Kulturelles Kapital

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
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Kulturelles Kapital

1. Kulturbegriff

Das vom Begriff „cultura“ (lat. für u.a. Bearbeitung, Pflege, Anbau, Veredelung) ab-stammende Wort Kultur kann als Gegensatz zum Naturbegriff verstanden werden und stellt damit einen Oberbegriff für alle Entwicklungen dar, die im Hinblick auf Kunst, Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft aus dem menschlichen Zusammenleben heraus entstanden sind, also vom Menschen im Gegensatz zur Natur nicht vorgefunden, sondern hervorgebracht werden. Kulturen sind aufgrund der Tatsache, dass sich Gesellschaften fortwährend weiterentwickeln, nicht als statisch aufzufassen, sondern permanenten Entwicklungs- und Wandlungsprozessen unterworfen und fallen daher über die Zeitalter sehr unterschiedlich aus. Aber auch zwischen einzelnen Gesellschaften und sozialen Gruppen, sowohl über Landesgrenzen hinweg als auch innerhalb dieser, lässt sich eine Vielzahl verschiedener Kulturen ausmachen.

2. Kultur und Chancengleichheit

Die Cultural Studies , als deren Begründer Stuart Hall und Raymond Williams gelten, fassen Kulturen in ihrem sehr weiten Verständnis als Wirklichkeitskonstruktionen auf, in denen neben kulturellen Aspekten immer auch Macht- und Herrschaftsbeziehungen wirken, die für die Gesellschaft charakteristisch sind. Da sie immer eng mit den entsprechenden sozialen und politischen Verhältnissen verwoben und in diese ein-gebunden sind, können Kulturen deshalb nie als etwas Neutrales gesehen werden. Vielmehr sind sie in der Komplexität ihrer nie machtfreien Zusammenhänge zu betrachten und zu reflektieren, da nur so die Relevanz von Kulturen für den Ausdruck und die Reproduktion sozialer Verhältnisse und damit auch Ungleichheiten deutlich werden kann. Da Fragen nach sozialer Ungleichheit und solchen nach ihrer Verminderung immer auch die Thematik der Chancengerechtigkeit beinhalten, besteht auch zwischen Kultur und der Chancengerechtigkeit ein stets notwendig zu analysierender Zusammenhang.

3. Das kulturelle Kapital nach Bourdieu

Der Begriff des kulturellen Kapitals stammt vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu und bildet neben dem ökonomischen und dem sozialen eine eigene Kapital-form im Rahmen seiner Kapitalformen-Theorie. Hinter dieser steht die Annahme, dass sich die innerhalb der gesellschaftlichen Struktur existenten verschiedenen sozialen Klassen hinsichtlich ihrer Ausstattung mit diesen drei Kapitalformen unterscheiden und somit neben der Verteilung des ökonomischen und sozialen auch die des kulturellen Kapitals über die soziale Strukturierung der Gesellschaft mit entscheidet. Da sich die Besitzvolumina innerhalb der Gesellschaft stark unterscheiden und Ungleichheiten zu verzeichnen sind, ist auch die Ausstattung mit kulturellem Kapital gemäß Bourdieu jeweils mit einer bestimmten Position im gesellschaftlichen Feld verbunden. Neben dem sozialen ist dabei besonders das kulturelle Kapital dazu in der Lage, über Macht, Herrschaft und Ungleichheit zu entscheiden. Bourdieu unterscheidet insgesamt drei verschiedene Formen des kulturellen Kapitals:

  • Als das objektivierte kulturelle Kapital bezeichnet er den Teil des kulturellen Kapitals, welches in materieller, verobjektivierter Form vorliegt. Es kann beispielsweise Gemälde, Bücher, Instrumente, Sammlungen, Möbel oder Immobilien umfassen. Das objektivierte kulturelle Kapital wird in der Regel vererbt und erscheint neben seiner Eigenschaft als symbolischer Ausdruck eines kulturellen Status immer auch gleichzeitig als ökonomisches Kapital.
  • Unter dem inkorporierten kulturellen Kapital fasst Bourdieu Denk- und Handlungsschemata, Verhaltensweisen und Wertorientierungen zusammen, welche beispielsweise in Form des Geschmacks, Benehmen, Verhaltensregeln und in der Höflichkeit zum Ausdruck kommen. All diese Denk- und Handlungsschemata, Verhaltensweisen und Wertorientierungen begründen gemäß Bourdieu den kulturellen Habitus eines Menschen. Dieser entscheidet wiederum über die Einnahme bestimmter gesellschaftlicher Stellungen.
  • Das institutionalisierte kulturelle Kapital, welches schulische Abschlüsse, Zertifikate, Aufstiegspapiere, Auszeichnungen, Beförderungen und akademische Titel umfasst, stellt die dritte Form des kulturellen Kapitals nach Bourdieu dar.

Bei den drei Formen handelt es sich tatsächlich um Kapital, was Bourdieu damit begründet, dass eine unterschiedliche Ausstattung mit dem kulturellen Kapital ungleiche Positionierungen im sozialen Feld bedingt und den Zugang zu anderen Kapitalsorten erleichtert. In Verbindung mit sozialem Kapital lässt es sich beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt in ökonomisches Kapital verwandeln. Insgesamt fasst Bourdieu das kulturelle Kapital als akkumulierbar und transformierbar auf, wobei es als Unterscheidungsmerkmal für soziale Ungleichheit fungiert.

Schwierigkeiten eines kulturellen Kapitalbegriffs Bourdieus Kapitalformen-Theorie wird häufig vereinfacht auch als Ansatz dargestellt, welcher die Reproduktion sozialer Klassen beschreibt. Aber über die Erkenntnis sozialer Reproduktion hinaus geht es Bourdieu auch darum, Zusammenhänge aufzudecken, wie die einzelnen Kapitalformen mit- und gegeneinander wirken und welche Effekte dies produziert. Die Vererbung kulturellen Kapitals in den Blick zu nehmen und zu untersuchen, inwieweit das Bildungswesen zur Reproduktion von Ungleichheiten bei-trägt, ist ein wichtiger Aspekt hiervon. Zum einen ist die Vererbung kulturellen Kapitals in Form von geistigen Fähigkeiten im Gegensatz zur Vererbung von ökonomischem Kapital nur beschränkt möglich. So können Bildungstitel aufgrund der notwendig zu vollziehenden individuellen Lernleistung beispielsweise nur bedingt erkauft werden. Zum anderen rechtfertigt sich die Eigenständigkeit der kulturellen Kapitalform darüber, dass sich das kulturelle oft umgekehrt zum ökonomischen Kapital verhält. Eingeräumt werden muss an dieser Stelle allerdings, dass im Gegensatz zum objektivierten kulturellen Kapital, in welchem eine Kapitalisierung am deutlichsten zu sehen ist, eine solche im inkorporierten und institutionalisierten kulturellen Kapital nicht einfach auszumachen ist. So handelt es sich allein bei Dingen, welche dem objektivierten kulturellen Kapital zuzuschreiben sind, um solche, welche immer schon Tauschwerte und damit Kapital darstellen. Bei den unter den Formen des inkorporierten und institutionellen kulturellen Kapitals subsummierten Kulturgütern handelt es sich hingegen erst einmal lediglich um Gebrauchswerte, welche in Tauschwerte verwandelt werden müssen, um schließlich kapitalisiert nutzbar gemacht werden zu können. Insgesamt ergeben sich nach Reich verschiedene Schwierigkeiten im Hinblick auf die Entwicklung eines eindeutigen Begriffs des kulturellen Kapitals:

  • Bourdieu nutzt einen sehr weiten Begriff des kulturellen Kapitals. Er versucht da-bei die Ungleichheit zwischen verschiedenen sozialen Klassen und Unterschiede in der Herausbildung des kulturellen Habitus durch Weitergabe von Bildungs- und Kulturformen zu fokussieren.
  • In der Gesellschaft mit ihren Machtstrukturen tritt Kultur fragmentiert, flüssig, gegensätzlich und ambivalent auf. Angesichts der zunehmenden Kapitalisierung kultureller Trends ist der kulturelle Habitus kaum noch als einheitliche Größe der sozialen Identität geeignet. Als Konsequenz daraus ergibt sich, dass das kulturelle Kapital mittlerweile nicht mehr wie von Bourdieu ursprünglich angedacht als alleinig aus-schlaggebende Kategorie für die Reproduktion sozialer Ungleichheit gesehen wer-den kann, da zumindest Körper- und Lernkapital als neue Bezugsnormen erscheinen.
  • Da neben sozialwissenschaftlichen Komponenten wie dem kulturellen Kapital für die Erfassung menschlicher Interaktionen, Kooperationen und Kommunikation immer auch entwicklungs- und sozialpsychologische Momente entscheidend sind, muss der sozialwissenschaftlich konfigurierte kulturelle Habitus, wie ihn Bourdieu vornimmt, erweitert werden. In Bezug auf die Erforschung kultureller Sozialisationsvorgänge ist es nach Reich daher heute notwendig, die sozialwissenschaftliche und psychologische Betrachtungsweise aufeinander zu beziehen und zu verschränken.
  • Der rasche Wandel kultureller Werte sowie die zunehmende Entgrenzung zwischen verschiedenen kulturellen Bezugsgruppen erschwert eine Unterscheidung zwischen kulturellen Milieus mittlerweile deutlich. So besteht zwischen diesen teil-weise sehr gegensätzlichen und ambivalenten Kulturen eine hohe Durchlässigkeit, wie sie zur Zeit der Theorieformulierung durch Bourdieu noch nicht zu beobachten war. Die Unterscheidungskriterien sind wenig stabil und stets neu zu bestimmen.

Diese Schwierigkeiten in Bezug auf das kulturelle Kapital nach Bourdieu veranlassen Reich dazu, die Theorie zu überdenken und auszuweiten.

4. Kulturelles Kapital im Wandel

Mit der Verflüssigung der Moderne und der Radikalisierung der Konsumgesellschaft hat auch die Kultur an Ambivalenz, Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit zugenommen, weshalb sich auch die kulturellen Bindungen und Kapitalisierungen als immer komplexer erweisen. In der maßgeblich durch Konsum geprägten Gesellschaft, in welcher eine Abkehr von der Langfristigkeit des Handelns hin zu Beschleunigung und permanentem Wandel zu verzeichnen ist, findet zwangsläufig auch eine Veränderung der Konsumhandlungen statt. So ist im Zeitalter der flüssigen Moderne in sämtlichen Lebensbereichen eine deutliche Schnelllebigkeit, ein Konsumrausch zu beobachten. Kulturelle Waren werden deutlich schneller als früher zu kulturellem Müll und werden durch neue ersetzt, was einen veränderten kulturellen Habitus erzeugt. Denn anders als früher werden nun auch Bildung, Kulturtechniken, umfassende Normen und Werte stärker konsumiert als umfassend argumentativ und deutend angeeignet. Die Akzentuierung der als relevant erachteten Kulturgüter verschiebt sich permanent und häufig, wes-halb sich auch für Reich die Konstruktion dessen, was kulturell als bleibend und wert-voll angesehen wird, ständig verändert. So entwickeln sich beispielsweise Konsumwaren wie Uhren, Autos oder Designeinrichtungen hin zu solchen Kulturgütern, die klassischen Bildungsbesitzständen wie eigenen Bibliotheken oder wissenschaftlichen Artefakten im Status überlegen scheinen. Analog zu dieser Entwicklung lässt sich auch ein Wandel in den Gebrauchswerten des kulturellen Kapitals deutlich beobachten. Durch ihre Aneignung im kulturellen Kontext bemühen sich Individuen darum, möglichst viele nutzbringende Werte zu sammeln, um sie schließlich als Tauschwert in Kapital umwandeln zu können. Im Zuge des für das aktuelle Zeitalter typischen Konsumrauschs kann es schnell passieren, dass ein kulturelles Gut als eigentlich sicher geltender Gebrauchswert mit der Chance auf einen hohen Tauschwert durch seinen inflationären Konsum breiter Massen entwertet wird. So charakterisiert sich die Ausbildung eines kulturellen Habitus im Rahmen der sich aktuell vollziehenden Wandlungsprozesse auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen durch einen Wandel von den Inhalten hin zu den Prozeduren. Mittlerweile basiert er nicht mehr inhaltlich auf traditionellen und feststehenden Normen und Werten, sondern ist im Rahmen seiner Verflüssigung wie das Zeitalter selbst schnellen Wandlungsprozessen unterworfen. Er zeichnet sich maßgeblich durch die Art und Weise des Gebrauchs so-wohl der Bezugsnormen als auch der Qualität der Konsumgüter aus. Beides wird in Praktiken und Routinen handelnd umgesetzt. Der Gebrauchswert eines Kulturguts lässt sich dabei für die materielle Seite sehr klar, für die ideelle jedoch nur hypothetisch ermitteln. So ist es in dem ohnehin sehr offenen Feld der Kultur extrem schwierig, überhaupt einen Nutzen von Motiven, Werten, Interessen, Imaginationen usw. zu beschreiben bzw. diesen eindeutig monetär zu bewerten. Insgesamt zeichnet sich die flüssige Moderne damit im Vergleich zu früheren Zeiten, in denen die Kultur oft sehr idealistisch und unabhängig vom ökonomischen Status einer Person betrachtet wurde, durch eine durchgehende Kapitalisierung kultureller Güter aus. Dies äußert sich in folgenden Phänomenen:

  • Der Erwerb von Kultur und Bildung ist momentan deutlich vom sozialen Status abhängig.
  • Es sind nicht mehr vorrangig national-traditionelle Elemente, welche eine Kultur ausmachen.
  • Objektivierte Kulturgüter sind zwangsläufig immer mit ökonomischem Kapital verbunden.
  • Kulturschaffende benötigen Einkünfte angewiesen, um überhaupt kulturelle Arbeit verrichten zu können.


5. Kulturelles Kapital nach Reich

In den Wandlungsprozessen, welche Kulturgütern mehr und mehr die Form von Konsumgütern verleihen, ist gemäß Reich eine neue Bestimmung der Kapitalform notwendig. Dabei wird das institutionalisierte kulturelle Kapital neu als Lernkapital bestimmt und Körperkapital neu aufgenommen.

Formen des Mehrwerts

Mehrwert aus kultureller Arbeit Die Differenz aus verausgabten Kosten nach Aufwand, Zeit und Mitteln gegenüber den Vorteilen beim Zugang, Aufrücken oder der Verbesserung der Positionen auf dem Markt durch bessere Einkommen gegenüber Konkurrenten, die erzielt werden können, charakterisiert den Mehrwert des kulturellen Kapitals. Der Aufwand besteht in kultureller Teilhabe, die verausgabte Zeit drückt die Nachhaltigkeit der Bemühungen aus und die Mittel können aus Verausgabungen für kulturelle Leistungen, z. B. kreative Aktionen oder Teilnahme an kulturellen Strömungen und Moden bestehen. Für den späteren Tauschwert sind dies Kosten, als kulturelle Gebrauchswerte erregen solche Tätigkeiten Aufmerksamkeit, Beachtung und Anerkennung in kulturellen Kreisen. Von einer Kapitalisierung der kulturellen Tätigkeit kann aber nur dann die Rede sein, wenn sich die Gebrauchswerte, in welche der Einzelne investiert hat, als Tauschwerte auf einem Markt in Erträge umwandeln lassen, z.B. in Waren, Dienstleistungen oder Einkünfte. Im Gegensatz dazu bleiben viele kulturelle Handlungen privat, d. h. in einem Gebrauch, der sich individuell ausdrückt und keine Umwandlung in geldwerte Formen beabsichtigt. Immer dann, wenn mit einer kulturellen Tätigkeit ein Einkommen, d. h. eine Gegenleistung, angestrebt wird, erscheint ein Mehrwert durch die Form des Tausches. Die Gegenleistung für das Kulturkapital bemisst sich dabei nicht immer direkt in Geld, sondern kann z. B. auch in erhöhter medialer Aufmerksamkeit bestehen. Mit seinem Mehrwert beschreibt das kulturelle Kapital eine Kapitalform, die in sehr verschiedene Richtungen streben kann: Die Gewinne können z. B. egoistischer Natur sein, indem versucht wird, das Volumen aller Kapitalformen zu vergrößern; sie können aber auch dazu dienen, sich kulturelles Wissen anzueignen, um diesen Gebrauchswert kritisch gegen die Gesellschaft zu kehren. Hier kann bisweilen das theoretische Paradox beobachtet werden, dass Kritiker/innen mit ihrer Kulturkritik an der Kapitalisierung eigene Gewinne und damit ökonomisches Kapital erwirtschaften. Zur Bestimmung des Mehrwerts aus dem kulturellen Kapital lassen sich auf drei Ebenen Gebrauchs- und Tauschwerte unterscheiden, wobei deren Transformation jeweils von den Investitionen in Form von Zeit, Aufwand und Mitteln bestimmt wird:

  1. eins Ebene des objektivierten kulturellen Kapitals: Die objektivierte Form des kulturellen Kapitals ist leicht messbar, insbesondere als Warenkorb der materiellen Kulturgüter, der z. B. Bücher, Kunstgegenstände oder Wohnungen enthält. Die materiellen Kulturgüter sind dabei das Resultat von Tauschwerten, die sich in der Summe der gezahlten Preise ausdrückt.
  2. zwei Ebene der inkorporierten Kultur: Die inkorporierte Form des kulturellen Kapitals kann im Lernkapital [1] mit seinen Zertifizierungen relativ eindeutig bestimmt werden.
  3. drei Ebene der qualitativen kulturellen Gebrauchswerte: Die kommunikative und kooperative Seite von qualitativen kulturellen Gebrauchswerten ergibt sich durch die Teilnahme in der Kultur bzw. in spezifischen kulturellen Milieus. Denn im Erwerb kultureller Gebrauchswerte, die nicht materiell fundiert sind, rechnen Menschen nicht in geldwerten Formen, z. B. beim intrinsisch motivierten Lesen eines Buches. Sie achten hier zunächst auf andere Qualitäten wie Deutungen, bevorzugte Schreibstile usw. Diese Ebene der kulturellen Gebrauchswerte ist somit schwieriger zu messen, denn hier wird erst durch die Beobachtung von außen feststellbar, inwieweit ein privater Gebrauch in einen Wert verwandelt wird, d. h. inwieweit durch den Nutzen von Gebrauchsleistungen auf dem Arbeits-, Beziehungs- oder Heiratsmarkt, Vorteile gegenüber Konkurrenten erreicht werden können.

Reich folgt einem sehr weiten Begriff von kultureller Tätigkeit, insofern er betont, dass kulturelle Gebrauchswerte in jede Erwerbstätigkeit eingehen können. Eine trennscharfe Angabe, welche kulturellen Fähigkeiten (z. B. Kommunikation, Bildung, Kulturtechniken) dabei wie vergütet werden, ist kaum möglich. Als Lösung werden innerhalb des Erziehungs- und Bildungssystems Qualifikationszertifikate im Lernkapital geschaffen, um damit Vergleichswerte auszudrücken und eine Einordnung in verschiedene Gehaltsgruppen zu ermöglichen. In Tarifordnungen sorgen Unternehmen dafür, dass die durch Investitionen erarbeiteten Gebrauchswerte in Form von Qualifikationen (z. B. Fach-, Methoden-, Sozialkompetenz, in die immer auch kulturelle Normen und Werte eingehen) sich für die Mitarbeiter/innen in Tauschwerte verwandeln lassen. Der tatsächlich realisierbare Tauschwert ist für diese vorher nicht im Detail absehbar. Insbesondere der Kulturwandel - von der elitären Pflege der Hochkultur hin zum vermassten, schnelllebigen Populärkulturkonsum - hat auch die kulturelle Kapitalbildung in ihren Gebrauchs- und Tauschwerten erfasst. Als eine Symbolisierung für diese Vermassung der Kultur gilt das Internet: Insofern damit bspw. grenzenloses Übersichtswissen stets per Suchmaschine zu Verfügung steht, wird der kulturelle Gebrauchswert, der zuvor langen und spezialisierten Studien vorbehalten war, relativiert. Die schnelle Zugänglichkeit bei überschaubaren Kosten verändert die Gebrauchswerte, so dass im Lernkapital zusätzliche Hürden durch gestufte Zertifikate gesetzt werden, um den Markt zu regulieren. Kultur erzeugt Werte, die vor allem im kulturellen Habitus [2] der Personen erscheinen. Diese Werte lassen sich immer nur situativ eintauschen, sofern ein bestimmter Habitus und seine subjektive und situative Qualität in einem Handlungsfenster auf dem Arbeits- oder aber auf dem Beziehungs- bzw. Heiratsmarkt nachgefragt werden. Durch die hohe kulturelle Diversität der Gesellschaft in der flüssigen Moderne ist es weitgehend unmöglich geworden, mit einem spezifischen Habitus für alle Fälle des jeweiligen Marktes gewappnet zu sein. So hat der hochkulturell orientierte Habitus heute an universeller Gültigkeit stark eingebüßt, während ein virtueller Habitus mit hoher Flexibilität, Mobilität und Disponibilität auch den Kulturgütern gegenüber als Voraussetzung gilt, um kulturelles Kapital gewinnbringend einzusetzen. Verallgemeinert bedeutet dies, dass das kulturelle Kapital immer auf bestimmte Situationen und Nutzungskontexte bezogen werden kann, wenn es um seine Realisierung auf dem Markt geht. In der Realisierung ist sie mit den anderen Kapitalformen immer verbunden und verstärkt oder mindert deren Effekte. Zudem verwandelt sie sich aufgrund der Kapitalisierung und Ökonomisierung des Kulturellen relativ schnell in handfeste Formen wie Lernkapital, Konsum- und Kulturgüter.

Mehrwert aus Angebot und Nachfrage In den kulturellen Beziehungen konkurrieren die Individuen nicht nur mit- und gegeneinander, sondern auch in unterschiedlichen Gruppen und Kreisen mit ihren jeweiligen spezifischen kulturellen Zugangs- und Schließungsmechanismen. Die kulturelle Herausforderung ist zwiespältig: Einerseits sind konventionelle Übereinstimmungen mit bestimmten kulturellen Gruppen erwünscht, um eine kulturelle Gruppenidentität vom kulturellen Mainstream bis hin zu Subkulturen auszudrücken, andererseits sollen die Individuen aber auch einzigartige, seltene und außergewöhnliche Talente besitzen, um ihr kulturelle Besonderheit und Geltung verstärken und erweitern zu können. Hierbei verschaffen kulturelle Leistungen selten unmittelbar eine bessere Beschäftigung oder ein höheres Einkommen, aber sie tragen mittelbar dazu bei, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, diese in kultureller Konkurrenz besser als andere erreichen zu können. Das Angebot von Kulturarbeit wird hauptsächlich in bestimmten Ergebnissen gesehen, die Höhepunkte eines kulturellen Verstehens ausdrücken. Dahinter verschwimmen meist die durch Kulturarbeit erzeugten Kosten. Diese entstehen zum Beispiel durch die investierte Zeit, um Kultur zu begreifen, durch die Zeitspanne, die es in Anspruch nimmt, Kultur zu aktualisieren oder herzustellen oder auch durch die Herstellung von Kulturgegenständen usw. Die Kulturarbeit in der heutigen materialistisch und kapitalistisch orientierten Welt erzeugt ein Spannungsfeld. Dieses Spannungsfeld zwischen Angebot und Nachfrage drückt die Kapitalisierung von Kultur in sehr umfassender Weise aus. Auf der einen Seite drängt Kultur danach, sich in Gegenständen und Ereignissen zu zeigen und sich in ihnen erleben zu lassen. Dies gilt unter der Voraussetzung, dass kultureller Erfolg durch Angebote, die nachgefragt werden, überhaupt erzielt werden kann. Auf der anderen Seite erweisen sich jedoch die entstandenen Kosten von Kulturarbeit (wie z. B. durch die Dauer in der Produktion bzw. Herstellung oder im Kauf solcher Gegenstände) erst bei genauer Prüfung auf dem langfristig sich entwickelten Markt als angemessen oder unangemessen, um daraus weitere Gewinne zu ziehen. Im Allgemeinen lassen sich durch Kulturarbeit entstandene Kosten eher als hochgradig riskant einordnen, da kulturelle Erfolge von jeweiligen kulturellen Moden abhängen und in der Regel unwägbarer als ökonomische sind. Im Kapitalismus wird mehr und mehr erkennbar, dass die so genannte Hochkultur ins-gesamt bereits durch eine Massenkultur, die für alle verfügbar scheint, ersetzt wird. Es existiert ein Markt, auf welchem kulturelle Bedürfnisse für einen Bedarf von kulturellen Waren bzw. Dienstleistungen bestehen, woraus sich eine Nachfrage nach bestimmten Waren bzw. Dienstleistungen entwickelt. Dies erzeugt kulturelle Angebotsstrukturen, die sich ebenfalls steuernd auf die Nachfragen auswirken. Das kulturell bestehende Angebot, welches von den Marktteilnehmern gesichert und beurteilt werden kann, er-zeugt Wahlmöglichkeiten. Neben dem Tausch von Kultur gegen Geld existieren noch weitere Tauschmittel wie z. B. die Zeit der Teilnahme oder die Aufmerksamkeit von Besuchern. Diese Mittel stehen als Unterscheidungsmittel in verschiedenen sozialen Lagen zur Verfügung. Das hat zur Folge, dass sich Kultur nicht immer beliebig gleich nur mit finanziellen Mitteln gewinnen lässt. Aber letztlich werden kulturelle Tauschgeschäfte über kurz oder lang immer in der Konkurrenz des Marktes realisiert und die Marktmechanismen kommen zur Anwendung, d. h. die Nachfrage regelt die Waren-/Dienstleistungspreise in Relation zum Angebot.

Mehrwert aus Illusionierung, Täuschung und Betrug Der kulturelle Mehrwert entspringt aus einer Differenz von getäuschter Erwartung und tatsächlich erbrachter Leistung. In sehr vielen kulturellen Bereichen ist Illusionierung Teil des kulturellen Habitus, weil kulturelle Handlungen oft der Bebilderung und Unterhaltung oder Kritik einer Kultur dienen. Illusionierung bedeutet vor allem die Darstellung des eigenen Egos als ursächlich, beachtlich und kreativ, um in der Konkurrenz vorteilhaft zu erscheinen. Dazu wird der reale Kulturwert mit kulturellen Illusionierungen aufgeladen und auf dem Markt verkauft. Man gibt vor, mehr zu sein und mehr zu können, als dies tatsächlich der Realität entspricht. Besonders in Verbindung mit sozialem Kapital[3] kann diese Illusionierung erfolgreich und wirksam umgesetzt werden. Die Aufladung des Kulturwertes zu einem fiktional höheren Wert kann ebenfalls durch Täuschung umgesetzt werden. Die Täuschung ist eine Steigerung der Illusionierung. Wenn Täuschungen rechtlich nachgewiesen und geahndet werden können, liegt ein Betrug vor. Dieser ist in erster Linie zunächst immer ein Selbstbetrug, da es nicht zur Aneignung eines bestimmten kulturellen Habitus kommt, sondern nur der Schein dessen gewahrt wird. Da Kulturgüter Waren wie andere auch sind, wird in ihrer Herstellung eine Leistung/Investition in Form von Zeit, Mittel und Aufwand vorausgesetzt. Diese wird beispielsweise durch den Verkauf oder den Austausch in Handlungen vollzogen. Der Mehrgewinn wird entweder zu einem Marktwert in Angebot und Nachfrage oder betrügerisch realisiert.


Mehrwert aus parasitären Gewinnen Bei den parasitären Gewinnen profitieren die Individuen von der bereits vorhandenen kulturellen Ausgangslage, die sie sich ohne große Mühe aneignen können, gegenüber dem Aufwand, den Konkurrenten erbringen müssen. Ausschlaggebend ist hierbei die eigene kulturelle Herkunft. Die Inszenierung der Herkunft als Erfolg trägt zur Ausprägung des kulturellen Habitus bei, der bereits durch bloße Teilnahme größere Erfolgschancen bedingt. Jeder Mensch schöpft aus seiner Herkunft kulturelles Kapital. Da das Individuum allein schon durch Teilnahme davon profitiert, besitzt kulturelles Kapital in dieser Hinsicht einen parasitären Charakter. Die kulturelle Aneignung, beispielsweise von Traditionen oder Sprache qualifizieren für bessere soziale Chancen und erschaffen ein Leitbild für den eigenen kulturellen Habitus. Vorhandene soziale Strukturen können genutzt werden, um Partnerschaften zu schließen, Freundeskreise und soziale Netzwerke aufzubauen. Das Individuum muss sich dabei allerdings zusätzlich ein gewisses Lernkapital aufbauen, es muss insbesondere lernen, sich in dem sozialen Habitus zurecht zu finden, um die kulturellen Strukturen nutzen zu können. Parasitäre Gewinne lassen sich hierbei ohne größeren Aufwand durch Teilhabe an den kulturellen Strukturen der Familie erzielen. Um den Gewinn in vollem Umfang nutzen zu können ist jedoch auch ein soziales Kapital wichtig. Die heutige kulturelle Diversität und die Massenmedien führen dazu, dass sich Hochkulturen nur noch erschwert absetzen können und die Freiheit, welche sozialen Beziehungen wir eingehen, enorm wächst.

Gesellschaftliche Nutzung des kulturellen Kapitals

Kulturelles Kapital kann sowohl in materieller Form in Warenform auf Märkten verfügbar sein oder als Gebrauchswert im öffentlichen oder privaten Raum vorhanden sein. Diese beiden Formen des kulturellen Kapitals bedingen sich oft gegenseitig. Ein Beispiel dafür ist die Werbung, denn sie benötigt eine vorhandene kulturalisierte Wahrnehmung und Kommunikation, um hinreichend im Konsum einer Kultur verständlich zu sein. Dabei werden kulturelle Werte und Normen, Praktiken und Routinen standardisiert und homogenisiert und lokale oder subkulturelle Richtungen fragmentiert. Im gesellschaftlichen Handeln ist eine Kapitalisierung vieler Bereiche und Aspekte der Kultur zu beobachten, die kulturelle Pluralität zunehmend marktbezogen ausrichtet. Kulturen werden so vereinseitigt und ihre Potenziale beschränkt, indem sie konsumierbar gehalten werden sollen. Die Massenmedien spielen hierbei eine zentrale Rolle.

Die kulturelle Pluralität Soll eine kulturelle Vielfalt erhalten oder angestrebt werden, dann bedarf es einer kulturellen Pluralität jenseits des Konsums, was durch politische Regulierung im Sinne von Kulturförderung und demokratische Vereinbarungen gesichert werden kann. Eine wichtige Rolle spielt dabei der öffentlich-rechtliche Teil der Massenkommunikation, der durch kulturelle Angebote jenseits des Konsums beworbener Konsumgüter und Konsumerwartungen oder eines Mainstream in jeglicher Hinsicht Alternativen, Kritik und Visionen anbieten muss.

Forderungsliste politischen und staatlichen Engagements Die Dominanz kulturellen Konsums sollte eingedämmt werden. Die Vielfalt und Pluralität der Kulturen muss gestärkt werden, um die Chancengerechtigkeit zu sichern. Um kulturelles Kapital gesellschaftlich betrachtet möglichst chancengerecht zu entfalten, hilft eine positive Forderungsliste politischen und staatlichen Engagements für die Kulturentwicklung:

  • Durch die Schaffung ausreichender und kostenloser Ressourcen sowie schulische Förderung kann der Staat zur kulturellen Pluralität beitragen und eine vielfältige Gesellschaft sichern. Solche Ressourcen können z.B. Theater, Museen, Volkshochschulen oder auch die Unterstützung kultureller Gruppen und Kunstprojekte sein.
  • Kulturelle Lebensqualität zeichnet sich nicht durch eine Massenmeinung oder die Verbreitung universeller Formate aus, sondern wird durch kulturelle Unterschiede und eine Vielfalt der Interessen geprägt.
  • Kulturen sollen gezielt durch Haushaltsmittel gefördert werden. Die Kulturpolitik muss klare Zuständigkeiten enthalten, die über das enge Kulturverständnis hinausgehen und neben Literatur, Kunst, Theater und Museum zum Beispiel auch Erholungsbereiche und sportliche Felder mit einbeziehen. Durch den Sinn für die Außergewöhnlichkeit, durch aktives gestalten und verändern, entsteht eine Kreativität, die kulturelles Handeln ermöglicht und die Vielfalt sichert.
  • Kulturschaffende müssen aktiv und nachhaltig, durch finanzielle Mittel oder Steuererleichterungen unterstützt werden. Kulturelle Ausbildungsmöglichkeiten und Qualifikationsmöglichkeiten müssen geschaffen werden und die Ausgaben erhöht werden. Es muss nicht nur die Nachfrage erfüllt werden, sondern Interesse, besonders im Jugendbereich, geweckt werden.
  • Kultur muss in den Mittelpunkt der Bildung rücken und eine größere Rolle im Schulsystem spielen.

Individuelle Nutzung des kulturellen Kapital

Um die Vorteile möglichst vielseitiger und vielfältiger kultureller Gebrauchswerte nutzen zu können, ist es im Interesse jedes Individuums, möglichst hohe und im Leben oder Beruf nutzbare kulturelle Kompetenzen und Aneignungen zu erwerben. Bei der Bildung solcher Gebrauchswerte sind der subjektive Spielraum und die Unschärfe des voraussehbaren Resultats sehr groß. Nachfolgend werden die Formen des Mehrwerts für das kulturelle Kapital im Überblick dargestellt.


Die Wirkung des kulturellen Kapitals in Kombination mit anderen Kapitalformen

Die kulturelle Kapitalform zeigt ihre Wirkungen sehr stark in Kombination mit anderen Kapitalformen. Die Teilnahme an der Kultur ist insbesondere von den Ausgaben und dem Habitus der Familie abhängig. Eine Betrachtung der Einnahmen und Ausgaben für die Kultur verdeutlicht, dass die reichen und gebildeten Familien deutlich mehr Geld für kulturelle Aktivitäten ausgeben. Dennoch sind diese Ausgaben im Vergleich zu den Gesamtausgaben der Familie in der Gegenwart selbst im Besitz- und Bildungsbürgertum im Blick auf engere Kulturleistungen wie z. B. Literatur, Kunst, Musik, Theater, Oper oder Wissenschaft eher niedrig. Dies deutet darauf hin, dass die Kultur eher eine Imagination und Fiktion dieser Schichten ist. Für erweiterte Kulturkosten wie für die Bildung von Lernkapital, für Urlaub und Freizeitgestaltung, insbesondere aber für die Wohn- und Lebenshaltungskosten inklusive Luxusgütern wird deutlich mehr ausgegeben.

Folgen des kulturellen Kapitals für wichtige Lebensbereiche

Die Nutzung des kulturellen Kapitals hat unterschiedliche Folgen für die Lebensbereiche Einkommen, Arbeitslosigkeit bzw. Beschäftigung, soziale Mobilitätschancen sowie Kon-sumchancen und Wohnen.

Einkommen Der Besitz von kulturellen Kapital kann nur bedingt das individuelle Einkommen sichern und bedarf in der Regel einer günstigen Verbindung mit dem sozialen Kapital. Das meist staatliche Vorkehrungen zur Sicherung eines kulturellen Einkommens fehlen, müssen die Individuen, die auf die Gebrauchswerte des kulturellen Kapitals setzen, oft hohe persönliche Einkommensrisiken eingehen. Kulturelle Einkommen lassen sich meist nur erfolgreich aus dem Massengeschmack her generieren. Dies lässt sich am Beispiel des Medienbereichs erkennen, in dem heute kulturelle Tauschwerte besonders umfassend eintauschbar sind. Zum Erreichen eines hohen individuellen Einkommens oder kulturellen Aufstiegs ist es wichtig, insbesondere die etablierten Kulturtechniken bzw. einen kulturellen Habitus als Gebrauchswerte zu entwickeln, wobei entsprechende Sprachcodes ebenso wie Selbstsicherheit, Selbstwert und kommunikative Kompetenzen Grundvoraussetzungen sind, um überhaupt hinreichend Tauschwerte realisieren zu können.

Arbeitslosigkeit bzw. Beschäftigung Ein fehlendes oder mangelhaft ausgebildetes kulturelles Kapital erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, keine Arbeit zu finden oder kein Einkommen zu erzielen bzw. die Gefahr längerer Arbeitslosigkeit als bei Konkurrenten. Weniger kulturelles Kapital drückt sich darin aus, dass die Individuen geringer ihren eigenen Fähigkeiten vertrauen, weniger flexibel mit Rollenveränderungen umgehen sowie sich weniger kommunikativ an Veränderungen anpassen können.

Soziale Mobilitätschancen Kulturelles Kapital und dessen Nutzung führt auch im Bereich der sozialen Mobilitätschancen bei unterschiedlicher Höhe zu unterschiedlichen Folgen. Kulturelles Kapital umfasst u.a. die individuelle Reflexion der eigenen kulturellen Herkunft und Entwicklung und somit eine kritische Perspektive auf die eigene Mobilität vergleichend zu gesellschaftlichen Erwartungen. Individuen mit hohem kulturellem Kapital werden schon früh dazu befähigt, eigenes Potential mit Gegebenheiten abzugleichen und Strategien zur Erhöhung sozialer Mobilität zu schaffen. Mittels kultureller Beteiligung, Aktivitäten, Mitgliedschaften und Haltungen eröffnen sich soziale Netzwerke die zu sozialer Mobilität verhelfen. Diese wird verstanden als Sicherung des Lebensstandards, Bewahrung von Besitztümern oder Förderung des sozialer Aufstieg. Dementsprechend ist in diesem Bereich auch ein entsprechendes Lernkapital entscheidend.

Konsumchancen und Wohnen Kulturelles Kapital wird zudem auch an Konsumchancen sowie an der Wohnsituation gemessen. Konsumgüter wie Internet und Massenmedien, Zeitungen, Zeitschriften, Büchern ebenso wie Gesprächs- und Kommunikationskreise Sichern kulturellen Konsum und zeigen dabei unterschiedliche Qualitäten auf.


Szenarien zum individuellen Umgang mit kulturellen Kapital

Bezüglich der individuellen Nutzung kulturellen Kapitals lassen sich drei verschiedene Szenarien beschreiben: Besitzszenarium, Aufstiegsszenarium, Unsicherheitsszenarium.

Besitzszenarium Der Erwerb größeren kulturellen Kapitals erfordert eine bestimmte Herkunft und entsprechende kulturelle Kontexte. Schwierig ist es für kulturelle Aufsteiger, den Vorsprung an kulturellem Kapital der etablierten Kultur aufzuholen. Jedoch müssen auch die kulturell Arrivierten auf einen angemessen Umgang mit ihren kulturellen Ressourcen achten, insbesondere darauf, ihre mühsam angeeigneten Besitztümer nicht zu verschwenden. Kulturell arrivierte Eltern sehen daher eine Problematik, wenn ihre Kinder nicht mehr an der etablierten Kultur, deren Konventionen und dem entsprechenden Lernkapital teilnehmen und teilhaben wollen. Sie legen deshalb in Erziehung und Bildung großen Wert auf kulturelle Kontinuität und Tradition.

Aufstiegsszenarium Ein kultureller Aufstieg ist bei benachteiligten Voraussetzungen schwierig. Jedoch können Begabungen und Talente hilfreich sein, kulturelles Kapital zu bilden, zu inszenieren und dadurch Vorteile zu erlangen. Dies erfordert jedoch eine Verknüpfung kulturellen Kapitals mit Lern-, Körper- oder sozialen Kapital. Denn durch die Massenkultur werden kulturelle Besonderheiten heute stark entwertet oder relativiert und nur noch wenige kulturelle Begabungen und Talente erhalten einen Sonderstatus.

Unsicherheitsszenarium Aufgrund des Massengeschmacks und der Differenzierung in Lern- und Körperkapital erfährt das kulturelle Kapital eine starke Vieldeutigkeit. Dennoch reproduziert sich im kulturellen Verhalten ein kultureller Habitus, der sich vor allem aus Kulturtechniken und sprachlichen Leistungen zusammensetzt und kulturelle Zugehörigkeit sichert. Um das Unsicherheitsszenarium zu verlassen, sind kulturelle Gebrauchswerte nötig, um die Teilhabe auch außerhalb des kulturellen Feldes zu erhöhen. Dagegen kann eine Fokussierung auf das kulturelle Feld kulturelle Freiheit im Sinne einer eigenen und konsumwiderständigen Kultur erhöhen, dies verstärkt jedoch auch ökonomische Unsicherheit.