Lernkapital

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
Version vom 8. Oktober 2015, 14:15 Uhr von Apa11 (Diskussion | Beiträge)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Lernkapital nach Kersten Reich

Der von Kersten Reich neu eingeführte Begriff des Lernkapitals hat drei wesentliche Aufgaben:

1. Der Begriff des Lernkapitals kann als neue Kapitalform angesehen werden und den Ansatz von Pierre Bourdieu erweitern.

2. Er löst den Begriff des Humankapitals ab, da dieser zu wenig differenziert erscheint, um eine detaillierte Form des Kapitals zu erschließen.

3. Er beschreibt präzise die verschiedenen Mehrwertformen, die aufgebracht werden können, um das Lernen zu kapitalisieren und zeigt zugleich, dass nicht alles Lernen notwendig kapitalisiert gesehen werden muss.


Lernen ist unabdingbar zur Teilhabe in der Gesellschaft. Es ist ein Ideal der Moderne, die dem Lernen eine wesentliche Bedeutung im Blick auf die Differenzierung, Mobilisierung, Partizipation und Institutionalisierung des gesellschaftlichen Lebens zukommen lässt. Diese vier Dimensionen nach Talcott Parson, der mit ihnen universell wirkende Bedingungen der Neuzeit markieren wollte, helfen, auch Bedeutungen des Lernens zu erschließen.

In einer Tabelle sollen die von dem Soziologen Talcott Parson entwickelten Dimensionen, denen von Kersten Reich, gegenübergestellt werden. An Hand der vier Dimensionen kann im Kontext des sich wandelnden Lernens verdeutlicht werden, wie das Lernen in Bezug zu größeren gesellschaftlichen Dimensionen steht und diese artikuliert.


Parsons.jpg


Reich nimmt diesen Vergleich nur als einführendes Beispiel, um darauf aufmerksam zu machen, dass viele Begriffe und Theorien der Moderne eher ein Sollen und eine Position de jure beinhalten als ein Wollen und eine Position de facto, in der das Ideal tatsächlich umgesetzt wird. Vor diesem Hintergrund ist der Lernbegriff nicht einfach zu bestimmen. Um Lernen in sich wandelnden Lernumgebungen und Kontexten zu verstehen, soll hier zunächst die Herkunft und das Wirken des Lernkapitals erläutert werden, was anhand von drei von Lernverhältnissen verdeutlicht werden soll:

1. Lernen in Formen der Imitation, Nachahmung und Modifikation bildet eine erste Gruppe, die als Master-Newcomer-Modell bekannt ist und bis heute praktiziert wird.

2. Lernen als Bildung und Wachstum der kollektiven und individuellen Fähig- und Fertigkeiten zeigt ein humanistisches Bildungsideal, woie es für die Moderne bis hin in die heutige Zeit prägend ist.

3. Lernen unter den Bedingungen der Kapitalisierung des Lernens (Lernkapital) bestimmt unsere Gegenwart.


Lernverhältnis in Form der Imitation, Nachahmung und Modifikation

Das erste Lernverhältnis ist die Form der Nachahmung, die als eine uralte Form des Lernens gilt. Kinder und Jugendliche ahmen Tätigkeiten und Verhaltensweisen nach, die sie sehen und vorgelebt bekommen. Solche Nachahmung erwächst aus einer Imitation, die wesentlich ist für das Heranwachsen und für den Erhalt einer Kultur ist. So erst können kulturelle und soziale Gruppen sich in verschiedensten Teilberiechen wie Familien, Sippen, aber auch Berufen und anderen gesellschaftlichen Lebensverhältnissen verständigen. Im Lernen vollzieht sich vor allem das Modell der Nachahmung, das einen qualifizierten Master einem Newcomer gegenüberstellt, wobei die umgebende Gemeinschaft selbst als Praxisfeld gesehen werden kann. Bei diesem Meister- Lehrlingsverhältnis liegt der Fokus des Lernens auf der Bewahrung des bereits vorhandenen Wissens. Jedoch ist trotz des gewünschten Nachahmungseffektes eine Modifikation durch Abweichungen erwünscht. Lernen als Verfahrenstechnik und Modifikation findet dabei unter einer starken Produktorientierung in einer zugelassenen Arbeitsteilung statt, die wenig Raum für eine individuelle Entfaltung und Differenzierung lässt. Positive daran ist, dass das Wissen sehr gut weitergegeben werden kann, jedoch der negative Effekt ist eine weniger mobile und dynamische Berufs- und Lebenswelt. Lernen am Modell in dieser Form folgt den Erfahrungen der Gruppe und weniger den Wünschen des Einzelnen. Der individuelle Lernerfolg in solchen Strukturen ermöglicht gleichzeitig den gesellschaftlichen Erfolg.

Die Master-Newcomer-Verhältnisse funktionieren besonders in Gesellschaften, die Sprache in Form von Zeichen und Symbolen soweit entwickelt haben, dass Handlungen in gleichen Abläufen und Routinen mit weitergegebenen Werten und Normen geschehen, um Institutionen mit legitimierten Organisationsformen zu bilden. Heute setzt sich dieses Modell besonders im Arbeitsleben und der Berufsausbildung durch. Die Master machen vor, zeigen und veranschaulichen bestimmte Prozesse, die von den Newcomern in Handlungswissen gesichert werden. Es sollte in diesem Zusammenhang beachtet werden, dass sich durch die Abgrenzung in verschiedenen Master-Bereichen immer auch Eliten bilden können, die ihr Wissen elaboriert weitergeben, um so einen unerwünschten Einstieg von außen zu verhindern (Beispiel Ärzte). Ein großer Vorteil dieses Lernverhältnisses ist, dass die Newcomer nichts vom Handlungswissen der Master verlieren.


Lernen als Bildung und Wachstum der kollektiven und vor allem der individuellen Fähig- und Fertigkeiten

Vorbedingung eines solchen Lernens ist es, dass die symbolische Repräsentation die Nachahmung ersetzt. Eine Abbildung der Welt kann von der Antike bis heute oder in der Vielfalt des Wissens der Gegenwart nicht vollständig von einem Individuum vollzogen werden. Ein Master alleine reicht nicht mehr aus, sondern eine scientific community gewährleistet eine umfassende Begründung und Qualität, die eine künstliche Trennung von Theorie und Praxis erlaubt, um als repräsentatives Lernen eine Verschulung des Lernens auch für breite Massen zu ermöglichen. Zum Problem wird eine vermeintlich vollständige Bildung, die immer nur eine Auswahl an bestimmten Inhalten und Methoden sein kann, die vermittelt wird. Die Sorge um die Bildung ist eine Sorge um das individuelle Wachstum an Bildung, das zugleich einen Nutzen für ein gesellschaftliches Ganzes in Arbeitsteilung erbringen soll. Repräsentatives Lernen verschiebt die Spezialisierung nach hinten und ist zunächst immer eine Verzichtsleistung der Lernenden, die viel Stoff aufnehmen, bevor sie zu ihrer späteren Tätigkeit kommen können. Es gibt die Tendenz in der Moderne, dass dabei die Lernzeiten immer länger und stofflastiger werden.

Bildung in der bürgerlichen Moderne wurde praktisch immer als ein Bildungsprivileg gelebt, wobei Bildung nicht zweckfrei und gut ist, sie kann Vorurteile erzeugen und zu Machtpositionen führen. Bildung erzeugt Unterschiede, denn sie ist unterschiedlich verteilt, gewertet und bedeutsam. Und Bildung ist hierbei ein Unterschied, der Unterschiede macht.

Die Entscheidung für eine Bildung ist gleichzeitig die Entscheidung gegen eine andere und schränkt damit die Freiheit ein. Da Wissen nur eine kurze Halbwertszeit besitzt, besteht die Freiheit darin, sich stets neu zu orientieren und das gewohnte hinterfragen zu können. Angesichts der Institutionalisierung von Bildung ist dies aber schwierig, da die Schule als Bürokratie dazu neigt, länger am Gewohnten festzuhalten und das Innovative nur mit Verspätung einzuführen. Der Anspruch von möglichst vollständiger Bildung wird grundsätzlich durch den Halbbildung-Widerspruch relativiert, der es als unmöglich zeigt, je eine vollständige Bildung zu erreichen. Die Differenzierung der Bildung hilft, das Halbwissen erträglich zu machen. Bildungsinstitutionen verweigern gerne diese Reflexion, indem sie durch strikte Selektionsprozeduren und Zertifizierungen der Abschlüsse wieder Sicherheit ins System zu bringen versuchen.

Lernen als Bildung und Wachstum löst das Master-Newcomer-Modell ab. Symbolisiert der Master den Fremdzwang, der durch Disziplin, Belohnung, Bestrafung und Selektion in der Ausbildung den Selbstzwang des Lernenden antreibt, kann das neue Lernen von einem Master entbinden und an seine Stelle das repräsentative Wissen setzen. An seine Stelle rückt das kollektive Wissen, das gegenüber dem Fremdzwang den Selbstzwang bevorzugt.


Lernkapital: Lernen unter Bedingungen der Kapitalisierung des Lernens

Aktuell findet eine starke Kapitalisierung beider oben genannten Lernformen statt. Vordergründig erscheint die Kapitalisierung des Lernens als Entlastung des Staates, tatsächlich verschafft sie jedoch denjenigen mit ökonomischem Eigentum und schon bestehenden Bildungsgraden Macht, so dass sich die Bildung nach der Macht des Geldes ausrichtet. Hier wäre es die Aufgabe des Staates jenen verbesserte Erziehungs- und Bildungschancen zu ermöglichen, die dies nicht aus eigenen Ressourcen hinreichend schaffen können. Dies gelingt nur teilweise. Wo früher der Fremdzwang von Staat und Institutionen durch Werte, Normen, Zugänge und Abschlüsse stand, ist heute eine hohe Individualisierung des Lernens zu sehen. Die Erziehung und Bildung werden als Eigenverantwortlichkeit der Individuen gesehen, was den Staat von eigentlich notwendigen Aufgaben der Regulation der Chancengerechtigkeit zu entbinden scheint. Der Fremdzwang ist zum Selbstzwang geworden, bei dem sich jeder seine Bildung eigenständig konstruieren muss. Das eröffnet individuelle Möglichkeiten, die Vielfalt an Angeboten, insbesondere von privat organisierten Zugängen und Abschlüssen, verlagert die Kosten jedoch gleichzeitig auf die Seite des Individuums.

Diese Entwicklung hat einen doppelten Erwartungsdruck zur Folge. Auf der einen Seite wollen zahlende Individuen in möglichst kurzer Zeit ihre zur Ausbildung verwandelte Bildung durchlaufen und dabei ein Optimum an Abschlüssen erreichen, auf der anderen Seite steigt die Konkurrenz um Plätze durch die Bildungsexpansion massiv an. Lernende werden zu zahlenden Kunden, die entsprechend ihren Bedürfnissen in der Konkurrenz der Institutionen untereinander bedient werden wollen, was nicht zuletzt auch einen radikalen Rollenwechsel für Lehrende beinhaltet.

Wie sieht nun die andere Seite aus? Gibt es ein positives Gegenbild zur Kapitalisierung des Lernens? Die Kapitalisierung der Bildung ist keine böse Absicht Einzelner, sondern ergibt sich aus der Kapitalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche. Da Bildung nicht unabhängig von ihrer Umwelt stattfinden kann, wird auch sie zunehmend kapitalisiert. Die Ausprägung dieser Kapitalisierung kann noch verhandelt oder gesteuert werden.

Die neuen Anforderungen an die Kapitalisierung des Lernens stehen im Spannungsverhältnis mit den Veränderungen in der kapitalistischen Arbeitswelt. Es findet ein Mentalitätswechsel in der Konsumgesellschaft statt, bei dem die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, Lernen, Chancen und Fortschritte stets im Konkurrenzkampf mit anderen wichtig werden. Dabei gibt es bestimmte Rahmensetzungen, die von allen Seiten erwartet werden. Identität wird nicht mehr als Ganzheit, sondern als brüchig und ambivalent konstruiert, das Individuum muss sich aktiv den Balancen seiner biografischen Notwendigkeiten und Chancen stellen, es soll autonom, eigenverantwortlich, mobil, flexibel und dynamisch alles regeln, obwohl es dabei auch in Lebenslagen sein kann, die es als ausgegrenzt, verwundbar, verletzlich zeigen.

Die Kapitalisierung des Lernens modifiziert und durchdringt die Master-Newcomer und Growth Modelle:

• Das Master-Newcomer Modell setzt inzwischen eine allgemeine Bildung voraus und die Berufe verändern sich immer schneller. Aus diesen Gründen wird es meist nur noch in bestimmten Ausbildungsphasen eingesetzt (Routine, Anlernen).

• Das Growth-Modell ist klassisch für Lehrfächer und Schule. Das Wissen ist jedoch so komplex, dass die Einführung bzw. Elementarisierung immer schwerer fällt. Eine Lösung wird es in Zukunft sein, die einzelnen Fächer aufzulösen und transdisziplinär zu lehren.

• Die Kapitalsierung des Lernens trägt insgesamt den Vorteil, dass Lernende eine höhere Kompetenz für Anwendungen in der Lebenspraxis erlernen, wo früher überwiegende Wissensreproduktion mit einer unklaren Handlungsrelevanz stand. Voraussetzung dafür ist jedoch die Erzeugung klarer Gebrauchswerte für die spätere Verwendung. Wenn sich diese Gebrauchswerte nur nach der Nützlichkeit bestimmter Fachgruppen richten, erhöht sich der Druck auf alle Fächer, um eine effiziente Kontrolle zu ermöglichen. Folglich fällt man in der Praxis doch wieder auf den reproduktiven Wissenserwerb zurück, was die Nützlichkeit einschränkt und zudem Kosten in der Nachschulung verursacht. Damit verbunden ist eine Beschleunigung in allen Bereichen der Bildung. Das Ziel des Lernens ist der Erwerb von möglichst viel Wissen und dessen Anwendung in möglichst kurzer Zeit. Beispiele hierfür sind die Einführung des achtjähigen Gymnasiums bei fast gleichbleibender Stoffmenge oder die Umstellung zu Creditpoints in den Bachelor- und Masterstudiengängen an Universitäten. Für tiefgründiges Verstehen und tatsächliches Problemlösen bleibt keine Zeit.


Mehrwert des Lernkapitals

Mehrwertproduktion durch Lernarbeit

Eine von vier Formen des Mehrwerts ist die Mehrwertproduktion durch Lernarbeit. Hierfür sind drei Aspekte besonders relevant, die man auch als Kosten der Lernarbeit bezeichnen kann:

1. Zeit: Lernarbeit erfordert die Verausgabung von Zeit, die Teil der Lebenszeit ist. Es gibt dabei eine Standardisierung von Zeitfenstern in der Schulzeit, Hochschulzeit, Ausbildungszeit etc. bei gleichzeitiger Eigenzeit der Lernenden. Die investierte Zeit erscheint durch erworbene Qualifikationen als Gebrauchswert, woraus dann später auf dem Arbeits- oder Einkommensmarkt ein gewisser Lohn oder Gewinn erzielt werden kann.

2. Aufwand: Lernarbeit impliziert immer einen gewissen Aufwand. Anhand des Aufwands kann man größtenteils das Spektrum der Kompetenzen und die Breite der Handlungsfenster festmachen. Ein zu großes Spektrum kann auch zu einer Überqualifikation auf dem Markt führen.

3. Mittel: Man braucht immer gewisse Ressourcen, um Lernen stattfinden zu lassen. Diese sind größtenteils zunächst familienbedingt, wobei aber der Staat regulierend eingreifen kann, um solche Ressourcen zu erweitern. Die Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel und Ressourcen, wie beispielsweise Bücher, hat immer Auswirkungen auf das Ergebnis, kann also später auf dem Arbeitsmarkt einen entscheidenden Unterschied machen.


Marx sieht die Kosten der Erziehung und Bildung als Teil der Reproduktionskosten, die sowohl aus historischen als auch aus moralischen Faktoren bestehen. Außerdem sind Natur- und Klimakosten, der erreichte Lebensstandard, der durch politische Kämpfe erworben wurde, für die Reproduktionskosten wichtige Aspekte. Die notwendigen Reproduktionskosten in einer Gesellschaft, die durch die Lohnhöhe erreicht werden müssten, um ein lebenswertes Leben in einer Gesellschaft zu führen, sind eine Basis für notwendige Lohnhöhen insbesondere seitdem Menschen in gewerkschaftlichem Kampf hierauf Einfluss nehmen. Die Bestimmung der Höhe der Löhne ist oftmals sehr offen, da diese von zahlreichen gesellschaftlichen Bedingungen abhängen, insbesondere dem Organisationsgrad der abhängig Beschäftigten zur Vertretung ihrer Interessen.

Was unterschiedliche Lohnhöhen betrifft, so lässt sich allgemein sagen, dass Löhne auf jeden Fall von dem jeweiligen Qualifikationsgrad oder dem jeweiligen Beruf abhängig sind. Hier gibt es ein Zusammenspiel zwischen den notwendigen und in einer Gesellschaft erkämpften Reproduktionskosten und dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Markt.

Lernen benötigt immer eine gewisse Zeit. Diese Lernzeit kann analog zur Arbeitszeit aufgefasst werden. Allerdings findet diese zunächst ohne Gegenleistung statt, das heißt sie wird zunächst nicht entlohnt. Erst mit Ende des Lernens (wenn also gewisse Abschlüsse als verfügbare Gebrauchswerte erworben wurden), können Erträge in Betracht kommen. Im Vorfeld und spekulativ sind mögliche Lohnhöhen oder andere Einkommen zwar ansatzweise anhand von Lernleistungen kalkulierbar, aber sie sind stets unsicher. Erst der Arbeits- oder Einkommensmarkt bestimmt die tatsächlich erzielbaren Einnahmen.

Die Lernarbeitszeit ist aus dem alltäglichen Leben nicht wegzudenken. Sie besteht sowohl aus berufsvorbereitenden Fächern als auch aus „allgemeinen Kulturtechniken“. Hierbei ist die Tendenz erkennbar, dass eine bessere Qualifikation die Chance auf ein höheres Einkommen erhöht und somit einen Schutz für die Zukunft bietet. Die Faustregel: „je mehr ins Lernkapital investiert wird (an Zeit, Aufwand und Mittel), desto größer sind die Chancen auf ein höheres Einkommen“, entspricht allerdings nicht ganz der kapitalistischen Praxis. Denn das Spannungsverhältnis zwischen der Bildungsexpansion (gute Bildung für die breite Masse) und der Elitebildung (elitäre Schulen als unzugänglich für die breite Masse) ist deutlich als Reaktion auf die Verbreiterung der Qualifikationen vieler Menschen als Reaktion derjenigen, die Besitzstände verteidigen, zu spüren. Allerdings nimmt das Schul- oder Hochschulsystem keinen unmittelbaren Einfluss auf den Markt, das heißt, ob die Schule privat oder staatlich ist, bestimmt am Ende nie direkt die Lohn- oder Einkommenshöhe.

Marx These, dass sich komplizierte Tätigkeiten aus vielen einfachen, kleinen Arbeiten zusammensetzen und somit als Vielfaches dieser gedacht werden können, erscheint von heute aus gesehen als zu stark quantitativ gedacht. Eine Wertigkeit wird komplex anhand der kulturspezifischen Einschätzung der verschiedenen Berufe festgestellt, durch Angebot und Nachfrage stark beeinflusst, aber auch durch die Schwierigkeitsgradeinschätzung des jeweiligen Berufes oder auch durch Zulassungsbeschränkungen (also durch Selektion im jeweiligen Beruf) bestimmt. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Bildungsexpansion bewirkt hat, dass immer mehr Menschen die Hochschulreife erlangen oder sogar ein Studium abschließen. Das bedeutet, dass sie zunehmend mehr Lernarbeitszeit auf sich nehmen, wodurch ein höheres Ausbildungsniveau der breiten Masse entsteht. Dies sichert die Lebenschancen für jeden Einzelnen und außerdem profitieren die Gesellschaft und der Staat langfristig durch qualifizierte Arbeit der breiten Masse und somit durch mehr Einnahmen. So entstehen auf Dauer auch geringere Kosten durch Arbeitslosigkeit. Aber gleichzeitig wird so die Konkurrenz für den Einzelnen stark erhöht. Der durch die immer höheren Qualifikationen entstandene Druck verstärkt die Kapitalisierung des Lernens. So kommt es dazu, dass immer mehr Arten und Formen von Zertifikaten und anderen Nachweisen von Qualifikationen als Voraussetzung für einen ökonomischen Nutzen in der Gesellschaft gebraucht werden. So gelten Menschen, welche keinerlei Nachweise einer Qualifikation bzw. Ausbildung nachweisen können, nach den Worten vonBude (1998) im gegenwärtigen Kapitalismus als so genannte „Überflüssige“. Hierbei besteht auch die Gefahr, so Reich, dass jede Person in Zukunft zu den „Überflüssigen“ gezählt werden kann, wenn sie nicht den Anforderungsmerkmalen kapitalistischer Erfordernisse und Marktbedingungen entsprechen kann.

Somit ist der optimale, aber niemals gänzlich sichere und voraussehbare Weg, um sich günstige Voraussetzungen für ein höheres Einkommen zu ermöglichen, hohe Investitionen in die Lernarbeit einzugehen und somit viele qualifizierte Zertifikate zu erlangen, um die dazu passenden Stellen später einnehmen zu können.

Die folgenden vier Aspekte, welche Reich nennt, sind in der Handlungsanalyse der Nutzung der Differenz von Lernarbeitskosten und eines möglichen Nutzens durch Lohn oder Einkommen notwendig, um die grundlegenden Handlungselemente im Blick auf das Lernkapital zu erfassen:

1. Lernarbeit kann von jedem Menschen generell in allen entwickelten Ländern verausgabt werden, wobei es gesellschaftliche Standards gibt (Zertifikate, Abschlüsse, etc.), welche in standardisierten, öffentlichen oder privaten Lernumgebungen (z.B. Schul- und Hochschulsystemen) erworben werden können und die vergleichbar in Lernzeit, Methode und Inhalt sind.

2. Lernarbeit gehört zu den grundlegenden Bedingungen gesellschaftlichen Handelns und jeder Mensch erhält die Chance, sich nach spezifischen Standards auf sein zukünftiges Berufsleben vorzubereiten, wobei der Zugang zu den verschiedenen Lernumgebungen und den damit verbundenen Zertifikaten und Abschlüssen unterschiedlich leicht zu passieren ist und somit eine höhere oder niedrigere Chancengerechtigkeit markiert.

3. Menschen werden während ihrer Lernprozesse in verschiedene Lerngruppen unterteilt, was auch dazu führt, dass sie für unterschiedlichen Abschlüsse und Berufe zugelassen werden, wobei diese so genannten Aufrückungsmechanismen durch verschiedene Schulsysteme, Ausbildungsformen oder Noten entstehen.

4. Für geleistete Lernarbeit erhält man eine Vielzahl an Zertifikaten und andere Auszeichnungen, welche zusammen den Lebenslauf schmücken, aber nicht so universell eingesetzt werden können wie Geld.


Mehrwert des Lernkapitals durch Angebot und Nachfrage

Um sich für einen Arbeitsplatz bewerben zu können, benötigt man zunächst einmal Zertifikate und gesellschaftlich anerkannte Abschlüsse. Hierbei stellt das Lernkapital zunächst die Kosten für den potentiellen Gewinn, der auf dem Markt erzielt werden soll, dar.

Der Lohn, den man als Bezahlung für getane Arbeit erhält, dient zur Deckung der Lebenserhaltungskosten. Bourdieu fasst dies in der Formel zusammen, dass diejenigen, die bereits Kapital haben, immer mehr Kapital erhalten. Dies ist die Reproduktionsthese, die aussagt, dass sich ein gewisser erreichter Lebens- und Bildungsstand in der Regel reproduzieren. Die tatsächlich erreichte Lohn- oder Einkommenshöhe hängt zudem von mehreren Faktoren wie Tarifabschlüssen, Inflationsrate, Reproduktionskosten, Eingriffe durch den Staat und Angebot und Nachfrage ab.

Besonders die Angebot und Nachfrage sind entscheidend auf dem Arbeitsmarkt und bestimmen auch die Lohn- und Einkommenshöhen. Diese orientieren sich daran, wie viele Arbeitskräfte mit spezifischen Qualifikationen an einem bestimmten Ort gebraucht werden. So steigen der Lohn oder ein erzielbares Einkommen, wenn wenige Arbeitskräfte eines bestimmten Sektors vorhanden sind und sie sinken, wenn es genügend Personen mit den gefragten Eigenschaften an einem Standort gibt, also eine Reserve an Arbeitskräften vorhanden ist. Entscheidend ist hierbei sowohl lokal als auch global, wie flüssig sich das Kapital bewegt.

Der Staat ist dabei stets in die Verteilungskämpfe von Angebot und Nachfrage involviert, da er die Reproduktionskosten stark mitbestimmt, die Sozialleistungen einer Kultur definiert, ggf. auch zu starke Spannungen auffängt und durch Steuereinnahmen ausgleicht.

Auch selbständig arbeitende Menschen oder auch Unternehmer, betroffen sind vor allem Freiberufler, sind den Investitionen in ihr Lernkapital ausgesetzt, da sie häufig lange und spezielle Ausbildungswege beschreiten müssen und dennoch keine Garantie für eine durchweg positive Ertragssituation erhalten. In der Regel sind jedoch diejenigen im Vorteil, die hierbei bereits aus Besitzständen heraus operieren können.

Die Menschheit im Kapitalismus ist in jene gespalten, die sich relativ dauerhaft in einem Beschäftigungsverhältnis befinden bzw. deren Arbeitskraft stark nachgefragt wird, und andere, die sich stets in der Reserve der nicht so stark nachgefragten Arbeitskräfte befinden.

Wenn man das Lernkapital auf den Märkten betrachtet fallen die folgenden vier weiteren Aspekte nach Reich im Blick auf die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage auf:

1. Auf einem Markt besteht oder wird ein Bedarf nach Arbeitskräften in verschiedenem Ausmaß erzeugt, wobei es gleichzeitig ein Angebot von verschiedenen Arbeitskräften mit unterschiedlichen Voraussetzungen, mit spezifischen Gebrauchswerten, gibt und eine Nachfrage auf einem Arbeits- oder Dienstleistungsmarkt besteht.

2. Von Seiten der Nachfrage besteht die Auswahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Angeboten von Arbeitskräften, welche durch verschiedenen Bewerbungsverfahren oder Zuweisung (z. B. das Arbeitsamt) ausgewählt werden. Freie Berufe sind durch Zulassungen zur Berufsausübung teilweise stark beschränkt.

3. Für die investierten Gebrauchswerte der Arbeitskraft gibt es den Lohn, für Menschen, welche freie Berufe ausüben, das Einkommen, wobei generell bei besonders hohen Investitionskosten oder Lernanstrengungen auch höhere Löhne bzw. Einkommen gerechtfertigt, aber nicht immer erreichbar sind.

4. Marktmechanismen, wie die in Abhängigkeit stehende Faktoren unterschiedlich qualifizierte Arbeitskraft und Lohnhöhe, welche sich gegenseitig bedingen, bestehen, können aber durch Außenregulation (Mindestlöhne, Höchstbegrenzungen, etc.) reguliert werden.

Ein grundlegendes Phänomen in Bezug auf Angebot- und Nachfrage-Mechanismen ist, dass diese prozesshaft und zirkulär wirken und die Mehrwertproduktion relativieren, wobei Gewinne von kapitalistischen Unternehmen gemacht werden müssen, um neue Investitionen zu gewährleisten.

Da der Staat an massenhafter Lohnarbeit interessiert ist, um genügend Steuern einnehmen zu können, übernimmt er in einigen Fällen Kosten, welche die Unternehmen nicht vollständig tragen wollen und hilft so, ihnen kostengünstige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Zudem wird ein Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherungssystem durch den Staat getragen, um die Unternehmen zu entlasten.


Mehrwert des Lernkapitals durch Illusionierungen, Täuschungen und Betrug

Die '‘'Illusionierung'‘' erfolgt beim Lernkapital durch Betonung oder Übertreibung der besonderen Qualität und Einmaligkeit der eigenen Person in Bewerbungen oder anderen Arten der Konkurrenz. Dabei wird in Projektionen des eigenen Lernerfolgs in Form von Darstellungen über die eigenen Lernerfolge und auch über die einzelnen Lernschritte, die gelungen sind und die noch verbessert werden können, gesprochen. Hier sollen verschiedene Formen der Selbstdarstellungsplattformen (Bewerbungsmappe, Homepage, Facebookprofil etc.) dazu dienen, dass der Marktwert der eigenen Person steigt, wobei hier der Übergang von Übertreibung zur Täuschung graduell ist.

Unter dem Begriff der '‘'Täuschung'‘' versteht man in Bezug zum Mehrwert des Lernkapitals, dass man das Wissen anderer als sein eigenes Ausgibt (copy & paste) und somit nicht angibt, woher man dieses Wissen erlangt hat. So macht man sich durch Täuschung fremdes Eigentum zu eigen und gibt es als sein eigenes aus.

In den vergangenen Jahrzehnten sind auch Arten von '‘'Betrug'‘' stark angestiegen. In Bereichen, in denen vermehrt auf Plagiate geachtet wird, werden die Betrüger immer erfinderischer und versuchen z. B. mit Übersetzungen aus anderen Sprachen die Überprüfung ihrer Texte zu erschweren. Jedoch ist es wahrscheinlicher mit dem Ansteigen des Bekanntheitsgrads der Person, welche die Täuschung vorgenommen hat, dass der Betrug wie bei abgeschriebenen Doktorarbeiten von Politikern auch entlarvt wird.

Die folgenden vier Aspekte, welche Reich anführt, sind in diesem Feld wesentlich:

1. Jeder Mensch hat eine eigene Lernbiografie, welche durch Kosten errichtet wird und mit anderen Lernbiografien durch Noten, Abschlüsse, Profile bestimmter Bildungs- und Arbeitslaufbahnen etc. vergleichbar sind. Hierbei können Statussymbole, symbolische Honorierungen oder fiktionale Zuschreibungen die Lernbiografie auf dem Markt gegenüber der Konkurrenz aufwerten.

2. Um eine Wirkung im Absatz auf dem Markt zu erzielen, werden Fiktionalisierungen der Lernbiografie nachvollziehbar und plausibel für andere möglichst real dargestellt.

3. Die Lernbiografie gilt als Tauschmittel auf dem Markt z. B. durch Verkauf, Austausch, Vertrag, Verpflichtung und Boni.

4. Durch einen Tausch kann es somit zu einer Vermehrung von einer bereits bestehenden Wert- und Mehrwertrealisierung kommen, wodurch auch die Nachfrage gestärkt wird, es können Nachteile dieser beiden Bereiche ausgeglichen werden oder es kommt zu einem Gewinn für den Betrüger, der jedoch nicht die versprochene Gegenleistung erbringt bzw. erbringen kann.

Parasitäre Gewinne im Mehrwert des Lernkapitals

Einen parasitären Gewinn im Bereich des Lernkapitals kann man aus einem gebildeten Elternhaus ziehen, woraus auch die Möglichkeiten einer guten Erbschaft resultieren, welche die Partnersuche erleichtert und die Möglichkeit des beruflichen und sozialen Aufstiegs vereinfachen kann. Sonderfördermaßnahmen, wie Nachhilfe, und ähnliches können ebenfalls erfolgen. So stehen Karriereerfolge vor allem in Verbindung zur sozialen Herkunft und diese sind nicht einfach durch Geld auszugleichen.

In der Eliteforschung spricht ebenso von der Logik der Eliten, welche nach Reich folgende Punkte umfassen:

• die soziale Herkunft ist eine grundsätzliche Voraussetzung für den Karriereerfolg eines Menschen,

• von der Elite wird Karriere oft gleichgesetzt mit Wirtschaftskarriere, bei der Geld und Macht locken,

• der Habitus des Erfolgreichen befindet sich im Vorteil gegenüber anderen Erfolgreichen, z. B. promovierten Menschen aus der Mittelschicht oder Arbeiterklasse, weil sich dieser Habitus bei der Bekleidung einer führenden Position eines Unternehmens durchsetzt,

• Investitionen in das Lernkapital durch Auslandsaufenthalte, kurze Studiendauer oder Berufstätigkeit vor dem Studium oder Promotion, können sich positiv auf die Wirtschaftskarriere auswirken, aber die soziale Herkunft bleibt dennoch entscheidend beim Aufstieg,

• im öffentliche-rechtlichen Bereich fallen die Vorteile der Nachkommen des Großbürgertums graduell schwächer aus,

• wichtig bei der Auswahl der Eliten sind vor allem: Vertrautheit mit gültigen Dress- und Verhaltenscodes der Vorstandsetage, eine gute bildungsbürgerliche Allgemeinbildung, eine geschulte unternehmerische Einstellung und vor allem die persönliche Souveränität und Selbstsicherheit,

• aufgrund des gegebenen Familienrückhalts, auch im Form von Vermögen, können Nachkommen des Großbürgertums auch größere Risiken und Spekulationen eingehen,

• Angehörige des Großbürgertums passen sich ständig dem Zeitgeist der angesagten Luxuskonsumgewohnheiten der Elite an und sorgen für ein gut vernetztes System untereinander.


Lernkapital in der Wissenschaft

Wissenschaft und Lernkapital

Wissenschaft galt lange Zeit als zuverlässige Quelle der Wahrheit, in welcher eine Gemeinschaft der Wissenschaftler unterstellt und idealisiert wurde, die sich abseits von persönlichen und wirtschaftlichen Interessen für die Wissensproduktion verantwortlich sieht. Hinter dieser Vorstellung stehen alte Werte einer Universität, die sich über Jahrhunderte von Einflüssen der Religion und Herrschaft lösen musste. Vier wesentliche Charakteristika einer solchen Wissenschaft griff [1] Robert K. Merton (1973) in seiner Studie zur Wirksamkeit von Wissenschaft auf:

  1. Universalismus: Wissenschaftliche Forschung und ihre Ergebnisse sollten unabhängig von persönlichen Merkmalen des Forschers wie beispielsweise Geschlecht, Herkunft, Ethnie etc. sowie von sozialen Zuschreibungen bewertet werden.
  2. Kommunismus: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind das Produkt kollektiver Anstrengungen und stellen kein Privateigentum dar, weswegen sie der Allgemeinheit zugänglich sein müssen. Das Recht des Forschers beschränkt sich auf Anerkennung und Ruhm, Patentierung hingegen soll weitgehend durch eine einsichtige Ethik der Wissenschaft minimiert werden.
  3. Mangel an Selbstinteresse: Nach Merton zeichnet sich Wissenschaft durch Wissensdurst (Neugier) aus und sieht sich dem Wohl der Menschheit verpflichtet. Eigene Interessen und Prestige sind nebensächlich. Weiterhin sollte die Freiheit der wissenschaftlichen Objektivität und Integrität vor Missbrauch geschützt werden.
  4. Organisierter Skeptizismus: Oberstes Prinzip von Wissenschaft ist der Zweifel. Wissenschaft muss alle Behauptungen unvoreingenommen und kritisch auf ihre Gültigkeit prüfen und sich als feste Organisation gegen äußere Beeinflussungen, welche ihren Interessen und Prinzipien der Geltungsprüfung widersprechen, verteidigen.

Die von Merton beschriebenen Werte zeichnen ein bis heute noch herrschendes Idealbild einer unabhängigen und wertfreien Wissenschaft nach, welches oftmals als Gegenbild zur gegenwärtig – durchaus zurecht - kritisierten Kapitalisierung von Wissenschaft erhoben wird. Außer Acht gelassen wird hierbei allerdings immer wieder die keineswegs friedliche Idylle in der Vergangenheit. Denn so haben sich beispielsweise in der Geschichte der Wissenschaft Universalisierungen als durchaus problematisch erwiesen. So beschränkte die Kapitalisierung der Wissenschaft bereits früher Frauen und sozio-ökonomisch schwächeren Schichten den Zugang in die Forschung oder überging Theorien, welche nicht dem Mainstream entsprachen. Auch das Ideal des Kommunismus, das Wissen als frei verfügbares Gut begreift, wird in der Realität längst durch wirtschaftliche und militärische Interessen eingeschränkt, wo mittels Forschung wirtschaftliche Gewinne oder Rüstungsvorteile zu erzielen sind. Ähnlich sieht dies beim Standard Mangel an Selbstinteresse aus, da sich ForscherInnen in der Kapitalisierung ihrer eigenen Karriere seit jeher im Konkurrenzkampf untereinander befinden, bei dem ihnen Motivation und Neugier allein nicht helfen, sondern vor allem Eigennützigkeit im Vordergrund steht. Dieser Umstand wird durch die gegenwärtige Übernahme von Managementsystemen, Kosten-Nutzen-Rechnungen sowie leistungsorientierten Evaluationen in die Strukturen der Wissenschaften verstärkt. Während die Wissenschaft ihren Organisierten Skeptizismus früher gegen Religionen und Herrschaftssysteme behaupten musste, befinden sich die Gegner heutzutage in den eigenen Reihen. Innerhalb der Wissenschaften vertreten Gruppen und „Schulen“ vor allem ihre eigenen Interessen und die Bedeutsamkeit unterschiedlicher Disziplinen und Personen wird an der Ausstattung ihrer Fakultäten und den Gehaltsunterschieden gemessen. Auch der Verstoß gegen den Ehrenkodex ist kein Einzelfall mehr, wie die vermehrt bekannter werdenden Betrugsfälle zeigen.

Wie die Kritik verdeutlicht, eignet sich die Heranziehung von Mertons Meta-Erzählung nicht mehr für die Diskussion um die Kapitalisierung von Wissenschaft, da die Kriterien illusorische Bilder schaffen und demnach wenig zu einer realistischen Analyse beitragen. Reich (2013) ist der Auffassung, dass eine weitgehendere Betrachtung der Wirkungsweisen der verschiedenen Kapitalformen auf die Wissenschaften an dieser Stelle deutlich ertragreichere Ergebnisse liefert. Für eine umfassendere Betrachtung schlägt er folgende Eckpunkte vor:

Wissenschaftliche Arbeit als Lohnarbeit und ihr Mehrwert

Um den Warencharakter (commodity) des Wissens zu benennen, spricht man von Kommodifizierung der Wissenschaft als neuen Fachbegriff. Dieser drückt aus, dass Wissen sich gegen Geld eintauschen lässt, d.h. selbst zur Ware geworden ist (z.B. durch hohe Ausbildungskosten als Tausch gegen einen später womöglich lukrativeren Job) und die Wissenschaft zugleich selbst als Verkäufer und Käufer auf dem Markt agiert, was z.B. eine zunehmende Etablierung von Universitäten auf den Märkten nach sich zieht. Für Mertons idealtypisches Bild stellt die zunehmende Einflussnahme des Marktes und seiner interessengeleiteten Gewinnabsichten auf die Wissenschaft eine Gefahr für ihre Werte dar. Statt der Erkenntnisgewinnung und dem Wohl der Allgemeinheit werden Wissenschaften an Managementmodellen, welche Kosten, Produktion und Effizienz sowie Messbarkeit fokussieren, gemessen. Universitäten treten so in Kampf um den Markt in Konkurrenz zueinander, um sich beispielsweise Wettbewerbsvorteile in Form von hohen Drittmitteln oder einer möglichst erstklassigen Monopolstellung zu sichern. Beispielhaft ist hierfür das Hochschulranking. So zahlen Studenten der Harvard University ihre im Vergleich zu deutschen Universitäten sehr hohen Studiengebühren (z.B. 50.000 Dollar pro Jahr) nicht ausschließlich für den besseren Wissenserwerb, sondern in erster Linie für den Status, welcher ihnen als Lernkapital transferierbar erscheint. In den heutigen Gesellschaften hat die Kapitalisierung mittlerweile alle Lebensbereiche erfasst. Resnik (2007) spricht in diesem Zusammenhang von einer Ekstase der Warenreform Wissen mit Gewinnvorhaben, wobei er darauf hinweist, dass sich zunehmend private Gewinninteressen mit der Wissenschaft vereinen. Dies geschieht

  • seitens der Universitäten durch die Vermarktung des Wissens als Ware mithilfe von Lizenzen und Weiterbildungsangeboten oder der Unterstützung von Wissenschaftlern bei ihren Firmengründungen mittels vertraglicher Bindungen,
  • durch die Zuweisung staatlicher und privater Gelder an Forschungsvorhaben, welche dem wissenschaftlichen Mainstream folgen oder mittels Auftragsforschung private Gewinninteressen vertreten,
  • durch das Verheimlichen negativer Forschungsergebnisse oder fehlgeschlagener Experimente.

Diese Entwicklung in den Wissenschaften prägt nachhaltig das Bild von Lernen mit. So verwundert es nach Reich (2013) nicht, wenn sich die Auswirkungen der genannten Aspekte auch auf die Bereiche von Erziehung und Bildung ausweiten und somit Menschen Kapitalisierung als Wahrnehmungs- und Denkhaltung annehmen. Wissenschaftliche Lohnarbeit ist grundsätzlich in ihren unteren Stellen unterbezahlt. So werden Nachwuchskräfte oftmals mit prekären Teilzeitstellen vertröstet, in denen sie dennoch bei vollem Einsatz Ergebnisse zu präsentieren haben, welche ihnen nur einen schleppenden Aufstieg im System ermöglichen. Einen Kampf um Mehrwert in der wissenschaftlichen Lohnarbeit verkörpert der Drang nach einer unablässigen Wissensvermehrung, da im Konkurrenzkampf der Leitsatz "publish or perish", veröffentliche oder gehe zu Grunde, herrscht. Dies hat zur Folge, dass Altes ausgegraben, Vergessenes als neu verkauft wird usw. Wirklich Neues und Kreatives ist unter dem enormen Druck seltener geworden und findet aufgrund des Rückgriffs auf vertraute und bereits anerkannte Methoden zudem wenig Beachtung. Die rasante Vermehrung des Wissens ist demzufolge in großen Teilen eine Illusion, die zudem von gewinnorientierten Unternehmen mittels Vermarktungsstrategien aufrecht erhalten und verteidigt wird. Die tatsächlichen Fortschritte sind hingegen wesentlich kleiner. Trotz der Kapitalisierung der Wissenschaft sind die Gehälter der Wissenschaftler und Professoren im Vergleich zu den Einkommen in der Wirtschaft herabgesetzt und unattraktiv. Ökonomische Vorteile motivieren daher weniger eine Karriere in der Wissenschaft anzustreben. Stattdessen spielen Zuwächse an einem spezifischen sozialen Kapital der akademischen Elite, an kulturellem Kapital mit großer symbolischer Anerkennung sowie an einem Lernkapital, welches ein Durchsetzungsvermögen in der auf Konkurrenz ausgelegten Wissensgesellschaft bekundet, eine tragende Rolle. Weiterhin zeigt sich in der Lohnarbeit zunehmend ein Zwei-Klassen-System: die Gewinn abwerfenden Fächer wie z.B. Medizin, die Naturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften nehmen gegenüber den Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften besser dotierte Stellen und Ausstattungen ein, was auch zu einem internen Verteilungskampf an den Universitäten führt. Verstärkt wird dieser Effekt durch Exzellenzinitiativen und Hochschulrankings, die am Output orientierte Messungen vornehmen.

Mehrwert in der Wissenschaft durch Angebot und Nachfrage

Angebot und Nachfrage halten die Universitäten gleich zweifach in ihrem Griff. Einerseits bieten sie Studienplätze an, die zum Erreichen einer Preissteigerung auf dem Markt verknappt werden können, sodass sich das Lernkapital der Absolventen signifikant erhöht. Auf der anderen Seite werden durch den kapitalistischen Markt Forschungsgelder bereitgestellt, die scheinbar nur die Wissenschaft fördern sollen, aber tatsächlich vielfach private Gewinne maximieren helfen. Universitäten werden in Rankings gelistet. Der Rang der Universität kann nach unten abrutschen, wenn beide Nachfragen außer Acht gelassen werden. Werden keine hinreichenden Angebote auf den Markt gebracht, kann das Überleben der Hochschulen nur durch eine Bildungsexpansion oder eine lokale Verknappung der Studienplätze gesichert werden. Auch wenn es scheint, als ob Universitäten erst seit kurzer Zeit auf dem Markt vertreten seien, so ist dies ein Irrtum, denn eigentlich begleitet er die Hochschulen seit Anbeginn an. Sie sind ein Arbeitsmarkt und ein Markt der Ideen, die verkauft und in die Praxis umgesetzt werden. Theoretische Erkenntnisse lassen sich zwar nicht unbedingt patentieren und kapitalisieren, auch mögen die Kriterien ihrer Bewertung vom jeweils aktuellen Zeitgeist abhängig sein. Aber Anerkennung stellt sich beispielsweise dann ein, wenn sie sich in symbolische Gebrauchswerte umwandeln lassen. Auf diese Weise kann auch die Position der Universität im Ranking gesteigert werden. Für die Nutzer solcher Rankings kann jedoch kaum eindeutig beantwortet werden, was ihnen dieser Gebrauchswert, den sie später in einen Tauschwert auf dem Arbeitsmarkt verwandeln müssen, bringt. Je mehr Geld sie investieren, desto höher sind jedoch ihre Erwartungen, einen hohen Geldwert zurückzubekommen. Würde der Staat die Universitäten vor dem Markt als ein Refugium unabhängiger Forschung schützen, könnte sie sich auf die Position einer gleichrangigen Wertung aller Forschungen zurückziehen. Diese Position wird aber im Zeitalter der Globalisierung der Märkte immer mehr von allen Ländern und Universitäten verlassen.


Mehrwert in der Wissenschaft aus Illusionierungen, Täuschungen und Betrug

Vor allem der Wunsch nach Geld, Anerkennung und Ruhm lässt Menschen auf Täuschungen, Illusionierungen und Betrug zurückgreifen. Diese Motivation ist ein konstanter Faktor, der neben dem Lernkapital vielschichtig auch mit anderen Kapitalformen verbunden ist: Dem sozialen, dem kulturellen und dem Körperkapital. Da in der akademischen Welt der Wettbewerb deutlich zunimmt, sind die Mittel der im Verhältnis wenigen gut ausgestatteten Förderungen hart umkämpft. Um bei den Fördereinrichtungen gut dazustehen, greifen Forscher, nicht nur jene, deren Job- und Karriereaussichten relativ unsicher sind, zu unlauteren Mitteln. In diesem Bereich ist in der nächsten Zeit mit einer weiteren Zunahme zu rechnen, denn wie es die Ökonomie in den letzten Jahrzehnten im großen Stil gezeigt hat, ist dieser Mehrwert besonders leicht zu erreichen. Allerdings kommt es dadurch zu einem Wertverlust, der den Mehrwert aus wissenschaftlicher Arbeit verringern kann. Das liegt besonders daran, dass durch dieses Vorgehen bzw. Verhalten die Objektivität der Wissenschaft(ler) nicht mehr hinreichend als gegeben gesehen werden kann. Die Illusionierung von Statushierarchien wird vor allem durch vier Formen erreicht:

  1. Sichtbarkeits-Effekt: Die Größe der Einrichtung und ihrer Stars wird möglichst präsent gemacht.
  2. Komplexitätsreduktions-Effekt: Der Fokus wird auf einige wenige Top-Daten gelegt (z. B. Drittmittel oder einflussreiche Publikationen).
  3. Konsekrations-Effekt: Die durch Evaluation erreichte Position in einer Abteilung gilt als 'geheiligt' und dient damit als Maßstab für alle anderen Abteilungen.
  4. Matthäus-Effekt: Wer bereits Fördermittel bekommen hat, hat sich diese anscheinend verdient, sodass eine erneute Gabe nicht falsch sein kann → 'Wer hat, dem wird gegeben'.


Der parasitäre Mehrwert in der Wissenschaft

Waren in früheren Zeiten Forscher/innen relativ autonom und frei in der Lehre, beginnt sich dieses Verhältnis in der Gegenwart zu wandeln. Vormals wurde noch die Universität mit ihren Ressourcen genutzt, doch in der heutigen Zeit werden Lehrstühle immer häufiger durch große Konzerne oder Firmen gesponsert. Dieses geborgte Kapital holt die Forschenden dann in gewisse Pflichten dem Sponsor gegenüber ein. Der parasitäre Status wird zudem besonders deutlich in den gegenwärtig stattfindenden universitären Umverteilungskämpfen, z.B. ausgelöst durch Exzellenzinitiativen. Anstatt eines Hochschulsystems mit relativer Gleichheit und gleich guter Ausstattung sowie Status und hoher Autonomie sollen die Universitäten marktorientierter werden. Schlagworte dazu sind etwa Wettbewerb einführen, von Gleichheit zur Elite oder sogar die Errichtung von Eliteuniversitäten. Hintergründig passiert aber vor allem etwas ganz anderes: Eine zentral regulierte Umverteilung und Neubewertung der Wissenschaften. Die Wirksamkeit dieser Initiative soll sich vor allem durch eine Kapitalisierung ergeben.

  • Durch das Konzept 'wer viel hat, der bekommt mehr' stehen Gewinner und Verlierer eigentlich schon von vornherein fest und es lassen sich drei Klassen der Wissenschaften und Fächer bilden.
    • Die erste Klasse bilden diejenigen, die insbesondere Drittmittel aus der Wirtschaft erhalten. Sie ist forschungsstark und optimal ausgestattet. Zusätzlich erhält sie Mittel aus der Exzellenzinitiative und wird von Lehraufgaben entlastet, um möglichst produktiv zu sein.
    • Die Fächer in der zweiten Klasse bekommen Förderungen aus staatlichen Töpfen. Hier wird sowohl Forschung wie auch Lehre betrieben. Sie stehen unter dem Druck, die wenigen vorhandenen Mittel optimal auszuschöpfen, obwohl sie nie in die Top-Forschung aufsteigen können.
    • Zur dritten Klasse zählen die Fächer, die weder wirtschaftliche noch staatliche Förderungen erhalten. Diese Fächer müssen eine große Masse an Studierenden versorgen.
In England, den USA und anderen Ländern gibt es bereits viele Eliteuniversitäten. Ein guter Platz in den Elite-Rankings bedeutet dann :exorbitante Studiengebühren, eine hohe Selektivität und die Anwerbung ausgezeichneter Forscher/innen. Auch in Deutschland möchte man :eine solche Exzellenz erreichen, doch hier fehlen die Studiengebühren, um ein solches Vorhaben finanzieren zu können. Als Lösung bliebe :eine Neuverteilung der Mittel der Hochschulen, einige bekommen also viel, der Rest weniger.
  • Da die umverteilten Mittel im Konkurrenzkampf der Universitäten nicht ausreichen werden, wird es auch in Deutschland über kurz oder lang auf hohe Studiengebühren hinauslaufen, um auch in der globalen Konkurrenz mithalten zu können. Dann stellt sich jedoch – im Gegensatz zu den Privatuniversitäten – die Frage, warum aus Steuermitteln finanziert werden soll, was nur Wenigen zugute kommt. Durch solche Konzentrationen, wie es durch die Exzellenzinitiative erreicht wird, kommt nämlich insgesamt für die Forschung nicht wesentlich mehr in der Breite heraus. Die geförderten Einrichtungen mögen zwar mehr erreichen, doch anderen wird dadurch etwas entzogen, sodass die Forschungsresultate in der Breite beschränkt werden. Sicher ist jedoch bereits, dass sich die Umverteilung besonders in Richtung der anwendungsbezogenen Fächer, wie etwa Medizin oder Naturwissenschaften, verlagert.
  • Die staatliche Universität war auch nicht immer besonders effektiv, besonders seitdem sie zur Massenuniversität transformierte. Eine Reform des Systems wäre also durchaus gerechtfertigt, doch die Art und Weise der aktuellen Reform führt nur zu Umverteilungen, nicht zu Besserausstattungen. Besonders die Relation von Dozenten und Studierenden ist weit von den Elitestandards entfernt. Es wird nun durch die Reform eine Minderheit entlastet, die Mehrheit aber unzureichend ausgestattet zurückgelassen.
  • Die Konsequenz wird sein, dass der Weg zu einer guten Karriere und und Top-Positionen in Zukunft nur noch über Eliteuniversitäten führen wird.
  • Lehrende weltweit werden immer weniger verbeamtet. Die Zertifizierung als Kosten-Nutzen-Rechnung setzt sich immer weiter gegen Bildung und Wissen als Selbstzweck, wie es die Aufklärung postulierte, durch. Die Lehre erscheint sogar in der Professur nur noch als ein Job neben anderen, es gibt immer weniger den Freiraum zur Entfaltung eines umfassend gebildeten Habitus oder eine Entlastung durch die Jobsicherheit.

Zusammengenommen zeigen diese Punkte, dass Wissenschaft immer mehr eine politische Regulation geworden ist. Ohne den Staat wird es den Universitäten nicht möglich sein, sich dem Griff der Wirtschaft wieder zu entziehen. Davon betroffen ist neben den Randfächern, die seit jeher ums Überleben kämpfen, auch die generelle Grundlagenforschung, besonders in den Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Das Verhältnis von öffentlichen Leistungen, der Wissenschaft und der Kommerzialisierung ist schwierig. Die Spannung zwischen beiden kann nie komplett ausgeräumt werden, dennoch können mehr oder weniger konstruktive Kompromisse geschlossen werden.

Lernkapital und Chancengerechtigkeit

Internationale Schulleistungsvergleiche haben ergeben, dass in den OECD-Ländern deutliche Unterschiede bestehen, was Bildungsgerechtigkeit angeht. Diese Unterschiede sind auf den Aufwand zurückzuführen, den die jeweiligen Länder für Bildung betreiben. So sind Mängel, die das deutsche Schulsystem aufgrund mangelnder staatlicher Förderungen aufweist zum einen zentrale Schwächen in grundlegenden Richtungen wie Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaft und zum anderen eine bedeutende Korrelation zwischen der sozial-ökonomischen Herkunft und dem Bildungserfolg. Die mangelnde staatliche Förderung geht vor allem darauf zurück, dass sich positive Wirkungen solcher Investitionen nicht kurz-, sondern nur langfristig zeigen. In der wissenschaftlichen Forschung hingegen ist unstrittig, dass ein qualitativ hochwertiges Schulsystem wesentlich für Wirtschaftswachstum ist. Zu betonen ist, dass sich Reformen nicht nur auf den wirtschaftlichen Aspekt reduzieren lassen. Folgende positive ökonomische Folgen ließen sich prognostizieren, wenn die angeführten Voraussetzungen vom Staat berücksichtigt und erfüllt würden:

  1. Gut qualifizierte Lehrer/innen könnten durch ihre Fertigkeiten zu einem gezielten wissenschaftlich-technischem Fortschritt beitragen, wodurch die Arbeitsproduktivität steigen würde. Auch wenn das Erziehungssystem an den Kapitalismus gebunden ist, so müsste die Qualifikation der Lehrer/innen das kapitalistische Profitinteresse in seinen einseitigen Erwartungen übersteigen, da Schulsysteme sich nicht auf den Arbeitsmarkt und die Verwertbarkeit von Arbeitskräften reduzieren lassen.
  2. Durch den Erwerb arbeitsmarktrelevanter Kompetenzen könnte die Flexibilität, Disponibilität und Mobilität der Arbeitskräfte gesteigert werden, wodurch verbessert auf Marktschwankungen und Innovation reagiert werden könnte. Hier wäre das Erziehungssystem herausgefordert, nicht nur ökonomische Interessen zu berücksichtigen, sondern zu einer breiten Kompetenzentwicklung beizutragen. Dazu gehören Kompetenzen in Auseinandersetzung und Umgang mit den Herausforderungen des Wandels und der gewachsenen Unsicherheit in allen Berufen, die Fähigkeit, eine kritische Perspektive einzunehmen, auf Arbeits- und Lebenswelten zugreifen zu können und Wahlmöglichkeiten erfolgreich zu nutzen.
  3. Durch qualifizierte Arbeitskräfte würden die Kosten durch Arbeitslosigkeit, abweichendes Verhalten und Gesundheitskosten reduziert. Zwar lassen sich solche Phänomene nicht verhindern, doch qualifizierte Arbeitskräfte könnten durch erworbene Kompetenzen und Einstellungen besser mit ihnen umgehen.
  4. Qualifizierte Lerner und Lernerinnen nutzen und verteidigen vermehrt ihre Partizipationschancen. Dies käme dem sozialen Gemeinwesen, der Demokratie und Kultur zugute. Außerdem wären zunehmender Respekt, verbesserte kommunikative Kompetenzen und ein angemessener Umgang mit Diversität zu erwarten.

Obwohl diese Ausführungen verdeutlichen, wie vielversprechend die Investition in ein gerechteres Bildungswesen wäre, sind derzeit gegensätzliche Phänomene zu beobachten: Seitens der Politik ist eine Überbetonung der wirtschaftlichen Aspekte zu beobachten. Wirtschaftliche Interessen haben oft Priorität, während der staatlichen Aufgabe, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen, nur mangelhaft nachgekommen wird. Dabei wirft [2] Crouch (2008) die Frage auf, ob durch die derzeitige Überbetonung der Rolle wirtschaftlicher Unternehmen die Demokratie nicht generell gefährdet sei. Gleichzeitig zeigt er Maßnahmen auf, diesen politischen Entwicklungen entgegenzuwirken:

  1. Maßnahmen, die eine steigende Dominanz ökonomischer Eliten eindämmen.
  2. Reformen der politischen Praxis.
  3. Handlungsmöglichkeiten der Bürger, besagten Phänomenen entgegenzuwirken.

Diese drei Möglichkeiten müssen sowohl auf gesellschaftlicher als auch individueller Ebene wahrgenommen werden. Dem Lernkapital kommt dabei eine besonders bedeutende Rolle zu, denn durch eine effiziente staatliche Regulierung kann es anderen Kapitalformen entwicklungsfördernd vorausgehen und individuelle Chancen auch bei Benachteiligung eröffnen. Der Staat kann das Lernkapital nachhaltig so steuern und regulieren, dass ansonsten benachteiligte Menschen bessere Chancen erwerben. Dies ist jedoch nur mit einer Erhöhung der Bildungsausgaben zu realisieren. Soll Bildungsgerechtigkeit gesteigert werden, so müssen neben der Erhöhung der Bildungsausgaben weitere Bedingungen erfüllt werden:

  • Die Etablierung eines inklusiven Schulsystems, das Richtlinien gegen Diskriminierung impliziert.
  • Eine qualitativ hochwertige, früh einsetzende und kostenfreie Kinderbetreuung.
  • Eine spätere Schullaufbahnentscheidung, die frühstens ab der neunten Klasse stattfindet.
  • Heterogene, nicht zu große Lerngruppen.
  • Inklusion, die an eine sonderpädagogische Ausbildung für alle Lehrkräfte gebunden ist und unter Mitarbeit von Sozialarbeiter/innen, Psycholog/innen und medizinischen Diensten erfolgt.
  • Eine Reform des Lehrplans hin zu mehr Chancengerechtigkeit und einer pädagogisch und didaktisch sinnvollen Aufbereitung des Lernstoffes. Der Lernstoff sollte sprachlich für alle zugänglich und praxisbezogen bereitgestellt werden.
  • Eine Reform der Lehrer/innenausbildung.

Insgesamt kommt dem Staat die Aufgabe zu, günstigere Rahmenbedingungen für mehr Chancengerechtigkeit zu schaffen. Dabei ist relativ eindeutig, wo angesetzt werden muss, um dies zu realisieren: Besonders im Tertiär - und Sekundärbereich ist eine erhebliche Verbesserung des Bildungsstandes und der -beteiligung vonnöten. Auch die akademische Bildung hat Verbesserungsbedarf. Obwohl die Notwendigkeit einer Reform in der Politik teilweise erkannt wird, wird wenig umgesetzt. Hinsichtlich der Staatsverschuldung liegt die Priorität meist nicht bei der Bildungsreform. Wird dies fortgesetzt, so ist mit erheblich negativen Folgen für die Chancengerechtigkeit und Folgekosten für die Benachteiligten zu rechnen.

Lernkapital: gesellschaftliche Nutzung im Widerspruch

Ausschlaggebend für den gesellschaftlichen Nutzen des Lernkapitals ist der stete Wandel der Arbeitsmärkte durch höhere Ansprüche an die Qualifizierung der Arbeitskräfte, wie die erhöhte Nachfrage nach Kompetenzen. Die Auslagerung einfacher Arbeiten in Billiglohnländer, die teilweise Maschinisierung von Arbeitsplätzen, und die geforderte ganzheitliche Selbstoptimierung des Individuums bestimmen den Wandel grundlegend. Des Weiteren beeinflussen politischen Drucksituationen und der gesellschaftlicher Wandel den gesellschaftlichen Nutzen des Lernkapitals.

Der Staat ist unterschiedlichen Drucksituationen ausgesetzt (transnationale Profitinteressen, Massenmedien, lokale Macht- und Lobbygruppen, die Wählerschaft, internationale Institutionen), die sein Interesse an dem Lernkapital für die Gesellschaft beeinflussen. Der Staat und die Regierung folgen sowohl den Interessen des internationalen Marktes, als auch den Interessen internationaler Institutionen, wie der UN und der OECD. Gegenwärtig folgt die Politik vor allen Dingen der neoliberalen Doktrin, "dass der Markt schon richten werde, was zu richten sei." (S.334) Die Kapitalisierung des Lernens führte bereits seit den 1970er Jahren dazu, dass Bildungsverlierer, vor allem in sozioökonomisch schwächeren Familien, produziert werden. Dadurch, dass die Investitionen in das Bildungssystem nicht ausreichend sind, wird die Diskriminierung im Bildungssystem verstärkt. Dabei lässt sich das Bildungssystem als hybrider Raum bezeichnen, der durch politische und wirtschaftliche Machtinteressen gesteuert wird. Kennzeichnend für einen Bildungssystem, das sich als hybrider Raum bezeichnen lässt, sind die genannten unterschiedlichen bzw. gegensätzlichen Interessen der Beteiligten in einem System, die sich mischen. Selbst wissenschaftliche Forschungsprozesse über aktuelle Erziehungs- und Bildungsvorstellungen unterliegen den jeweiligen Vorstellungen des Zeitgeistes.


Die Bildungsexpansion und die Verbreitung des Lernkapitals

Der aktuelle Zeitgeist zeichnet sich durch eine höhere Kompetenznachfrage aus, auf die das Bildungssystem reagieren muss (Qualifizierung der Arbeitskräfte). So zeigt PISA Ungleichheiten für das Lernkapital zwischen den Ländern auf. Die neoliberalen Kräfte des Marktes verstärken die Spaltung der Gesellschaft in Besitzende und Besitzlose, dabei auch von Bildungsgewinnern und Bildungsverlierern. Um diesen Entwicklungen entgegen zu wirken und Bildungsgerechtigkeit durch den Staat zu erhöhen, schlagen etliche Bildungsforscher/innen höhere finanzielle Investitionen vor. Durch diese erhofft er sich stärkere Autonomie des Schulsystems, Dezentralisierung von Bildungsmaßnahmen, mehr transparente empirische Untersuchungen und klar zu erreichende Erziehungs- und Bildungsziele, bishin zu einer strukturellen Schulreform. Mit der Umsetzung dieser Maßnahmen könnten die Bildungsbeteiligten ihr eigenes Lernkapital unter gerechteren Bedingungen aufbauen.

Lernkapital: individuelle Nutzung im Widerspruch

Ähnlich wie bei den anderen Kapitalformen nach Reich (Ökonomisches Kapital, Soziales Kapital, Kulturelles Kapital, Körperkapital) erschließt sich der Mehrwert des Lernkapitals allgemein gesagt durch die Differenz von Kosten und Gewinnen. Der Versuch der Mehrwertsbildung des Lernkapitals ist jedoch besonders schwer, da der erfolgreiche Prozess des Lernens durch keinen konkreten Kostenfaktor ausschließlich bestimmt werden kann. Im Unterschied zu den anderen Kapitalformen bietet das Lernkapital höhere individuelle Handlungschancen zum gesellschaftlichen Aufstieg. Die Möglichkeit des Aufstiegs durch positive Gestaltung des Lernkapitals wird jedoch gleichzeitig durch die anderen Kapitalformen begrenzt.

Formen des Mehrwerts für das Lernkapital

1. Mehrwert aus Lernarbeitszeit: Die erste Form des Mehrwerts ergibt sich durch die Differenz von verausgabten Kosten, in Form von Aufwand, Zeit und Mittel und dem erzielten Gewinn, in Form von Zugängen und Aufrückungen oder Verbesserungen der Position. Dieser Gewinn kann sowohl dem Individuum selbst dienen als auch den Nachkommen oder Verwandten. Wenn die erlangten Zertifikate eine Kapitalisierung ermöglichen und somit den Habitus des Individuums ausbauen, sind diese die Währung des Aufwands, die auch in Geldwert eingetauscht werden kann.

Beispiel: Ein Student der Betriebswirtschaftslehre macht während seines Studiums einen 4-wöchigen Sprachkurs in England und erhält dafür ein Zertifikat. Den Gebrauchswert bildet die Differenz von verausgabten Kosten (Preis des Kurses, Hotelaufenthalt, Flug) und Gewinn (Zertifikat und damit einhergehender Aufstieg im Ranking mit anderen BWL-Studenten). Als Tauschwert kann dieser Gebrauchswert dann realisiert werden, wenn der Sprachkurs hilft, eine Stelle gegen Mitbewerber/innen zu erhalten.

2. Mehrwert aus Angebot und Nachfrage: Es besteht ein Angebot des Individuums und die Nachfrage des Arbeitsmarktes. Der Gebrauchswert eines Zertifikates ist besser als Tauschwert zu realisieren, wenn das Individuum ein Zertifikat anbieten kann, was von der Masse abweicht und gefragt ist. Durch Zusatzqualifikationen steigt die Nachfrage des individuellen Lernkapitals. Die Differenz aus dafür eingesetzten Kosten und Gewinnen durch die Einstellung zeigen den Mehrwert

3. Mehrwert aus Illusionierung, Täuschung, Betrug:

  • Illusionierung: Um höhere Erfolgschancen zu haben preist das Individuum sein vorhandenes Lernkapital übertrieben an. So erzeugt es den Anschein besonderer Qualität und Einmaligkeit auf einem konkurrierenden Arbeitsmark. Detailgetreue Portfolios, persönliche Showcases, wie Bewerbungsmappen, Homepages, Facebookprofile und Statussymbole erleichtern dem konkurrierenden Individuum die Illusionierung seiner Ware auf dem Arbeitsmarkt.
  • Täuschungen sind eine gesteigerte Form der Illusionierung und ergeben sich z.B. durch die Darstellung fremden Wissens als das Eigene (copy & paste).
  • Betrug: Vorsätzliche Illusionierungen und Täuschungen im Lernen werden immer weniger konsequent kontrolliert und geahndet und senken daher die Hemmschwelle für Betrüger.

Der Betrug durch Illusionerungen und Täuschungen ist nicht in jedem Tätigkeitsfeld mit nachhaltigem Erfolg verbunden. So müsste ein Hirnchirurg nach seiner Einstellung, mittels Illusonierung und Täuschung, anschließend auch der operativen Tätigkeit nachkommen können um nachhaltigen Erfolg zu verbuchen.

4. Parasitäre Gewinne: Die letzte Form des Mehrwertes macht den Einfluss andere Kapitalformen auf das individuelle Lernkapital deutlich. Das soziale, kulturelle und ökonomische Kapital, geprägt vom Elternhaus, beeinflusst die erworbenen Leistungen des Individuums. Der Bildungsstand der gutbürgerlichen bis bürgerlichen Familie beeinflusst den Anspruch des gebildeten Umfeldes an das Individuum und den eigen Anspruch des Lernenden hinsichtlich seines Lernkapitals. Die parasitären Gewinne beschränken sich nicht ausschließlich auf das ökonomische Kapital der Familie. Vielmehr nimmt das Individuum an sozialen Netzwerken und Kontakten parasitär teil. Durch finanzielle Sicherheit und Unterstützung der Familie können Lernende höhere Risiken zur Erreichung ihre Ansprüche eingehen. Das Ausmaß der parasitären Gewinne unterscheidet sich von Land zu Land bleibt aber im Ansatz länderübergreifend bestehen.

Relevanz des Lernkapitals

Der Mehrwert des Lernkapitals wird erst wirksam, wenn das Individuum das Gelernte als Gebrauchswert (in Form von Zertifikaten oder ähnlichem) auf dem Markt gegen Handlungen (z.B. eine Berufseinstellung) eintauscht. Ausbildungen, die auf dem Arbeitsmarkt keine Nachfrage finden und dadurch zu keiner Berufseinstellung führen, erreichen keine positive Differenz von Kosten und Gewinn und haben daher keinen Mehrwert. Bedeutend ist, dass das Lernkapital häufig nur für einen begrenzten Zeitraum relevant ist. Entscheidet sich ein Individuum z.B. nach dem Erlangen der Allgemeinen Hochschulreife zu einem Studium, ist der Schulabschluss nur für das Zeitfenster der Bewerbung relevant. Im Laufe des Studiums und nach Studienabschluss verliert der Schulabschluss an Bedeutung. Immer neue und weitere Zertifikate werden erworben, um neben ihrer Gebrauchswertseite den später notwendigen Tauschwert tatsächlich realisieren zu können. Die erfolgreich Beschäftigten sollten sich jedoch auch nach der Berufseinstellung wissen, dass neue Bewerber/innen mit Lernkapital folgen. Eine Verbesserung des individuellen Lernkapitals ist also auch noch nach Abschluss des Zeitfensters der Berufseinstellung empfehlenswert, um in der Konkurrenz zu bestehen.

Differenzbildung

Möchte man die Differenzen der Mehrwerte im Lernkapital messen, so stößt man auf Schwierigkeiten. Bei der Erstellung und dem Verkauf einer Ware lassen sich Kosten und Gewinn genau berechnen. Beim Lernen können die Kosten des Aufwands jedoch nicht genau festgelegt werden. Zwar erscheint das erzielte Einkommen als klare Größe, der Prozess des Lernens kann jedoch als Kostenfaktor nicht ganz genau bestimmt werden. Zur Kalkulation des Mehrwerts stellt Reich folgende Überlegungen an:

1. Tarifordnungen bilden, ausgehend von Bildungsabschlüssen, Kategorien nach Lohn- und Einkommenshöhen. Angebot und Nachfrage des Marktes können diese Kategorien jedoch deutlich beeinflussen. Grundsätzlich hat z.B. ein Studierender mit einem abgeschlossenen Studium an einer Universität größere Chancen auf eine gut bezahlte Einstellung als ein Studierender mit dem gleichen abgeschlossenen Studium an einer Fachhochschule. Dennoch kann das Interesse eines Unternehmens an z.B. günstigeren Arbeitskräften oder Bewerber/innen mit mehr praktischen Erfahrungen diese Chancen verändern.

2. Vergleichsszenarien bei Karrieren machen deutlich, dass Beschäftigte oder Selbstständige bestimmter Fach- und Kompetenzgebiete höhere Einkommen erzielen als diejenigen anderer Gebiete. Die Sicherheit eines Arbeitsplatzes oder die Belastung durch die Arbeit und Arbeitszeiten beeinflussen zusätzlich die Höhe der Einkommen.

Individuelle Chancen im Zusammenhang des Lernkapitals

Durch die aktuellen Befunde in Bezug auf das Lernkapital wurde im Zusammenhang auf die individuellen Chancen folgendes festgestellt:

1. Chancenungleichheit: Die Chancenungleichheit beginnt bereits im Kindergarten, weil hier die sprachlichen Voraussetzungen für den Bildungserfolg gelegt werden und erstreckt sich bis ins Berufsleben. Besondere Risikofaktoren stellen ein sozioökonomisch niedriges Profil und ein vorhandener Migrantenstatus dar. Die Selektion an weiterführenden Schulen ist Ausdruck von Chancenungleichheit, weil sie stark an die soziale Herkunft gebunden ist. Je höher die Abschlüsse sind, desto wahrscheinlicher ist ein langer und sicherer Erwerbstatus.

2. Bildungsexpansion: Durch die Bildungsexpansion werden die Bildungschancen einerseits erweitert, was andererseits aber auch zu einer Entwertung bisher als höher geltender Abschlüsse führt. Das Abitur wird im internationalen Vergleich in der Bildungsexpansion immer mehr als Grundvorrausetzung für alle betrachtet, aber in Deutschland besteht noch die Vorstellung eines elitären Abschlusses für wenige Menschen. Die Bildungsexpansion hat einen Verdrängungswettbewerb ausgelöst, der die höheren gegen die niedrigeren Qualifikationen stellt.

3. Kosten zur Investition ins eigne Lernkapital: Die Kosten, die ins eigene Lernkapital investiert werden müssen, sind in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Durch die Zunahme des Abiturs als Abschluss werden Unterscheidungsmerkmale wie Privatschulen, längere Auslandsaufenthalte, Eliteinternate, Hochschulen im internationalen Vergleich gesucht und immer bedeutsamer. Der Zugang zur Hochschule ist grundsätzlich eine soziale Hürde. Die grundsätzliche Tendenz besteht, dass höhere Abschlüsse durchweg die besseren Einkünfte erzielen.

4. Verdrängung der Schüler/innen von Haupt- und Sonderschulen: Die schlechter gestellten Schüler/innen werden in Haupt- und Sonderschulen exkludiert. Dort ist eine untere soziale Homogenität entstanden, die von schlechten Ressourcen und hoher Bildungsbenachteiligung gekennzeichnet und geprägt ist. Hierdurch werden die Chancen großer Gruppen von Schüler/innen abgesenkt.

Der Bildungserfolg und die Schwellen von Bildung, die in Deutschland gelten, werden empirisch meist mit der Ausbildung des Vaters in Korrelation gesetzt. Von der Bundesregierung im Jahr 2008 veröffentlichte Befunde ergaben, dass von 100 Kindern eines Vaters mit akademischem Hintergrund 88 Prozent in die Sekundarstufe II gelangen und von diesen erreichten 94 Prozent einen Hochschulzugang. Bei den Nicht-Akademikern ist die Übergangsquote in die Sekundarstufe 46 Prozent, von denen 50 Prozent nicht einmal in die Hochschule gelangen. Der Erwerb von Lernkapital ist nicht nur entscheidend für besser bezahlte Arbeitsplätze sondern hat auch Einfluss auf eine geringere Arbeitslosigkeit, höhere Gesundheit und ein längeres Leben, weniger soziale Kosten, die durch abweichendes Verhalten und soziale Probleme verursacht werden. Der Vehemenz und der Druck auf die Individuen, Lernkapital umfassender zu erwerben, wächst und steigt gegenwärtig. Hierbei werden die Kosten des Lernkapitals immer häufiger als Bringschuld der Individuen gesehen und die Ungleichheit in der Gesellschaft wird weiter befördert. Der demografische Wandel und die damit einhergehende Überalterung der Gesellschaft und Verkleinerung der Population kann zu Chanceneinbußen der jüngeren Generation führen. Aus diesem Grund ist eine sehr aktive Gesellschaft, in der die Arbeitenden hohe Werte mit qualifizierter Arbeit erwirtschaften, notwendig. Durch das Lernkapital könnte die Möglichkeit bestehen, wenn es gerechter verteilt wird, mehr Chancengerechtigkeit zu praktizieren und eine relativ breite Bildung einzusetzen, von der die ganze Gesellschaft profitieren kann. Wird diese Chance verpasst, dann müssten immer weniger qualifizierte und arbeitende Menschen sowohl die Alten als auch die dequalifizierten jüngeren Menschen unterhalten, was an deutliche Belastungsgrenzen stoßen wird.

Der Einfluss des Lernkapitals auf Lebensbereiche

1. Einkommen: In der freien Wirtschaft stellt das Lernkapital in vielen Bereichen einen großen Wert dar. Je größer das Lernkapital, desto besser sind die Chancen, eingestellt zu werden oder in der Karriereleiter aufzusteigen. Je breiter, tiefer und umfassender das jeweilige Lernkapital ausgebildet ist, desto sicherer ist demnach ein geregeltes und gutes Einkommen oder ein beruflicher Aufstieg. 2. Arbeitslosigkeit: Dieses Einkommen kann zudem noch weiter in Fort- und Weiterbildungen investiert werden und die Chancen auf dem Stellenmarkt ausbauen. Diese Angebote können allerdings in Bereichen ohne staatliche oder anderweitige Subventionierungen nicht von allen in Anspruch genommen werden, was eine Verstärkung von Chancenungleichheiten nach sich führt. Ein niedriges Lernkapital kann daher zu längerer Arbeitslosigkeit führen, sowie vermehrt zu Aushilfs-, Teilzeit- und Leiharbeitsjobs mit schlechter Vergütung.

3. Soziale Mobilitätschancen: Durch höheres Lernkapital entstehen soziale Mobilitätschancen, die berufliche Um- und Neuorientierungen ermöglichen und so den Wechsel zu zeitlich begrenzten Niedriglohnstellen eher vermeidbar machten.

4. Konsumchancen und Wohnen: Direkt mit dem Einkommen in Verbindung stehend sind die Konsumchancen und das Wohnen. Je sicherer und höher das Einkommen ausfällt, desto mehr Möglichkeiten gibt es die Wohn- und Lebensverhältnisse sowie den Konsum erfolgreich im Verhältnis zu anderen zu gestalten. Daher ist das Erlangen eines möglichst großen Lernkapitals gerade für jene eine Chance, deren Familien ökonomisch, sozial oder in ihrer kulturellen Lage einer niedrigeren Schicht angehören.

Die 3 Szenarien des individuellen Umgangs mit dem Lernkapital

1. Besitzszenarium: Das Umfeld des Individuums hat enormen Einfluss auf die Größe des Lernkapitals. Durch Teilhabe macht sich das Individuum den Besitzstand (Bildungsstand) seines Umfelds zu eigen. Die soziale Herkunft entscheidet über Bildungserfolge.

2. Aufstiegsszenarium: Durch eigenen Willen und hohe Anstrengungen bietet das Lernkapital dem Individuum auch unter ungünstigen Ausgangsbedingungen die Chance zu gesellschaftlichem Aufstieg. Dies ist allerdings dann nur unter der Voraussetzung des Besitzes anderer Kapitalformen oder durch staatliche Förderungen eines chancengerechten Schulsystems möglich.

3.Unsicherheitsszenarium: Generell garantieren höhere Bildungsabschlüsse eine höhere Sicherheit für berufliche Einstellungen und Aufstiegschancen. Bei Arbeitsmarktschwankungen können bei überfüllten Berufen und Tätigkeitsfeldern trotzdem Unsicherheiten auftreten, da durch ein großes Angebot an Arbeitskräften (steigende Konkurrenz) die Nachfrage sinkt. Der höhere Bildungsstand kann allerdings eine gewisse soziale Mobilität garantieren, die das Ausweichen auf andere Berufe oder Tätigkeitsschwerpunkte ermöglichen kann.