eine „Analyse der Innovationen als Motor des Wettbewerbs“ hinzu. Grundlage war die Beobachtung, dass Monopolisten den Markt in bestimmten Zeiträumen beherrschen und sehr günstig Produkte herstellen. Ein solcher Monopolist kann verdrängt werden, wenn durch Innovationen die Produktivität erhöht, Kosten gesenkt und neue Produkte erschaffen werden. Als wesentliche Triebkraft der Märkte gilt die Innovation im wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Die ständig neuen Produkte, die im Kapitalismus durch Innovationen erzeugt werden, bestätigen die Ansichten von Schumpeter.

Die Mehrwertproduktion aus der Lohnarbeit und durch Angebot und Nachfrage sind zudem stark mit dem staatlichen Sektor verknüpft. Sowohl die Entwicklungsphasen als auch die Krisen der kapitalistischen Entwicklung zeigen, dass das Verhältnis zwischen Markt und Staat immer bedeutsamer geworden ist. Der Staat soll idealtypisch das Gemeinwohl der Gesellschaft aufrechterhalten und begleitet die wirtschaftliche Entwicklung, um den Wohlstand der Gesellschaft zu stabilisieren. Dabei soll er verschiedenen Seiten gerecht werden:

• Der Staat muss eine hinreichende Infrastruktur für die kapitalistische Produktion erzeugen.

• Die Verwaltung und Steuerung des Gemeinwesens nach Innen und Außen muss durch den Staat organisiert werden.

• Er trägt die Sorge dafür, dass genügend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und nimmt den Kapitalisten dabei Kosten ab.

• Um soziale Konflikte und Aufstände zu verhindern und ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, muss der Staat ein Sozialsystem, welches Gesundheit, Alter und soziale Notsituationen umfasst, entwickeln.


Die Aufgaben des Staates, die im Interesse der Kapitalisten stehen, schlagen sich nicht direkt als Kosten für sie nieder. Auf der anderen Seite ist es den Arbeitskräften nicht möglich, alle Aufgaben alleine lösen zu können. Deswegen nimmt der Staat Steuern ein, die er sowohl an den zirkulierenden Waren festmacht (Mehrwertsteuer) als auch insbesondere auf Gewinne und Löhne erhebt. Die staatlichen Einnahmen, die in Sachkosten, Löhne, Verwaltung, Gesundheit, Erziehung etc. umverteilt werden, stehen unmittelbar mit der Gewinnverteilung im Kapitalismus in Verbindung. Je mehr Menschen vollbeschäftigt sind und desto mehr Gewinne erzielt werden, umso höher fallen auch die Einnahmen des Staates aus. Will der Staat die Gerechtigkeitslücke zwischen Arm und Reich nicht immer größer werden lassen, dann muss er für eine Umverteilung durch Steuern, d. h. insbesondere für eine höhere Besteuerung der Reichen, sorgen. Dazu hat Thomas Picketty eine Analyse vorgelegt, die die Arbeit von Reich sehr gut ergänzt. In Krisensituationen sind hohe Steuern kontraproduktiv, da sie die Nachfrage nach Produkten/ Dienstleistungen verringern. Dies gilt insbesondere dann, wenn die breite Masse der Lohnempfänger Kürzungen erfährt und vom Konsum abgeschnitten wird.


Mehrwert durch Illusionierungen, Täuschung, Betrug

Illusionierungen:

Illusionierungen scheinen bei keiner Ware oder Dienstleistung heute mehr zu fehlen. Es wird immer die beste Qualität versprochen, dazu werden werbepsychologische Tricks angewendet und Unsummen für Werbung ausgegeben. Die damit verbundenen Kosten zielen darauf ab, den Verkauf anzukurbeln. Auch die Arbeitskraft muss sich auf dem Arbeitsmarkt als ein illusionäres Gebilde verkaufen, neben optimaler Qualifikation muss sie zudem mobil, flexibel und disponibel erscheinen, um gegen die Konkurrenz zu bestehen.

Illusionen nutzen folgende Mechanismen zur Ankurbelung der Nachfrage und zur Erreichung eines Gewinnes:


  • Projektionen: projektiv werden Wünsche geweckt, suggestiv eingeführt, mit Reizbildern emotional verknüpft. Banale Waren werden dadurch positiv gestaltet.
  • Warenästhetik verleiht einen ästhetischen Kontext, um bestimmte Käufergruppen gezielt anzusprechen.
  • Statussymbole helfen teure und angeblich einmalige Waren oder Dienste zu veräußern.
  • Wenn der Firmenname gleichzeitig als Erkennungszeichen steht (z.B. Coca Cola), dann werden die Waren oder Dienste zu einem Identifizierungsobjekt.
  • Suggestion ist eine besondere Form der Illusionierung. Der Käufer glaubt, er benötigt eine Ware, die er im Grunde eigentlich nicht braucht. Desto mehr die Ware in der Öffentlichkeit gezeigt und genannt wird, desto mehr scheint sich niemand ihrem Nutzen entziehen zu können. Der Nutzen wurde erst durch Illusionierung erzeugt.
  • Wenn Waren oder Dienste in grossen Mengen veräussert werden, dann werden sie erfolgreich konsumiert. Ziel der Illusionierung ist es jedoch, dem Käufer die Einmaligkeit des Besitzes vorzutäuschen. Deshalb wird die individuelle Einmaligkeit des Warenbesitzes immer wieder illusionär beworben.
  • Im Kapitalismus ist Warenbesitz ein Ausdruck von Glück und Reichtum. In der Mentalität von Reichen werden Abgaben von ihrem Reichtum hingegen schnell als “Konflikt und Ungerechtigkeit und damit als Unglück” erlebt und illusionär beschrieben.


Täuschungen:

Täuschungen sind nach Reich eine gezielte Illusionierungsform. Im Gegensatz zu Illusionierungen gehen Täuschungen mit Mechanismen einher, die objektiv messbar mehr versprechen als sie halten können, z.B. eine grosse Packung mit vergleichbar kleinem Inhalt oder ein Sonderangebot wird vorgetäuscht, dass sich beim Lesen des Kleingedruckten als Schwindel herausstellt. Solche Täuschungen gehören mittlerweile im Kapitalismus zum guten Geschäft. Aus diesem Grund haben sich Verbraucherschutzvereinigungen gebildet. Der Käufer muss über bestimmte Kenntnisse verfügen, um gegen Täuschungen vorbereitet zu sein. Auch die Ware Arbeitskraft ist unter Druck, sie muss auch in der Konkurrenz, um ein sicheres Leben zu führen, häufig mehr Schein als Sein produzieren, z.B. durch geschönte Zeugnisse oder Berufsbiografien. Der Übergang von der Täuschung in den Betrug ist hier leider umfassend geworden.


Betrug:

“Das wissentliche Verletzen von Verträgen, Regeln, Gesetzen oder gutem Anstand bricht sich dort Bahn, bei dem es nicht durch starke Gegenkräfte reglementiert, begrenzt oder verhindert wird” (Reich 2013, 95). Wenn die Betrüger über ein hohes ökonomisches Kapital verfügen, dann ist der Reiz groß, dieses gewagte Geschäft zu betreiben. Ein Beispiel hierfür ist die Banken- und Finanzkrise der neueren Zeit. Hier wurden Immobilienkredite in der Annahme vergeben, dass die Preise ansteigen und die Kredite dadurch getilgt werden könnten. Nachdem die Blase dann geplatzt war, sind die Regierungen mit Steuergeldern eingesprungen, um den Betrug abzufangen. Der Betrüger profitierte doppelt: Er strich Extragewinne durch die riskanten Geschäfte ein und dann wurden seine eingetretenen Risiken auf die Geamtbevölkerung umverteilt.

Vier Aspekte sind in der Handlungsanalyse der Nutzung der Illusionen, der Täuschungen oder des Betruges wesentlich, um diese Handlungen wirksam werden zu lassen:

1. Es besteht ein Angebot nach erzeugten oder suggerierten, teilweise auch vorhandenen Wunschvorstellungen, welche illusioniert beworben werden.

2. Die Fiktionalisierung dieser Leistung wird plausibel für den allgemeinen Menschenverstand beschrieben und demonstriert, um glaubwürdig zu sein und tatsächlich Absatz zu finden.

3. Durch Verkauf, Austausch, Vertrag, Verpflichtung wird der Tausch vollzogen und damit als erfolgreich bewiesen.

4. Der Mehrwertgewinn wird entweder zusätzlich zu einem tatsächlich bestehenden Wert oder rein betrügerisch realisiert.


Immer wieder wurde von Ökonomen für den Kapitalismus die Frage gestellt, ob er auf Täuschung und Betrug aufbauen kann. Sie sind meistens zu dem Schluss gekommen, dass sich auf Dauer kein Wert oder Mehrwert bloß aus der Täuschung und dem Betrug ziehen lässt, allerdings sind diese Mechanismen für einen Extragewinn gut.


Parasitäre Gewinne

Parasitäre Gewinne wie z.B. Erbschaften, günstige Heiraten und andere Nutznießungen an fremden Leistungen, dir ein ökonomisches Kapital erhalten oder bilden helfen. Sie entstehen nicht aus Arbeit, Produktion und Handel. Der Gewinn entsteht in der Differenz zwischen fremder Leistung und eigener Nichtleistung, sie werden sehr oft im Übergang der Generationen oder aus purem Glück ausgezahlt. Bei Spekulationen wird es neben dem Gewinner immer auch Verlierer geben. Wenn Banken Geld verzocken, werden sie sich die Schulden über Steuergelder zurückholen. Reich weist daraufhin, dass die parasitäre Teilhabe hier nicht als moralische Kategorie verstanden wird, sondern “als ein Ausdruck, der allein auf die kapitalisierten Effekte der Realisierung oder Verhinderung von Mehrwertbildungen bezogen wird” (2013, 97). Unabhängig von Liebe ist eine Heirat immer auch eine Teilhabe an den Kapitalformen des anderen. Erbschaften werden von den Betroffenen als eine Selbstverständlichkeit angesehen. Durch Erbschaften werden Familien und Familientraditionen ökonomisch abgesichert und dies erscheint als natürliches Recht. Vererbungen fördern Ungleichheiten. Nach Jean Jacques Rousseau ist die Vergesselschaftung aller Erbschaften die einzige Chance, eine tatsächliche Gleichheit unter den Menschen herbeizuführen. In die genau andere Richtung weist die Dominaz des Privateigentums im Kapitalismus. Um zu verhindern, dass die Ausgangsbedingungen der Menschen sich nicht noch weiter auseinander entwickeln, muss es zu den Regulationsaufgaben des Staates gehören, zumindest eine gerechtere Besteuerung im Sinne einer Beschränkung wachsender Ungleichheit und einer Stärkung vergesellschafteter Teilhabe für alle einzuführen. Das vererbte Vermögen erscheint in ökonomischer und moralischer Hinsicht als parasitäre Teilhabe, die zumindest tendenziell reguliert werden sollte. Auch die meisten Heiraten finden in der gleichen ökonomischen Schicht statt und verstärken ebenso wie Erbschaften Besitzzustände.


Nach Karl Marx dient die Anhäufung von Kapital dazu, den Kapitalismus in Schwung zu halten. Werner Sombart versuchte am Beispiel des verschwenderischen Hofes in Frankreich vor der Revolution 1789 durch Luxusgüter, die damit verbundene ursprüngliche Akkumulation zu rekonstruieren. In verschiedenen Ländern war zu beobachten, dass größeres Geldvermögen nur einigen Menschen zuteil wurde, die dieses Vermögen als Ausgangskapital für ihre Investitionen nutzen konnten. Entscheidend war insgesamt der Sieg der bürgerlichen Moderne und Europas in seiner Phase der Expansion nach außen und damit der Export eigentumsbasierter Ökonomie in die Welt hinaus. Erbschaften dienen, volkswirtschaftlich betrachtet, einer Versteigung ungleicher ökonomischer Bedingungen und Ausgangsvoraussetzungen im großen Maßstab. Statistich gesehen ist es unwahrscheinlich vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen. Ein immer wiederkehrender Mythos des Kapitalismus besteht in der Behauptung, dass jeder alles erreichen könne, allerdings wird dies in den meisten Fällen durch die sozial-ökonomische Ausgangslage verhindert. Für die Benachteiligten ist dieser Mythos ein Fluch, denn er zeigt ihnen, dass es nur an ihnen liegt, dass sie ihr mögliches Glück nicht finden konnten. Bei Erbschaften zeigt sich dieser Mythos konkret. Einer kleinen Menge von Reichen bleibt die Verebung eines grossen ökonomischen Kapitals vorbehalten. In Deutschland besitzen 20% der Vermögenden 72% und die unteren 40% nur 1,2 % des Nettogesamtvermögens. Es ist zudem festzustellen, dass die Ersparnisse im Erbfall sehr vielen nur einen kurzen relativen Wohlstand bescheren können. Aus dem ersten Armutsbericht der Deutschen Bundesregierung aus dem Jahr 2001 geht hervor, dass bei den Millionären 92 % über Gewinneinkünfte verfügen, 88% haben Einkünfte aus Vermietung/Verpachtung und 82% aus Kapitalvermögen. Aus dem zweiten Armutsbericht aus dem Jahr 2005 geht hervor, dass das Vermögen zu drei Vierteln aus Immobilienvermögen besteht.

Als parasitäre Teilhabe könnten analog zu bisherigen Argumentation auch Unterstützungen von Arbeitslosen oder der Rente erscheinen. Das ist jedoch falsch. In der Regel wurzeln diese in Arbeitsabgaben an soziale Versicherungen, welche zuvor von den Arbeitskräften verausgabt wurden und sie gehören zu den normalen Reproduktionskosten. Eine parasitäre Teilhabe an den sozialen Systemen findet man z. B. in der Jugendarbeitslosigkeit. Soziale Leistungen werden ohne Gegenwert an Arbeit direkt nach dem Schulabschluss erbracht und dann oft verstetigt. Aber auch dies ist weniger eine parasitäre Teilhabe, sondern eine soziale Not, weil eine Teilhabe am Arbeitsleben verunmöglicht ist. Im Gegensatz zur Heirat, ist hier die soziale Lage und das zugewiesene Lernkapital verantwortlich, inwieweit solche Zustände abgebaut werden können. In diesen Fällen findet die parasitäre Teilhabe ohnehin meist innerhalb der Familie statt, die zur Mitzahlung verpflichtet wird. Dies kann zu negativen Kreisläufen führen. Der Staat zieht sich oft aus seinen verpflichtenden Vorkehrungen, die solche Kreisläufe vermeiden sollen, zurück.

Insgesamt ist deutlich geworden, dass die parasitäre Teilhabe keinesfalls eine moralische Diskriminierung meint, sondern einen sozialen Zustand der Nutznießung beschreibt.


Gesellschaftliche Nutzung des ökonomischen Kapitals

Die Daten zu den sozialen und ökonomischen Verhältnissen als auch die Krisenerscheinungen widerlegen, dass der Erfolg der Märkte durchgehend zu Wohlstand und zu einem gesellschaftlichen Nutzen für alle Menschen führt. In diesem Kapitel geht Kersten Reich auf Grundphänomene der Kapitalisierung gesellschaftlicher Lebenschancen ein. Hier ist es wichtig, inwieweit der Staat dazu beitragen kann, dass die Chancengerechtigkeit bei einer immer grösser werdenden Kluft zwischen Arm und Reich nicht noch weiter verschlechtert wird.

Krisenerscheinungen

Nach der Theorie der Wirtschaftswissenschaften hätte sich die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre eigentlich nicht ereignen dürfen. Der Grund für die Weltwirtschaftskrise und das Versagen des Marktes war eine Spekulationsblase. Merkmale der Krise waren Kettengeschäfte, Bilanzfälschungen, Betrügereien. Der Börsencrash führte dazu, dass die Börsenkurse stark einbrachen und viele Anleger nach Börsenschluss hochverschuldet waren. Daraus ergaben sich viele Fragen. Wie und wann soll der Staat in die kapitalistischen Märkte eingreifen? Wie kann die Arbeitslosigkeit bekämpft werden? Wie können Sparer vor dem Verlust ihres Vermögens und ihrer Altersvorsorge geschützt werden?

John Maynard Keynes gab den Rat, der Staat sollte sich noch weiter verschulden und die Ausgaben noch weiter erhöhen, um die Konjunktur wieder anzuregen.

Franklin D. Roosevelt versuchte mit dem New Deal (eine Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen 1933-1938) die Massenarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Der Begriff New Deal ist bis heute geblieben und bedeutet umgangssprachlich so viel wie eine Neuverteilung der Karten. Am Wohlstand sollte auch die große Masse der Bevölkerung teilhaben.

In der nach Keynes geprägten Nachkriegs-Ära sollten die Märkte durch makroökonomische Eingriffe reguliert funktionieren, um sicher zu stellen, dass die von den Unternehmen produzierten Erzeugnisse im Markt auch ihre Nachfrage finden würden. Ziel war es, die Konjunktur wiederzubeleben, um Vollbeschäftigung zu erreichen, was wiederum zum Antrieb des Massenkonsums führen sollte.

In den 1970er Jahren geriet diese Sichtweise in ihre eigene Krise. Durch eine massive Erhöhung der Güterpreise auf Grund der Ölkrise erschienen die staatlichen Steuerungsinstrumente als zu gering oder unwirksam. Der wirtschaftlich-technische Fortschritt führte zu einem globalen Konkurrenzkampf. Es schien, als würden sich die Märkte allein regulieren. Zeitgleich wurde von US-Präsident Richard Nixon die Vereinbarung von Bretton-Woods und damit die nach dem 2. Weltkrieg geschaffene Währungsordnung mit Wechselkursbandbreiten an das Gold aufgegeben. US-Präsident Richard Nixon stoppte am 15. August 1971 die nominale Goldbindung des Dollar. Dies war der Beginn einer neuen Geldpolitik. Es führte zu einer unglaublich hohen Staatsverschuldung. Dies bedeutete eine Wende hin zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Der Markt hatte nun die absolute Priorität und die Wirtschaft nutzte dies aus, um Druck auf die Politik auszuüben und um ihre Anliegen möglichst profitabel durchzusetzen.

Es gibt vor diesem Hintergrund zwei Konstanten der Kapitalentwicklung:

1. Eine kleine Anzahl von wirklich Besitzenden sind die wichtigsten Investoren. Sie erhöhen stetig den Umfang ihres Reichtums und setzen diesen zur Gewinnmaximierung ein. Dies erhöht auf drastische Weise die Kluft zwischen den besitzlosen bzw. wenig besitzenden Einkommensgruppen und den wirklich Reichen.

2. Das Kapital konzentriert sich zudem in globalen Konzernen, die starken politischen Einfluss ausüben.

Der Staat muss immer stärker in der kapitalistischen Entwicklung für Leistungen im Bereich der Erziehung, Verwaltung, des Rechts, der sozialen Sicherung usw. aufkommen, aus denen Firmen keinen Gewinn erzielen können, da diese Leistungen nicht am Profit orientiert sind. Die staatlichen Ausgaben, für die alle Steuerzahler/innen aufkommen, erhöhen sich ständig in diesen Feldern, weil das ökonomische Kapital nicht genügend dafür aufkommt.

Der Staat besitzt neben Steuern auch andere Einnahmequellen. Durch die Privatisierung dieser kann der Staat ggf. kurzfristig Kosten senken oder Einnahmen realisieren, aber langfristig auch gute Einnahmechancen wie z. B. durch den Verkauf der Bahnen verlieren. Der Staat kann zudem zunehmend Schulden aufnehmen, dies entspricht dem Wunsch des Marktes nach sicheren Renditen, allerdings kann dies in eine Schuldenspirale ohne absehbares Ende führen.

Die Politik und vor allem die Regierungen sind heute eng mit dem privaten Sektor verbunden. Sie gehen davon aus, dass es nicht möglich ist, ohne die Forderungen des privaten Sektors etwas zufriedenstellend erledigen zu können und somit werden auch sie abhängig vom Markt. Ziel der Politik und der Regierungen sollte es sein, das Gemeinwohl und die Demokratie zu sichern, ohne sich von engen ökonomischen Interessen beeinflussen zu lassen. Aber der Unternehmenssektor ist zugleich eine der wichtigsten Quellen für das Sponsoring auch der Politik geworden. Früher waren es zudem noch stärker Regierungen, die gemeinnützige Organisationen finanzierten. Heute sind es vor allem Unternehmen. Personen aus der Wirtschaft besetzen so einflussreiche Positionen, in denen sie entscheiden können, wer finanzielle Unterstützung zugesagt bekommt und welche Projekte gefördert werden. Für die Ausgleichsfunktion ökonomischer Ungleichheiten ist dies von problematischer Bedeutung.

2008 erschütterte eine Finanzmarktkrise die kapitalistische Welt. Charles P. Kindleberger geht davon aus, dass es in der Vergangenheit etwa alle 10 Jahre eine Finanzkrise gab. Es ist anzumerken, dass diese Finanzkrisen immer sehr unterschiedlich verlaufen sind. Einerseits sagen Franklin Allen und Douglas Gale (2009), dass die strenger regulierte Wirtschaft nach dem 2. Weltkrieg zu einer Reduzierung der Krisen beigetragen hat. Joseph Stiglitz (2010) sieht in der Deregulierung der Märkte eine Gefahr, die zu ökonomischen Krisen führt.

Nach Stiglitz gibt es einige charakteristische Kennzeichen der Krisen:

  • Durch leichtsinnige Kreditvergabe der Banken bildet sich eine Vermögensblase.
  • Ein deregulierter Markt, mit niedrigen Zinsen und einer Liquiditätsschwemme, eine globale Immobilienblase und sprunghaft ansteigende Volumen zweitklassiger Hypothekendarlehen, sind eine gefährliche Kombination.
  • Vermögensgegenstände welche erst durch die Blase als Vermögen entstehen
  • Das Versagen der Ratingagenturen.

Ziel der Kreditvergabe:

  • möglichst maximalen, kurzfristigen Gewinn. Die Verbriefung von Krediten mindert zwar Risiken, aber mangelnde und unvollständige Informationen führen zu noch viel größeren Risiken, die auf falschen Urteilen basieren.
  • Die Verbriefung von Krediten bedeutet weniger Kredite an mittelständische Unternehmen, aber Konzentration auf Hypothekendarlehen.
  • Milliardenschwere Wetten auf die Einlösung von Krediten, um Extraprofite zu erzielen.
  • Keine Vollbeschäftigung und Einschränkung des Konsums breiter Massen durch ökonomische Ungleichheit.
  • Banken können risikoreich handeln, weil sie immer vom Staat aufgefangen werden müssen. Bankrotte Firmen werden vom Staat gerettet, dieses Geld fehlt dann bei Innovationen.
  • Staatskredite werden von Banken zum Zocken verwendet (Zockerei verspricht hohe Gewinne).
  • Hilfe von Staat wirkt sich auf künftige Krisen aus, weil nun die Erwartungshaltung besteht, dass der Staat immer helfen wird.
  • Wenn durch die Hilfe des Staates die Schulden des Staates erhöht werden, zeichnet sich nach Steglitz im Hintergrund eine noch viel größere Krise ab: der mögliche Eintritt des Staatsbankrottes. Durch die Verschuldungen kann die Rückzahlung der Zinsen problematisch werden, von der Rückzahlung der Kredite ganz zu schweigen.

Nach Stiglitz werden die Führungskräfte von der Krise verschont, weil das Management von Aktiengesellschaften diese in der Regel in einer Weise führt, die seinen eigenen Interessen dienen. Zudem beruft es Personen in das Board of Directors, die seine Interessen vertreten. Dieses entscheidet über die Bezahlung des Managements und die Board-Mitglieder werden vom Unternehmen großzügig entlohnt. Alltagssprachlich bezeichnet man dies als “Eine Hand wäscht die andere”.

Das globale Krisenmanagement ist durch fünf Phänomene gekennzeichnet, die einen widersprüchlichen Rahmen bilden:

1. Anstieg der Arbeitslosigkeit bei steigender Produktivität, sofern keine neuen Arbeitsplätze durch Innovation geschaffen werden.

2. Krisenerscheinungen in der Wirtschaft, soziale Probleme in den Industrieländern durch neoliberale Deregulierung.

3. Zunahme der Staatsverschuldung durch Ausgaben für Verwaltung, Justiz, Bildung und Erziehung, sowie Ausgaben zur Sicherung der Banken und der Wirtschaft.

4. Erkennbare Umverteilung des Vermögens (von unten nach oben) und einer Steuerpolitik, die von den geringer Verdienenden relativ mehr nimmt, während Vermögende nur relativ gering besteuert werden.

5. “Ein wenig nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen und ökologischen Standards, um die kurzfristige Gewinne zu maximieren.” (Reich, 2013, 112)

Nur eine geringe Zahl an Kapitalbesitzern verfügen heute über eine sehr große Geldmenge. Die Verzinsung des Geldes führt zu einer Vermehrung des Geldes und wenn dieses Geld nicht ausgegeben wird, dann entstehen neue Verzinsungen. Dies ist ein grundlegendes Problem des Kapitalismus. Sind Gewinne nicht mehr vorwiegend durch Mehrwertproduktion aus Arbeit erreichbar, dann entstehen Wirtschaftsblasen und weitere Staatsverschuldungen. Eine Lösung könnte unter anderem eine stärkere Besteuerung der Vermögenden sein. Günther Moewes sieht die Lage für Deutschland wie folgt: Der Staat hat zugelassen, dass privat jährlich eine Geldmenge angehäuft wird, die zu hohen Zinsen für den Bundeshaushalt geliehen wird, um seine öffentliche Aufgaben erledigen zu können. Diejenigen, die das Geld geben, werden dabei immer reicher und langfristig gesehen wird das Geld vor allem von den armen Schichten über Steuern zurückgezahlt, wenn es denn überhaupt jemals zurückgezahlt werden kann. Moewes sieht die Gefahr, dass solch große Geldsummen immer weiter zunehmen und dies zu immer größeren Blasenbildungen und Krisenerscheinungen führt. Dies wiederum führt zu neuen Staatsverschuldungen, welche zu Staatsbankrotten führen können. Nach Moewes entwickelt sich das Privatvermögen zunächst langsam und steigert sich im Verlauf immer schneller und entwickelt sich immer rasanter nach oben. Das Geldvermögen wächst überdurchschnittlich schnell. Neben Verzinsung muss im etablierten Kapitalismus das Geld aus Dingen gemacht werden, die am Markt übertrieben höher eingestuft werden, z.B. Hedgefonds, Derivate und anderes mehr. Zockereien treiben diesen Markt an. Parasitäre Gewinne sind oft leichter erreichbar als Mehrwerte aus Arbeit. Wenn der Kapitalismus nach diesen Methoden seine Wirtschaft aufbaut, dann scheint ein Zusammenbruch auf lange Sicht als unvermeidbar. Massenhysterien leiten immer häufiger die Märkte zu kurzfristigen Gewinn- oder Verlust-Manien.

Gibt es eine Alternative? In Zukunft muss der Staat wieder vermehrt die Märkte regulieren. Aber die unterschiedliche Entwicklung in den Ländern erschwert die Entwicklung von übergreifenden Konzepten.

Staat und Markt

Menschen nutzen ihr Kapital, um Gewinne zu erzielen. Wenn es möglich ist, auf einem entfernten Markt mehr Gewinne als auf dem lokalen Markt zu erzielen, so tun sie dies. Adam Smith stellt klar, dass dieses Vorgehen für jede Gesellschaft günstig sei. Wenn der Staat lediglich die lokalen Märkte fördert, so erzeugt er Handels- und Markthindernisse, die für die Gesellschaft auf Dauer schädlich werden können. In Blick auf die Märkte sollten wir nach Smith auf die egoistischen Motive jedes Individuums vertrauen, denn aus der Summe aller egoistischen oder privaten Handlungen entsteht der Wohlstand eines Ganzen. Neben der Anhäufung des eigenen Kapitals wird so auch unsichtbar und unbewusst Reichtum für alle anderen erzeugt. Ist die Situation der Käufer und Verkäufer frei, das heißt jeder Käufer kann entscheiden, was und wo er ein Produkt kauft, und die Verkäufer können entscheiden, wie und wo sie produzieren und zu welchem Preis die Ware verkauft werden soll, entsteht eine Zirkulation und eine Verteilung, die den Markt in Bewegung hält und durch Konkurrenz belebt. Dies kommt zum Schluss der Gesellschaft und allen Mitgliedern zugute, so die Behauptung. Sowohl der Liberalismus als auch der Neoliberalismus vertrauen auf dieses Konzept. Regulierende Eingriffe des Staates werden skeptisch betrachtet.

Stiglitz sieht solche Entwicklungen als Produkt ökonomischer Theorien, die in der politischen Steuerung durchgesetzt wurden. Aber keineswegs führt ein liberalisierter Markt der Egoismen zu Wohlstand für alle. Die letzten Jahrzehnte zeigen, dass die Reichen immer reicher werden. Die Armen hingegen werden relativ ärmer. Die Globalisierung bringt einigen Ländern mehr Wohlstand als anderen, jedoch erreicht dieser Wohlstand weniger Menschen als erhofft. Es ist zu sehen, dass zwar der prozentuale Anteil der Armen weltweit gesunken ist, die absolute Anzahl ist jedoch weltweit hoch. Auch in Industrieländern verarmen breite Bevölkerungsschichten in Relation zum Gesamteinkommen.

Bei der Betrachtung von Armut werden zwei Arten unterschieden. Von der absoluten Armut wird gesprochen, wenn die Menschen nicht genug Geld zum Überleben besitzen. Die relative Armut bezeichnet das Verhältnis zwischen der Armut und dem übrigen Wohlstand der Gesellschaft. Dazu werden gesellschaftliche Durchschnittswerte von Einkommen und Unterstützungsleistungen ins Verhältnis zwischen der Gesamtheit und den einzelnen Menschen gesetzt.

Für Stiglitz wirken die negativen Effekte stärker, wenn sich die staatliche Regulierungsinstanz in marktfundamentalistischer Richtung aus der Wirtschaft zurückzieht. Die Märkte würden sich nicht aus dem Armutsproblem lösen, sondern es vielfach verstärken. Er sieht zwei Wirkmechanismen, die die Ungerechtigkeit der Verteilung von Wohlstand strukturell erzeugen.

Zum einen ist die gesamte Welthandels- und Weltfinanzordnung nicht gerecht, da sie das Geld lediglich einseitig nach oben fließen lassen. Das Geld fließt von vielen armen Menschen zu einer geringen Anzahl von reichen Menschen. Ein Beispiel für diese Problematik ist die Finanzkrise von 2008.

Der andere Wirkmechanismus umfasst den Kampf zwischen den armen und den reichen Ländern. Zwar werden die armen Länder mit Entwicklungshilfe unterstützt, jedoch gleichzeitig belasten Handelsschranken die Ausfuhr der armen Länder bis zu drei Mal mehr als die Entwicklungshilfen diese Länder unterstützt.

Stiglitz sieht auch die Arbeit des Internationalen Währungsfond (IWF) problematisch, denn auch hier werden vor allem die begünstigt, die bereits etwas besitzen. Als Beispiel nennt Stiglitz Indonesien. Hier stellte der IWF Geld zur Verfügung, um die Bankenforderungen zu tilgen, Nahrungsmittel für Bedürftige wurden hingegen nicht subventioniert. Auch in der Griechenlandkrise 2015 stellt sich die Frage, warum nicht stärker der Arbeitsmarkt und einer höherer Konsum unterstützt wird, statt vorrangig die Banken zu stützen und unrealistische Sparziele zu fordern. Nach Stiglitz ist es notwendig, eine Balance zwischen den Instanzen Markt, Staat und den nichtprofitorientierten, nichtstaatlichen Organisation zu erzeugen. Hinter dieser Forderung steht die Überzeugung, dass die Distanz zwischen Arm und Reich weder auf individueller noch auf zwischenstaatlicher Instanz größer werden darf, wenn Krisen vermieden werden sollen.

Die westliche Doppelmoral mit ihrem Versprechen von Demokratie und gleichen Chancen bei gleichzeitiger Bevorzugung von Wenigen bedarf einer Beseitigung durch eine gerechtere Politik. Auch der neue Kolonialismus und der Einfluss auf junge Demokratien bedarf einer globalen Zusammenarbeit, die nach Stiglitz gerechter gestaltet werden muss. Alle Kapitalströme, die im Wildwuchs der Märkte jede Lücke nutzen, müssen durch Besteuerung besser kontrolliert werden. Für Stiglitz hat der Staat die Aufgabe, Regeln aufzustellen und die Einhaltung zu kontrollieren. Instanzen der Kontrolle sind Gerichte, Ämter oder Aufsichtsbehörden. Die Gesellschaft muss darauf vertrauen können, dass diese Regeln für alle gleich gelten und die Kontrollinstanzen die Vorgehen objektiv bewerten.

In Hinblick auf die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich stellt sich die Frage, ob die reine Verwaltung der Spaltung ausreicht oder ob der Staat Anreize bieten muss, damit die Regeln gerechter und nachhaltiger gestaltet werden. Voraussetzung ist hierfür, dass die Massen sich der Politik zuwenden. Das Ziel dieser Beeinflussung sollte eine besser aufgeklärte ökonomische Vernunft sein.

Eine Regulierung vertraut darauf, dass durch das positive Zusammenwirken von Markt und Staat der Kapitalismus seine Krisen überwinden kann. Stiglitz zeigt im Anschluss an Keynes, dass folgende Punkte wichtig sind:

  • Damit Regulationen und Eingriffe durch die Wirtschaftspolitik wirksam sind, müssen diese zeitnah am Markt ansetzen. Beispielsweise wurde während der Finanzkrise versucht, die Risikobereitschaft der Banken einzudämmen und sie zu mehr Durchschaubarkeit bei Verträgen zu bewegen.
  • Regulierende Eingriffe wirken nur dann, wenn die Beschäftigungen erhöht und der volkswirtschaftliche Output real gestärkt wird.
  • Regulationen und Eingriffe sollten langfristig ausgerichtet sein und der Förderung der Sparquoten, der Sicherung der Altersvorsorge, der Bekämpfung der globalen Erderwärmung sowie dem Ausgleich der Handelsbilanzen dienen.
  • Konjunkturpakete sollten möglichst nur auf solche Investitionen angewendet werden, die langfristig bei dem Schuldenabbau hilfreich sind. Dies ist nicht bei schuldenfinanziertem Konsum der Fall.
  • Da die Spaltung zwischen Arm und Reich weiter steigt, ist die Einkommensgerechtigkeit ein bedeutendes Thema. Dies muss auch bei der Besteuerung der Reichen in den Blick genommen werden. Werden die höheren Einkommen höher besteuert, so kann eine Umverteilung des Geldes gefördert werden, wodurch die Breite der Nachfrage gestärkt wird.
  • Vor allem die Konjunkturpakete müssen darauf ausgelegt sein, kurzfristige Notlagen zu bekämpfen, um die Auswirkungen und den Abschwung der Wirtschaft abzumildern.
  • Die Bereiche, in denen Umschulungen stattfinden, um Arbeitslose auf neue Tätigkeitsfelder vorzubereiten, müssen gestärkt werden.
  • Damit die globale Nachfrage gestärkt wird, müssen die Entwicklungsländer mehr ausgeben. Dies ist nur möglich, wenn diese Länder Hilfe und Unterstützung erhalten.
  • Die Modernisierung von vielen Wirtschaftsbereichen kann durch die Finanzierung des Treibhausaufkommens durch einen hohen Kohlenstoffpreis gefördert werden. Gleichzeitig wirkt dies positiv und nachhaltig für die Zukunft.

Die Aufzählung zeigt Schwierigkeiten auf, denn manche Ziele stehen im Widerspruch untereinander oder ergänzen sich. Die Finanzmärkte entwickeln immer neue Konzepte, um mit immer neuen Spekulationen Gewinne zu erzielen. „Finanzjongleure“ sind besonders stolz über Derivate. Diese leiten sich von anderen Vermögensgegenständen ab. Oft ist es zwar sinnvoll, Kurse abzusichern, um Risiken abzumildern, aber dieses Vorgehen verleitet auch zu umfassender Zockerei. Ein Beispiel für diese Zockerei sind die Finanzkrisen einiger Länder der europäischen Union. Durch die Zockerei wird der Staat finanziell in die Tiefe gezogen, gelangt in einen Strudel immer schlechterer Ratings, benötigt immer höhere Kredite und muss letztendlich von einem EU-Rettungsfond aufgefangen werden. Immer mehr Staaten geraten in solche Krisen.

Für Warren Buffet sind Derivate finanzielle Massenvernichtungswaffen, weil sie in der Lage sind, ganze Firmen und Staaten zu ruinieren.

Nach Colin Crouch (2008) gefährdet die ökonomische Struktur die Demokratie. Die gegenwärtigen Verhältnisse treiben uns Richtung Postdemokratie. Diese Entwicklung, so Crouch (2011), wurde der Neoliberalismus durch die Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 eher gestärkt als geschwächt. Der Neoliberalismus war als Hintergrunddoktrin wesentlich verantwortlich für die Krise. Die Bewältigung der Krise geschah durch die Rettung der Banken sowie der Unterstützung von Großunternehmen und der damit verbundenen Umverteilung des Geldes. Nach Crouch geht es grundsätzlich nicht nur um das Verhältnis zwischen Staat und Markt, sondern um die Dreiecksbeziehung Staat, Markt und Großunternehmen. Wenn der Staat die Banken und den Finanzsektor stabilisiert, zwingt er andere Branchen und öffentliche Dienste zu Einsparungen. Durch den bedingungslosen Schutz der Banken wird der Neoliberalismus gestärkt. Die Banken werden nicht zu einer Veränderung der Mentalität oder der Bereitschaft zur Zockerei gebracht.

In anderen Bereichen werden umfassende Eingriffe durch den Staat notwendig, vor allem bei den Entschuldungsstrategien von insolventen Ländern. In solchen Ländern wächst die Verknüpfung zwischen Staat und Großunternehmen so stark, dass eigentlich nicht von einem Ausgleich oder einer umfänglichen Krisenbewältigung die Rede sein kann. Die sogenannten systemrelevanten Unternehmen gewinnen in der Krise an Macht und Einfluss. Aufgrund des Wissens um eine mögliche Rettung durch den Steuerzahler zocken diese Unternehmen – entgegen allen Marktprinzipien – sogar auf einem höheren Level, um die eigene Gewinnspanne zu maximieren. Crouch befürchtet, dass dieses Verhalten Auswirkungen auf lange Sicht für die Gesellschaft und Demokratie und das Verhältnis zwischen Staat und Markt haben wird. Die profitorientierten Kräfte sind kaum zu bremsen, da sie viel ökonomisches Kapital angesammelt haben.

Die sehr hohe Staatsverschuldung darf nicht unbeachtet bleiben, wenn Rettungsmaßnahmen umgesetzt werden sollen. Diese Verschuldung kann kaum getilgt werden. Der Staat kann die Steuern nicht so immens steigern, weil sonst die Konjunktur geschädigt und eventuell zum Stillstand gebracht wird. Wenn die Bürger mehr Steuern zahlen müssen, können sie nicht mehr so viel konsumieren und investieren. Hieraus entwickelt sich das Leben über die Verhältnisse hinaus in allen Wohlstandsgesellschaften. Den hohen Schulden steht eine ebenso große Kapitalsumme gegenüber, aus denen die Schulden bedient und Gewinne geschöpft werden. Eine Möglichkeit für den Abbau der Schulden könnte die Inflation sein, denn dann würde neben dem Wert des Geldes auch der Wert der Schulden weniger werden. Eine weniger spekulative, sondern klare und nachhaltige Politik wäre eine Steuergerechtigkeit im Sinne ausgleichender Umverteilung. Das private Interesse ist die Vermehrung des eigenen ökonomischen Kapitals, auch wenn es mit diesem Interesse die staatliche Krisenbewältigung beeinträchtigt. Der Kapitalismus wird in diesem ökonomischen Paradox gefangen bleiben. Die Krisen werden nicht leichter, aber die Systemerhaltung wird nur noch durch ein ständiges Krisenmanagement erreicht.

Kapitalisierung gesellschaftlicher Lebensverhältnisse und die Frage ökonomischer Gerechtigkeit

Staat und Regulierung

Die von den Bürgerinnen und Bürgern in einer Demokratie gewählte Regierung soll in ihrer Mehrheit einen Volkswillen repräsentieren. Möglichkeiten einer Exekutive bestehen darin, entsprechende Geschäfte des Staates auf politische Art und Weise zu steuern, mit gleichzeitiger Einschränkung durch die legislative, gesetzgebende Gewalt. Diese legislative Gewalt kann durch die jeweiligen Regierungsmehrheiten gestaltet sowie gesteuert werden. Zudem werden die rechtlichen Gegebenheiten, die sogenannten judikativen Voraussetzungen, die bestehenden Gesetze, für die Möglichkeiten des Handelns der Regierung entscheidend. Bei der Bedeutung des ökonomischen Kapitals hat der Staat mehrere Pflichten, welche gleichzeitig auch im gesetzlichen Rahmen festgesetzt sind.

Als Steuerungsstaat reguliert er hauptsächlich Aufgaben des Gemeinwesens, was wiederum an den jeweiligen zuständigen Ministerien und ihre Ausführung der Pflichten innerhalb dieser Staatsform erkenntlich ist. Im Hinblick auf die ökonomische Perspektive werden so Steuern erhoben, mit denen die entsprechenden Aufgaben der einzelnen Ministerien finanziert und umgesetzt werden können. Hauptanliegen dieser Staatsform ist dabei, möglichst dafür zu sorgen, dass Geschäfte aller Art ohne besondere Hindernisse abgewickelt werden können und zugleich das Privateigentum der Bevölkerung geschützt wird. Dabei ist auch die freie Lohnarbeit gesichert. Grundlegend kann für den Steuerungsstaat festgestellt werden, dass dieser stark unter dem Einfluss der Interessen von meistens mächtigen ökonomischen Gruppierungen agiert.

Eine weitere Form ist der Rechtsstaat, der wiederum darauf achtet, dass die jeweiligen Bürgerinnen und Bürger in einem rechtlich gesetzten und prüfbaren Grundrahmen handeln, was durch entsprechende Regeln und Gesetze vorausgesetzt und bei Missachtung geahndet wird. Im Hinblick auf eine Demokratie ist es wichtig, festzustellen, dass alle Bürgerinnen und Bürger dieselben Rechte in Anspruch nehmen können und die Staatsform auf Gleichberechtigungsgrundsätzen beruht. Die Freiheitsrechte sind, wenn die kapitalistische Entwicklung genauer betrachtet wird, mit dem Kapitalismus vereinbar, jedoch ist die tatsächliche, also die von den Bürgerinnen und Bürgern gelebte und erlebte Form sehr stark durch den jeweiligen ökonomischen Status geprägt.

Eine weitere Staatsform zeigt sich mit dem Sozialstaat. Dieser ist darum bemüht, Benachteiligungen in sozialer Form auszugleichen und den Bürgerinnen und Bürgern innerhalb des Staates weitestgehend hohe sowie gleiche Lebenschancen zu ermöglichen. Bedingt durch die kapitalistische Entwicklung konnte jedoch nicht abgewendet werden, dass die Armutsschere, die Kluft zwischen den armen und reichen Teilen der Bevölkerung innerhalb der Industrieländer, sich vergrößert hat und gleichzeitig eine Vergrößerung der Kluft zwischen den Industrieländern und den unterentwickelten Ländern stattgefunden hat.

Der Ordnungsstaat zeichnet sich dadurch aus, dass er mithilfe der Polizei und Armee die entsprechenden Gesetze sowie Pflichten der Bürgerinnen und Bürger innerhalb des Staates, aber auch gegen äußere Interventionen, durchsetzt.

Der Staat präsentiert sich insgesamt in einem Spannungsfeld mit Blick auf die ökonomischen Märkte und Mechanismen, wobei auf der einen Seite die Regulation, d. h. tatsächlich durchgeführte Eingriffen, und auf der anderen Seite die Deregulation steht, was das Spiel freier Kräfte meint. Auch hier lässt sich mit einem Verweis auf die kapitalistische Entwicklung feststellen, dass eine Abhängigkeit des Staates und der entsprechenden Politik von den kapitalistischen Märkten besteht. Gerade in Zeiten von Krisen wird deshalb teilweise mehr die Funktion der kurzfristigen Rettungsmaßnahme genutzt, anstatt eine auf Nachhaltigkeit hin orientierte Regulation, welche gerade im Hinblick der Sicherung der Chancengerechtigkeit notwendig erscheint. Für die Demokratie regulierend einzugreifen, da ein großer Teil der Chancen von den ökonomischen Verhältnissen abhängig ist, bildet die größte Herausforderung des demokratischen Staates. Demokratisch gesehen besteht das Ideal, dass es den Menschen hierbei möglich ist bei eigener Arbeit einen grundlegenden Wohlstand zu erzielen und die Lebenschancen zu verbessern. Doch gerade Wohlstand und Chancen sind diejenigen Merkmale, die in den zuvor genannten Staatsformen teilweise sehr ungleich verteilt werden. Nach Jürgen Habermas sind die Demokratie sowie der bürgerliche Rechtsstaat sehr eng miteinander verknüpft und vor allem über das rechtliche System kann eine politische Teilhabe von den Bürgerinnen und Bürgern gesichert werden. Gerade diese Teilhabe ist für Habermas umgesetzt, wenn „mündige Bürger unter Bedingungen einer politisch fungierenden Öffentlichkeit, durch einsichtige Delegation ihres Willens und durch wirksame Kontrolle seiner Ausführung die Einrichtung ihres gesellschaftlichen Lebens selbst in die Hand nehmen“ sowie „personale Autorität in rationale“ umsetzen. (Habermas, 1973, 13). Habermas betrachtet die Demokratie als eine politische Gesellschaftsform, welche „die Freiheit des Menschen steigern und am Ende vielleicht ganz herstellen könnte“ (ebd., 13). Eine solche Form der Demokratie ist für ihn hauptsächlich mit der „Selbstbestimmung der Menschheit“ verknüpft. Die Form des Rechts soll dabei eine soziale Integration anbieten. Habermas betrachtet legitime Gesetze als solche Gesetze, die in einem „diskursiven Rechtssetzungsprozess“, welcher eine demokratische Zustimmung von einer repräsentativen Demokratie voraussetzt, gestaltet werden. Hier nennt Habermas vier Hauptprinzipien des Rechtsstaates, die damit zum Einsatz kommen.

1. das „Prinzip der Volkssouveränität“ (Habermas, 1992, 209)

2. das „Prinzip der Gewährleistung eines umfassenden individuellen Rechtsschutzes“ (ebd., 212)

3. das „Prinzip der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung“ (ebd., 213)

4. das „Prinzip der Trennung von Staat und Gesellschaft“ (ebd., 215)

Unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Bereiche gestaltet sich gerade das oben genannte vierte Prinzip als problematisch. Idealtypischer Weise wird von Habermas vorausgesetzt, dass in den sozialen Verbindungen der Menschen „keine unüberwindlichen Klassenstrukturen in der politischen Kultur“ (Reich, 2013, 121) vorhanden sein sollten, da sonst eine Abhängigkeit des Staates, gerade im Hinblick auf seine Handlungen, von diesen strukturellen Formen bestehen würde. Die Rechtsstaatlichkeit soll nicht zum Vorteil von bestimmten Gruppen der Bevölkerung und zum Nachteil wiederum anderer gestaltet werden. Aktuell betrachtet stellt sich dabei die Frage, wie realistisch eine solche These ist. Agiert der Staat überwiegend auf der Seite des Kapitals?

Auf der einen Seite müsste dann der Staat Vorkehrungen treffen, um den maßlosen Reichtum einer Minderheit zu begrenzen, um eine ökonomische Elite mit übergroßer Macht im Gesellschaftssystem zu verhindern.

Auf der anderen Seite müsste er stark und nachhaltig in das Lernkapital und soziale Sicherungssysteme investieren, um in der Gesellschaft mehr Chancengerechtigkeit herstellen zu können.

Leistet der Staat heute beides? Nachfolgend werden einige zentrale Aspekte betrachtet, die dies in Frage stellen. In der Studie „Happiness and Economics“ unterscheiden Bruno Frey und Alois Stutzer (2002) das Einkommen, die Arbeitslosigkeit und die Inflation als bedeutende Kategorien, um die Zufriedenheit der Menschen gegenüber der wirtschaftlichen Verfassung zu beschreiben. Andere Studien nennen z. B. auch das Wohnen sowie die „sozialen Mobilitätschancen“ als entscheidend für die „Lebenszufriedenheit“. Auch die Konsumchancen können als wichtiges messbares Merkmal des Wohlstandes genannt werden. Aus allen Aspekten resultieren Lebens- und Freiheitschancen. Sie zeigen die Entwicklungstendenzen und ökonomische Gerechtigkeit einer Gesellschaft.

Die Unterschiede zwischen den Ländern sind sehr groß. Die staatliche Regulierung, ihr Ausmaß und Erfolg, spielen dabei eine große Rolle. Gesellschaften die mehr auf Gleichheit als auf Ungleichheit setzen, können eine größere und bessere Chancengerechtigkeit für ihre Mitglieder bieten.


Einkommen, Armut, und die Rolle des Mittelstands

Zum Mittelstand hat Siegfried Kracauer bereits 1930 eine Reportage gemacht, die zwischen dem „Proletariat“, also den Geringverdienern, als auch den Unternehmern, den Höchstverdienern jener Zeit, unterscheidet, jedoch ebenfalls einen Mittelstand mit Angestellten als neue Form der Arbeit sieht. Der Beschreibung Kracauers nach sind Menschen des Mittelstands jene, die über ein wenig Grundeigentum, Läden oder Gewerbe verfügen. Nur selten ist ein Aufstieg in das Unternehmertum möglich, schneller ein Abstieg in das heute so genannte Prekariat. Thematisiert wird von ihm, dass sich Angestellte gegenüber den Arbeitern gesellschaftlich höher gestellt empfinden und eher an einen gerechten Kapitalismus glauben. Die Mittelschicht stellt eine Schicht dar, die Kinos, Museen usw. besucht und einen eher bürgerlichen Habitus entwickelt. Die Vorteile der Oberschicht werden gesucht, jedoch reflektiert die Mittelschicht die eigene Situation eher wenig. Die Angestellten entwickeln eine Form der Technokratie, die andere Arbeitende steuert, aber dennoch ist es möglich, dass auch sie leicht arbeitslos werden. Heute ist die Gruppe der Angestellten wesentlich heterogener geworden. Dabei ist die Mittelschicht zahlenmäßig stark gewachsen. Hier wird deutlich, dass sich ihre relative Lage, gerade im Hinblick auf die Besitzverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten sogar eher verschlechtert hat. Am Beispiel der USA wird erkennbar, dass das Durchschnittseinkommen aller, sofern der gesamte Geldbesitz durch die Zahl der Einwohner geteilt wird, wesentlich höher als vor 30 Jahren ist. Doch sobald die ganz obere Schicht, also die der sehr Reichen, aus dieser Berechnung entfernt werden, wird deutlich, dass dieses Einkommen der aktuell heute 30-Jährigen heute im relativen Vergleich wesentlich niedriger ist als das ihrer Eltern vor 30 Jahren. Solche Studien belegen das Anwachsen der Schere zwischen den armen und reichen Bevölkerungsteilen sehr deutlich wie Reich rekonstruiert. In vielen OECD-Ländern befinden sich sehr viele Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Gerade dort werden Einkommensungleichheiten deutlich, wo die reichen Gruppen der Bevölkerung finanziell reicher im Vergleich mit den niedrigen und mittleren Einkommen geworden sind. Dabei kann festgestellt werden, dass gerade junge Erwachsene und Familien mit Kindern besonders risikoreich leben. Bei einer Betrachtung der niedrigen und mittleren Einkommen der einzelnen OECD-Länder zeigt sich, dass zudem große Unterschiede auf lokaler Ebene vorhanden sind. Dies liegt auch daran, dass dort, wo der Staat stärker reguliert, wie z. B. in Skandinavien, die Chancen des sozialen und ökonomischen Aufstiegs breiterer Menschengruppen deutlich höher ausfallen als in anderen Ländern.


Arbeitslosigkeit und Sorge um den Arbeitsplatz

Als wichtig für Menschen, die durch ihren Beruf mit ihrer Arbeit den Lohn für ihren Lebensunterhalt verdienen, gilt das Finden sowie der Erhalt eines Arbeitsplatzes. Der gesellschaftliche Status kann durch die Arbeitslosenquote als Anzeichen für Wohlstand innerhalb der Bevölkerung als auch für die Dynamik der entsprechenden Wirtschaft betrachtet werden. Gerade bei dieser Quote wird deutlich, dass sie ein statistisches Konstrukt darstellt, das Aussagen darüber treffen lässt, welche Menschen bereits aus der Betrachtung herausgefallen sind, obgleich sie noch auf Arbeitsplatzsuche sind. Darunter fallen z. B. junge Menschen, die vorher noch keinen Arbeitsplatz hatten oder Rentner, die gezwungen sind, bedingt durch ihre finanzielle Situation, einen zusätzlichen Verdienst zu erarbeiten. In Deutschland täuscht die Arbeitslosenstatistik bedingt durch die sogenannte versteckte Arbeitslosigkeit. Hierzu zählen Arbeitslose, die älter als 58 Jahre sind, Leistungsempfänger zur Teilhabe am Arbeitsleben sind, Ein-Euro-Jobs ausüben oder von staatlicher Seite nicht mehr für eine Arbeit vermittelt werden. Im Jahr 2010 mit etwa 3 Millionen Arbeitslosen ist diese Gruppe auf etwa 1,2 Millionen geschätzt worden. Wird die europäische Arbeitslosenquote betrachtet, so zeigt sich, dass diese mit im Schnitt 8% relativ hoch ist und schon über einen langen Zeitraum hin so hoch bleibt. In der Quote zeigt sich ein Überangebot von Arbeitskräften, was zu einem Druck auf die Höhe der Löhne führt. Es gibt Teilzeit- und Leiharbeiten, die mit einem niedrigen Lohnniveau entlohnt werden, das deutlich einen Abstieg von größeren Gruppen der Bevölkerung in die Nähe der Armutsgrenze oder unter diese zeigt. Dabei sind auch hier die Unterschiede zwischen den Ländern relativ groß. Die Sorge um die Sicherheit der Arbeitsplätze ist hoch.

Der Staat steht vor der Aufgabe, das Schaffen von Arbeitsplätzen umfassend zu unterstützen. Gleichzeitig bedarf es einer Regulierung von Niedriglöhnen, was angesichts des globalen kapitalistischen Marktes die Sicherung und Herstellung von Arbeitsplätzen erschwert. Ein mögliches staatliches Steuerungsinstrument, um einer Niedriglohnentwicklung entgegenzuwirken, stellt der Mindestlohn dar, um das Abdriften der Löhne nach unten (sogar hin zur Grenze der sozialen Leistungen) zu verhindern. Ein weiteres Instrument der staatlichen Seite wären sogenannte Eingliederungshilfen, sobald ein Zuwachs an Qualifikationen damit verknüpft werden kann. Die Industrieländer, welche durch Ausgaben im Bereich der Bildung frühzeitig absichern, dass schon viele Heranwachsende gut und breit qualifiziert sind, können eine qualitativ höhere Absicherung leisten, als die Industrieländer, die in ihrer staatlichen Form auf freie und nicht regulierte Märkte setzen. Denn Investitionen gerade in Bildung zeigen sich nicht nur für das Individuum, sondern auch für die Wirtschaft als vorteilhaft.


Mindesteinkommen und Zufriedenheit

Viele Zufriedenheitsstudien haben gezeigt, dass es nicht nötig ist, ein Millionär zu sein, um zufrieden zu sein. Eine Zufriedenheit im Leben ist von bestimmten Faktoren abhängig und dabei zeigt sich, dass bei steigendem Einkommen auch die Zufriedenheit ansteigt. Doch gerade das Erleben von Freude und ein erfülltes Leben ist nicht nur mit einem höheren Einkommen verknüpft. Trotzdem sollte den Menschen in der Bevölkerung ein grundsätzliches Mindestmaß an Einkommen und rechtlichen Sicherheiten zugestanden werden. Nach Kahneman und Deaton (2010) ist dieses Mindestmaß bei einem Einkommen von 75000 US Dollar zu verzeichnen. Darüber ist fast keine Steigerung der Zufriedenheit festzustellen, darunter jedoch können deutliche Einschränkungen im Wohlbefinden festgestellt werden. Negative Kontexte entstehen überwiegend durch Arbeitslosigkeit. Armut verstärkt negative Effekte in fast allen Bereichen, zeigt eine deutliche Steigerung des Unzufriedenheitsempfindens und kann darüber hinaus zu einem höheren Stress führen als auch zu einer kürzeren Lebenserwartung führen.


Konsumteilhabe versus Gewinnmaximierung

Das Thema Chancengerechtigkeit hat in einem kapitalistischen System im Sinne der Besitzenden einen nicht so guten Status, da die ökonomischen Chancen bereits verteilt sind und damit Regulationen grundsätzlich die Besitzstände tangieren. Menschen, welche in einer Demokratie leben, können aber mehrheitlich nach einer solchen Gerechtigkeit der Verteilung suchen und diese dann in politischer Form durchsetzen. Gerade die Mittelschicht zeigt sich hierbei heute als gefährdet, aber sie scheint gleichzeitig wenig aktiv, um Änderungen durchzusetzen.

Die breite Mittelschicht verfügt über kein größeres ökonomisches Kapital, verzeichnet einen relativen Wohlstand, welcher durch Arbeitslosigkeit und niedrige Renten stets gefährdet ist. Wieso wehrt sich die Mittelschicht so wenig? Hier scheint es vor allem die Haltung zu sein, die den Erfolg im Kapitalismus sehr stark auf eigenes Glück oder Versagen zurückführt und gleichzeitig auf jene herunter sieht, die es noch schlechter getroffen haben.

Aktuell kann ein Arbeitnehmer im Vergleich zu früher mit weniger Arbeitszeit und somit mehr Erholung rechnen, dafür ist die Arbeitstätigkeit während dieser Arbeitszeit jedoch oft umso anstrengender. Es wird empfohlen, möglichst viel zu lernen, als eine Art Vorsorge, um so im Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze die höheren Ränge besetzen zu können. Dabei besteht stets die Drohung, dass Unternehmen sich global orientieren und in einem anderen Land günstigere qualifizierte, aber auch günstigste unqualifizierte Beschäftigte zu finden, welche dann eine Gewinnsteigerung ermöglichen. Durch Verlust des Arbeitsplatzes oder fehlender Möglichkeit, einen solchen zu erhalten, ist die Armut schnell nah. Der Staat trägt dabei die Kosten, so dass eine Umverteilung innerhalb der Bevölkerung, also aller, die Steuern zahlen, stattfindet.

Der Kapitalismus steht in einem grundsätzlichen Widerspruch. Einerseits benötigt er einen massenhaften Konsum, um seine Waren und Dienstleistungen zu verkaufen. Diese will er möglichst kostengünstig herstellen, was zu ständigen Versuchen der Kostensenkung insbesondere bei Löhnen führt. Andererseits gelingt der Verkauf nur, wenn es massenhaft Menschen mit genügend Geld gibt.

Der Widerspruch lässt sich nur auflösen, wenn es eine Art Balance gibt, die durch eine Vollbeschäftigung erreicht wird, damit sich die Konsumnachfrage auf einem hohen Level befindet. Auch Investitionen müssten grundsätzlich gefördert werden, damit eine Nachfrage nach neuen Produkten erzielt werden kann, woraus neue Arbeitsplätze entstehen. Aber die Gewinnmaximierung gefährdet stets einseitig eine solche Balance.

Der Staat wird dann, wenn die Balance zuungunsten der Masse von Menschen ausfällt, in die Regulierung gezwungen. Sobald eine größere Gruppe von Menschen vorhanden ist, die aufgrund ihrer ökonomischen Lage von den in der Bevölkerung üblichen Lebensformen ausgegrenzt ist, umso kritischer wird dies für die demokratische Entwicklung der Gesellschaft. Eine Spaltung der Gesellschaft stellt ein großes politisches Risiko für jede Demokratie dar. Daher ist der regulierende Staat vor allem wichtig, um Zukunftschancen für Personen aus prekären Schichten zu sichern. Möglichkeiten der Umsetzung sind Mindestlöhne, Regulierungen der Arbeitsmärkte, eine rechtsverbindliche Absicherung von inklusiven Bildungschancen, gute Sozialversicherungssysteme.


Ökonomisches Kapital: individuelle Nutzung im Widerspruch

Kapitalisierung individueller Handlungen

Das Erlangen individuellen Kapitals ist die Grundvoraussetzung, um in einer kapitalistischen Gesellschaft zu bestehen. Gesellschaftliche Macht erlangen diejenigen, die sich Mehrwertstrategien zurechtlegen und sich Mehrwert aneignen. Dabei steht der eigene Besitz (Kompetenz, Wissen, Geld, Macht, Fertigkeit) stets in Abhängigkeit von aktuellen Marktverhältnissen. Damit Gewinne erzielt werden können, muss es das Ziel sein, möglichst viel Lohn für eine geleistete Arbeitszeit zu erhalten. Dies lässt sich erreichen, indem Lohnarbeit gut vermarktet und Angebot und Nachfrage genutzt werden, parasitäre Gewinnen erzielt werden oder Illusionierungen zum Einsatz kommen. Um die eigene Position möglichst vorteilhaft zu gestalten, sind Investitionen in Form von Erziehung, Ausbildung, sozialem, kulturellem und auch körperlichem Kapital von Nöten. Wie wertvoll die Investitionen im Endeffekt jeweils sind, zeigt sich im Vergleich mit anderen.


Löhne und Einkommen hängen stark von marktbezogenen Gebrauchswerten ab

Die Wirksamkeit einer Kapitalisierung ergibt sich aus der Differenz von Kosten und Nutzen und steht in Bezug zu der vorhandenen Konkurrenz. Um überhaupt Lohn für geleistete Arbeitszeit zu erhalten, müssen Arbeitsqualifikationen entwickelt werden. Der Erfolg ist jedoch von vielen Faktoren abhängig und ist deshalb individuell. Zu einem gewissen Anteil ist jeder selbst für seine Position innerhalb der Gesellschaft verantwortlich. So müssen Kompetenzen ausgebildet werden, Netzwerke aufgebaut und gepflegt und Vorsorge betrieben werden. Auf dem Markt kämpft jeder gegen jeden. Aspekte, die den Mehrwert einer Person an einem Tag erhöhen, können am nächsten Tag nutzlos sein, weil die Nachfrage plötzlich fehlt oder die Konkurrenz stärker geworden ist.

Aus der Sicht der einzelnen Individuen haben Kapitalformen ganz unterschiedliche Werte. Der Preis, der dafür gezahlt werden muss, um eine bestimmte Qualifikation und Gehaltsstufe oder ein Einkommen zu erreichen, ist subjektiv und objektiv geprägt. Lernkapital in Form von Bildung und Erziehung und soziales Kapital in Form von Beziehungsnetzwerken sind entscheidende Faktoren, um am höheren Einkommen zu partizipieren. Zwar kann jeder selbst entscheiden, wie viel er in seine Gebrauchswerte und einen möglichen Mehrwert investieren will, jedoch wird ein gewisser erstrebenswerter Lebensstandard von der Gesellschaft konventionell als Erwartungshaltung festgelegt. Aus Umfragen geht hervor, dass das Zufriedenheitspotential der Industrieländer bei einem Familieneinkommen von ca. 60.000€ eingestuft werden kann. Dies zu erreichen, setzt die Steigerung des eigenen Mehrwerts mit einer dazugehörigen Planung voraus.

Der Mensch bewegt sich in einem Feld, wo persönliche Interessen und Neigungen stets an gesellschaftliche Forderungen, wie Vermögen und Einkommen, gekoppelt sind. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes kann dabei entscheidender sein, als die persönliche Neigung zu einer Berufsrichtung.

Dynamisierung und wissenschaftlich-technische Fortschritte fordern vor allem breitgefächerte Qualifikation, da eine einseitige Ausbildung nicht viel Flexibilität ermöglicht. Der Kapitalismus ist materialistisch geprägt und als Teilnehmer einer kapitalistischen Gesellschaft steht der Mensch stets in Abhängigkeit zu den Voraussetzungen, die hierbei gegeben sind. Desto mehr Kapital ein Mensch besitzt, desto freier kann er sich im Markt bewegen. Jedoch ist die individuelle Lage immer in Relation zu anderen einzuordnen.


Ungleiche Ausgangslagen bestimmen die Realisierung der Gebrauchswerte

Auf- und Abstieg in der kapitalistischen Gesellschaft hängen bei weitem nicht allein vom aktuellen Lohn oder Einkommen ab. Faktoren wie Wohnort, Bildung, Migrationshintergrund und ethnokulturelle Zugehörigkeit haben ebenfalls starken Einfluss. Harte Arbeit oder gute Bildung enthalten per se keine Jobgarantie. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst und das Erlangen ausreichend ökonomischen Kapitals ist in der Konkurrenz immer schwer zu erreichen.

Um die Schichtung der Gesellschaft zu beschreiben, reicht das ökonomische Kapital allein allerdings nicht aus. Die Schichtung der Gesellschaft ist vielmehr abhängig von Konstruktionen, die das kulturelle, soziale, Körper- und Lernkapital mit umfassen. Dies wird in den anderen Kapitalformen behandelt. Sieht man das Einkommen als ökonomisches Verhältnis, so sei an dieser Stelle auf die Einteilung von Erikson und Goldthorpe und das Klassen_.E2.80.93_EGP-Klassen Goldthorpe-Klassenschema verwiesen, die für die soziale Klassenlage in Bezug auf Marktlage und Arbeitssituation Merkmale der Betroffenen beschreiben, die für die individuelle Sicht auf das ökonomische Kapital interessant sind (Erikson/Goldthorpe 1992). Zu beachten ist, dass auch diese Gruppen weiter unterteilt werden können:

1) Arbeitgeber mit Produktionsmitteln, die die Arbeit von Menschen kaufen (Differenzierung nach Unternehmensgröße oder Funktion)

2) Selbständige (Differenzierung nach Anzahl der Mitarbeiter)

3) Arbeitnehmer, die ihre Arbeitskraft an Arbeitgeber verkaufen (Art der Verträge)


Diese Dienstklassen sind nach gewährten und gegebenen Funktionen hierarchisiert. Charakteristisch für die oberen Dienstklassen ist ein Loyalitätsverhältnis, das Aufstiegschancen, höhere Gehälter und andere Benefits, wie z. B. Fortbildungen, beinhaltet. Es ist somit entscheidend, sich darüber zu informieren, zu welchen Bedingungen man in welchem Arbeitsfeld tätig sein wird. Entscheidend sind nicht nur die getätigten Investitionen in die Ausbildung, sondern auch Angebot und Nachfrage innerhalb einer Dienstklasse.

Positionen müssen stets im Kampf gegen die Konkurrenz erlangt beziehungsweise verteidigt werden. Flexibilität und Qualifizierung sind dabei grundlegend und müssen geplant eingesetzt werden, um sich einkommensmäßig weiter nach oben zu bewegen. Eine einseitige Berufsausbildung reicht heutzutage kaum noch aus. Persönliche Neigungen müssen häufig zurückgesetzt werden, will man die Arbeitsplatzrealität nicht aus den Augen verlieren. Exklusionen vom Arbeitsmarkt sind in Zeiten der unsicheren Arbeitsverhältnisse keine Seltenheit. Je dequalifizierter ein Mensch bleibt, desto höher ist das Risiko zu Exklusion und Armut. Verantwortung für die eigene Zukunft und damit der Absicherung durch eigenes ökonomisches Kapital, liegen mehr denn je bei jedem selbst.

Bezogen auf den individuellen Umgang mit dem ökonomischen Kapital, lassen sich drei Szenarien aufzeigen:

1. Besitzszenarium: Diese Menschen leben von dem, was andere erlangt haben und erhalten ihren Besitz meist durch parasitäre Teilhabe (z.B. Erbe). Zusätzlich verfügen sie häufig über reichlich kulturelles, soziales und körperliches Kapital.

2. Aufstiegszenarium: Ein Individuum erlangt ökonomisches Kapital aus eigener Kraft. Dazu ist es nötig, Lernkapital und soziales, kulturelles und körperliches Kapital effektiv einzusetzen, um sich eigenen Erfolg zu sichern. Häufig ist der Aufstieg jedoch durch lokale Gegebenheiten eingeschränkt.

3. Unsicherheitsszenarium: Diese Situation ergibt sich für diejenigen, die nichts in größerem Umfang besitzen oder erben, Aufstiegszenarien meiden oder verpassen. Individuelle Chancen können nur durch anderweitige Kapitalformen als dem ökonomischen Kapital gewahrt werden.