Chancengerechtigkeit und Kapitalformen

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Der Begriff Chancengerechtigkeit bezeichnet gesellschaftliche Praktiken, Routinen und Institutionen, die vor dem Hintergrund einer demokratischen gesellschaftlichen Orientierung einen gerechten, d.h. möglichst gleichen Zugang zu Ressourcen, Leistungen, Positionen oder Gütern auch bei unterschiedlichen Ausgangssituationen einzelner Gesellschaftsmitglieder ermöglichen. Eine gesellschaftliche soziale Ordnung gilt als relativ gerecht, wenn sie sowohl fair in Bezug auf die Bedeutung der sozialen Ausgangsposition unterschiedlicher Individuen ausgleichend wirkt als auch bestehende Benachteiligungen aktiv aufgreift und ihnen entgegensteuert. Mitunter wird in der politischen Diskussion der Begriff der Chancengerechtigkeit allerdings auch in unfairer und sozial ungerechter Weise verwendet, wenn mit ihm ausgesagt werden soll, dass bereits eine formale Gleichbehandlung, wie sie in einer repräsentativen Demokratie gilt, hinreichend Chancengerechtigkeit bedeute. Nachfolgend wird eine Einführung in den Begriff der Chancengerechtigkeit gegeben und es werden wesentliche Beziehungen zu den Kapitalformen thematisiert.

In der heutigen profitorientierten Gesellschaft schränken ökonomische Voraussetzungen die Partizipationschancen, gleiche Rechte und gerechte Bildung, die Freiheit und Gleichheit der Menschen durch unterschiedliche Verteilung der Mittel immens ein. Wo auch immer menschenrechtliche Ideen und Praktiken umgesetzt werden sollen, werden Vorhaben oft durch eine ökonomische Unterfinanzierung bzw. eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung nach Arm und Reich gesteuert bzw. verhindert. Aufgrund der zunehmenden Kapitalisierung aller Lebensbereiche treten Werte in den Vordergrund, die auf einen produktiven Nutzen ausgelegt sind. Hierfür lassen sich exemplarisch die Vermehrung des Wohlstands, die wissenschaftlich- technologische Entwicklung und die Sicherung der Lebenswege als materiell orientierte Normierungen aufzählen. Innerhalb dieser gesellschaftlichen Struktur wird von verschiedenen Akteuren eine Lebens- und Handlungsweise angenommen, welche sich durch scheinbare Freiheit und Gleichheit auszeichnet. Diese angebliche Chancengleichheit entpuppt sich im Hinblick auf die gesellschaftlichen Strukturen und besonders unter Beachtung des Bildungssystems vielfach als Fiktion und Illusion. Besonders Universitäten, welche frei von ökonomischen Belangen agieren sollten, geraten immer stärker unter Effizienz- und Verwertungsdruck. Es werden Studiengebühren eingeführt, Eliteuniversitäten gekürt und die Studiengänge durch die Kosten-Nutzen-Rechnungen illusionär, d.h. wettbewerbsfähiger gestaltet. Chancengleichheit entpuppt sich als ein Scheinkonstrukt, welches im Rahmen des Konzepts der Chancengerechtigkeit bestenfalls als Chancenausgleich realisiert werden kann.

Mitunter wird in der politischen Diskussion der Begriff der Chancengerechtigkeit allerdings in unfairer und sozial ungerechter Weise verwendet, wenn mit ihm ausgesagt werden soll, dass bereits eine formale Gleichbehandlung, wie sie in einer repräsentativen Demokratie gilt, hinreichend Chancengerechtigkeit bedeute. Eine solche Aussage ist unrichtig und politisch einseitig, weil sie unterstellt, dass alle Menschen von vornherein gleiche (und damit gleich gerechte) Ausgangspunkte hätten und damit auch nur formal eine gleiche Behandlung benötigen. Dann erscheint es als individuelle Bringschuld, ob die Chancen genutzt oder vergeudet werden. Dagegen stehen politische, soziale und philosophische Reflexionen, die Chancengerechtigkeit deutlich differenzierter und sozial kritisch sehen.

Den normativen und juristischen Rahmen für ein chancengerechtes Leben in Freiheit und Demokratie bilden laut Stephane Hessel die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ aus dem Jahr 1948: Menschenrechte. Jedoch wird dieses theoretische Handlungskonstrukt sehr unterschiedlich und nicht durchgehend weitreichend in die gesellschaftliche Praxis umgesetzt. Zum einen ist der theoretische Rahmen zu abstrakt formuliert, wodurch die konkrete Umsetzung in der Praxis erschwert wird. Ein Beispiel liegt in dem Begriff der Menschenwürde, welcher durch seine ungenaue Definition gleichzeitig alles menschliche offen mit einbezieht, aber auf nichts Konkretes im Sinne bestimmter sozialer Leistungen verweist. Um die gerechte Teilhabe in der Praxis zu erreichen, bedarf es konkrete Regulierungen, die explizite Möglichkeiten der Umsetzung enthalten. Zum anderen wird die Umsetzung der Menschenrechte durch die weltweiten ökonomischen Entwicklungen – dem Streben nach größerem materiellen Reichtum und Wohlstand – zu einem Verteilungskampf unterschiedlicher Interessen. So ist insbesondere das unterfinanzierte deutsche Erziehungs- und Bildungssystem ein Beispiel für die Bedrohung der Chancengerechtigkeit. Der soziale Aufstieg bei benachteiligter sozialer Herkunft wird nicht durch das Bildungssystem hinreichend unterstützt, obwohl dies eigentlich das Fundament der Chancengerechtigkeit bilden sollte. Vielmehr werden Kinder von ihrem Elternhaus gefördert, so dass Heranwachsende aus wirtschaftlichen und intellektuellen besser gestellten Familien einen erheblichen Vorteil erhalten. Die Chancengerechtigkeit wird weiterhin von einer ungleichen weltweiten Vermögensverteilung mit steigender Tendenz bedroht. So besitzen laut Oxfam die reichsten ein Prozent im kommenden Jahr mehr als die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung zusammen.

Abstrakte Formulierungen und die weltweiten ökonomischen Entwicklungen erschweren eine einheitliche Umsetzung der Menschenrechte in der Praxis. Weiterhin gründen sich Staaten mit modernen Demokratien und Staatsformen auf unterschiedliche theoretische Vertragstheorien. Das hat zur Folge, dass alle Staaten die demokratischen und menschenrechtlichen Werte unterschiedlich auslegen und realisieren. Die klassischen Vertragstheorien stützen sich auf liberale Modelle von John Lockeoder Jean Jacques Rousseau und bilden damit ein mögliches gesellschaftliches Fundament. Hiernach geht jeder Mensch in jeder möglichen Interaktion mit einem anderen einen stillschweigen den Vertrag ein. Diese einigen sich auf gemeinsamer Verstands- und Vernunftsbasis auf einen gemeinsamen Wohlstand, aus welchem beide einen gegenseitigen Vorteil ziehen. In diesem theoretischen Vertrag wird ein Gleichheitsverhältnis vorausgesetzt, welches von Solidarität getragen wird. Genau diese Solidarität wird in den unterschiedlichen Wirtschaftssystemen jedoch grundsätzlich in Frage gestellt. So kommt John Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit zu der Schlussfolgerung, dass unfaire Chancen, die durch die mehr oder minder zufällige Verteilung von Gütern oder Ausgangspositionen bestehen, als Ausgangslage immer hinreichend kritisch berücksichtigt und bei unfairer Verteilung ausgeglichen werden müssen. Für Kersten Reich ist der Begriff Chancengerechtigkeit ein politischer und sozialer Kampfbegriff, der sowohl auf der gesellschaftlichen als auch der individuellen Seite der Handlungs- und Lebenschancen von Menschen genutzt werden kann und sollte, um auf ungerechte Verteilungen aufmerksam zu machen und notwendige Ausgleichsleistungen, Förderungen von Menschen einzufordern und inklusive Praktiken, Routinen und Institutionen möglichst umfassend einzuführen und zu gestalten. Besonders innerhalb der pädagogischen Arbeit besteht der Anspruch, Chancengerechtigkeit umzusetzen. Das Ziel, jeden Heranwachsenden mit gleicher Intensität zu fördern, lässt sich in der Praxis nur in einem inklusiven Erziehungs- und Bildungsmodell umsetzen, indem Heterogenität repräsentativ zur Bevölkerung wirklich hergestellt wird. Außerdem müsste Förderung so stattfinden, dass die soziale Herkunft irrelevant für den Bildungserfolg ist und alle erkennen sowie erlernen können, wie sie individuelle Chancen wahrnehmen können. Zuletzt müsste die Gesellschaft so gesichert sein, dass die vorhergenannten Punkte hinreichend unterstützt werden können.