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Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
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Auf dieser Seite und den Unterseiten wird das Buch von Kersten Reich 2013): "Chancengerechtigkeit und Kapitalformen" umfassend nach Inhalt und Argumentation dargestellt. Warum erscheint dies als erforderlich und sinnvoll? Viele Menschen sprechen heute von den Chancen in der Gesellschaft und der Gerechtigkeit, die hierbei notwendig wäre. Bei unterschiedlichen Voraussetzungen in der sozialen Herkunft fällt es besonders auf, dass der Bildungserfolg oder ein erreichbares Einkommen an den sozio-ökonomischen Status und bisherige Bildungserfolge der Familie gebunden sind. Aber wir wissen auch, dass unterschiedliche Länder unterschiedlich darauf reagieren. Die einen überlassen es stärker dem Markt, wer sich durchsetzen und Chancen erarbeiten kann, die anderen fördern auch jene, die sozial benachteiligt sind. Warum gibt es solche Unterschiede? Sind sie zwangsläufig? Sind sie gerecht? Und wie vermitteln sich die Voraussetzungen mit der Kapitalisierung, die wir in unserem Zeitalter in allen Sphären des Lebens erfahren? Ist jeder Mensch so in den Kapitalismus verwoben, dass bereits seine Erfahrungen und sein Lernen als Humankapital erscheinen oder gibt es "kapitalfreie" Zonen? Und wenn es verschiedene Kapitalformen wie ökonomisches, soziales, kulturelles, körper- und lernbezogenes Kapital gibt, wie kann dies genauer bestimmt und berechnet werden? Was muss das Individuum und was die Gesellschaft in Form ihrer Gewaltenteilung wissen, um im Sinne demokratischer Partizipation und menschenrechtlicher Gleichheit von Chancen zu reagieren? Wir wollen auf diese und andere Fragen Antworten geben, in sie auf allen zur Verfügung gestellten Seiten einführen und Impulse für kritische Diskussionen auslösen. Dabei dokumentieren wir hier unsere Ergebnisse, die auf eigenen Forschungsprozessen einer größeren Arbeitsgruppe im Masterstudium an der Universität zu Köln beruhen.


Chancengerechtigkeit und Kapitalformen

Der Begriff Chancengerechtigkeit bezeichnet gesellschaftliche Praktiken, Routinen und Institutionen, die vor dem Hintergrund einer demokratischen gesellschaftlichen Orientierung einen gerechten, d.h. möglichst gleichen Zugang zu Ressourcen, Leistungen, Positionen oder Gütern auch bei unterschiedlichen Ausgangssituationen einzelner Gesellschaftsmitglieder ermöglichen. Eine gesellschaftliche soziale Ordnung gilt als relativ gerecht, wenn sie sowohl fair in Bezug auf die Bedeutung der sozialen Ausgangsposition unterschiedlicher Individuen ausgleichend wirkt als auch bestehende Benachteiligungen aktiv aufgreift und ihnen entgegensteuert. Mitunter wird in der politischen Diskussion der Begriff der Chancengerechtigkeit allerdings auch in unfairer und sozial ungerechter Weise verwendet, wenn mit ihm ausgesagt werden soll, dass bereits eine formale Gleichbehandlung, wie sie in einer repräsentativen Demokratie gilt, hinreichend Chancengerechtigkeit bedeute. In einer kapitalistischen Gesellschaft ist die Chancengerechtigkeit immer mit Kapital und Kapitalformen verknüpft, weil diese alle Lebensbereiche und die Arbeit der Menschen durchdringen. Es wäre naiv und unrealistisch, Fragen der Chancengerechtigkeit jenseits ihrer ökonomischen Verankerung zu verstehen. Der Begriff der Kapitalformen verweist sogar darauf, dass die Kapitalisierung auch in soziale, kulturelle, körper- und lernbezogene Bereiche eingedrungen ist. Auf der Unterseite wird eine Einführung in den Begriff der Chancengerechtigkeit gegeben und es werden wesentliche Beziehungen zu den Kapitalformen einführend thematisiert.


Grundbegriffe

Im Themenfeld Chancengerechtigkeit und Kapitalformen gibt es einige Grundbegriffe, die geklärt werden müssen, um Prozesse der Kapitalisierung in ihren Auswirkungen auf gesellschaftliche und individuelle Handlungschancen hinreichend differenziert zu erörtern. Die folgenden Grundbegriffe werden auf den Unterseiten der Grundbegriffe erläutert:

Gebrauchswert und Tauschwert

Gebrauchswerte bezeichnen bei Karl Marx die Nützlichkeit einer Wate oder Dienstleistung, die im persönlichen Gebrauch erreicht wird und sehr unterschiedliche Formen subjektiven Werts beinhalten kann. Gebrauchswerte können sich daher von Individuum zu Individuum stark unterscheiden, weil immer ein subjektiver Faktor in ihre Bewertung eingehen mag. Tauschwerte bezeichnen dagegen den Austausch von zwei oder mehreren Waren oder Dienstleistungen auf einem Markt, wobei heute in der Regel das Geld dazu dient, diesen Tausch jenseits eine unmittelbaren Austauschs zu bewerkstelligen. In den Grundbegriffen wird die Rolle und Bedeutung von Gebrauchs- und Tauschwerten als wichtig für das Verständnis von Kapitalisierungen und Kapitalformen herausgearbeitet.

Kapital

Kapital ist ein widersprüchlicher Begriff, der je nach Ansatz wirtschaftlich als Ausdruck eines bestimmten Einsatzes von Produktionsmitteln, Geld, Arbeit und Boden gedeutet wird. Kapital wird nach Karl Marx als ein Wert verstanden, der auf Mehrwertbildung ausgerichtet wird, d.h. Kapital wird eingesetzt um Gewinne und Profit zu erzielen. Im Unterkapitel wird näher darauf eingegangen, was Kapital ist und wie es wirkt.

Mehrwert nach Marx und die Mehrwertformel

Der Mehrwert bezeichnet für Karl Marx den über den Wert der Ware Arbeitskraft erzeugten Wert, den der Kapitalist bei der Produktion von Waren gewinnen und als Profit einstreichen kann. Die eigentliche Differenz entsteht dadurch, dass die Reproduktionskosten der Arbeitskraft (bemessen nach historisch-kulturellen Kontexten und erkämpft von Gewerkschaften) deutlich niedriger liegt als der Wert, der im Produktionsprozess von Waren diesen hinzugefügt wird. Wie genau aus dieser Sicht Mehrwert entsteht, wird in diesem Unterkapitel dargestellt.


Kapitalformen nach Bourdieu

Kapitalformen oder auch Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu sind in Geld mehr oder minder konvertierbare Positionen, Qualifikationen oder Eigenschaften von Personen im gesellschaftlichen Feld. Pierre Bourdieu unterscheidet Kapital in drei Kapitalformen. Das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital. Das ökonomische Kapital ist das Kapital, dass unmittelbar und direkt in Geld umgewandelt werden kann und in Form des Eigentumsrechts genutzt wird. Als kulturelles Kapital werden Gegenstände und Handlungen beschrieben, die sich unter bestimmten Voraussetzungen in ökonomisches Kapital umwandeln lassen und sich zur Institutionalisierung in Form von schulischen bzw. akademischen Titeln eignet. Das soziale Kapital betrifft soziale Beziehungen und Verpflichtungen. Unter gewissen Bedingungen lässt sich auch das soziale Kapital in ökonomischen Kapital umwandeln. Im Unterkapitel zu den Kapitalformen nach Bourdieu werden diese ausführlich erläutert.


Humankapital in der Kritik

Die Theorie des Humankapitals entstammt den Wirtschaftswissenschaften. Sie tendiert dazu, das Individuum mehr oder weniger auf einen ökonomischen Faktor zu reduzieren. Dabei wird der Mensch als ökonomischer Akteur konstruiert und verstanden, der mit seinen Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen auf den Markt tritt. Dieser Akteur versucht nun wie ein Unternehmen unter Einsatz seiner persönlichen Eigenschaften und Besitztümer, die als "Kapital" verstanden werden, Gewinne zu erzielen. Im Unterkapitel wird eine Kritik des Ansatzes vorgenommen.


Eine kurze Beschreibung kapitalistischer Rahmenbedingungen

Um die Bedeutung von Kapitalformen besser einschätzen zu können, soll in den Unterkapiteln dieses Abschnittes auf wichtige historische Veränderungen im Kapitalismus eingegangen werden.

Vom schweren zum leichten Kapitalismus

In diesem Teil wird der Übergang vom schweren Industriekapitalismus der Moderne in die Konsumgesellschaft der flüssigen Moderne beschrieben. Hierbei wird insbesondere auf die Argumentation von Zygmunt Bauman zurückgegriffen.

Paradox der Industrieproduktion

Das "Paradox der Industrieproduktion" bedeutet, dass der hohe Grad an Automatisierung aufgrund des wissenschaftlich-technischen Fortschritts dazu führt, dass es immer weniger Beschäftigte und damit im Verhältnis zu wenig Lohn für den notwendigen Konsum gibt, der wiederum für alle Produktionen entscheidend ist. Im Unterkapitel wird diskutiert, wie der Kapitalismus auf das Paradox reagieren kann.

Produktive und unproduktive Arbeit

Die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit wurde im wesentlichen durch Marx geprägt. Wir diskutieren, ob und inwieweit diese Unterscheidung heute noch hilfreich ist,

Shareholder Value

An die Stelle des verantwortlichen Unternehmers oder der Unternehmerin sind heute Manager/innen getreten, die für Aktiengesellschaften das Unternehmen verwalten und profitorientiert ausrichten. Was bedeutet dieser Wechsel in der Verantwortlichkeit?

Kapitalistische Widersprüche

Der Kapitalismus ist gegenwärtig durch zahlreiche Widersprüche geprägt. Wir nennen nach Reich vier wesentliche Widerspruchsformen, die heute das Handeln prägen.

Mehrwertformen nach Reich

In diesem Unterkapitel wird eine Einführung in die vier Mehrwertformen nach Reich gegeben, die dann ausführlich im nächsten Kapitel zu den verschiedenen Kapitalformen ausgeführt werden. Die Einführung hilft als Überblick, das gesamte Mehrwertkonzept zu erfassen.


Kapitalformen nach Reich

Es werden fünf wesentliche Kapitalformen beschrieben, die auf den Unterseiten ausführlich erläutert werden.

Ökonomisches Kapital

Soziales Kapital

Kulturelles Kapital

Körperkapital

Lernkapital

Das Zusammenwirken der Kapitalformen

Wie wirken die Kapitalformen nach Volumina und Verteilungsbreite zusammen? Welche Bedeutung hat dies für die Chancengerechtigkeit? In der Zusammenfassung werden die Kapitalformen nochmals im Zusammenhang erörtert.

Literatur

Grundlagenliteratur für diesen Artikel: Reich, Kersten (2013): Chancengerechtigkeit und Kapitalformen. Gesellschaftliche und individuelle Chancen in Zeiten zunehmender Kapitalisierung. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-00737-9


Weiterführende Literatur:

Böhme, Gernot (2003): Leibsein als Aufgabe. Kusterdingen: Die Graue Edition.

Bourdieu, Pierre (2009): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Berger, Peter A. (Hg) (2009): Soziale Ungleichheit. Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse. Frankfurt: Campus Verlag. S.111-125.

Bourdieu, Pierre (1986): The forms of capital. In J. Richardson (Ed.) Handbook of Theory and Research for the Sociology of Education (New York, Greenwood), S. 241-258.

Coleman, James (1989): Social Capital in the Creation of Human Capital. In: American Journal of Sociology, 94, S. 95-120.

Coleman, James (1990): Foundations of Social Theory. Cambridge, MA (Harvard University Press).

Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Frankfurt a.M. (Suhrkamp).

Crouch, Colin (2011): Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus. Frankfurt a.M. (Suhrkamp).

Giddens, Anthony (1974): The Constitution of Society. Outline oft the Theory of Strukturati-on. Berkeley (University of California Press).

Hakim, Catherine (2011): Honey Money. The Power of Erotic Capital. London: Allen Lane/Penguin.

Nussbaum, Martha (2009): Capabilities as Fundamental Entitlements: Sen and Social Justice. In: Schneider, K./Otto, H.U. (2009) (ed.): From Employability Towards Capability. Luxemboug (Inter-Aktions).

Putnam, Robert David (1995): Bowling Alone. Journal of Democracy, 6 (1), S. 65-78.

Rawls, John (1979): Eine Theorie der Gerechtigkeit (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft. 271). Suhrkamp, Frankfurt am Main. (Originaltitel: A Theory of Justice, 1971/5, übersetzt von Hermann Vetter), ISBN 978-3-518-27871-0.

Resnik, David (2007): The Price of Truth: How Moncy Affects the Norms of Science. Oxford (Oxford University Press).


Autorinnen und Autoren

Die Beiträge zu diesem WIKI wurden an der Universität zu Köln im Sommersemester 2015 von folgenden Autorinnen und Autoren erstellt:


Acikgöz, Sema

Beckmann, Eva

Beimdiecke, Mareen

Berger, Natascha

Bootz, Sophie

Bossek, Jan Frederik

Daniel Brenner

Bucher, Julia Tamara

Diener, Gilles

Gerlach, Jens

Gundert, Thalea

Hajeck, Thorsten

Hermann, Helen

Judt, Lydia

Kaltenbrunner, Lisa

Kessler, Andreas

Kirps, Martine

Kuhn, Pia

Kummetz, Juliane

Kvaratskhelia, Tamar

Laufs, Ann-Kathrin

Moll, Anne

Müller, Christina

Musshoff, Jasmin

Niermann, Lukas

Nümm, Laura

Ockenfels, Sascha Carolin

Omrcen, Marija

Orbke, Jan

Overath, Silvana

Radtke, Carolin

Schlaf, Anne

Schneider, Sarah

Stelzer, Maximilian

Villinger, Antonia

Walter, Christina

Wernecke, Cosima

Wetter, Frederik Christian