Körperkapital

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
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Körperkapital

1. Körper-Begriff

Dem vom lateinischen corpus abstammenden Begriff Körper kann keine eindeutige Bedeutung zugeschrieben werden. Vielmehr handelt es sich bei ihm um eine Begrifflichkeit, die verschieden verstanden und genutzt sowie in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen jeweils auch unterschiedlich aufgefasst wird.

In Anlehnung an Descartes ist der Körper als res extensa zu verstehen, d.h. als Volumen, das sich im Raum ausdehnt. Entsprechende, den Körper vergegenständlichende Sichtweisen werden vor allem in den Naturwissenschaften zur Bezeichnung materieller Objekte und chemischer Stoffe herangezogen, aber auch die materielle Gestalt von Lebewesen wie Tieren und Menschen werden in Biologie und Medizin mit dem Körperbegriff umschrieben. Vom menschlichen Körper wird dann gesprochen, wenn dieser objektiviert behandelt werden soll. Er wird von dem in Philosophie und Theologie verhandelten Leib-Begriff unterschieden, weil hier der menschliche Körper im metaphysischen Sinne verhandelt und Aspekte wie die Selbstreferenz des Körpers auf den Körper berücksichtigt werden (vgl. Böhme 2003).

Die Art und Weise, wie der menschliche Körper wahrgenommen und verstanden wird, ist nicht als statisch zu beurteilen, sondern zeit- und kulturabhängigen Wandlungen unterworfen. So machen insbesondere die diskursanalytischen Arbeiten des Soziologen Michel Foucault darauf aufmerksam, wie andersartig die Körperverständnisse unter-schiedlicher Zeiten und unterschiedlicher Kulturen ausfallen und enttarnen den Körper als gesellschaftliche Konstruktion. Der menschliche Körper ist auf dieser Basis also nicht als etwas schlicht Gegebenes zu verstehen, sondern als Produkt kultureller und diskursiver Prozesse und damit auch sprachlicher Wirklichkeitskonstruktionen. Dieser Tatsache ist es geschuldet, dass zeit- und kulturabhängig verschiedene und unterschiedlich durchgesetzte Diskurse die Wahrnehmung und das Verständnis des Körpers maßgeblich bestimmen. Als im Rahmen des aktuellen Körperdiskurses wesentlicher Aspekt konnte sich in den letzten Jahrzehnten der geschlechtliche Körper durchsetzen. So bestimmen momentan vor allem Diskurse um die Zuschreibung von Geschlechterrollen, Feminismus und Emanzipation das Verständnis von Körpern.

Wissenschaftliche Thematisierung von Körper Im Gegensatz zur Medizin, welche die umfassende naturwissenschaftliche Erforschung des menschlichen Körpers zum Gegenstand hat, zeichnen sich andere Disziplinen – so vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaften – durch eine Tendenz in Richtung Körpervergessenheit aus. So räumt die Pädagogik dem Geist sehr oft eine Vormachtstellung gegenüber dem Körper ein und auch im Rahmen der Philosophie spielt der Körper – bis auf wenige Ausnahmen wie die phänomenologische Thematisierung von Leiblichkeit durch Merleau-Ponty oder die Arbeiten von Foucault zu diskursiven Körperkonstruktionen – eine untergeordnete Rolle. Auch die Soziologie betont auf Kosten der inneren Körperthematik eher äußerlich wirkende gesellschaftliche Verhältnisse. Auch in der Psychologie wird dem komplexen Phänomen Körper aufgrund einer Verkürzung der Thematisierung auf Symptomatik und medizinische Aspekte oft nicht aus-reichend Rechnung getragen, da insbesondere die subjektive Seite aufgrund der vorherrschenden reduktionistischen Empirie in der Gegenwart nicht hinreichend Berücksichtigung findet.

Relevanz für die Forschung Der menschliche Körper gewinnt zunehmend an Relevanz für die Forschung, da er in verschiedenen Lebensbereichen bedeutsamer und in menschlichen Handlungen präsenter geworden ist. Sowohl die Wahrnehmung als auch der Konsum vieler im aktuellen Körperdiskurs verhandelten Erscheinungsformen, haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. So charakterisiert die Moderne den menschlichen Körper als natürlich, besonders und einmalig. Mit Aufkeimen des Kapitalismus ist schon lange bekannt, dass ein wirksamer Arbeits- und Freizeitkörper unversehrt sein muss, was eine ausreichende Gesundheitsfürsorge und Fitnessbewegung voraussetzt. Schon in der Antike war die These "Mens sana in corpore sano“ – „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ – weit verbreitet. Mit der Entwicklung des Kapitalismus verstärkte sich die Präsenz der Körperkultur im Alltag und im Zuge dieses Trends wurde der Körper, mit dem sich zuvor vorwiegend die Medizin wissenschaftlich auseinandersetzte, auch für viele andere Disziplinen immer interessanter.

Ein Bereich, in dem der Körper eine bedeutende Rolle spielt, ist heute beispielsweise die Körperindustrie, welche auf gewinnorientierte Weise versucht, die Körperbilder zu Konsumzwecken zu beeinflussen. Die Mode formt durch Zeitschriften, Fernsehberichte usw. eine Schönheit in Uniformität, wobei in Massenproduktion genügend Gewinne auf dem Markt erzeugt werden. Das Individuum sieht sich mit Anforderungen an den idealen Körper und eigenen Wunschvorstellungen im Rahmen der Nachahmung oder auch der Abgrenzung konfrontiert, wobei ein Kreislauf der steten Überbietung nicht selten entsteht. Auch der Lebensbereich, der die Körperpraktiken der Körperkunst und Schönheitsoperationen umfasst, verdeutlicht Veränderungen des Körperbewusstseins. Der gesellschaftliche Zwang wird als innerer erlebt oder der innere Zwang in einen gesellschaftlichen verwandelt. Der eigene Körper wird gebildet, gestaltet und geformt, teil-weise sogar verletzt. Darüber hinaus stellt der Bereich der Medizin auch heute noch einen beispielhaften Lebensbereich dar, in dem der Wandel und die ekstatische Form der Körperwahrnehmung deutlich werden. Hier steht der Körper mittlerweile als Reparaturbaukasten, Reproduktions- und Transplantationsmaschine im Fokus einer Apparate- und Gerätemedizin. Diese zeigt wie durch technische Hilfsmittel in die Funktion des Körpers eingegriffen werden kann und bringt ein Bewusstsein der körperlichen Veränderbarkeit hervor, welches den Körper als Konstruktionsobjekt in bisher unvorstellbaren Ausmaßen darstellt.


Entwicklung des Körperverständnisses

Da der Körper für Menschen unmittelbar natürlich und greifbar scheint, wird dem Körper eine hohe Bedeutung zugemessen, um in der flüssigen Moderne, einer Zeit voller Unsicherheit und Unübersichtlichkeit, einen greifbaren Handlungs- und Erwartungsraum zu konstruieren. Damit einher geht eine neue Sorge um den Körper und das Ich, die den Individualisierungsprozess begleitet. So werden zunehmend Anstrengungen bis hin zu Qualen auf sich genommen, um den eigenen Körper gesund und fit zu halten. Im Vergleich über die Zeitalter wechseln die Motive dessen, was für gesund und fit gehal-ten wird, jedoch erheblich. Die Körper wirken nie neutral, da in sie selektive Interessen im Wandel der Kultur eingehen, welche zudem in enger Beziehung zu anderen Kapital-formen stehen.

Für das heutige Verständnis des Körpers und seiner weitreichenden Bedeutung für die individuelle Entwicklung des Menschen sind zwei Theorien besonders interessant.

Zum einen die von Jean-Jacques Rousseau 1762 dargelegten Erziehungsvorstellungen im Emile[1]. Der Zögling soll durch die Natur, den Menschen und die Dinge erzogen und unterrichtet werden. Gemäß Rousseau kann das Individuum durch die insbesondere physische Auseinandersetzung mit der Natur und den Dingen seine Umwelt erkunden und erschließen. Insbesondere Einflüsse der Umwelt wirken entscheidend auf Körper und Geist des Zöglings. Im Rahmen der Wechselwirkung zwischen dem Körper, dem Geist und der Umwelt wird so das Ich als Ausdruck äußerer Verhältnisse konstruiert.

Zum anderen hat Sigmund Freud einen wichtigen Beitrag zum Diskurs über die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist geleistet, indem er die kulturelle Aneignung von Körperbildern nachhaltig relativierte. In seiner Triebtheorie[2] gibt es das Es, eine Instanz, die einen Spannungszustand zum Ich und seiner Außenwelt von innen her auslöst, indem es nach unmittelbarer Befriedigung verlangt. Das Ich als zentrale Instanz, welches im Austausch mit der Umwelt steht, ist auf seinen Körper und sein Begehren stärker angewiesen, als es die Rationalität dem Ich verspricht. Das Ich muss mit dem Es, dem Über-Ich und der Außenwelt stets aushandeln, welchen Bedürfnissen es nachgehen kann. Eine mögliche Balance umfasst einerseits die Bedürfnisse des eigenen Körpers und dessen Optimierung im Sinne des Lustprinzips und andererseits stets die Berücksichtigung fremdbestimmter Normen der Außenwelt im Sinne des Realitätsprinzips. Dadurch ist sowohl Antrieb als auch Konkurrenz für das Ich vorhanden und motivieren es, seinen Körper als Kapitel im Umgang mit sich und anderen zu optimieren und einzusetzen.

Beide Ansätze stehen paradigmatisch für Zugänge zum Körper, die sowohl von der Außenwelt auch dem Inneren des Menschen bestimmt sein können. Solche Zuschreibungen kehren in zahlreichen Theorien wieder, in denen entweder äußere Verhältnisse oder innere Dispositionen angesetzt werden, um Funktionsweisen und Bilder des Körpers zu verdeutlichen. Nachfolgend wird ein neues und anderes Bild des Körpers hinzugefügt: seine Gebrauchsweise in der Kultur und die dabei entstehenden Tauschverhältnisse als Ausdruck seiner Kapitalisierung.

2. Mehrwert des Körperkapitals

Im Zeitalter der flüssigen Moderne (Begriff von Zygmunt Bauman [3]) wird der Körper neu konstruiert. Von der Produzentenrolle, die ihn im Dienste der Pflichterfüllung in der Familie, Arbeit und Unterordnung in gesellschaftlichen Herrschaftsformen eher durch Fremdbestimmung diszipliniert, wechselt er in der zunehmend individualisierten Gesellschaft in eine eher subjektbezogene Konsumentenrolle. Dieser Wandel zeigt sich für den Körper in den steigenden finanziellen und zeitlichen Aufwänden für Körperpflege und Körperarbeit. Auch das körperliche Erleben und seine Interpretation verändern sich in der Konsumekstase als Ekstase der Körperlichkeit.

Mit der zunehmenden Arbeit am Körper geht die Herausbildung eines körperlichen Habitus einher. Hierbei entsteht die Erwartung nach Gegenleistungen für die getätigten Investitionen, z. B. in Form einer Steigerung der körperlichen Leistung, Lust, Gesundheit oder der Anerkennung durch andere.

Dabei ist der körperliche Habitus [4] stets im subjektiven Erleben inkorporiert – in gleicher Weise wie auch der kulturelle Habitus – und untrennbar mit dem Ich verbunden. Deshalb wird der Nutzen der getätigten Investitionen ins Körperkapital immer stark subjektiv empfunden und bilanziert. Dem Individuum bleibt ein ständiger Zweifel, wie realistisch seine Ertragsziele vor dem Hintergrund von Möglichkeiten und Grenzen der Investitionseffekte tatsächlich sind. Eine weitere Ambivalenz besteht darin, dass durch den konsumierenden Körper die Annahmen über Ordnung und Sicherheit in Frage gestellt werden: Der Konsum in Form vielfältiger Körperpraktiken ist nicht inhärent förderlich, sondern kann sich langfristig durchaus auch gesundheitsschädlich auf den Körper auswirken, z. B. in Form von Verletzungen, Vergiftungen oder Gewichtszunahme. Das Individuum steht daher ständig vor der Aufgabe, sich zu entscheiden, welche der stark ambivalenten Körperpraktiken es zu welchem Zweck verfolgen sollte.

Im Körperkapital erscheint schließlich die eintauschbare Form der vielfältigen Gebrauchswerte des Körpers, wenn es bei einer Gelegenheit auf einem der Märkte in der Arbeit, bei der Suche nach Partnerinnen und Partnern, in der Zulassung zu bestimmten Freundeskreisen und sozialen Gruppen zu Erfolgen kommt.

Die getätigten Investitionen in das Körperkapital lassen sich in drei Arten unterscheiden. Zum einen die Zeit, die investiert wird, um Körperkapital zu erwerben, als auch um es zu pflegen und zu nutzen. Zeitinvestitionen stehen unter Verwertungsdruck, da sie von den übrigen Unternehmungen des alltäglichen Lebens abgehen. Zum anderen lässt sich ein Aufwand an Kraft, Energie und Durchhaltevermögen benennen, der investiert wird. Schließlich bleiben die Mittel, die verwendeten Ressourcen und Materialien oder Gelder, die für den Körper ausgegeben werden. Der Umfang der jeweils getätigten Investitionen für die Gesundheit, die Fitness, die Schönheit usw. erzeugen daran gebundene Erwartungen an eintauschbare Mehrwerte. Diese müssen sich jedoch in jedem Einzelfall bewähren und sind nur bedingt planbar.


Mehrwertproduktion durch Körperarbeit

Es gibt vier Formen der Mehrwerterzeugung durch Körperarbeit, die einander ergänzen können, aber auch jeweils für sich stehen:


Gesundheit als Gebrauchs- und Tauschwert

In der Geschichte hat sich der Wert der Gesundheit verändert. Es hat sich gezeigt, dass, je wohlhabender ein Land ist, desto höher auch die Kosten für die Gesundheit der Menschen liegen. Die Verantwortung für die Investitionen trägt dabei immer stärker das Individuum. Heutzutage steht es ihm relativ frei, wie viel es für seine Gesundheit aus-gibt und welche Arbeit es sich aussucht, die möglicherweise längerfristig Einfluss auf den Körper hat. Aber diese Freiheit ist sehr stark an das ökonomische Kapital gebunden.

Die in der Körperarbeit gemachten Kosten bilden eine Differenz zum möglichen Ertrag, der sich auf einem Markt eintauschen lässt. Einen Mehrwert durch Gesundheitskapital kann ich erzielen, wenn ich Kosten in die Gesundheit investiere, die möglichst nachhaltig und langfristig wirken. Mein Körper muss sich als gesünder als ein Durchschnitt erweisen. Im Tausch will ich bessere Arbeitsplätze, lange Zeiten ohne Arbeitslosigkeit, ein längeres Berufsleben, die Rückerstattung von Versicherungsprämien (insbesondere bei Krankenversicherungen), ein längeres Leben usw. zu erhalten. Der Mehrwert entsteht durch eine Vermehrung von Lohn und Einkommen, die ein Mehr über die Verausgabungen hinaus darstellen.

Dass ein gesunder Körper mehr Profit erwirtschaftet, haben bereits auch einige Firmen erkannt und Gesundheits- und Vorsorgebilanzen für ihre Mitarbeiter erstellt. Menschen in unterbezahlten Arbeitsmilieus haben es deutlich schwerer und müssen darauf achten, nicht körperlich ausgebeutet zu werden. Zudem fehlen Menschen in den unteren sozia-len Schichten meist die Bildung und die Finanzen, um ihre Gesundheit richtig zu fördern. Profit aus dem Körperkapital kann zudem erst dann erwirtschaftet werden, wenn genug Geld vom Lohn übrig bleibt, um in die Gesundheit zu investieren.


Fitness als Gebrauchs- und Tauschwert

Das Verständnis von Fitness ist heute allgegenwärtig. Ein durchtrainierter Körper wirkt überlegen und ist das Zeugnis von Disziplin und Willen. Die Medien und die Konsumgesellschaft suggerieren die Notwendigkeit von immer mehr Produkten und Trainingsprogrammen, um sich fit und gesund zu halten. Der Drang nach Vergleichbarkeit und sozialem Aufstieg in der Gesellschafft spielen insbesondere der Ausnutzung von Lohnarbeit in die Hände, weil und insofern die Kosten dem Individuum aufgelastet sind und die Firmen zu großen Teilen entlasten. Dabei steigen die Kosten für die Fitness immer weiter an.

Auch hier kann ein Mehrwert erzielt werden, der aus der Differenz von verausgabten Kosten zu langfristigen Einnahmen vergleichbar zur Gesundheit führt. Fitness geht aber nicht in Gesundheit auf, sondern führt ein Eigenleben neben dieser. Die Investitionen wie verbrachte Trainingszeiten, der Gang ins Fitnesscenter, der Konsum diverser Fitnessprodukte bringt den Menschen in ein ekstatisches Gesundheitskonstrukt. Nie ist jemand fit genug, nie gibt es ein Ende, stets zeigt die Konkurrenz einen überlegenen Körper, der noch fitter ist. Da es in wohlhabenden Ländern nahezu jeder gesunde Mensch schaffen kann, mit Fleiß und Sport seinen Körper überdurchschnittlich zu trainieren, zeigt bei einer Erhöhung der Kosten zugleich das Risiko, keinen Mehrwehrt aus den Investitionen zu erzielen.


Erotischer Gebrauchs- und Tauschwert

Das es möglich ist, durch Prostitution Einkommen und Kapital zu erwirtschaften, ist seit den Anfängen menschlicher Zivilisation ein Teil der Gesellschaft. Es gibt jedoch auch andere Möglichkeiten, aus dem Körper erotisches Kapital zu gewinnen. Denn neben der angeborenen Schönheit sind weitere Faktoren wichtig und relativeren das ohnehin heikle Konstrukt des Schönen. Pflegeprodukte, Kleider und Schmuck sind wichtige Beispiele, wie durch das Verbessern der Präsenz und des Aussehens zunächst Gebrauchswerte entstehen, die sich dann auf einem der Märkte in Tauschwerte verwandeln lassen. An-gefangen bei höheren Erfolgsaussichten bei Bewerbungsgesprächen bis hin zu sozialen Beziehungen in den so genannten besseren Kreisen birgt das erotische Kapital Vorteile. Catherine Hakim (2011) teilt die einzelnen Merkmale von erotischem Kapital folgen-dermaßen auf:

  • Schönheit ist je nach gesellschaftlicher Vorstellung und geerbter körperlicher Ausstattung ein Merkmal, das gepflegt werden muss, um das Individuum von anderen abzuheben. Dabei entstehen vor allem Kosten bei der Erhaltung von makelloser Haut, der Jugendlichkeit des Aussehens, des richtigen Gewichts.
  • Das Sexappeal oder die erotische Ausstrahlung muss erlernt werden und ist vor allem im höheren Alter von zentraler Bedeutung, da in den meisten Kulturen die jungen Generationen als sexuell attraktiver wahrgenommen werden.
  • Soziale Fähigkeiten wie Flirten, Charme und Auftreten erhöhen die Chancen für eine Realisierung des Tauschwertes. Ökonomische, kulturelle oder soziale Macht können dabei verstärkend wirken und setzen Investitionen in andere Kapitalformen voraus.
  • Fitness und Lebendigkeit sind Ausdruck für Potenz und Gesundheit, aber auch das Temperament, Humor und Bewegungsfähigkeiten beeinflussen die Wirkung nach außen.
  • Soziale Unterschiede werden auch durch Mode und Make-Up erzielt. Eine Investition in diesem Feld erscheint als unerlässlich für die Steigerung der Marktchancen.
  • Erotische Bilder oder Filme werden nicht nur für die Werbung eingesetzt, sondern sorgen auch für die allgemeine Wahrnehmung einer Käuflichkeit und führen oft zu einer verzerrten Vorstellung von Sexualität
  • Ein Merkmal, welches nicht käuflich zu erwerben ist, ist die erfüllte Sexualität. Die individuelle sexuelle Befriedigung kann nur durch eine sexuelle Kompetenz erreicht werden, welche je nach Kultur und individuellen Bedürfnissen eine Fähigkeit ist, die erlernt werden muss. Hier bleibt nach Reich die Gebrauchswertseite im tatsächlichen Gebrauch und wird weder gedanklich noch tatsächlich auf den Tauschmarkt geführt.

Das erotische Kapital ist für viele Menschen ein Tabu, weil sie den Gebrauchswert lieben, aber den Tauschwert nicht gerne für ihre Beziehungen anerkennen. Ein Blick auf die reichen und die Schönen oder in die bunten Illustrierten dieser Welt zeigt schnell, wie sehr oft die Tauschwerte längst dominant geworden sind. Und wer mag bei der Wahl der Liebe behaupten, gänzlich frei von Tauschpositionen im sozialen Auf- und Abstieg zu sein?


Biokapital

Der Angriff auf die Natur und der Versuch aus ihr Profit zu schlagen, war schon seit jeher ein Teil kapitalistischer Praktiken. Auch der Körper bleibt hiervon nicht verschont. Für die Bioindustrie, Pharmazie und auch die illegale Drogenindustrie ist der Körper das Mittel zum finanziellen Erfolg. Die Menschen werden verführt, in den Körper zu investieren, sie sollen Produkte kaufen, die laut Hersteller den Zustand verbessern oder das Wohlbefinden bzw. den Genuss steigern.

Wie sehr dabei Gewinnüberlegungen eine Rolle spielen, zeigt die Pharmazie, die sich auf Medikamente fokussiert, welche die reichen Gesellschaften und in diesen große Gruppen betreffen. Seltene Krankheiten werden vernachlässigt.

Biologisches Kapital lässt sich heute insbesondere durch Gentechnologie aufbauen. Allerdings ist dieses Gebiet durch Gesetze begrenzt. Die Länderunterschiede sind beachtlich.

Vier Aspekte in der Handlungsanalyse der Nutzung des Körperkapitals sind wichtig:

  1. eins Körper sind ein sichtbarer und präsenter Ausdruck von Personen, eines jeweiligen Habitus und Geschmacks, bestimmter Gesundheit, Fitness, Erotik und Biomanipulation. Körper unterliegen dabei dem Vergleich der Menschen untereinander und es gibt hin-reichend körperliche Gebrauchswerte, die sich erwerben lassen, als auch Märkte, auf denen solche Gebrauchswerte zugänglich sind.
  1. zwei Körper werden in der Kultur präsentiert. Eine sichtbare Verkörperung erscheint, indem Körper in Szene gesetzt werden. Es gibt hierfür einen Markt des Schauens, des gesehen Werdens, einer Relevanz der Bevorzugung und Auswahl. In der Individualisierung der Körper erscheint zugleich umfassende Steuerung geleiteter, gelenkter, konsumbezogener Körperpraktiken in den Märkten. Immer mehr Zeit wird für die Pflege, Sorge um sich, Gesundheit, Fitness, Biopraktiken der Verjüngung, Verschönerung und Reparatur aufgewandt.
  2. drei Welche tatsächlichen Gewinne aus dem Körperkapital gezogen werden, beruht auf subjektiven Erfahrungen und vermuteten Erwartungen. Die eingesetzten Kosten an Zeit, Aufwand und Mitteln erweisen ihren Nutzen erst bei der Erzielung eines höheren Einkommens, einer Heirat mit Aufstiegscharakter oder anderen Gewinnformen. Gleichwohl ist gesellschaftlich bekannt, dass ein günstiger körperlicher Habitus und das Aussehen stark förderlich für Karrieren sind.
  1. vier Die Offenheit einer Kultur zeigt sich heute darin, inwieweit es durch Körperkapital möglich ist, alte Standesgrenzen nach Geburt und Einkommen zu überspringen. Der kapitalistische Konsumdruck wirkt durch die Körperindustrie stark in die Breite, was einerseits Aufstiegsszenarien zu erleichtern scheint, andererseits aber auch den Konkurrenzdruck erhöht. So geraten Körperszenarien schnell in Krankheitsbilder, um das er-wartete Maß an Schönheit und Schlankheit noch zu übertreffen. Der kulturelle Druck wächst sehr stark an, weil die Werbung und Medien Körperbilder möglichst perfekt darstellen, um noch mehr Gebrauchswerte anzudienen. Die Tauschwertseite wird so zugleich, insbesondere durch das natürliche Altern aller Menschen, ständig durch neue Konkurrenz entwertet.


Mehrwertproduktion durch Angebot und Nachfrage

Die stete Präsenz des eigenen, aber auch anderer Körper in sozialer Interaktion oder Medien und der Hang zum Vergleich mit anderen führt dazu, dass Menschen ihren Körper und damit sich selbst in allen Bereichen des Lebens inszenieren. Der Mehrwert des Körperkapitals, der sich durch Angebot und Nachfrage ergibt, gründet auf diesem Vergleich von Körpern und den daraus resultierenden Inszenierungspraktiken. Im kapitalistischen System wird diese Tendenz zum Vergleich und die sich darin äußernde Differenz zwischen den Menschen genutzt, die Nachfrage nach dem perfekten Körper zu erhöhen und eine Körperindustrie zu etablieren. Diese bietet jene Güter oder Dienstleistungen an, mit denen die Möglichkeit suggeriert wird, sich dem vorherrschenden Körperideal anzunähern. Angebot und Nachfrage treten so in eine wechselseitige Beziehung: Die Körperindustrie etabliert ein oder mehrere Körperideale und erhöht damit die Nachfrage der Menschen nach diesen Idealen. Auf dieser Grundlage bietet die Körperindustrie nun Waren oder Dienstleistungen an, die diese Nachfrage bedienen sollen. Das Körperideal wird so perfektioniert, dass ein Erreichen dieses Ideals zugleich immer unwahrscheinlicher wird, weil die Illusion des perfekten Körpers nie vollständig und dauerhaft erreichbar ist.

Die Chancen für Marktvorteile eines Körpers hängen von kulturellen Kontexten ab. Gilt ein Körperbild als nachgefragt, kann dieser mit seinen Gebrauchswerten auch als Tauschwert eingetauscht werden, zum Beispiel bei Beziehungen, Partnerschaften, bei der Arbeitsplatzsuche, der Errichtung sozialer Netzwerke und so weiter. Damit der Körper trotz Alterungsprozess als Kapital genutzt werden kann, muss er dauernd verbessert und verschönert werden. Der Mehrwert entsteht hierbei aus der Differenz der verausgabten Kosten für das Angebot eines bestimmten Körpers und dem erzielten Gewinn bei der jeweiligen Nachfrage.

Vier Aspekte der Handlungsanalyse der Nutzung der Differenz durch Angebot und Nachfrage sind wesentlich:

  1. eins Der Körper hat in unterschiedlichen sozialen Gruppen eine Bedeutung, die szene-, kultur- und milieuspezifisch anders gedeutet wird. Diese Deutung des Körpers unter-liegt dem Wandel der Zeit und sich ändernden Moden. Durch neue Impulse können neue Körperbilder und -ideale entstehen und somit Angebot und Nachfrage beeinflussen.
  1. zwei Ein wachsendes Angebot bietet immer mehr Wahlmöglichkeiten, in seinen Kör-per zu investieren. Die Kenntnis über den Markt der Körperindustrie kann dabei helfen zu entscheiden, inwieweit der eigene Körper nachgefragt wird und welche Investitionen nötig sind.
  1. drei Als körperliche Tauschmittel können körperliche Beziehungszeit (Erotik und Sex) oder gemeinsame körperliche Erlebnisse (Fitness und Sport) angesehen werden, wobei nicht alle die gleichen Zugangsvoraussetzungen zu diesen Tauschmitteln besitzen.
  1. vier Solange die Nachfrageseite berücksichtigt wird, lohnen sich körperliche Investitionen entweder auf der individuellen Nachfrageseite, das heißt in den Formen subjektiver Befriedigung oder auf der gesellschaftlichen Nachfrageseite. Hiermit ist ein durch die Investitionen erreichter Zugewinn bei der Findung von Beziehungen, bei Einkommen und Sicherheit des Arbeitsplatzes oder der Selbstständigkeit gemeint.


Mehrwertproduktion durch Illusionierungen, Täuschungen und Betrug

Der Mehrwert des Körperkapitals durch Illusionierungen, Täuschung und Betrug entsteht als Differenz aus den Kosten für die Gebrauchswerte des Körpers und den fiktionalen Werten durch Illusion, Täuschung oder Betrug. Der Körper muss, da er bei der Mehrwertproduktion immerzu in einem Vergleich mit anderen Körpern steht, sich gleichzeitig von anderen Körpern abheben und einem sehr individuellen Schönheitsideal entsprechen. Die Selbstinszenierung als individueller Körper kann durch Illusionierungen, Täuschungen und Betrug erreicht werden.

Illusionierungen sind als Werbeinstrument der Körperindustrie zur Steigerung der Nachfrage allgegenwärtig, aber auch allgemein „gesellschaftlich erwünscht, denn als Konsumenten sollen alle Menschen das kaufen, was mit hohen und oft übertriebenen Versprechungen auf den Markt gebracht wird.“ (Reich, 2013: 280) Der ambivalente Charakter von Illusionierungen liegt darin, dass mit ihnen einerseits eine große Menge an Menschen angesprochen werden soll, sie andererseits dem Einzelnen eine bessere Wirkung im Vergleich zu anderen versprechen. Der Konsument soll davon überzeugt werden, mit dem Konsum die Teilhabe am Körperideal tatsächlich erkaufen zu können. Angebotene Waren werden zu Werbezwecken mit idealkonformen Körpern kombiniert, um Konsumgüter mit vom Menschen erwünschten Selbstbildern zu verknüpfen. Dadurch wird die Illusion erweckt, sich mit dem Kauf oder dem Konsum der Ware dem körperlichen Ideal anzunähern. Da die Werbung ihre Effekte auf den Massengeschmack hat, wirkt die erstrebte Illusionierung in Teilen tatsächlich, weil sie eine Erwartungshaltung bedient.

Täuschungen sind Eingriffe des Menschen in die Konstitution seines Körpers (zum Beispiel Schönheitsoperationen), um die eigene Wahrnehmung des Körpers (Selbsttäuschung) oder die Wahrnehmung durch andere zu lenken. Zu Täuschungen gehören jedoch auch Körperpraktiken bei Bewerbungen wie die digitale Nachbearbeitung eines Fotos, die inszenierte Bekleidung oder die Suggestion hinreichender Fitness. Das Trugbild eines perfektionierten Körpers ist hier, wie bei den Illusionierungen, das jeweils im Kontext Erwünschte. Damit stabilisiert soziale Erwünschtheit das ideale Körperbild und bekräftigt dessen Status.

Betrug liegt dann vor, wenn Anbieter in Bezug auf die gewünschte Veränderung des Körpers nicht halten können, was sie mit ihren scheinbaren Gebrauchswerten versprechen. Früher war dies traditionell die Jungfräulichkeit vor der Ehe, die das Versprechen erhöhte. Heute äußerst sich der Betrug zum Beispiel darin, wenn Menschen sich vom Geburtsdatum her jünger machen als sie sind oder Erbkrankheiten oder andere Belastungen verschweigen.

Für Illusionierungen, Täuschungen und Betrug gibt es gerade im Blick auf die Gebrauchswerte des Körpers sehr fließende Übergänge, denn vielfach glauben die Menschen das, was ihnen versprochen wird oder sie sich selbst versprechen wollen. In der Selbstwahrnehmung ist die Täuschung über das, was man schon hat oder nicht mehr besitzt besonders ausgeprägt.

Vier Aspekte der Handlungsanalyse der Nutzung der Illusionen, der Täuschungen oder des Betruges lassen sich hervorheben:

  1. eins Die natürliche Ausstattung des Körpers entscheidet darüber, welche Illusionen, Täuschungen oder welcher Betrug genutzt werden können oder müssen, um einen Mehrwert im Körperkapital zu erzeugen. Je näher der Körper durch eigene Anlagen in Kombination mit Illusionen, Täuschung und Betrug einem körperlichen Ideal kommen kann, desto eher sind Gebrauchswerte bereits vorhanden, die andere nur mühsam erreichen können oder grundsätzlich verfehlen.
  1. zwei Körperliche Leistungen müssen als plausibel nach außen gezeigt werden, um glaubwürdig zu sein und tatsächlich Absatz zu finden. Das Körperbild bedarf der Bewertung durch andere, Erfolge bei Sport, Sex und Selbstdarstellungen sind wesentlich. Illusionen, Täuschungen und Betrug können helfen, diese Präsentation nach außen zu verbessern.
  1. drei Gewinne im Körperkapital werden nicht gerne angesprochen, weil sowohl die erfolgreiche Mehrwertstrategie als auch der Erwerb, etwa bei einer Einstellung, einer Heirat oder Aufnahme in eine soziale Gruppe, gerne verdeckt und verschwiegen wer-den. Der Körper soll in Abgrenzung zur Prostitution nicht vergütet, sondern symbolisch entlohnt werden. Inwieweit die menschlichen Beziehungen, die in solchen Tauschakten entstehen, dann tatsächlich ohne jedes ökonomische Kalkül angetrieben sind, lässt sich objektiv kaum definieren, weil es den subjektiven Wünschen ach Anerkennung auf beiden Seiten entgegensteht. So wird die Heirat ins höhere Einkommen nie deshalb, sondern nur aus Liebe erfolgen.
  1. vier Mehrgewinn durch Körperkapital kann einerseits einen bereits bestehenden Wert im Eintausch erhöhen, also einen Mehrwert realisieren, aber dadurch sogar noch weiter maximieren, indem der Körper noch interessanter und begehrter als zuvor ist. So wird die Nachfrage gestärkt.


Mehrwertproduktion durch parasitäre Teilhabe

Der Mehrwert des Körperkapitals durch parasitäre Teilhabe entsteht als Differenz aus Teilhabe an dem Besitz anderer und dem eigenen minimalen Aufwand. In der Handlungsform entsteht der Gewinn insbesondere durch Vererbungs-, Transplantations- und Heiratsverhältnisse. Es spielt erstens eine Rolle, welche genetische Herkunft vorliegt und wie diese sich auf die körperlichen Eigenschaften auswirkt. Zweitens können Transplantationen als parasitäre Teilhabe an den Organen anderer Menschen angesehen werden, vor allem, wenn Menschen gegen ökonomische Vergütung ihre Organe anbieten. Schließlich ist eine besondere Form der Mehrwertproduktion in denjenigen Heiratsverhältnissen zu beobachten, in denen sich die Reichen mit den Schönen verbinden. Sie stehen in einem beidseitigen parasitären Verhältnis: die Schönen erlangen Zugang zu ökonomischen Vorteilen, die Reichen Zugang zur erotischen Ausbeutung.

4. Gesellschaftliche Nutzung des Körperkapitals

Körper werden sehr oft als natürlich beschrieben. Der Mensch sieht den Schutz des eigenen Körpers als besonders wichtig an. Die Umwelt des Körpers wird jedoch nicht ausreichend als Lebensraum geschützt. Wir betrachten die Welt aus einer körperlichen Perspektive und wie sich der Körper in der Gesellschaft widerspiegelt. Ausdruck dessen sind unter anderem die staatliche Regulierung von Bereichen, die den Körper betreffen und formen als auch die vermeintliche Freiheit eines jeden Körpers, der als unbestrittener Privatbesitz gilt. Die Freiheit des Körpers bewegt sich jedoch immer nur in Grenzen gesellschaftlicher Normen, Gesetze, Differenzkonstruktionen. Michel Foucault sieht in seiner diskursiven Auseinandersetzung den Körper als eingeschriebenes Körperwissen, welches sich sichtbar für andere in Handlungen ausdrückt. Daraus ergibt sich ein Span-nungsverhältnis, dass sich an Foucaults Macht-Wissen-Komplex orientiert. Zum einen wird der Körper als fremdbestimmt, unfrei und durch die Gesellschaft reguliert und definiert beschrieben. Die Macht äußert sich in einer Unfreiheit des Körper und in normativen Zuschreibungen und Vorstellungen der Gesellschaft, wie der Körper sein soll, was als gesund oder krank, behindert oder nicht behindert, schön oder unschön wahrgenommen und kommuniziert wird. Solchen Zuschreibungen wirken z. B. repressiv, normierend, disziplinierend. Diese Macht wirkt auf den Körper und ebenso wirkt das Individuum machtvoll auf seine Umwelt. Zum anderen wird der Körper im kapitalistischen Verständnis als frei, selbstbestimmt und individuell aufgefasst. Der Körper äußert sich produktiv, konstruierend und in einer Notwendigkeit für das Überleben. Die Deutungshoheit von Körpernormen ist von Macht besetzt und ausgefüllt, die sich in Aussagen einzelner machtvoller Vertreter/innen und Institutionen zeigt. Vorherrschende Machtgefüge schreiben sich in die Körper ein und erscheinen als Wissen über diesen. Das Wissen über den Körper und dessen Praktiken werden dabei von machtvollen Positionen genutzt und heute insbesondere zugunsten der Körperindustrien eingesetzt. Ein Beispiel hierfür ist der Warenmarkt der Schönheits- und Pharmaindustrie. Ein andere die Werbung. Es gibt Macht-Wissen-Mechanismen, die beispielsweise durch Zuschreibungen oder Diagnosen in Bezug auf Behinderung oder Nicht-Behinderung, psychische Auffälligkeiten oder körperliche Beeinträchtigungen bei Kindern wirken. Das Urteil eines Arztes entscheidet über den Fortgang des möglichen Umgangs mit dem Kind (Therapien, Medikamente, Förderungsprogramme). Hierdurch wird auch bestimmt, wie über den Körper gesprochen wird. Verschiedene Interessensgruppen und Berufsfelder profitieren von einer solchen Diagnose und ihren folgenden Interventionen. Daraus resultiert aus einer kritischen Beobachtungsperspektive, dass das Sprechen über Körperpraktiken stets dem Anspruch einer Betrachtung der Machtmechanismen einschließen sollte. In dem Spannungsverhältnis der Regulierung von individuellen und gesellschaftlichen Körper wird eine Bio-Macht (= Machttechniken, die auf die gesamte Bevölkerung zielen und diese somit regulieren) deutlich. Der individuelle Körper wird konkret und verdeckt durch Untersuchungen und Beurteilungen reguliert. Im gesellschaftlichen Bezug wird der Körper durchleuchtet, seine Funktionalität geprüft und es findet eine Kategorisierung seines Zustandes statt. Diese Ergebnisse werden in Form großer Datensammlungen über die Körper wieder eingesetzt, um den Diskurs über die Körper zu bestimmen und zu lenken. Auswirkungen sind zum Beispiel die politisch vorgegebene Einrichtung von Raucherbereichen bzw. Rauchverboten im öffentlichen Raum oder auch eine hierdurch veränderte Werbestrategie der Zigarettenhersteller in Bezug auf das Image der Zigarette (junge Gelegenheitsraucher) und gesundheitliche Hinweise für den schädlichen Konsum. Jedoch kann ein Diskurs auch eine Akzeptanz und Integration neuer, regulierter gesellschaftlicher Körperpraktiken ermöglichen. Zuvor gesellschaftlich abgelehnte Formen der Lebensführung werden heute mit größerer Offenheit und Akzeptanz diskutiert (Homosexualität, AIDS/HIV, Patchwork und Auflösung der Ehe). Die Politik kann die Einschränkungen und Regulierungen des Körpers nicht nur zur Disziplinierung im Sinne bestimmter Interessengruppen einsetzen, sondern für einen gerechteren Umgang mit Ungleichheiten oder gar einer Minimierung dieser sorgen. Beispiele hierfür sind eine Frauenquote, das Einsetzen von Kinderrechten, eine Öffnung und Veränderung des Familienrechts in Richtung auf alle sozialen Lebensformen, eine verbindliche und durchgehend auch finanzierte Vorgabe der Inklusion, Schaffung von mehr Bildungsgerechtigkeit. Individuelle Ungleichheiten zeigen sich im Zugang zum Körperkapital. Jene mit Zugang zu ökonomischen Kapital können einen größeren Nutzen aus ihrem Körperkapital ziehen, wenn sie durch materielle Ressourcen beispielsweise ihren Körper schmücken oder gar grundlegend verändern können (Schönheitschirurgie, Personal Training, Verwandlung zugunsten von Schönheitsidealen, lebenserhaltende oder gesundheitsförderliche Transplantationen). Eine besondere Problematik entsteht, wenn Körperteile als Tauschwerte gehandelt werden und Organe als Ersatzteile auf einem Markt kriminell gehandelt werden. Hier dient der eigene Körper Menschen am Existenzminimum zum Überleben, eine besondere Form der Ausbeutung. Der Anspruch an eine demokratische Politik ist hier, dass sie Prozesse von Ungleichheit transparent macht und aktiv zum Abbau dieser beiträgt. Ein wichtiges Mittel scheint hier die Vorbeugung von Diskriminierung durch Bildung und Aufklärung zu sein. So kann beispielsweise ein nachhaltiges und allen Menschen unabhängig vom Einkommen zur Verfügung stehendes Gesundheitssystem Diskriminierung und Benachteiligung vorbeugen, um keinen Anlass für unlauteren Handel von Organen zu unterstützen. Die Politik und Medien beeinflussen neben den Fachleuten, wie Ärzten und Pharmazeuten, maßgeblich den Diskurs zu Organtransplantation und Sterbehilfe. Hier wird deutlich, dass eine staatliche Regulierung notwendig ist, um menschenwürdiges Sterben und ethisch unbedenklichen Organtausch zu ermöglichen, damit es keine Benachteiligung von ökonomisch Schwachen gibt. Auch in der Gesellschaft gibt es viele Bestrebungen, die Initiativen in diesem Bereich stützen. Der Einfluss der Medien auf den Körper bedeutet, dass eine Plattform für die In-Szene-Setzung des Körpers in der Öffentlichkeit geboten wird und zu häufig Idealkörper transportiert werden. Anders als bei realen Interaktionen entsteht ein fiktives und auf Äußerlichkeit begrenztes Körperbild. Zwischenmenschliche Regungen und innere Bilder werden hierdurch zu wenig vermittelt. Der Sog der Medien kann nur durch alternative kulturelle und körperliche Praktiken gebremst werden. Alle Menschen sind aufgerufen, solche alternativen, unterschiedlichen Körperbilder und Körperwelten gegen die Vermassung der Körper durch mediale Ideale zu setzen. Eine staatliche Kulturförderung wäre an dieser Stelle dringend notwendig. Wenn wir nach den Wirkungen des Körperkapitals fragen, wird insgesamt deutlich, dass diese stark von kulturellen und sozialen Hintergründen und der ökonomischen Lage abhängig sind. Die oben beschriebene Regulierung von Ungleichheiten ist nicht mehr nur ein nationales, sondern ein globales Problem für das es keine einfache Lösung gibt. Sowohl Angebot und Nachfrage als auch Arbeitsmarkt, Grad der Freiheit und Stand der Bildung bestimmen die Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes von Körperkapital. In diesem Spannungsgefüge zwischen immer stärkerer Individualisierung von Körpern und Möglichkeiten der Regulierung, um Benachteiligung zu vermeiden, sollen hier Möglichkeiten der gesellschaftlichen Gestaltung im Kontext eines ethischen, chancen-gerechten und menschlichen Umgangs mit dem Körper formuliert werden. Zunächst soll der Bereich der Finanzierung von immer höheren Gesundheitskosten betrachtet werden. Die Gesundheit ist in der kapitalistischen Gesundheitsindustrie zu einem Indikator des Risikos geworden. Hier muss ein soziales Gesundheits- und Versicherungssystem regulieren, damit kein Ausschluss von Gruppen oder Benachteiligung Einzelner stattfindet. Die medizinische Grundversorgung und die Möglichkeit zur Behandlung von Krankheit dürfen nicht in immer höherem Maß von der finanziellen Situation der Patienten abhängen. So steuert eine private Krankenversicherung in eine entgegengesetzte Richtung und fördert die Bevorzugung von privaten Patienten gegen-über gesetzlich Versicherten. Beispielsweise im Bereich der zusätzlichen Leistungen, gesonderter Behandlung durch Chefärzte, Übernahme von Kosten durch die Versicherung, Zugang zu Medikamenten und Wartezeiten für Untersuchungen bei Fachärzten. Viel bedeutender wird diese Ungleichbehandlung jedoch, wenn es kein oder ein zu geringes System der Gesundheitsfürsorge gibt und selbst der Zugang zu Ärzten, lebens-notwendigen Medikamenten und Gesundheitsmitteln durch Vorbehalte geprägt ist. Durch mangelnde Versorgung sterben heute noch viele Menschen in bestimmten Ländern an Hunger und einfachen Infektionskrankheiten. Hier müssen auf globaler Ebene die Menschenrechte stärker in den Blick gerückt werden, für die es in Bezug auf Gesundheit bereits bestehende Formulierungen durch die WHO gibt. Berichte der WHO thematisieren wiederkehrend die Problemlagen und geben Anregungen für positive Entwicklungschancen der gesundheitlichen Gleichberechtigung. Vor allem die Gesundheitspolitik muss sich mit den Fragen der Chancengerechtigkeit auseinandersetzen. Sie bestimmt die Bedingungen, die Gesundheitsgerechtigkeit her-vorbringen oder Gesundheitsungerechtigkeit immer weiter reproduzieren. Hierbei stellen sich z. B. folgende Fragenstellungen:

  • Wie ist der gesellschaftliche Diskurs über den Körper?
  • Wo muss er geschützt und gefördert werden?
  • Wie und warum muss der freie Markt der Körper beschränkt werden?

Die Bestrebungen der Gesundheits-, Schönheits- und Fitnessindustrie nach größeren Gewinnen wirft Fragen nach einem verantwortungsvollen Umgang des Menschen mit seiner natürlichen Disposition auf. Auch Interessens- und Machtbestrebungen von Politik und Industrie fördern die Herstellung von Ungerechtigkeit und Benachteiligung. Dies führt zur gesundheitlichen Verarmung einzelner Gruppen oder Bevölkerungsteile. Hier muss die Gesundheitspolitik entgegensteuern und eine soziale, ausgleichende Politik im Sinne einer nachhaltigen Weltgesundheit verfolgen. Die Erforschung des Körpers und die Datensammlungen darüber müssen allen Gesellschaftsgruppen gleichermaßen zugutekommen. Hier hält die Forschung in den Industrieländern bisher das Monopol über die Hoheit der Gesundheitsdaten und daraus resultierenden Möglichkeiten der gesundheitlichen Versorgung und Entwicklung. Dies zeigt sich in der Erforschung und Weiterentwicklung von Wirkstoffen und in der Ausbildung und Vergütung des medizinischen Personals. Im Bereich der Bildungs- und Erziehungspolitik kann die Thematisierung des Körpers als Potenzial für gesundheitliche Aufklärung, Chancen für ein gesundes und nachhaltiges Körperbewusstsein und einen ethischen Umgang mit körperlicher Vielfalt bieten. Hier gilt es eine inklusive und bewusste Atmosphäre zu schaffen, in der körperliche Verschiedenheit Anlass zum Austausch ist und nicht in unausgesprochenen Vorbehalten und Abgrenzungsvorstellungen haften bleibt. Die Einrichtung von inklusiven Ganztagsschulen ermöglicht es auch Kindern aus Familien mit mangelnden Ressourcen an Angeboten zur gesunden Ernährung, Nachmittagsbetreuung und ausreichender, wie abwechslungsreicher Bewegung teilzunehmen. Zusätzlich sollen die Themen Gender, Antisexismus, Antirassismus, seelische Gesundheit, körperliche und sexuelle Selbstbestimmung berücksichtigt werden, um Toleranz und Akzeptanz zu erreichen und zu stärken. Einheitliche, allgemein anerkannte Leitbilder in Institutionen, Vereinen und Gruppierungen unterstützen diese Bestrebungen. Hieraus wird ein Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit deutlich, welcher staatlicher Verantwortung und Regulierung unterliegen muss. Ziel ist es, ein erhöhtes aufgeklärtes Körper- und Gesundheitsbewusstsein im Rahmen einer kritischen Persönlichkeitsentwicklung zu etablieren. Die Aufgabe der Politik ist es, klare, gesetzliche Vorgaben (z. B. Rauchverbot) zu schaffen, die möglicherweise auch gegen persönliche Wünsche oder Vorstellungen wirken. Die ethische Ausrichtung und der Gesundheitsschutz haben dabei Priorität (z. B. frei Wahl auf Schwangerschaft, Embryonalforschung, Gentherapie, Sterbebegleitung). Hier ergibt sich eine grundsätzliche Schwierigkeit: Die Ziele der Körper- und Gesundheitsindustrie und die privaten Konsuminteressen stehen oft im Gegensatz zu den ethischen Ansprüchen. Aufklärung und Prävention können einen entscheidenden Beitrag leisten.

5. Individuelle Nutzung des Körperkapitals

Bei der individuellen Nutzung des Körperkapitals sind die persönlichen Strategien und Taktiken einzelner Menschen in Bezug auf den größtmöglichen Nutzen und Gewinn durch das eigene Körperkapital von Bedeutung. Ziel ist es hierbei, durch gründliche und nachhaltige Formungen oder Veränderungen am Körper, diesen möglichst mit guten Gebrauchswerten zu versorgen. In zweiter Hinsicht kann dann die Frage entstehen, inwieweit dies gewinnbringend ausgeschöpft oder inwieweit hierdurch dauerhafte Profite erlangt werden können. Diese Mehrwerte und Erträge durch den eigenen Körper sind jedoch immer im Verhältnis zu der aufgewandten Zeit und den verwendeten Mitteln oder Kosten zu sehen. Beispielsweise nutzt eine Frau das Personal Training dazu, gesundheitliche Fitness aufzubauen, um somit das zunächst für sich Bild zu verkörpern, gesund, attraktiv und fit zu sein. Bei einer Bewerbung gilt dies zugleich als Leistungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und Zielbewusstheit. Dieses Präsentieren von Willen und Kraft, aber auch Attraktivität und Gesundheit, erscheint als Habitus der Frau. Ihre Investition in die körperliche Fitness führt eventuell dazu, sich bei Bewerbungsgesprächen gegen andere und weniger fitte Menschen durchzusetzen. Hier liegt der Mehrwert des Körpers durch den Einsatz von Zeit, Aufwand und Mitteln, also im Personal Training (Geld für Trainerstunden, hierfür nötige Ausstattung, Geräte oder Nahrungsmittel). Aus den oben dargestellten Formen des Mehrwerts für das individuelle Körperkapital lassen sich Folgen für Lebensbereiche des Menschen ableiten. Zunächst ist festzuhalten, dass die Kosten für den Einsatz des Körperkapitals stetig steigen. Bezüglich des Einkommens kann gesagt werden, dass das Körperkapital einen Beitrag zum Einkommen eines Menschen leistet, denn es sichert in den Gebrauchswerten die eigene Gesundheit, Fitness und Attraktivität, die sich z. B. in Leistungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Selbstorganisation in der Arbeitswelt ausdrücken. Das Körperkapital stützt ebenso den körperlichen oder kulturellen Habitus, der für das Erreichen von Zielen, in der Jobsuche oder für die beruflichen Kontakte hilfreich ist. Der körperliche Habitus definiert möglicherweise sogar eine Zugehörigkeit zu ökonomischen, sozialen und kulturellen Kreisen. Wenn man auf ein geringes Körperkapitals blickt, ist festzustellen, dass dessen Abwesenheit oft zu vermindertem Zutrauen in die eigene Körperinszenierung mündet, die es wiederum erschwert, selbstbewusst und konkurrenzfähig Ziele zu erreichen. In Bezug auf soziale Mobilität kann gesagt werden, dass Menschen mit einem ausgeprägten Körperkapital körperliche Gebrauchswerte haben, welche sie ständig eintauschen können und damit mobiler sind. Sie lernen im Austausch ihrer Gebrauchswerte sich zu vergleichen und erfolgreiche Strategien in Bezug auf Kommunikation und Mobilität anzuwenden. Es ergeben sich Möglichkeiten und Risiken aus der gewonnenen Beweglichkeit, die sich vor allem in Zusammenspiel mit dem Lernkapital als dauerhaft erfolgreich erweisen. Im Bereich der Konsumchancen und des Lebensstils wird die enorme Bedeutung des Körpers besonders deutlich. Kultur erscheint heute oftmals als Ausdruck von Konsum und erreichtem Lebensstil. Die Körper nehmen als Präsentationsmedium dieses Lebensstils eine weitreichende, nach außen gerichtete und sichtbare Funktion ein. Unweigerlich sind die Potenziale des Körperkapitals dabei mit den Begriffen Besitz, Aufstieg und Unsicherheit verbunden. Der Besitz des Körperkapitals drückt sich hier als Voraussetzung zum Einsatz des Körpers als Tauschwert aus. Es zählen sowohl die natürliche Disposition, wie Schönheit im kulturzeitlichen Geschmack als auch ökonomische Ressourcen, wie Möglichkeiten der Schönheit und Fitness nachzuhelfen. Der Auf-stieg ist mit Investitionen in den Körper verbunden und hilft möglicherweise den sozialen, beruflichen oder ökonomischen Aufschwung zu unterstützen. Zuletzt ist das Körperkapital jedoch auch mit Unsicherheit verbunden, die sich in einer Welt des stets wandelnden Geschmacks von Schönheitsidealen als Risiko darstellt. Die Entscheidung, ob der Körper als schön wahrgenommen wird, unterliegt dem Massengeschmack. Dieser ist nur bedingt vorhersehbar und ständigen Veränderungen unterlegen.