Das Zusammenwirken der Kapitalformen

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
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Das „Kapital“ erscheint in unterschiedlichen Kapitalformen, die sich gegenseitig bedingen und ineinander transformierbar sind. Das ökonomische Kapital ist nach Reich (2013) insofern das bedeutsamste, da es viele Ressourcen für die anderen Kapitalformen beinhaltet. Für diejenigen, die nicht über ökonomisches Kapital verfügen, bildet insbesondere das Lernkapital Aufstiegschancen. Das Zusammenwirken der Kapitalformen lässt sich nach dem Volumen, der Verteilungsbreite und der Verteilungsdichte beschreiben. In welcher Weise bestimmte Kapitalformen mit Machtformen zusammenhängen, ist auch vom gesellschaftlichen System abhängig.


Volumina der Kapitalformen:

Hat das ökonomisches Kapital als Basiskapital ein kleines Volumen, so spricht Reich von einer Mikroökonomik, wobei es die Aufgabe eines demokratischen Staates ist, die Teilnahme der Bürger/innen an einer solchen Mikroökonomik zu ermöglichen, um eine Verteilungsgerechtigkeit herzustellen. Die Entwicklungspotentiale der anderen Kapitalformen hängen vom Volumen des ökonomischen Kapitals ab. Eine konkrete Bilanzrechnung für die nicht-ökonomischen Kapitalformen ist schwierig; dennoch werden Investitionen, die zur Kapitalvermehrung immer nötig sind, in Rechnung zu stellen sein. Generell gilt: Es lohnt sich, in Lern- und Körperkapital, kulturelles und soziales Kapital zu investieren.

• Beim sozialen Kapital werden Kosten und Wirkungen stark durch Erfahrungswerte ermittelt. Neben einem sozialen Interesse an Freundeskreisen tritt immer wieder eine ökonomische Kosten-Nutzen-Analyse auf, die über soziale Beziehungen entscheidet. Generell kann es jedoch lohnenswert sein, in bestimmte Netzwerke zu investieren, von denen beispielsweise im Falle beruflicher Aufstiegspläne profitiert werden kann.

• Die Bedeutung des Volumens des kulturellen Kapitals verändert sich in der Moderne; es verliert im Vergleich zum wirtschaftlichen Erfolg an Bedeutung und verschwimmt immer mehr mit Bildung und Konsumkenntnissen.

• Das Volumen des Körperkapitals verspricht zusätzliche Gewinne, wobei die Bedeutung und Wirkungsweise des Körperkapitals bislang nicht umfassend empirisch untersucht wurde.

• Ein großes Lernkapital-Volumen ist eine Aufstiegschance, insbesondere wenn wenig ökonomisches Kapital zur Verfügung steht. Als Folge von Bildungsexpansionen sinken zwar erzielbare Einkünfte aufgrund von Angebot und Nachfrage-Mechanismen, dennoch fördert die Vergrößerung des Lernkapitalvolumens nach Reich die Eigenständigkeit und erweitert die Lebenschancen. Daher gilt das [Lernkapital] insbesondere als Basis für einen Mehrwert, der aus eigener Kraft geleistet werden kann.


Verteilungsbreite der Kapitalformen: Kapitalformen treten in sehr verschiedenen Mischverhältnissen auf. Betrachten wir zwei Fälle: Auf der einen Seite gibt es alle Formen mit einem eher geringen Volumen. Auf der anderen Seite ragt nur eine Kapitalform besonders heraus. Nach [Reich] bergen diese beiden Varianten Chancen und Risiken. Entscheidend ist, wie ausgeprägt eine bestimmte, gefragte Kapitalform im Vergleich zu denen anderer Menschen im persönlichen Umfeld ist, denn die eigenen Kapitale werden stets mit denen anderer Personen verglichen.

Empirisch konnte gezeigt werden, dass es Menschen vor allem wichtig ist, dass es eine Personengruppe mit geringerem Kapitalvolumen als sie selbst gibt. Um sich von anderen abzuheben, wird es als günstig angesehen, über wenigstens eine Kapitalform mit großem Volumen zu verfügen, wobei bei Aufstiegswünschen vor allem das Lernkapital erfolgsversprechend ist, allerdings durch eine Ausweitung sozialen Kapitals ergänzt werden muss.


Verteilungsdichte der Kapitalformen:

Die Dichte in der Verteilung der Kapitalformen ist individuell sehr unterschiedlich. Sie muss jedoch in der Regel von der Masse erarbeitet werden, die über wenig ökonomisches Kapital verfügt, während die Elite sie durch ihre Herkunft ererbt. Um den Abstand zum großen ökonomischen Kapital der Elite zu überwinden, versuchen vor allem Aufsteiger/innen, die eigene Verteilungsdichte der Kapitalformen als besonders günstig nach außen darzustellen. Die Leistungsgesellschaft arbeitet – im Gegensatz zur Elite – hart an einer Verdichtung bestimmter Kapitalformen. Während der Kapitalismus Aufstiegschancen vor allem durch Engagement und Leistung verspricht, bleiben die Fortschritte in der Verdichtung der Kapitalformen jedoch vergleichsweise klein. Durch die allgegenwärtigen Versprechungen und Aufstiegshoffnungen werden unter anderem Reformen, die unteren und mittleren Schichten im Aufstieg schaden, geduldig akzeptiert, da die Hoffnung auf eine Vergrößerung der Verteilungsdichte der eigenen Kapitale oft jenseits der messbaren Realität besteht.

Eine Analyse der Kapitalformen zeigt, dass diese durch verschiedene Mechanismen zusammenwirken. Durch die Transformierbarkeit der Kapitalformen profitieren vor allem diejenigen, die über wenigstens eine Kapitalform verfügen, die überdurchschnittlich ausgeprägt ist, um auch die Verteilungsdichte und das Volumen der anderen Formen zu erhöhen. Reich (2013) verdeutlicht, dass Erfolgsgeschichten entgegen häufiger Annahme die Ausnahme bilden; wirklich große Mehrwerte werden von Investitionen der Masse nicht generiert. Dennoch muss jede Person innerhalb dieses kapitalistischen Systems das eigene Entwicklungspotential einzuschätzen lernen und sich ein Profil zulegen. Damit wird ein ständiger Vergleich mit anderen Personen zum Ausdruck des Zusammenlebens.

Bei den Menschen wird ein kapitalistischer Habitus entwickelt, der alle Lebensbereiche durchdringt. Das kapitalistische System produziert und reproduziert so, auch wenn es oft insgesamt wirtschaftliches Wachstum generiert, dauerhaft Sieger und Verlierer, da es in diesem System immer um einen Vergleich untereinander geht und jeder sich nach oben orientiert und nach unten abgrenzen will.


Kapitalformen und Chancengerechtigkeit

Da Demokratien – im Gegensatz zum Markt – das Ziel haben, sich auf Chancengerechtigkeit hin zu orientieren, die eine gleiche Teilhabe aller ermöglicht, sind gesamtgesellschaftliche Interventionen notwendig, die die Kapitalformen regulieren und Chancengerechtigkeit erhöhen. Interventionen im Sinne einer gerechten Regulation schöpfen Gewinne aus Mehrwertproduktionen derart ab, dass Umverteilungen vorgenommen werden, ohne hierbei die Motivationen für weitere Investitionen schmälern zu wollen.

  • Mit Blick auf das ökonomische Kapital kommt eine höhere Besteuerung von Gewinnen in Frage, die das Grundeinkommen derer erhöhen, die andernfalls nicht an den Gewinnen teilhaben können. Ziel hierbei ist eine Eingrenzung der ökonomischen Spaltung der Gesellschaft. Andererseits sollten solche Umverteilungen nicht jenseits von eigenen Leistungen stehen, die für das gesellschaftliche System erbracht werden, weil sonst die teilhabende Motivation sinkt.
  • Interventionsmöglichkeiten zur Regulierung des sozialen Kapitals bestehen in einer Stärkung direkter Demokratie, wodurch die Teilhabe aller erhöht werden kann.
  • Das Körperkapital kann gesamtgesellschaftlich reguliert werden, indem eine Biopolitik verfolgt wird, die die Chancen auf ein langes und gesundes Leben gerecht verteilt.
  • Um Lernkapital gerechter zu verteilen, sollte eine Bildungsexpansion angestrebt werden. Investitionen in Bildung, die kostenfrei und inklusiv gestaltet sein sollten, ermöglichen eine Erweiterung von sozialen und kulturellen Handlungsspielräumen, höhere Selbstständigkeit und Selbstbestimmung.

Staatliche Interventionen sind aus politischer wie moralischer Perspektive notwendig. Es wird ein Beitrag zu Gerechtigkeit geleistet, wenn die Verarmung von Bevölkerungsschichten unter anderem mittels Bildungspolitik, sozialen Sicherungssystemen und einer Arbeitsmarktpolitik, die prekäre Beschäftigungsverhältnisse beendet, bekämpft wird. Grundlage hierfür sind nicht nur moralische Fragen der Gerechtigkeit, sondern auch die politische Stabilität der Demokratie, die für ihren Erhalt auf ein Mindestmaß an Chancen- und Generationengerechtigkeit angewiesen ist.

Gerechtigkeit als „gesellschaftlicher wie individueller Habitus“ bietet nach Reich zudem die Möglichkeit, einen Anspruch an das menschliche Leben zu stellen, der über eine ökonomische Perspektive hinausgeht. In einer Gesellschaft, in der alle Lebensbereiche eine Kapitalisierung erfahren, wächst auch die Sehnsucht nach Lebensweisen, die das Menschliche fokussieren und Freiheit nicht nur durch Kapitalisierung, sondern auch außerhalb der Kapitalisierung suchen.

Einen nicht-ökonomischen Ansatz von „Vermögen“ stellt der „Capabilities Approach“ von Martha Nussbaum (2009) dar. „Vermögen“ bezieht sich bei Martha Nussbaum auf menschliche Eigenschaften und Befähigungen, die ein Leben in Freiheit und Menschenwürde ermöglichen. Die „Vermögen“ finden sich in zehn zentralen Bereichen, darunter das Vermögen, die eigene Lebensweise frei gestalten zu können, ein menschliches Leben unter lebenswerten Umständen führen zu können und Beziehungen in menschlicher Verbundenheit zu leben. Dieser Ansatz ermöglicht es, Vermögen als eine nicht-ökonomische Größe zu betrachten und sich so einer Kapitalisierung aller Existenzbereiche zu entziehen.