Humankapital in der Kritik

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
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Die Theorie des Humankapitals entstammt den Wirtschaftswissenschaften. Sie tendiert dazu, dass Individuum auf einen ökonomischen Faktor zu reduzieren. Dabei wird der Mensch als ökonomischer Akteur konstruiert und verstanden, der mit seinen Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen auf dem Markt auftritt. Dieser Akteur versucht nun wie ein Unternehmen unter Einsatz seiner persönlichen Eigenschaften und Besitztümer, die als Kapital verstanden werden, Gewinne zu erzielen.

Nachfolgend soll das Konzept einer kurzen Kritik unterzogen werden. Das Humankapital besteht im Grunde aus allem, was einen Menschen in seinem Wissen und seinen Verhaltensweisen auszumachen scheint oder ausmachen könnte. Da sich alle Menschen auf einem Markt, beziehungsweise im Kapitalismus bewegen, werden nicht nur handelbare Waren oder Dienstleistungen, sondern auch alle persönlichen Eigenschaften als Kapital wahrgenommen, welches Gewinne oder Verluste bezeichnen kann.

In Bezug auf die Wirtschaftswissenschaften sind für die Theorie des Humankapitals insbesondere zwei Aspekte von Belang. Zum einen steht nach Sicht dieser Theorie nicht nur die Steigerung der Arbeitsproduktivität im Vordergrund, sondern für Unternehmen wird es auch zunehmend wichtiger, die "richtigen" Mitarbeiter/innen auszuwählen und diese dann entsprechend fortzubilden. Hier sollen Konzepte des "Human Resource Management" helfen. Andererseits können Unternehmen das Humankapital des gesamten Betriebes im Sinne des "Human Capital Managements" berechnen. In diesem Sinne erhalten Unternehmer/innen eine Art Bilanz der im Unternehmen vereinten Fähigkeiten, Kompetenzen, Ressourcen etc. Sie können Defizite ausmachen und durch entsprechende Maßnahmen regulativ eingreifen. Menschliche Arbeit wird hierbei als ein wesentlicher Produktionsfaktor gesehen. Allerdings bereitet es Wirtschaftswissenschaftlern erhebliche Schwierigkeiten, dieses Humankapital plausibel und exakt zu berechnen. Die Theorie des Humankapitals wird von [Reich] vor allem dahingehend kritisiert, dass sie Humanfaktoren beschreibt, aber nicht eindeutig begründen und berechnen kann, inwiefern diese als Kapitaleigenschaften verstanden und bemessen werden können. Auf Unternehmerseite wird das Humankapital in der kapitalistischen Praxis eher als allgemeiner und nicht genau berechenbarer Kostenfaktor betrachtet. Pauschal wird aus dieser Sicht behauptet, dass es lohne, in Humankapital, zum Beispiel durch Fortbildungen, zu investieren, um die Arbeitsproduktivität oder Arbeitsintensität zu steigern und dementsprechend höhere Gewinne zu erzielen. Allerdings erscheinen in diesem Sinne dann alle Menschen inklusive ihrer persönlichen Eigenschaften als kapitalisiert. Als Konsequenz müssten sie in Bezug auf alle persönlichen Eigenschaften sich in ihrer Kapitalisierung deuten und bestimmen, dass heißt alle ihre Entscheidungen für oder gegen bestimmte Handlungsweisen, Ausbildungen etc. müssten nach einer Kosten-Nutzen-Abwägung auf Märkten getroffen werden. Hier stößt die Theorie des [Humankapitals] allerdings an ihre Grenzen, da nicht alle menschlichen Eigenschaften (wie zum Beispiel Empathie, Bereitschaft zu kongruenter Kommunikation, Hilfsbereitschaft etc.) aus einer Perspektive der Nutzenmaximierung vollständig zu begreifen sind.

Nach der klassischen Kapitaldefinition stellt allein der Unternehmer sein ökonomisches Kapital zur Verfügung, um so einen Mehrwert zu erzielen. Wenn nun jedes Individuum als Kapital beziehungsweise als Kapitalbesitzer (von Eigenschaften zum Zwecke der Kapitalisierung) verstanden wird, dann wird nach Reich das kapitalistische Modell erweitert, wenn nicht gar umgedreht. Ein persönliches Vermögen oder Unvermögen erscheinen dann nur als Ausdruck, inwieweit man mit diesem auf einem kapitalisierten Markt erfolgreich oder erfolglos agiert. In diesem Sinne erscheint etwa Arbeitslosigkeit leichthin als ein persönliches Versagen oder selbst verschuldet, als ein Versagen der eigenen Kapitalisierung, was die Zusammenhänge willkürlich vereinseitigt und stark reduktiv und verzerrend interpretiert.

Warum ist die Theorie des Humankapitals weit verbreitet und für viele Menschen einleuchtend? Einerseits denken Akteure, dass so ihre Selbstverantwortung zunimmt und die individuellen Chancen des Aufstiegs gegenüber anderen steigen könnten. Kann man das eigene Humankapital gewinnbringend einsetzen, so ist der persönliche Erfolg auch eindeutig als Eigenleistung anzusehen. Reziprok ist dann aber auch das Versagen selbst verschuldet. In diesem Sinne steigt auch das Entschuldigungsverhalten derjenigen, die sich nicht in einem kapitalisierten System bewegen können oder wollen. Es muss zunehmend gerechtfertigt werden, aus welchem Grund die Allgemeinheit zum Beispiel für Arbeitslose oder andere, die auf den ersten Blick nichts zum Allgemeinwohl beisteuern, aufkommen oder ihnen Chancen gewähren will, dabei besonders wie viel sie zu investieren bereit sind. Günstiger, als vom Humankapital auszugehen, erscheint es, genauer zu bestimmen, inwieweit Eigenschaften von Menschen überhaupt als kapitalisierbar angesehen werden können. Hierfür sollten wir, so schlägt Reich in seiner Mehrwerttheorie der verschiedenen Kapitalformen vor, den Gebrauchs- und Tauschwert von Eigenschaften zu unterscheiden, um nicht in den Fehler zu verfallen, alle menschlichen Eigenschaften unterschiedslos als kapitalisiert zu konstruieren. So können die Eigenschaften als Gebrauchswerte aufgefasst werden, die erst dann in Tauschwerte verwandelt werden, wenn sie tatsächlich dazu führen, geldwerte Vorteile auf dem Markt zu erzielen.