Soziales Kapital

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
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Soziales Kapital

Das soziale Kapital stellt eine Kapitalform dar, die auf menschliche Beziehungen und Netzwerke fokussiert. Es lässt Chancen und Risiken beschreiben, die sich durch soziale Beziehungen oder Netzwerke ergeben und kann zeigen, dass die Chancen und der soziale und berufliche Handlungsspielraum einer Person nicht nur vom ökonomischen Kapital abhängen.

Der Begriff taucht bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei John Dewey auf und beschreibt, wie sich soziale Bedingungen durch Kooperation und Vertrauen verbessern, was er als „soziales Kapital“ bezeichnet. Hier zeigt sich eine erste Loslösung des Kapitalbegriffs von materiellen Machtverhältnissen. Jüngere Ansätze stammen von James Coleman (1989, 1990), Robert Putnam (1992, 1995), Pierre Bourdieu (1986) oder Kersten Reich (2013). Die verschiedenen Ansätze zum Sozialkapital unterscheiden sich unter anderem in der Frage, ob bereits das Einnehmen einer bestimmten Interessen- oder Machtposition ausreicht, um von Sozialkapital zu sprechen oder ob hierfür eine Konvertierungsmöglichkeit in ökonomisches Kapital gegeben sein muss.

Soziales Kapital nach Putnam

Putnam bezeichnet Soziales Kapital als Ausgangspunkt für eine erfolgreiche und glückliche Gesellschaft. Als sozialkapitalbildend fokussiert er das freiwillige bürgerschaftliche Engagement, dem er eine große Bedeutung im Rahmen der Stabilisierung einer Demokratie und der politischen Integration der Mitglieder zuspricht. Zugleich ist es Voraussetzung für eine gut funktionierende Ökonomie. In „Bowling Alone“ (1995 und 2000) beschreibt Putnam das Herabsinken des sozialen Kapitals in den USA bedingt durch die verstärkte Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt durch verbesserte soziale Mobilität, den Wandel der Lebenswelt zu Zeiten der Individualisierung sowie durch Massenmedien, die das Freizeitverhalten verändern. Die Folgen des Absinkens zeigen sich unter anderem in mangelndem Interesse an politischen Wahlen und an gesellschaftlichem Engagement.

Putnams Arbeiten gehen stark auf Coleman zurück. Aus dieser Perspektive lässt sich soziales Kapital als ein Leben in dichten sozialen Netzwerken beschreiben, wobei Normen der Reziprozität und des Vertrauens entstehen, die kollektives Handeln ermöglichen. Hier muss jedoch beachtet werden, dass auch Bereiche, die zunächst unabhängig von ökonomischem Kapital erscheinen, wie Aktivitäten in Sportvereinen, sich nicht von einer Kapitalisierung der Beziehungen lösen kann. Auch hier werden finanzielle Mittel benötigt, um an solchen Aktivitäten partizipieren zu können. Nach Reich (2013) werden Aspekte der Macht, die die sozialen Beziehungen strukturieren, in diesem Ansatz jedoch vernachlässigt. Putnam betrachtet soziales Kapital zudem als losgelöst von wirtschaftlichen Interessen; gerade fehlende Profitorientierung mache das soziale Kapital aus. Den Begriff des „Kapitals“ bezieht er auf die sozialen Wirkungen.

Mit dem Fokussieren auf individuelle und rationale Entscheidungsvorgänge, die durch Funktionalismus und Utilitarismus geprägt sind, eignet sich dieser Ansatz vor allem zur Beschreibung von Entscheidungen zum freiwilligen Engagement etc., weniger jedoch zur Beschreibung sozialer Konflikte oder Problemlagen. Machtpositionen und machtbezogene Aspekte, die die Gesellschaft durchziehen, werden hier nicht hinreichend betrachtet; so werden freiwillige Dienste nach Reich (2013) idealisiert und Beziehungen vereinfacht. Die Folge ist, dass die negativen Effekte sozialer Abhängigkeiten unterschätzt und staatliche Versäumnisse so nicht hinreichend kritisiert werden.

Soziales Kapital nach Bourdieu

Bourdieu vertritt einen kapitalismuskritischeren Ansatz als Putnam und betrachtet soziale Akteure im Rahmen von Interessen- und Machtkämpfen. Er bezeichnet das soziale Kapital als eine Kapitalform neben dem ökonomischen und kulturellen Kapital und fokussiert deren Interdependenzen und Wechselwirkungen. Hinzu kommt bei Bourdieu das symbolische Kapital, das den anderen Kapitalarten übergeordnet ist und Anerkennung oder Prestige bedeutet. Ein Beispiel sind Bildungstitel, die zugleich kulturelles wie auch symbolisches Kapital darstellen, da sie Anerkennung bedeuten.

Sozialkapital bezeichnet nach Bourdieu die potentiellen Ressourcen einer Person, die sich durch ihre Beziehungen und ihr soziales Netzwerk ausdrücken. Es liegt ein weites Verständnis von Sozialkapital vor, welches sich als Position im gesellschaftlichen Feld und indirekt durch seine Konvertierbarkeit als ökonomisches Kapital definiert.

Die Sozialstruktur einer Gesellschaft wird in der Theorie Bourdieus in Abhängigkeit von Habitus und Kapitalformen gesehen. Er prägte den Begriff „Habitus“, der einen bestimmten Denkstil verbunden mit bestimmten Haltungen (z.B. Geschmack, Stil etc.) umfasst und von jedem Menschen – teilweise unbewusst – in kulturellen und sozialen Interaktionen gelebt wird und durch Wahrnehmungs- und Handlungsschemata bestimmt ist. Grundlegend für die Ausbildung des Habitus ist vor allem die Sozialisation in der Familie. Der Habitus fungiert als sozialer Distinktionsmechanismus zwischen Menschen und Gruppen und spielt so eine bedeutende Rolle für die Generierung von Sozialkapital.

Bourdieu betrachtet die Sozialstruktur in einem dreidimensionalen sozialen Raum, der über die Kapitalformen ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital bestimmt wird. In diesem sozialen Raum befinden sich soziale Felder, in denen um Positionen und Macht konkurriert wird. Die Positionierung in einem sozialen Feld hängt von dem Volumen der verschiedenen Kapitalformen ab. Diese Betrachtungsweise bietet den Vorteil, Zusammenhänge und Abhängigkeiten der verschiedenen Kapitalformen zu fokussieren und somit Interessen- und Machtkonflikte verschiedener gesellschaftlicher Akteure zu erkennen und ist Grundlage vieler moderner Milieustudien.

Soziales Kapital nach Reich

Soziales Kapital nach Reich (2013) umfasst einerseits jene sozialen Handlungen und Beziehungen, die auf dem Markt einsetzbar und in ökonomisches Kapital konvertierbar sind, andererseits soziale menschliche Handlungen ohne Kapitalisierung. Wir müssen in eine Gebrauchs- und einen Tauschwertseite unterscheiden, um dies zu begründen. Soziale Beziehungen können in einem bestimmten Handlungs- und Zeitfenster in eingesetzt werden, um einen Gewinn zu erzielen. Dadurch wird der vorherige Gebrauchswert der sozialen Beziehung zum Tauschwert.

Als das „Soziale“ in menschlichen Handlungen sieht er die Interaktionen zwischen Menschen, die Beziehungen und den Umgang mit Beziehungen von Menschen in einer Gemeinschaft regeln. Diese Beziehungen reichen von persönlichen, intimen Beziehungen bis hin zu Netzwerken und verkörpern wiederum u.a. Ressourcen, Anerkennung, Handlungschancen und Perspektiven. Hierunter können auch virtuelle Beziehungen fallen, die der Netzwerkbildung dienen. Aber in Abgrenzung zu „Putnam“, der soziales Kapital aus einer individualistischen Perspektive betrachtet und auf rationale Entscheidungsvorgänge zurückführt, nimmt Reich (2013) wie „Bourdieu“ eine Perspektive ein, die Klassenunterschiede und Macht- und Interessenkonflikte bzw. soziale Abhängigkeiten und Wechselwirkungen in den Blick nimmt. Wechseln wir jetzt auf die Tauschwertseite. Hier ist das Soziale immer an das ökonomische Kapital gekoppelt. Sozialkapital entsteht nicht bereits mit einer Erweiterung von Interessen- und Machtpositionen durch den Einsatz von sozialen Beziehungen, sondern erst mit einer gleichzeitigen Transformierbarkeit in einen Tauschwert, der die Kapitalisierung des Sozialen nachweist und schließlich die Generierung eines Mehrwertes ermöglicht.

Private Beziehungen werden zum sozialen Kapital, indem Netzwerke gebildet werden, die Netzwerkvorteile mit sich bringen. Vorteile ergeben sich insbesondere in Verbindung mit ökonomischem Kapital. Ehrenamtliche Dienste dienen zwar auch der Netzwerkbildung, spielen aus dieser Perspektive, anders als bei Putnam, jedoch im Blick auf eine Kapitalisierung keine bedeutsame Rolle. Soziales Kapital wird dann gebildet, wenn soziale Handlungen, Beziehungen oder Qualitäten tatsächlich auf dem Markt einsetzbar sind. Soziale Fähigkeiten, Kompetenzen etc. werden zu Tauschwerten wenn sie eingetauscht werden können - beispielsweise gegen Lohn. Soziale Qualitäten können in einem bestimmten „Handlungs-„ und „Zeitfenster“ kapitalisiert werden und werden zu sozialem Kapital, wenn ein Tausch in geldwerte Formen möglich ist. Soziale Interessen- oder Machtpositionen sind nicht automatisch Kapitalpositionen. Durch einen bestimmten Habitus wird jedoch eine Kapitalisierung ermöglicht. Soziale Beziehungen werden in der Handlungsform als kapitalbildend bezeichnet, wenn sie Chancen auf höheres Einkommen eröffnen, zu einer „Werterhöhung“ einer Person nach Status oder Habitus beitragen, eine Vermehrung des kulturellen Kapitals ermöglichen, das Körperkapital zum Einsatz kommen lassen oder einen Zuwachs an Lernkapital erleichtern.

Soziale Klassen. Soziales Kapital hängt in nicht unerheblichem Maße von sozialer Herkunft ab. Insofern verwendet Reich (2013) den Begriff der sozialen Klasse. Bereits frühere Unterscheidungen in Erwerbs- und Besitzklasse (Weber) oder Proletariat und Kapitalist (Marx) lassen einen Zusammenhang zwischen ökonomischem und sozialem Kapital erkennen. Der Klassenbegriff wurde etwa seit den 1980ern – auch in Anlehnung an Bourdieu - in vielen soziologischen Studien vom Milieubegriff abgelöst. Nach Reich droht hier jedoch eine Vernachlässigung der ökonomischen Verhältnisse, die die Gesellschaft spalten. Er verwendet daher den Klassenbegriff und nimmt eine Differenzierung in Masse und Elite vor, um zu verdeutlichen, dass die soziale Position einer Person und die damit verbundenen Kapitalvolumina und die Möglichkeiten, diese zu generieren, nicht hauptsächlich von individuellen Bemühungen sondern vor allem von der sozialen Lage bestimmt werden, über die wiederum nicht individuell und frei entschieden werden kann. In Anlehnung an Anthony Giddens zeigt Reich, dass die Chancen, in verschiedene gesellschaftliche Führungsbereiche zu gelangen, von der Herkunft bzw. dem daraus generierbaren sozialen Kapital abhängen. Giddens (1974) unterscheidet die vier herrschende Klassen „ruling class“, „governing class“, „power elite“ und „leadership groups“, die unterscheidliche Interessen vertreten und ihre Mitglieder aus unterschiedlichen sozialen Schichten beziehen. Dies verdeutlicht, dass auch innerhalb der herrschenden Klasse verschiedene Subklassen bestehen und dass der Zugang zu einer dieser Klassen sehr stark von dem Volumen aber auch von der Art des sozialen Kapitals abhängt.


Mehrwert des sozialen Kapitals nach Reich

Laut Reich ist der Kapitalismus schon lange nicht mehr nur im materiellen Bereich aktiv. Wenn es uns auch nicht immer bewusst ist, so ist die Kapitalisierung auch in unsere sozialen Beziehungen eingedrungen. Das heißt, dass sich soziale Beziehungen, wie beispielsweise Freundschaften, ökonomisch transferieren lassen – beispielsweise durch den Aufstieg in höhere soziale Kreise oder den Zugang zu besser bezahlten Jobs durch „Vitamin B“.

Wert der sozialen Beziehungen unter Einsatz von Kosten der Beziehungsarbeit

Der Aufbau von Beziehungsnetzwerken ist unter Umständen mühsam und kostenintensiv. Um den Mehrwert des sozialen Kapitals zu beschreiben, sind die verausgabte Zeit, der Aufwand und die Mittel zu betrachten:

Zeit: Soziale Beziehungen aufzubauen, zu pflegen und zu nutzen kostet Zeit, die von der sonstigen Arbeits- oder Freizeit abgeht. Idealerweise lässt sich die verausgabte Zeit dann in einem spezifischen Handlungsfenster in geldwerte Vorteile umsetzen.

Aufwand: Mit der Frage der Zeit stellt sich die Frage nach dem Aufwand. Wohlmöglich habe ich bereits durch meine Herkunft bzw. meinen Habitus das Privileg, bestimmte Vorzüge genießen zu können. Kommen mir z.B. aufgrund bereits etablierter günstiger sozialen Beziehungen (die nicht mehr mühsam eigentätig aufgebaut werden müssen) bestimmte Vorteile zu? Kann ich Dinge, die mir Spaß machen, mit unmittelbarer Beziehungsarbeit verbinden? Können diese sozialen Kontakte meine soziale Stellung stabilisieren oder gar verbessern?

Mittel: Der Aufbau, die Pflege und Ausgestaltung sozialer Beziehungen frisst Ressourcen. Je höher der angestrebte Habitus ist, desto höhere Mittel sind aufzuwenden. Dabei stellen die Mittel („mein Haus, mein Auto, meine Jacht“) selbst ein Distinktionsmittel dar und bilden Unterschiede, die die feinen Unterschiede ausmachen. Hierin liegt auch ein Schließungsmechanismus: Je weniger Mittel ich habe, umso größere Schwierigkeiten habe ich, Zugang zu den entsprechenden Kreisen zu erlangen.

Ein Mehrwert entsteht aus der Differenz aus den Kosten der Beziehungsarbeit und dem erzielten Tauschwert aus sozialen Beziehungen (z.B. Aufstiegsmöglichkeiten, besser bezahlte Jobs etc.): Wenn der erreichte Tauschwert diese Kosten langfristig übersteigt, lässt sich ein Mehrwert verzeichnen.

Folgende Aspekte kennzeichnen nach Reich die Mehrwertproduktion durch soziale Beziehungsarbeit:

  • Vorherbestimmtheit und Undurchlässigkeit der sozialen Schichten: Soziale Beziehungen und der Habitus einer Person sind durch Herkunft, Vermögen, Freundes- und Bekanntenkreise, Freizeitbeschäftigungen usw. bereits vorbestimmt. Der Zugang in andere (bessere) Kreise ist der Person meist verwehrt, da man den eigenen Habitus nicht einfach ablegen kann.
  • Bildung: Um in bestimmten Kreisen zu verkehren, gibt es ein bestimmtes Maß an verlangter Allgemeinbildung oder spezifischer Bildungsinhalte, die beherrscht werden müssen.
  • Macht: Macht ist durch den Grad an Einflussmöglichkeiten auf andere durch ein Mehr an Geld, Einfluss, Abhängigkeit, Erwartungsverhalten und anderen Attributen sozialen Drucks bestimmt. Je mächtiger Personen oder Gruppen sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, unmittelbar oder mittelbar an dieser Macht zu partizipieren.
  • Konsum: Wer nicht treffsicher die besten Uhrenmarke Luxusautos, Weine, Urlaubsorte, die gegenwärtig „in“ sind, kennt gehört schlichtweg nicht dazu. Dies kann nur gelingen, wenn jemand über Besitzerfahrungen im Umgang mit diesen „selbstverständlichen Dingen“ verfügt. Im Konsum ist in sofern ein Teil der Macht ausgedrückt und Teil einer profanen Bildung symbolisiert, als das sie Unterschiede erzeugt, die den sozialen Unterschied ausmachen.

Diese Distinktionen finden in Teilsystemen (sozialen Gruppen) statt, die jeweils ihre eigenen Regeln und selektiven Abschottungsmechanismen besitzen. Dabei erhält der Nachwuchs aus einem bestimmten Kreis oft höhere Chancen, sich im gleichen Feld zu etablieren und Karriere zu machen. Soziale Gruppen lassen sich nach Reich anhand bestimmter Dimensionen unterscheiden: Grad der Inklusion/Exklusion, Art und Grad der Formalisierung, der Eigeninteressen und der sozialen Orientierung: (1) Inklusions- und Exklusionsregeln: Je inklusiver die Regeln sind, desto heterogener sind die Gruppen z.B. in Bezug auf Alter, Geschlecht und Lebensstil. Heterogenität wird als positiv wahrgenommen. Das soziale Kapital hat hier eine Brückenfunktion über Unterschiede hinweg. Je exklusiver die Regeln sind, desto weniger heterogen soll die Gruppe sein. Hier wirken Unterregeln des Ausschlusses nach bestimmten Kriterien der Selektion (wie z.B. Bildung, Aussehen). Homogenität von Gruppen wird positiv gesehen. (2) Art und Grad der Formalisierung: Es gibt erstens Verbindungen als recht offene Beziehungen (links), die Anlauf- und Informationsstellen bieten, zweitens Beziehungen als Brückenfunktion (bridges) und drittens verbindliche Beziehungen (bonds) im Sinne von Freundschaften und Familienverpflichtungen. (3) Art und Grad der Eigeninteressen: Je höher die Eigeninteressen einer Gruppe sind, desto höher die Gefahr, dass sie Mittel gegen andere Gruppen einsetzen wird (Lobbyarbeit, Korruption). (4) Art und Grad der sozialen Ordnung: Die Arten der Gruppen unterscheiden sich im sozialen Feld durch ihre Positionierung und Orientierung gegenüber den sozialen Fragen, Positionen und Entwicklungen von anderen Gesellschaftsmitgliedern.

All diese Formen treten immer in Zusammenhang mit einer sozialen Funktion auf, die auf gegenseitige Verpflichtungen zielt. In dem Zusammenhang ist der Tauschhandel und Schenken bzw. beschenkt werden von besonderer Relevanz. So lassen sich beispielsweise Geschenke machen, Geschenke annehmen und Geschenke erwidern als drei zentrale Verpflichtungen in den sozialen Tauschformen nennen, durch welche soziale Beziehungen bis heute definiert sind. Eine andere Art der geschenkten Bindung ist die Zeit, die wir mit anderen verbringen. Optimal wäre es, wenn sich das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden ließe (z.B. Golf spielen, weil es tatsächlich Spaß macht, anstatt es nur der Prestige wegen zu tun) – doch nur selten decken sich Arbeits- und Freizeit mit der sozialen Zeit im Aufbau nützlicher Beziehungen.

In der Handlungsanalyse gibt es nach Reich weiterhin mindestens vier entscheidende Merkmale, die wichtig sind, um wesentliche Handlungselemente im Umgang mit sozialem Kapital zu erfassen:

  1. Wenngleich sich soziale Beziehungen in einem demokratischen Staat theoretisch frei führen und entwickeln lassen, so ist doch der Zugang zu bestimmten Kreisen, Bezugsgruppen und Lebensstilen nicht ohne weiteres möglich. Es gibt in nahezu allen Gruppen geregelte Öffnungs- und Schließungsprozeduren („Anforderungsprofile“), die den Zugang von Außen erschweren. Insbesondere in den höheren sozialen Kreisen sind Attribute, wie Herkunft, Titel, Lern- und Körperkapital oder zumindest hinreichend Geld entscheidend, um Zutritt zu erlangen.
  2. Beziehungsarbeit wird als Grundbedingung gesellschaftlichen Handelns gesehen. Bei zunehmender Individualisierung lässt sich ein notwendiger sozialer Bedarf an Kommunikation und Kooperation verzeichnen.
  3. Die Erfahrungen und Erwartungen, die von den investierten Kosten auf einen Nutzen (z.B. einem besser bezahlten Job) schließen lassen, sind zunächst rein subjektiv. Dennoch zeigen Untersuchungen zu den sozialen Klassen und Eliten, dass der Habitus einen entscheidenden Einfluss auf Karrierechancen und Kapitalbildung hat.
  4. Wie offen die Beziehungen über Standesgrenzen, Klassen, Einkommensgrenzen, Statusvorgaben etc. sind, hängt stark von der Offenheit der Gesellschaft im Allgemeinen ab. Ein wesentlicher Indikator hierfür ist, in welchem Grad es in der Gesellschaft möglich ist, aus einer unteren sozialen Schicht in eine höhere Schicht aufzusteigen.


Mehrwertproduktion durch Angebot und Nachfrage

Ähnlich wie die ökonomische Lage wird auch die soziale Lage stark von Angebot und Nachfrage bestimmt. Dabei ist man umso erfolgreicher, desto mehr die eigene Position als vorteilhaft für Andere angesehen werden kann. Hier helfen beispielsweise ungewöhnliche, herausragende Eigenschaften oder Talente. Auch durch das Körper- und Lernkapital sowie das kulturelle Kapital lassen sich Zugewinne an sozialem Kapital realisieren: Herausragende Schönheit, körperliche Attraktivität und eine enorm hohe Bildung sind beispielsweise relativ selten im Angebot und daher gefragt. Menschen, die über solche Attribute verfügen, müssen zwar unter Umständen Zeit investieren, diese Attribute zu erlangen und aufrecht zu erhalten, aber sie gewinnen in der Verausgabung von Beziehungsarbeit wiederum Zeit zurück, da sie mit ihren begehrten Eigenschaften ohne Anstrengung nachgefragt werden. Will man aus sozialem Kapital Mehrwert über Angebot und Nachfrage erzielen, so muss das eigene Engagement in der Verausgabung von Beziehungsarbeit möglichst rar im Angebot und hoch in der Nachfrage sein.

Ein Mehrwert entsteht aus der Differenz aus gewöhnlichen und ungewöhnlichen, seltenen sozialen Beziehungen bei investierten Kosten versus später tatsächlich erzielten Status- und Einkommensgewinnen (z.B. durch besser bezahlte Jobs)

In der Handlungsanalyse der Nutzung der Differenz durch Angebot und Nachfrage gibt es nach Reich weiterhin mindestens vier entscheidende Merkmale, die wichtig sind, wenn wir soziale Handlungen beobachten:

  1. Nachfragen entstehen immer im Wandel der Lebenswelt und unterliegen Moden. Wenn geeignete Angebote bei Nachfrage gemacht werden können, dann entstehen neue soziale Beziehungen auch über bisherige soziale Grenzen hinweg. Aber hier ist nichts von Dauer, denn: Nachfrage erzeugt auch wieder eine Angebotsvielfalt auf längere Sicht.
  2. Im Angebot gibt es Wahlmöglichkeiten, z.B. Kompromiss aus Interesse/Spaß und Nutzen/Kalkül.
  3. Tauschmittel sind z.B. gemeinsam verbrachte Zeit, Geschenke. Doch diese sind nicht allen gleichermaßen zugänglich.
  4. Soziale Beziehungsinvestitionen lohnen sich immer – Auch dann, wenn die Nachfrageseite nicht immer ganz befriedigt wird. D.h. investierte Kosten rechnen sich tatsächlich entweder in Form subjektiver Befriedigung oder Zugewinn an Einkommen und Sicherheit des Arbeitsplatzes oder der Selbstständigkeit.


Mehrwertproduktion durch Illusion, Täuschung und Betrug

Wer kann es sich schon leisten, immer so zu sein, wie er ist? Illusionierung, Täuschung und Betrug sind zum Massengegenstand der kapitalistischen Warenkultur geworden. Illusionierungen sind nach Reich gesellschaftlich toleriert oder sogar erwünscht. In der Werbung versprechen sie höhere Verkaufszahlen und auch im Privaten werden Illusionierungen wirksam. Täuschungen können differenziert werden in legitime und unerwünschte Täuschungen. Im Gegensatz zur Illusionierung liegt bei einer Täuschung ein objektivierbares Kalkül vor. Wird die Bewerbungsunterlage beispielsweise bewusst geschönt, so erscheint noch die Illusionierung; Werden die Daten aber bewusst verändert, handelt es sich um eine Täuschung. Betrug ist jene Form, in der die Täuschung rechtlicher Tatbestand wird. Wer sich beispielsweise geistiges Eigentum auf Kosten anderer widerrechtlich aneignet, der betrügt. Um als Betrüger entlarvt zu werden, muss derjenige überführt werden. Daher gehört es zu den wichtigsten Strategien der Betrüger, unentdeckt zu bleiben.

Ein Mehrwert entsteht dann, wenn Gewinne und Extra-Profit durch Illusionierung, Täuschung oder Betrug durchgesetzt werden kann.


Mehrwertproduktion durch Parasitäre Teilhabe

Reich diskutiert insbesondere zwei Hauptmechanismen, die dienlich sein können, einen Mehrwert an sozialem Kapital herzustellen: Vererbung und Heirat.

Vererbung

Betrachten wir zunächst die Vererbung. Je mehr die Elterngeneration an ihre Kinder vererben kann, desto größer sind die Gewinne, die rein aus der Herkunft entstehen und die unabhängig von der eigenen Leistung der Erben ein Privateigentum sichern, das die gesellschaftliche Position über das ökonomische Kapital bestimmt. Im Hinblick auf das soziale Kapital werden jedoch nicht nur Besitztümer, sondern auch Beziehungen vererbt. Solche Erbschaften können einer Person helfen, Schließungsmechanismen zu überwinden und den Zugang zu besseren Kreisen zu erlangen.

Heirat

Welche Rolle spielt die Heirat im Hinblick auf das Soziale Kapital? In diesem Zusammenhang ist die Frage von Bedeutung, in wieweit durch eine (Aufwärts-) Heirat der Zugang zu besseren Kreisen ermöglicht werden kann. Verschiedene Faktoren führen dazu, dass die Aufstiegschancen durch Heirat heutzutage besonders schwierig geworden sind. Nach Blossfeld & Timm lassen sich drei wesentliche Schlüssel aufzeigen, die heute Partnerwahlen im großen Maße beeinflussen: Die Bildungshomogamie, der Wandel von der Alleinverdienerehe zur Doppelverdienerehe und die Präferenz einer möglichst hohen Qualifikation des Partners.
(1) Bildungshomogamie: Zunächst zeigt sich, dass Paare sich in den letzten 50 Jahren überwiegend über den Bildungsmarkt finden. Dabei beziehen sich Heiratswünsche sehr stark auf die eigene Bildungsgruppe nach Status und vorhandenem Kapital – Hochqualifizierte lernen überwiegend Hochqualifizierte kennen und Dequalifizierte überwiegend Dequalifizierte. Beide Gruppen orientieren sich dabei sehr stark an der Bildungserwartung, die sie sich selbst gegenüber haben. Dies hat zur Folge, dass es zu weniger Durchmischung der sozialen Schichten kommt, wodurch Auf- und Abstiege größtenteils vermieden werden. Anderseits scheint die Bildungsexpansion dem ein Stück weit entgegenwirken zu können. Je mehr sich eine höhere Bildung im Zuge der Moderne verbreitert hat, desto höher sind die Chancen auch breiterer Schichten, an höherer Bildung zu partizipieren. Der ausgeprägte selektierende Charakter der Bildungsabschlusse jedoch führt insgesamt dazu, dass die geringer Qualifizierten früher aus dem Bildungssystem und damit früher aus den Möglichkeiten der Partnerfindung ausscheiden. Wenngleich der frühe Einstieg in das Berufsleben zwar wieder Kontakte sichert, so sind diese eher auf einem niedrigeren, gemeinsamen Qualifikationsniveau zu verzeichnen.
(2) Doppelverdienerehe als neuer Standard: Desweiteren lässt sich ein deutlicher Trend von der Alleinverdienerehe hin zur Doppelverdienerehe verzeichnen. Auch für Frauen wird die lebenslange Erwerbstätigkeit zu einem wesentlichen Bestandteil der Lebensplanung. Dies hat bezüglich der Partnerwahl große Konsequenzen. So finden sich im Streben nach einem bildungshomogenen Partner deutlich weniger Männer, die den Ansprüchen der Frauen genügen. Demzufolge lässt sich die Tendenz verzeichnen, dass junge gebildete Frauen immer häufiger unverheiratet bleiben, als einen schlechter qualifizierten Mann zu heiraten. Anderseits wächst das Interesse der Männer an hoch qualifizierten Frauen. Diese Mechanismen greifen nicht nur in Ehen, sondern auch in offeneren Beziehungs-formen. Auch hier wird im sozialen Kapital stark auf ein bildungshomogames Verständnis gesetzt.

Ein Mehrwert aus der parasitären Teilhabe (z.B. durch Heirat oder eine Erbschaft) entspringt dann, wenn mit geringem oder gar keinem Aufwand das Kapital eines Anderen genutzt werden kann – beispielsweise um einen besser bezahlten Job zu bekommen oder Zugang zu höheren sozialen Kreisen zu erlangen.


Soziales Kapital: Gesellschaftliche Nutzung im Widerspruch

Der Staat und die soziale Ungleichheit

John Dewey definiert das soziale Kapital als die Teilhabe an sozialen Beziehungen. Im Zuge der Sozialisation werden durch die Kommunikationen gegenseitiges Vertrauen und wechselseitige Erwartungen aufgebaut. Das soziale Kapital wird eingesetzt, um bezüglich von Zeit und Aufwand einen Nutzen ziehen. Der Nutzen aus den Investitionen zeigt sich vor allem in kulturellen Gütern, wie Wissen oder Kreativität. Das soziale Kapital dient zudem der Gesellschaft, da gemeinsame Normen und Werte in der Sozialisation geteilt werden.

Im Hinblick auf das soziale Kapital hat der Staat eine tragende Funktion, da er durch Vermittlungen und Interventionen ermöglichen kann, soziale Ungleichheiten auszugleichen. Dazu muss er das Ziel verfolgen, Menschen mit Benachteiligungen zu unterstützen. Ziel von Interventionen könnte sein, der gesellschaftlichen Spaltung in Gruppen mit ausgeprägtem sozialen Kapital und Gruppen mit weniger Teilhabechancen entgegenzuwirken. Der demokratische Staat sollte durch Lenkung und Kontrolle hier eine Position einnehmen, die gesellschaftliche Chancen auch für benachteiligte Personen ermöglicht.

Das Individuum steht in dem Spannungsverhältnis einerseits regiert zu werden und andererseits seine eigenen Interessen durchzusetzen. In der Gesellschaft gibt es deshalb Spannungsverhältnisse. Bourdieu sieht den Staat in einer ambivalenten Rolle, da er zugleich Machtverhältnisse in seinen Strukturen und seiner Symbolik aufrecht erhält, aber auch als Wohlfahrtsstaat fungiert und soziale Interessen zu vertreten hat, die in der Geschichte in zahlreichen sozialen Kämpfen durchgesetzt wurden. Diese sozialen Errungenschaften bilden ein komplexes, gesellschaftliches soziales Kapital, das von den Individuen (z.B. in Formen von sozialer Sicherung) in Anspruch genommen werden kann.


Die Ungleichheitsforschung

Das soziale Kapital spielt in der Ungleichheitsforschung eine wichtige Rolle, die angesichts gesellschaftlicher Wandlungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden kann:

  • Insbesondere in marxistischen und neomarxistischen Theorien seit Ende der 1960er wird eine Verbindung zwischen sozialer Ungleichheit und sozialer Herrschaft betont. Die soziale Herrschaft äußert sich in sozialen Ungleichheiten.
  • Nach Ulrich Becks Individualisierungsthese wird behauptet, dass Klassen- und Schichtzugehörigkeiten an Bedeutung verlieren. Hier stehen die individuellen Chancen im Fokus, so dass die soziale Herkunft vermehrt in den Hintergrund rückt.
  • Da bestimmte Gruppen schlechter als andere gestellt sind, werden immer wieder strukturelle Ungleichheiten durch Klassen- und Schichtmodelle erklärt. In den Erklärungsansätzen werden teilweise jedoch unterschiedliche Milieus und deren individuellen Chancen außer Acht gelassen. Umgekehrt vermeiden Milieutheorien sehr oft, die sozialen Ungleichheiten auf der Basis von ökonomischen Daten zu thematisieren.
  • Es besteht die Frage, inwieweit bestimmte Ursachen den sozialen Ungleichheiten zugrunde liegen. Forscher/innen nehmen hierfür empirische Daten, um soziale Ungleichheiten zu erfassen. Daraus wird aber nicht erkennbar, welche Gründe für die Ungleichheiten vorliegen. Deshalb ist es wichtig, unterschiedliche Kategorien und Faktoren miteinander in Verbindung zu setzen.


Macht

Für das soziale Kapital sind Beziehungen wesentlich, diese sind aber auch immer mit Macht und Eigeninteressen verbunden. Macht ist durch die Position im sozialen Feld bestimmt. Sie beinhaltet z. B. Bestrebungen, um die eigene Besserstellung zu erreichen, um Chancen zu ermöglichen und sich selbst zu behaupten. Sie stellt dabei eine dynamische Kraft dar, die sich auf allen sozialen Ebenen und in unterschiedlichen Verhältnissen äußert. Deshalb ist es von Bedeutung, Machtverhältnisse und ihre Wirkungen immer im sozialen Feld zu untersuchen.


Das Verhältnis von Demokratie und Rechtsstaat

Zygmunt Bauman vertritt die Meinung, dass die sozialen Beziehungen in Industriestaaten neben anderen Bereichen auch auf der Ebene des Rechts beeinflusst werden. So lautet z. B. die Frage, inwieweit ein rücksichtsloses Marktdenken durch rechtliche Verhältnisse verstärkt oder begrenzt wird. Problematisch ist es für das soziale Gefüge, wenn durch staatliche Eingriffe, z. B. durch steuerliche Entlastung der Reichen, eine ausgleichende und chancengerechte Funktion des Staates nicht wahrgenommen wird. Jürgen Habermas geht von einer idealtypischen Trennung von Staat und Gesellschaft aus. Demnach bündelt und verwaltet der Staat die Interessen neutral. NachHauke Brunkhorst kann das nur gelingen, wenn die Solidarität der Menschen gestärkt und die Teilhabe an der Demokratisierung gefestigt wird. Nicht-staatliche Organisationen, Bürgerbewegungen und soziale Netzwerke können demokratische Ansprüche oft klarer formulieren und durchsetzen. Dies macht jedoch eine breite politische Partizipation von vielen Menschen notwendig.


Individualisierung in der Gesellschaft

Die Industrialisierung führt in den Industriestaaten zu einer Individualisierung und damit zu einer Veränderung der sozialer Beziehungen. Nach Reich haben soziale Beziehungen diesbezüglich immer eine Doppeldeutigkeit. Einerseits sind Beziehungen zwischen Menschen, die sich nahe stehen, gemeint, andererseits bezieht sich der Begriff auf Vorteile, die aus solchen Bindungen hervorgehen können.

Mit der Individualisierung erleben die Menschen eine verstärkte Relevanz von Arbeitsplätzen und einen Rückgang von festen Bindungen. Hierbei entstehen einerseits größere Unsicherheiten in der Sicherung des Wohlstands und andererseits neue Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten. Es ergibt sich eine Paradoxie zwischen dem Wunsch nach Sicherheit auf der einen und Freiheit auf der anderen Seite. Die Möglichkeiten der individuellen Entwicklung stehen in einem ambivalenten Verhältnis zu Gefahren des Bindungsverlustes und sozialer Unsicherheiten.


Ideale der Moderne

Ein Vergleich der Ideale der Moderne mit den realen Ereignissen verdeutlicht, dass die Individualisierung viele Auswirkungen nach sich gezogen hat. Gleichzeitig unterstreicht der Vergleich die Widersprüchlichkeit des sozialen Kapitals, in dem der Wunsch nach Sicherheit mit dem Wunsch nach Freiheit immer wieder kollidiert.

Die Erwartungen an die Moderne sind (vgl. z. B. Loo/Reijen 1992):

  • Mehr Freiheiten, individuelle Lebenschancen und -unterschiede durch die Individualisierung.
  • Zunahme unterschiedlicher sozialer, kultureller, ökonomischer Lebensstile durch eine Differenzierung der Lebenswelt.
  • Die Funktionalisierung der Gesellschaft und differenzierte Aufgabenbereiche.
  • Hohe berufliche Spezialisierungen durch die Steigerung von Arbeitsteilungen.
  • Pluralisierung und Diversität der sozialen Lebensräume führen zu einer Gesellschaft, in der in einem größeren sozialen Raum Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammen leben und arbeiten.


Desillusionierung moderner Erwartungen

Der Vergleich von Idealen der Moderne und der historischen Entwicklung verdeutlicht, dass viele Erwartungen nicht erfüllt werden konnten. Eine Desillusionierung moderner Erwartungen wird in sechs Punkten deutlich:

1. Durch die Individualisierung ist ein zunehmender Verlust fester und langanhaltender Beziehungen zu erkennen. Vermehrt ändern sich Bindungen mit eigenen Lebensaufgaben; es kommt zu einer Verflüssigung sozialer Beziehungen. Gemessen an den Idealen der Moderne zeigt sich, dass die Individualisierung nicht nur Chancen bietet, sondern auch zu einer Zunahme sozialer Risiken geführt hat. Dies ist hauptsächlich auf die verstärkte Konkurrenz zwischen den Individuen zurückzuführen. Es kommt in der Moderne, auch aufgrund rapider, stetiger Veränderungen, stärker darauf an, kurzfristige Ziele und Ereignisse zu bedenken, als langfristig zu planen. Dies wird sowohl hinsichtlich sozialer Beziehungen, die nicht lange andauern, als auch individueller Lebensziele und Lebenssorgen, deutlich.

2. Die Differenzierung von Lebensbereichen sowie -stilen führt zu stärkeren individuellen Entwicklungen bei gleichzeitiger Konkurrenz. In der Differenzierung werden die Menschen anhand ihres ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals unterschieden. Obwohl die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs aufgrund differenzierter Lebensbereiche gegeben ist, bleiben die Menschen häufig in ihren sozialen Lagen, da sie stärker auf den Erhalt ihrer Besitztümer fokussiert sind.

3. Innerhalb sozialer Gruppen gibt es sowohl Schließungs- als auch Öffnungsprozesse, das heißt, die Gruppen sind für neue Mitglieder offen oder geschlossen. Soziale Gruppen, die über ein höheres Kapital und mehr Macht verfügen, sind häufig geschlossener als Gruppen, die diese Privilegien nicht besitzen. Im Bereich des Konsumverhaltens wird ebenfalls von Schließungs- und Öffnungsprozessen gesprochen. Der Zugang zu Konsummitteln steht grundsätzlich jedem offen, das heißt beispielsweise, ein Einkaufszentrum kann von jedem betreten und prinzipiell genutzt werden. Durch die Begrenzung der Konsummöglichkeiten entsteht hier jedoch auch eine Schließung, denn die Konsummittel sind nicht für alle gleich zugänglich. Der Mangel an Geld und Zeit erzeugt einen Mangel an Konsumchancen und den Verlust an gleicher Teilhabe an der Gesellschaft.

4. Der Arbeitsmarkt und die Arbeitsanforderungen verändern sich schnell. Arbeitsplätze werden dadurch unsicherer und insbesondere berufliche Spezialisierungen können zu Problemen führen, wenn die Spezialisierung nicht flexibel an neue Gegebenheiten angepasst werden kann. Besondere Kenntnisse sind keine Garantie für einen Arbeitsplatz, sondern können sogar zu einer beruflichen Unsicherheit beitragen.

5. Die Menschen unterscheiden sich in ihrem Konsumverhaltens und repräsentieren verschiedene soziale Lagen. Ihr ökonomisches Kapital nimmt dabei starken Einfluss auf die Möglichkeiten des Konsums. Innerhalb der einzelnen sozialen Schichten unterscheiden sich die Individuen in ihrem Konsumverhalten jedoch kaum, was zu einer Verminderung der Individualität führt. So ist es möglich, Menschen anhand materieller Konsumgegenstände gewissen Schichten zuzuordnen, das heißt, Konsumgegenstände repräsentieren soziale Lagen. Um soziale Lagen und Konsumverhalten besser untersuchen zu können, schlägt Reich deshalb die Erstellung eines Warenkorbs der sozialen Lage vor.

6. Durch Pluralisierung und Diversität der Gesellschaft entstehen nicht nur neue Chancen zur Vielfalt; beides wird auch als Bedrohung der eigenen Lage wahrgenommen. Soziale Lagen grenzen sich von anderen ab und schließen sie aus. Dies trifft besonders auf bessergestellte Lagen zu. Hier erfolgt eine starke Abgrenzung zu „niedriger gestellten“ Gruppen; den Mitgliedern wird unterstellt, selbst schuld daran zu sein, dass sie über weniger Kapital verfügen. Durch die Abwertung der anderen erfolgt gleichzeitig die Aufwertung der einen sozialen Lage. Dabei wird die eigene Lage nicht immer realistisch betrachtet, sondern häufig besser bewertet als sie ist – also immer im Verhältnis zu solchen Lagen gesehen, denen es vergleichsweise schlechter geht.


Staatliche Vorkehrungen und soziales Kapital

Der Staat hat die Aufgabe, Vorkehrungen zu unternehmen, damit alle Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft mit gleichen Chancen in sozialer Diversität leben können. Der Mangel an sozialem Kapital bei vielen Menschen und dessen Verteilungsungleichheiten führen über lange Sicht zu konfliktreichen Auseinandersetzungen innerhalb einer Gesellschaft. Hierbei ist es ein sozialer Mythos kapitalistischer Gesellschaften, dass sich Individuen allein aus eigener Kraft sozialen Gegebenheiten anpassen könnten. Ohne von Gesellschaft und Staat subventionierte Förderung bei Benachteiligung kann diese eigenverantwortete Anpassung nicht hinreichend erfolgen. Hier stößt die Eigendynamik des Marktes an seine Grenzen, da diese nicht in der Lage ist, für gerechte Verteilung zu sorgen. Daraus und auch aus den Grundsätzen der Demokratie selbst speist sich die Legitimation und Notwendigkeit staatlicher Maßnahmen zur Förderung der sozialen Teilhabe.

Die Staatlichen Vorkehrungen könnten den Individuen soziales Kapital zugänglicher machen und somit auch die gesamtgesellschaftliche Chancengerechtigkeit. Mögliche Vorkehrungen hierbei sind:

  • Die Schaffung von Mindestlöhnen, um die Teilnahme am Konsum zu sichern. Dabei erfolgen Fördermaßnahmen bei Arbeitslosigkeit, der Familienunterstützung wie auch in den Bereichen der Gesundheit und sozialen Sicherung. Das Ergebnis dieser Maßnahmen ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich verringert wird und soziale Ungleichheiten aufgefangen werden können.
  • Im Erziehungs- und Bildungssystem wird die Inklusion sozial schwacher Menschen vorgenommen, so dass Bildung für alle als Zugewinn sozialen Kapitals fungieren kann. Der Faktor Bildung hat eine Schlüsselfunktion inne und ist essentiell dafür, ein sozial durchlässigeres Bildungssystem zu erreichen.
  • Insbesondere die Bereiche Jugendarbeit, Behindertenhilfe, Förderung von Künsten und Sport sowie Vereinen etc. sollten stärker subventioniert werden.
  • In Wissenschaft und Forschung müssen aktuelle empirische Messungen und Analysen erweiterter vorgenommen werden, um den Stand der staatlichen Fördermöglichkeiten zugunsten des sozialen Kapitals zu messen und Defizite und Lücken aufzuzeigen. Ansonsten bleibt es bei den oberflächlichen Analysen, die zwischen Gesellschaft und Individuum zumeist individuellen Lösungen anvisieren. Hierbei ist es ein erster Schritt, einen sozialen Warenkorb zu definieren, um Ausgleichsfunktionen zu erfassen und im Anschluss staatlich regulierbar zu machen.


Individuelle Nutzung des sozialen Kapitals

Die individuelle Nutzung sozialen Kapitals ist immer schon durch Armut oder Reichtum begrenzt. Wohlstandsgesellschaften sind also keineswegs nur von Individualisierungschancen durchwirkt. Diese müssen insbesondere auch in günstige Kontexte eingebettet sein. Das Individuum muss möglichst hohe Vorleistungen durch individuelle Beziehungsarbeit in den richtigen Gruppierungen betreiben, um die Vorteile des sozialen Kapitals zu nutzen. Laut der Mehrwertreproduktion des sozialen Kapitals sind Beziehungen und ein ähnlicher sozialer Habitus der Vergleichsgruppen ausschlaggebend für den Erwerb von Reichtum oder für Erfolge wie Jobzusagen.


Die vier Formen der Mehrwertproduktion des sozialen Kapitals

Folgende individuelle Strategien können den Mehrwert des sozialen Kapitals steigern: 1. Mehrwert aus sozialer Beziehungsarbeit: entspringt aus der Differenz zwischen Kosten aus sozialer Beziehungsarbeit und den Einnahmen auf dem Markt, die einen Zugang, Aufrückung, Möglichkeiten der Kapitalisierung bieten. Die Währung dabei sind Geschenke und jegliche Dienstleistungen, die Nachhaltigkeit wird durch die Zeit ausgedrückt, gefolgt von diversen Mitteln, die eingesetzt werden um der Beziehungsarbeit nachzugehen. 2. Mehrwert aus Angebot und Nachfrage: Die Differenz zwischen sozialen Ausgaben und der Gewinn aus guten Jobs wird durch das Angebot- und Nachfrageprinzip beeinflusst. Beziehungen sind von Konkurrenz geprägt, demensprechend müssen die Individuen aus der Masse herausstechen und sich durch Kompetenzen oder Verhaltensweisen von allen anderen unterscheiden. Oder es müssen Gruppen und Kreise aufgesucht werden, wo eine genügende Nachfrage nach den von dem Individuum mitgebrachten Möglichkeiten besteht. 3. Mehrwert aus Illusionierung und Täuschung: Um Sozialkapital zu erlangen, wird oft viel Illusionierung betrieben, wobei dabei angestrebt wird Erwartungen zu täuschen um die tatsächlich verwerteten sozialen Beziehungsleistungen zu kaschieren. Illusionierungen sind mittlerweile ein Massengegenstand des Kapitalismus geworden, sodass hier ein großer Druck besteht. Der Schein lässt sich in vielen Kreisen zumeist nur bis zu einer finanziellen Ausschöpfung aufrechterhalten. 4. Parasitäre Gewinne: Dieser Mehrwert ist der Gewinn aus vorhandenen oder zugeschriebenen sozialen Kontakten wie ein günstige Ausgangslage durch Familie oder Heirat.

Diese vier Formen des Mehrwerts verdeutlichen, dass soziales Kapital nicht allein durch individuelle Strategien eines nach und nach erworbenes Humankapitals im Sinne von Theorien der Individualisierung erreicht werden kann. Diese Theorien lassen außer Acht, dass Individuen nie nur allein agieren, sondern in weitere komplexe Handlungsbezüge mit involviert sind und somit nicht alle Zügel alleine in der Hand halten können.


Individualisierung ist nur eine Seite des sozialen Kapitals

In der heutigen Gesellschaft – der flüssigen Moderne bzw. der Risikogesellschaft – ist es wichtig, im Rahmen der individuellen Möglichkeiten (Ausgangslagen) das eigene Leben zu gestalten („Wahl- oder Bastelbiographie“). Individuelle Handlungsspielräume und Wahlmöglichkeiten spielen dabei eine zentrale Rolle.

Beck betont in diesem Zusammenhang eine Loslösung von sozialen Klassen und stellt die These auf, dass diese durch die Individualisierung und Diversifizierung abgelöst werden. Michael Hartmann hingegen kritisiert an der Individualisierungstheorie, dass sie die anhaltend hohe Bedeutung der sozialen Herkunft zu sehr ignoriere.

Die Bildungsexpansion hat die Bildungschancen für die breite Masse verbessert. Es ist zwar eine Öffnung des „Fahrstuhls“ nach oben zu beobachten, wodurch einem Teil der Benachteiligten durch Bildung ein Aufstieg ermöglicht wird. Leider ist es in Deutschland bis heute aber nicht gelungen, das Ideal der Bildungsgerechtigkeit auch nur annähernd zu erreichen. Immer noch ist insbesondere der sozioökonomische Status im Zusammenhang mit dem Erwerb von Lernkapital wegweisend für Bildungserfolge. Zudem hat das Bildungssystem stets eine zentral steuernde Bedeutung durch die Verleihung von Bildungsgraden, welche im Lebensverlauf Teilhabechancen bestimmen.

Die Individualisierungstheorie überbetont oft die Bedeutung des Individuellen. So spricht etwa Richard Münch von einer Befreiung des Individuums aus dem Kollektiven und einer Lebenschancenverteilung durch den Markt. Tatsächlich kann eine freie Entfaltung der Individualität aber leichter von Personen aus der Elite umgesetzt werden. Um den Luxus einer freien Entfaltung zu gestalten, müssen zunächst grundlegende Bedürfnisse befriedigt werden (physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse u. a.).

In der Individualisierung können sich Einzelpersonen auf dem Markt unentbehrlich und einzigartig machen. Die Eigenschaften der eigenen Persönlichkeit müssen dabei in Gruppen relevant sein, damit Anerkennung und Wertschätzung erfolgen können, die Einschätzung ist dabei von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. Durch eine individuelle Kombination von Eigenschaften kann sich der Mensch von anderen unterscheiden, erhält so einen einzigartigen Marktwert und kann somit das Potenzial seines sozialen Kapitals ausweiten.


Der Markt als andere Seite des sozialen Kapitals

Das Individuum befindet sich in einem Spannungsverhältnis zwischen dem Gebrauchswert seiner sozialen Beziehungen und deren Tauschwert auf dem Markt. Der Mensch ist ein soziales Wesen, wobei das Soziale ein grundlegendes Interaktions- und Kommunikationsverhältnis ist und kein Kapital darstellt, sondern zunächst nur Ausdruck menschlichen Zusammenlebens in all seinen Formen ist. Da der Markt aber alle Bereiche durchdringt wird der Gebrauchswert des Sozialen in bestimmten Handlungen in einen Tauschwert verwandelt und als solcher gewinnbringend im Vergleich zu den Kosten realisiert. Das Zusammenleben und alle sozialen Ereignisse werden durch Tauschhandlungen bestimmt und sind sehr oft auch mit ökonomischen Absichten verbunden. Durch die Entwicklung des Sozialen hin zum sozialen Kapital findet eine Kanalisierung der Handlungsfreiheiten durch eine zunehmende Orientierung an Tauschwerten statt. Hierbei werden durch die Auswahl „lohnenswerter“ Beziehungen und Netzwerke Potentiale für neue Lebenschancen eröffnet. Dabei ist es aus der Sicht einer Kapitalisierung wichtig, dass das Individuum lernt, das Kalkül zu nutzen, um zwischen notwendiger und überflüssiger Gebrauchswertbildung im sozialen Warenkorb zu unterscheiden.

Auch demographische Verhältnisse stehen mit dem sozialen Kapital im Zusammenhang. Hier sind fehlende Anreize in Form von Kinderbetreuung und Familienfreundlichkeit, aber auch die schlechten Bedingungen zum Aufbau von sozialen Gebrauchswerten, die sich tatsächlich in Tauschwerte verwandeln lassen, ein Grund für die zurückgehende Geburtenrate. Es herrscht die Fiktion gleicher Startchancen und das Postulat des freien Willens in Bezug auf den Erwerb sozialen Kapitals, aber Kinder werden selten auf der Gebrauchswertseite dazu führen, dass ein besserer Job oder ein höheres Einkommen allein durch ihr Vorhandensein erreicht werden kann. Das Gegenteil ist meist der Fall.

Der Markt sorgt für Veränderungen der Arbeitsprozesse. So können zwar auch positive Erneuerungen wie die Erhöhung der Frauenbeschäftigung beobachtet werden, aber der Markt wandelt sich allgemein zu kurzfristigem Denken wegen schneller Erfolgsorientierung, Egoismus, wenig Nachhaltigkeit und Gewinnmaximierung. Dabei wird die Arbeit so gestaltet, dass immer weniger Individuen immer mehr an Leistung erbringen müssen, wobei die Gewinner dieser Effektivierung meist weniger die Leistungserbringenden, sondern wenige Reiche in der Gesellschaft sind. Das Phänomen von Gewinnern und Verlierern stellt allerding kein Phänomen der „neuen“ Kapitalisierung dar, denn dieses gab es bereits in den traditionellen Formen des Kapitalismus. Was sich geändert hat, das ist jedoch die soziale Verbindlichkeit der Rollen, die in der Gegenwart oft eine soziale Verantwortung des Unternehmertums in den Hintergrund treten lässt.

Der Staat muss den Menschen Hilfestellung bereitstellen, damit die Mehrheit die Freiheiten der individuellen Entfaltung sowie die Teilhabe an der Gesellschaft in Anspruch nehmen können und Chancengerechtigkeit entstehen kann. Dies kann in Form von Bildungsangeboten, Ausgleichsleistungen und anderweitigem Engagement erreicht werden.


Folgen des sozialen Kapitals für ausgewählte Bereiche

Einkommen:

Das soziale Kapital kann das Einkommen nur indirekt beeinflussen und zu dessen Sicherung beitragen. Ein hinreichender Gebrauchswert des sozialen Kapitals kann helfen, ein höheres Einkommen zu erzielen. Je weniger der Staat bei der Bildung des sozialen Kapitals eine erhöhte Chancengerechtigkeit unterstützt, desto geringer sind die Chancen des Individuums, sich allein durch eigenes Engagement hinreichend soziales Kapital anzueignen.

Arbeitslosigkeit bzw. Beschäftigung:

Ein fehlender Gebrauchs- und mangelhafter Tauschwert des sozialen Kapitals kann zu Zukunftsängsten führen, wobei die Arbeitslosigkeit eines der hauptsächlichen Risiken ist. Der Weg vieler Menschen, eine Lösung in einer Fokussierung auf egoistische Ziele zu finden, zeichnet auch ein Bild einer entsolidarisierten Mehrheitsgesellschaft, in der zu wenige Interessen an unterstützenden Beziehungen mit Mitmenschen gepflegt werden.

Soziale Mobilität:

Die soziale Lage ist immer auch das Ergebnis des Aufbaus und des Einsatzes von sozialem Kapital. Die erreichte soziale Lage zeigt ihre Mobilitätschancen auf. Eine Verbesserung der Mobilitätschancen bedeutet, das soziale Beziehungen und Netzwerke existieren und zusätzlich Lernkapital oder andere Kapitalformen eingesetzt werden können.

Konsumchancen und Wohnen:

Hier kann ein Zusammenhang von Teilnahmemöglichkeiten am Konsum und guten Wohnmöglichkeiten mit einer einhergehenden höheren Wahrscheinlichkeit von Tauschwerten des sozialen Kapitals gesehen werden. Es fällt auf, dass nur derjenige geben kann, der einen Überschuss hat und dieses Geben wird dann von den Begünstigten wiederum positiv aufgefasst, was wiederum das soziale Kapital erhöht. Dies kann als Teufelskreis bezeichnet werden, da diejenigen, die bereits soziales Kapital besitzen wiederum am meisten an sozialem Kapital dazu gewinnen.


Drei Szenarien für den individuellen Umgang mit sozialem Kapital

Es können drei Szenarien des individuellen Umgangs mit dem sozialen Kapital zusammengefasst werden:

1. Besitzszenarium: Durch parasitäre Teilhabe, wie etwa durch die eigene Familie, die Eltern, Heirat und Vererbung, können bestehende Beziehungen und Netzwerke genutzt werden. Es kann beobachtet werden, dass Personen mit einem großen sozialen Kapital häufig auch andere Kapitalformen besitzen. Die zu beobachtende Reproduktion der sozialen Lage ist im Kontext der Debatte um Chancengerechtigkeit kritisch zu sehen.

2. Aufstiegsszenarium: Der eigenständige Erwerb bei schlechteren Startbedingungen ist möglich. Dabei sind Besonderheiten der eigenen Person (Talente, Intelligenz, Körperkapital) und Nachfrage seitens des Marktes erforderlich. Die Aufstiegschancen sind dabei sehr länderspezifisch geprägt. Es gibt Länder, die sich durch eine flache soziale Hierarchie und Gesellschaft auszeichnen und in denen ein Aufstieg daher gut gelingen kann (z.B. in Schweden, Norwegen). In anderen Ländern mit festen Hierarchien und Strukturen hingegen kann der Aufstieg nur schwer erfolgen (z. B. Großbritannien), hier kann schon in der Bildung eine große Ausgrenzung beobachtet werden.

3. Unsicherheitsszenarium: Das soziale Kapital ist nicht in dem Maße materialisiert wie andere Kapitalformen. Eine niedrig eingeschätzte soziale Lage kann zu unsicheren Beziehungen und zu einem unsicheren sozialen Kapital führen, das wenig Nutzungspotential birgt. Das Unsicherheitsszenarium wird bedingt durch den sozialen Habitus, Bildungsstand, Gruppenzugehörigkeit, Machtpotential der sozialen Position und weitere Merkmale, die bei der Verbesserung der sozialen Stellung als relevant erscheinen.

Es gibt Menschen die resigniert vor den geringen Chancen ihrer Ausgangslage stehen, aber auch solche, die bewusst gegen eine solche Kapitalisierung des Sozialen ankämpfen. Sie betonen die Bedeutung der Vielfalt der Gebrauchswerte und lösen sich von der Dominanz der Tauschwerte. Im Menschlichen und Mitmenschlichen liegt eine soziale Chance jenseits eines Kosten-Nutzen-Denkens.