Eine kurze Beschreibung kapitalistischer Rahmenbedingungen

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
Version vom 7. August 2015, 11:32 Uhr von Apa11 (Diskussion | Beiträge)

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Vom schweren zum leichten Kapitalismus

Marx hat eine Chance für eine gerechtere Verteilung der Reichtümer einer Gesellschaft darin gesehen, dass die Arbeiterklasse eine Revolution gegen die besitzende Klasse führt und eine Vergesellschaftung des ökonomischen Kapitals erwirkt. Ideen der Vergesellschaftung der Produktionsmittel haben seither zu Versuchen gesellschaftlicher Umgestaltungen in sozialistischen Bewegungen geführt, aber alle diese Versuche waren leider auch mit neuen Hierarchien und Machtkonstellationen begleitet, die bestehendes ökonomisches Kapital keineswegs gerecht über alle Menschen verteilen konnten. In Konkurrenz mit kapitalistischen Entwicklungen setzte sich der Kapitalismus gegen fast all diese Versuche mittlerweile als dominante Wirtschaftsform durch.

Der Kapitalismus als allgemeine Wirtschaftsweise führte zu einem Anstieg des Wohlstandes in den Industriegesellschaften. Andererseits sind die massenhaft Arbeitenden im Vergleich zu den wenigen Reichen mit großem ökonomischen Kapital arm geblieben und zum Teil immer ärmer geworden. Ökonomische Unsicherheiten werden zu stark zu Lasten der Arbeitenden, die im doppelten Sinne frei sind - frei in ihrer Lebensführung und frei von eigenem Kapital - gesellschaftlich in Kauf genommen.

Die große Industrie wird als Zeitalter der Moderne, einer Ordnungssuche in aufgeklärter Lebensweise, u.a. von Zygmunt Bauman beschrieben. Ordnungen sind hierbei Konstrukte einer gesellschaftlichen Entwicklung und bilden eine teils bewusste, teils unbewusste Grundlage des gesellschaftlichen Lebens. Ordnungen bestimmen beispielswiese, was in einer Gesellschaft als erfolgreich anzusehen ist. Nach Reich werden im Industriezeitalter und in der Moderne Kontrollierbarkeit der Handlungen, Transparenz der Wege und Klarheit der Ziele sowie Voraussagbarkeit der Ergebnisse als besonders erfolgreich angesehen.

Als Prototyp der kapitalistischen Moderne gilt nach Zygmunt Bauman beispielsweise der Fordismus, in dem Kosten und Gewinne stabil berechenbar und vorauszusehen sind. Je mehr allerdings Bestrebungen der Kontrolle und Sicherheit mit dem Ziel unendlichen Wachstums und einer Gewinnmaximierung unterstellt werden, desto mehr zeigen die tatsächlichen Praktiken Erscheinungen der Unvollständigkeit und Unkontrollierbarkeit auf. Besonders deutlich wird dies in den regelmäßig auftretenden wirtschaftlichen Krisen des Kapitalismus. Durch den Versuch der stetigen Kontrolle und die gleichzeitige Unmöglichkeit, sie zu erreichen, wächst das Bewusstsein für eine Verflüssigung der Moderne, wie sie heute von Bauman(2000) beschrieben wird.

Die Vermehrung des Kapitals wird im schweren Kapitalismus mit einem Fokus auf Fortschritt und Überprüfbarkeit betrieben. Die dabei unterstellte Ordnungssuche ist von Menschen festgelegt und bezieht stark Ein- und Ausschlüsse mit ein. Erfolge und Misserfolge sollen dabei möglichst objektiv und rational gemessen werden. Die Produktionsweise des Fordismus bildet ein Beispiel für diesen Kapitalismus. Kalkulierbare Kosten, Gewinne und nachhaltige Ergebnisse sind drei zu nennende Merkmale dieses Kapitalismus, wobei die Produktion und die Prozesse in festgelegte Schritte unterteilt sind und mit dieser Ordnung standardisiert wurden. Doch im Laufe der Zeit wurde auf der anderen Seite deutlich, dass dennoch unkontrollierbare, unvollständige und ambivalente Prozesse auftreten. Für den schweren Kapitalismus lassen sich nach Bauman mindestens fünf Wirkungsfaktoren ausmachen.


1. Routinen: Durch Arbeitsteilung und serielle Produktion nach einem fordistischen Modell wird die Produktion auf einfache Aktivitäten, Routinen und vorherbestimmte Bewegungen reduziert. Hierdurch werden Kreativität, Spontaneität und kritisches Denken zurückgehalten. Gleichzeitig fungiert der einzelne Arbeiter als einfacher Befehlsempfänger der von den Managern einer Fabrik abgespaltet wird.

2. Bürokratie: Um Unruhen und störende Unterbrechungen sowie die damit verbundenen Mehrkosten in einer seriellen Produktion zu vermeiden, ist ein gewisses Maß an Bürokratie erforderlich. Diese wirkt als verinnerlichtes Regelwerk und schafft bereits im Vorfeld Ordnung. Im Zweifelsfall wirkt sie als Fremdzwang mittels Drohungen und Strafen regulativ. Je mehr die Arbeitsteilung ansteigt, desto mehr Bürokratie wird benötigt um diese effektiv zu organisieren.

3. Panoptismus: Um Produktionsprozesse möglichst genau zu planen und vorherzubestimmen sowie einen reibungslosen Ablauf zu garantieren, werden Informationen über exakt diese Prozesse und die hierin tätigen Menschen benötigt. Begleitet wird die oben beschriebene Bürokratie dementsprechend von einem Panoptismus in dem jeder jeden beobachtet, erforscht und beschrieben werden kann. Kontrolle und Überwachung wird teils ins Extrem getrieben damit alle Prozesse möglichst genau gesteuert werden können.

4. Kostenordnung: Eine kapitalistische Lebensweise und Gesellschaft reduziert den Menschen auf einen Kostenfaktor. Er wird diszipliniert, soll in seiner Vollständigkeit verfügbar sein und wird als Objekt eines Machtapparates verdinglicht. Phänomene wie die Konzentrationslager oder das Gulag sind für Reich die absolute Steigerung dieser Entwicklung. Hier wird die im Kapitalismus ersehnte Ordnung und die Senkung der Kosten auf die Spitze getrieben und gegen alles Menschliche durchgesetzt.

5. Mangel an Flexibilität: Als alleiniges ökonomisches Konzept stellt der schwere Kapitalismus kein zukunftsfähiges Modell dar. Die Perspektive des grenzenlosen Wachstums ist allein schon wegen der Begrenztheit der Ressourcen keine dauerhafte Perspektive. Weiterhin baut der Kapitalismus auf dauerhafte, unflexible Gewinne bei hohen Investitionskosten. Hierdurch wird er anfällig für unterschiedlichste Störfaktoren. Die zu beobachtende Tendenz zum Dienstleistungssektor zeigt in eine Richtung der Überwindung der schweren Industrie.

Durch Homogenität, Zwanghaftigkeit und Funktionalität kann der schwere Kapitalismus tendenziell zu totalitären Systemen führen, wie insbesondere die deutsche Geschichte zeigte. Der schwere Kapitalismus gilt als stabil, aber zugleich als schwerfällig, immobil und unflexibel. Er fördert eine statische Fixierung auf feste Regeln, Gesetze, Haltungen und Ziele. Es werden feste Führungskräfte und Steuerungsinstanzen benötigt, um die Massen an Arbeitern zu organisieren. Freiheiten, Zufälligkeiten, Anomalien und Autonomien werden dann gezielt bekämpft, wenn sie eine reibungslose Produktion stören. Die Kalkulation von Kosten und Gewinnen spielt in der Moderne eine zentrale Rolle und beschneidet so neu erworbene Freiheiten, wie zum Beispiel eine frei unterworfene, in Arbeitsverträgen organisierte, Lohnarbeit.


Eckpunkte einer Veränderung der sozialen Lebensformen im Übergang von der Moderne in die flüssige Moderne

Nachdem in feudalen und vorindustriellen Gesellschaften eher Machtmechanismen vorherrschten, welche Fremdzwang anwendeten, entwickelten sich in der Moderne in den Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts vor allem individuelle Selbstzwänge. Letztere verzichten weitgehend auf von außen kommenden Druck bzw. reduzieren diesen, wie Norbert Elias in umfassenden Studien zeigen konnte. Diese Entwicklungen zeigen sich insgesamt in Veränderungen der Verhaltensstandards:

• Erhöhung des Nationalprodukts der Industrieländer, Verbesserung des Lebensstandards, Abnahme von körperlicher Arbeit, Verkürzung der Arbeitszeiten führen zu breiteren und aktiveren Handlungsmöglichkeiten;

• Institutionalisierung der Gewaltenteilung, insbesondere das relativ unabhängige Rechtssystem trägt zur Verhaltenssicherheit bei und stabilisiert die Herrschaftsverhältnisse sowie eine versachlichte persönliche Unterordnung;

• Veränderung der Machtgefälle zwischen Männern und Frauen (patriarchale Strukturen nehmen ab), älteren und jüngeren Generationen (Werteneuordnung), europäischen Gesellschaften und den ehemaligen Kolonien (Unabhängigkeiten), zwischen Herrschenden und Beherrschten (demokratische Bestrebungen);

• Wachsende Verhaltens- und Statusunsicherheit, Identitätsfindung wird problembehafteter, da die geltenden Werte stets verhandelbar sind;

• es erscheint ein Bewusstseinsproblem, alles traditionell Überlieferte wird in Frage gestellt.


Die flüssige Moderne ist nach Zygmunt Bauman Ausdruck dieser Veränderungen. Auch ein ausgeprägter Selbstzwang ist kein Garant für ein erfolgreiches Leben. Wandel, Innovation, ständige Entwicklung sind zu zentralen Werten geworden. Der leichte Kapitalismus und die flüssige Moderne verspricht nach Zygmunt Bauman einen Zuwachs an individueller Freiheit, wobei der Konsum zum Schlüsselphänomen der Lebensweise wird. Der konsumorientierte Kapitalismus bietet eine Fülle an neuen Freiheiten und möglichen Lebensweisen. Allerdings können diese von vielen Menschen oft gar nicht erreicht werden, da sie nicht über hinreichende Ressourcen und Chancen verfügen. Freiheits- und Lebenschancen sind ungleich verteilt.

Vor allem Brüche, Widersprüche, Paradoxien und Ambivalenzen zeigen dunkle Seiten des Kapitalismus und sind für die Bestimmung des ökonomischen Kapitals von Relevanz:

• Emanzipatorische Bestrebungen werden einerseits gefördert, andererseits durch das ungleich verteilte ökonomische Kapital ständig verworfen. Auf diese Weise ist dafür gesorgt, dass die ökonomisch besser Gestellten ihre Privilegien gegenüber den schwächeren Gesellschaftsmitgliedern verteidigen können. Die Ideologie der ständigen Verbesserung der Lebenslage aller erweist sich als schwierig umsetzbar.

• Alle Bedürfnisse werden in Konsumerfahrungen verwandelt, der leichte Kapitalismus ist zunehmend auf den Konsum orientiert. Jedem ist es dabei selbst überlassen, inwieweit er an den Konsumchancen teilhaben kann. Dieser Individualismus trägt dabei mehrere Züge:

o Er wird stets von gesellschaftlichen Strukturen und Zwängen begleitet, welche die Handlungsbedingungen definieren.

o Die Partizipation am Konsum ist zum zentralen Kriterium für die Bestimmung des sozialen Status geworden.

o Die Verantwortung am Konsum teilzuhaben liegt allein beim Individuum, ein Scheitern wird zum persönlichen Scheitern.

o Individualismus bedeutet auch, sich seine eigene individuelle Biografie zu schaffen, sowohl in beruflichen wie auch in sozialen oder familiären Kontexten.

o Individualismus wird zum komplizierten und komplexen Spiel, die flüssige Moderne produziert einen flüssigen Charakter menschlicher Angelegenheiten.

o Die Bindung an Traditionen sowie die Unterwerfung unter Autoritäten werden aufgegeben, stattdessen folgt ein ständiges Suchen nach Rat und Lenkung, wobei die Illusion des selbstbestimmten individuellen Lebens aufrechterhalten wird.


Der schwere Kapitalismus der festen Moderne wird zum leichten Kapitalismus der flüssigen Moderne. Aus dem Produktionskapitalismus wird zunehmend ein Zirkulationskapitalismus. Die Vielzahl an Regeln und Institutionen, berechenbare Bahnen und Konsequenzen verschwinden, es folgt auch eine Relativierung der Abhängigkeiten von ökonomischen, sozialen und kulturellen Beziehungen sowie eine Verflüssigung der Regeln und Regulationen.

Das Paradox der Industrieproduktion

Obwohl nur ein geringer Prozentsatz der Menschheit ökonomisches Kapital in größeren Mengen besitzt, wird es weitgehend in seinen Geldformen idealisiert. Hierbei tritt das alte Ideal von anstrengender Arbeit und Verantwortung im unternehmerischen Bereich immer mehr in den Hintergrund, die Verantwortung gegenüber den Beschäftigten wird zugunsten der unternehmerischen Freiheit gedeutet. Der Widerspruch des Kapitalismus liegt darin verankert, dass es einen hohen Grundanspruch auf Eigentum gibt, der jedoch in keiner Weise mit damit verbundenen gesellschaftlichen Pflichten und die Einnahme umfassender sozialer Verantwortung einhergeht.

Eine wesentliche Seite dieser Widersprüchlichkeit wird von Ökonom/innen heute als "Paradox der Industrieproduktion" bezeichnet. Der mittlerweile hohe Grad an Automatisierung aufgrund von wissenschaftlich-technischem Fortschritt führt dazu, dass immer weniger Beschäftigte immer mehr produzieren, gleichzeitig aber werden für die erzeugten Produkte Konsumenten gesucht, die sich das von ihrem Lohn oder Einkommen her leisten können. Die Folge dieser Paradoxie ist die Notwendigkeit, möglichst Vollbeschäftigung durch ständige Innovationen bei Waren und Dienstleistungen zu erreichen, um den Konsum breiter Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen. Engpässe führen sofort zu Stagnationen im Absatz.

Verschärfend kommt hinzu, dass in der Produktion eine enorme Auslagerung in billig produzierende Länder stattfindet. Gründe dafür sind Vorteile in solchen Ländern: eine geringere staatliche Regulierung, geringere Löhne sowie weniger Einschränkungen beispielsweise im Umweltschutz. Sogennannte Schwellenläder schließen zu den Industriestaaten auf, wodurch eine "Globale Wanderung des Kapitals" stattfindet. Die Lösung für Länder mit teuren Arbeitskräften sowie stärkeren staatlichen Regulierungen sind hochwertige Innovationen, die jedoch nicht zwingend auf Dauer einen wirtschaftlichen Aufschwung bedeuten müssen und starke Abhängigkeiten vom Export erzeugen.

Die wirtschaftliche Entwicklung in den verschiedenen Regionen ist weltweit sehr unterschiedlich. Die Folge davon ist ein weltweiter Konkurrenzkampf um neue oder bestehende Industriestandorte. Die klaren Verlierer dieser Entwicklung sind dabei die sogenannten Entwicklungsländer, die bei hoher Ausbeutung nur wenig von dem immer wachsenden Kapital besitzen.

Produktive und unproduktive Arbeit

Die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit wurde im wesentlichen durch Marx geprägt. Er unterschied zwischen produktiver Arbeit, die in jedem Fall entlohnt wird und Mehrwerte erzeugt und unproduktiver Arbeit, die entweder nicht entlohnt wird, wie beispielsweise die Hausarbeit, oder aber Kosten macht, die keinen Mehrwert erbringen und vom Staat oder Nichtprofit-Organisationen bezahlt werden. Unabhängig davon, ob Löhne vom Staat oder vom Unternehmen gezahlt werden, bleibt die Arbeitsqualität und Arbeitsleistung weitgehend die Gleiche. Die fehlende Mehrwerterzeugung lässt manche Arbeiten jedoch als "unproduktiv" erscheinen, da sie z. B. vom Staat aus Steuermitteln finanziert werden müssen. Die unproduktive Arbeit hat für das Produktionskapital zunächst keine Bedeutung, sondern ihr Wert ergibt sich aus der gesellschaftlichen Bedeutung, die dieser Arbeit beigemessen wird. Ein Beispiel für unproduktiver Arbeit wäre der Lehrer/innenberuf.

Heute haben die meisten ökonomische Theorien die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit aufgegeben. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten ein kompliziertes Finanzgebilde aus Arbeit und Gewinn herausgebildet, bei dem unproduktive Arbeit zum Teil Bestand von produktiver Arbeit geworden ist. So ist beispielsweise die Arbeit einer Lehrkraft grundlegende Voraussetzung für die Herstellung von produktiver Arbeit. Außerdem stellen auch Lehrer/innen als Konsumenten einen Wirtschaftsfaktor dar. Darüber hinaus gibt es mittlerweile andere Gewinnformen als produktive Arbeit, ein wichtiges Beispiel ist hier die Börsenspekulation. In den Kapitalformen wird ausführlich auf die anderen Mehrwertformen eingegangen.

In gegenwärtigen Theorien wird der Fokus auf die Wechselwirkungen beispielsweise zwischen Ressourcen, Arbeitskräften, Marktverhalten und Leistungen sowie Kapitalformen gelegt. Reich kritisiert hier jedoch die oft vorhandene Spezialisierung der Theorien auf einzelne Aspekte ohne das Beachten der Grundstruktur des kapitalistischen Wirtschaftens: Welches Kapital setzt jemand ein, um daraus einen Gewinn zu schöpfen? Grundsätzlich ist jede Person im Kapitalismus in alle Kapitalformen einbezogen, Gewinne und Risiken sind jedoch sehr unterschiedlich verteilt.

Shareholder Value

Im Hinblick auf die Unternehmerverantwortung sind einige neue Entwicklungen zu erkennen, welche diese beeinflussen.

Zum einen gibt es in Unternehmen häufig viele Anteilseigner, wodurch die Wirkungsweisen des Kapitaleinsatzes komplizierter und undurchschaubarer werden. Grund dafür ist, dass Dritte als "Kapitalmanager" agieren. Die Unternehmen streben nach deregulierten Märkten mit möglichst wenig Aufsicht und Kontrolle. Der Staat kann als Regulierer des kapitalistischen Marktes agieren, indem das System erhalten sowie die ökonomischen Einbrüche begrenzt werden.

Darüber hinaus ist auch eine Zunahme von Spekulationsgeschäften zu erkennen. Das Kapital - z. B. in Form von Aktien - wird durch Dritte verwaltet (d.h. Shareholder Value). Folglich kann ein Vorstand ein Unternehmen in seinem Interesse führen ohne Besitzer des Kapitals zu sein. In dieser Konstellation ist für den Vorstand ein kurzfristiger Erfolg attraktiver. Hinzu kommen die Stellvertreterregelung und Prämienanreize, welche den kurzfristigen Gewinn attraktiver erscheinen lassen. Eine Aufgabe von Rating Agenturen ist dabei, die Anzahl von Risikogeschäften zu verringern.

Weiterhin werden höhere Gehälter als Anreiz zur Gewinnmaximierung ausgezahlt. Der Sozialstaat übernimmt die Folgen der unternehmerischen Gewinnmaximierung, indem er durch Sozialleistungen versucht, absolute Armut zu verhindern. Dadurch werden Unternehmen in ihrer Verantwortung für ihre Mitarbeiter/innen entlastet, was, alles zusammen genommen, zu einer Entfremdung der Führungsebene gegenüber den Beschäftigten führt.

Kapitalistische Widersprüche

Ein erster Widerspruch ergibt sich daraus, dass die Warenproduktion insgesamt privat abgehandelt wird. Hieraus ergibt sich als Interesse für die Produzierenden, zuerst auf die eigenen Investitionen und die in ihrem unmittelbaren Umfeld notwendigen Arbeitskräfte und Produktionsmittel zu achten. Private Bedürfnisse als Konsumbedürfnisse haben auch jene, die ohne das Glück eines Erbes oder einer bereits bestehenden höhergestellten Position für wenig Lohn die Ware Arbeitskraft tauschen müssen. So sind viele Arbeitskräfte dazu gezwungen, eine hohe Flexibilität und Motivation bei der Arbeit und den Qualifikationen an den Tag zu legen, damit sie auf unsicheren Arbeitsmärkten im Wettkampf bestehen. Der Widerspruch liegt im Interessengegensatz, wobei die Unternehmer/innen Gewinne machen wollen und dabei ihren Reichtum stets vergrößern, die Arbeitskräfte ihre Bedürfnisse befriedigen und erweitern wollen, aber als Kostenfaktor in den Unternehmen stets zum Ziel von Einsparungen und geringen Lohnsteigerungen werden. Der Staat muss zudem die Risiken, die den Arbeitskräften aufgeladen werden, verwalten und für Folgekosten aufkommen, so dass hier eine Umverteilung von den Risiken auf der Unternehmensseite hin zum Staat und der Bevölkerung als Steuerzahler zu beobachten ist. Im Sinne der Unternehmensinteressen werden Lobbygruppen, Organisationen und Verbände gebildet, um dadurch Parteien, Medien und die öffentliche Meinung im Sinne der Wirksamkeit und Gerechtigkeit solcher Umverteilung von Risiken zu beeinflussen.


Der zweite Widerspruch besteht darin, dass die Privatheit der Interessen sich nicht damit in Einklang bringen lässt, dass die Chancen möglichst vieler Menschen, an der Entwicklung des Wohlstandes der Gesellschaft teilzuhaben, wachsen sollen. Obwohl der allgemeine Wohlstand in hoch industrialisierten Ländern gestiegen ist, lässt sich eine immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich beobachten. Auch global gesehen ist die Kluft zwischen armen und reichen Ländern extrem groß. Zwar wird in Deutschland immer wieder versucht – zumindest auf staatlicher Ebene – die grundsätzliche soziale und gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Wie wenig umfassende Solidarität es letztendlich aber zwischen den eher viel Besitzenden gegenüber den eher Besitzlosen gibt, lässt sich an den ständigen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen um Steuererhöhungen für Reiche, Sozialleistungen im Sinne einer Grundsicherung für alle, aber vor allem auch in der Frage um Mindestlöhne oder höhere Löhne sehen.


Einen dritter Widerspruch beschreibt Reich damit, dass die unterschiedlichen Interessen der Unternehmer/innen Konflikte hervorbringen, die den Markt wesentlich beeinflussen. Diese Gegensätze ergeben sich aus der Nachfrage nach hochqualifiziertem Fachpersonal einerseits und dem Ruf nach billigen Arbeitskräften andererseits. Dabei setzen verschiedene Staaten auf unterschiedliche Konzepte. Während einige versuchen das allgemeine Bildungsniveau der Bevölkerung möglichst hoch zu halten, geben sich andere Staaten damit zufrieden, dass eine gute Bildung nur für wenige zugänglich ist. Das Problem dabei ist, dass durch die Flexibilität und Mobilität der Unternehmen, die jederzeit in Länder nach ihrem Bedarf ausweichen können, selbst ein hohes Bildungsniveau der Bevölkerung keineswegs ein Garant für sichere Arbeitsplätze ist.


Als vierten Widerspruch benennt Reich, dass die Höhe der Beschäftigungsverhältnisse und des Konsums einer Industriebevölkerung in einem direkten Zusammenhang miteinander stehen. Für den Staat resultiert daraus der Zwiespalt, dass auf der einen Seite auf einem möglichst hohen Bildungsniveau ausgebildet werden sollte, auf der anderen Seite durch dieses hohe Niveau keine hohe Beschäftigungsquote garantiert werden kann. Auch hoch entwickelte Staaten können von globalen Krisen, von globalen Kapitalwanderungen und Kapitalblasen betroffen sein kann.


Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine liberale oder neoliberale Auffassung über die Märkte Konsequenten hat:

Zum einen führt der Neoliberalismus dazu, dass vor allem die ökonomischen Interessen der Entwicklung der Lebensverhältnisse der wohlhabenderen Bevölkerung unterstützt werden. Dies ist für die Arbeitskräfte problematisch, da sie stets mit einer Unsicherheit ihrer Arbeitsplätze, ihres sozialen Status zu kämpfen haben und sozial nach unten abzurutschen drohen. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist es, dass der Staat, sofern er demokratisch und sozial orientiert bleibt, eine umfassende Gesundheits- und Rentenversorgung, eine soziale Absicherung bei Arbeitslosigkeit und sozialer Bedürftigkeit vorhalten muss, um die anarchischen Effekte des Marktes zu regulieren.