Mehrwertformen nach Reich

Aus Chancengerechtigkeit und Kapitalformen
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Der Mehrwert in seinen vier Formen kann nach Reich in allen Kapitalformen nachgewiesen werden, d.h. er erscheint im ökonomischen, sozialen, kulturellen Kapital als auch im Körper- und Lernkapital. Die Mehrwertbildung geschieht grundsätzlich als eine Differenz. Hierbei muss zwischen einem Ausgangswert, in dem Kosten für die Erzeugung des Wertes eingehen, und einem Endwert, der auf dem Markt tatsächlich erzielt werden kann, unterschieden werden. Das Ziel der Mehrwerterzeugung besteht darin, ein Mehr an Wert zu erzielen, d. h. die Differenz in der Aneignung eigener oder fremder Leistungen profitorientiert zu nutzen. Der Mehrwert kann in einer Kapitalform und im systemischen Zusammenspiel aller Kapitalformen von vier Mehrwertarten jeweils unterschiedlich geprägt sein.


Für Reich kann der Mehrwert in den Kapitalformen auf verschiedenen, in Zusammenhang stehenden, Wegen hergestellt werden. Durch die Annahme von vier Mehrwertformen grenzt er sich von Bourdieus Beschreibung der Kapitalformen und der Marxschen Auffassung von Mehrwert ab. Reich unterscheidet zwischen dem Mehrwert aus Lohnarbeit, dem Mehrwert durch Angebot und Nachfrage, dem Mehrwert durch IIllusionierung, Täuschung und Betrug, sowie dem Mehrwert durch parasitäre Gewinne.


Mehrwertproduktion durch Lohnarbeit

Grundsätzlich geht Reich, ähnlich wie Marx, davon aus, dass die Differenz zwischen dem Lohn eines Arbeiters und dem Wert der verrichteten Arbeit eines Beschäftigten zu einem höheren Mehrwert der Ware beiträgt. Es ist also im Interesse des Kapitalisten, durch möglichst geringe Lohnkosten, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Darüber hinaus sind für Reich vier Aspekte zur Kalkulation des Mehrwerts durch Lohnarbeit von Bedeutung.

1. Es besteht ein allgemeiner Qualifikations- und Arbeitsmarkt durch standardisierte Ausbildungen der Arbeitskräfte.

2. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist die Lohnarbeit eine grundlegende Handlungsbedingung.

3. Gesetzliche Bedingungen und Regeln kategorisieren den Tausch von Arbeitszeit gegen Lohn.

4. Der Lohn ist historisch-kulturell wandelbar, wird jedoch nach unten durch einen gesellschaftlichen Mindeststandard und nach oben durch eine Gewinnmaximierung für den Kapitalisten begrenzt.


Für Reich ergeben sich hieraus zwei Spannungsverhältnisse:

Zum einen entstehen durch die Globalisierung der Weltmärkte und die stark historisch und kulturell schwankenden Lohnkosten der Ware Arbeitskraft Konkurrenzbedingungen. Denn viele Unternehmen wanden in sogenannte „Billiglohnländer“ ab, um dort einen maximalen Gewinn bei möglichst niedrigen Lohnkosten zu realisieren. Dies verhindert eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der breiten Bevölkerung.

Zum anderen kann der Kapitalist zwar die Werterzeugung seines Produkts kontrollieren, den tatsächlich erzielten Wert seiner Ware auf dem globalen Markt kann er jedoch nicht dauerhaft vollständig steuern. Er unterliegt sowohl einem globalen Konkurrenzkampf als auch einem ständigen gesellschaftlichen Verteilungskampf, in den vor allem staatliche Regulationen eingreifen. Im Gegensatz zu Marx kann der Mehrwert aus Lohnarbeit für Reich nicht auf eine produktive Arbeit im Rahmen kapitalistischer Produktion reduziert werden. Denn durch ein eng vernetztes wirtschaftliches System, wie es in der heutigen Gesellschaft vorhanden ist, trägt auch zunächst unproduktiv erscheinende Arbeit einen indirekten Beitrag zum Gewinn des Gesamtsystems bei (z.B. der Lehrer, der durch die Ausbildung von Arbeitskräften indirekt zur Gewinnerzeugung beiträgt.) Für Reich ergibt sich daraus eine vereinfachte Kosten-Gewinn-Rechnung:

„In der Kapitalistischen Struktur gehen alle Menschen im ökonomischen Handeln Investitionen (Kosten) ein, die sie zunächst in ihre eigene Qualifizierung stecken, um sich als Ware Arbeitskraft einen Gebrauchswert zu bilden. Andere besitzen hinreichendes Kapital, um mittels Lohnarbeit Gewinne zu erzielen. Die Differenz aus Kosten und Gewinn ist der Mehrwert aus Lohnarbeit.“

Die aktuelle Verteilung des ökonomischen Kapitals zeigt, dass die Kapitalisten eindeutig mehr von dieser Differenz profitieren. So ergeben Schätzungen, dass etwa 10 Prozent der Reichen weltweit etwa 85 Prozent des Gesamtvermögens der Welt besitzen.

Reich macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messinstrument für das individuelle Wohlfahrtsniveau nicht genügt. Es verschleiert die ungleiche Verteilung des produzierten und angeeigneten Reichtums einer Bevölkerung, da es nur das Gesamtvermögen eines Landes durch die Anzahl der Bewohner erfasst und somit einen Durchschnitt berechnet. Die Verteilung des Reichtums legt dieses Messinstrument nicht dar. Kritische Ökonomen postulieren daher die Notwendigkeit, das mediane Einkommen, das Wohlfahrtniveau, die Nachhaltigkeit bezüglich Umwelt, Ressourcen und Verschuldung sowie den Stand der Bildung und Gesundheit zu erfassen.


Mehrwert durch Angebot und Nachfrage

Der Wert und auf dem Markt erzielte Preis einer Ware setzt sich nicht automatisch aus den Produktionskosten und Gewinnen zusammen. Er wird immer auch durch die Differenz zwischen gewöhnlicher und seltener Ware oder Dienstleistung beeinflusst. Hier spielt die Konkurrenz anderer Anbieter oder Unternehmen eine wichtige Rolle: Je größer die Konkurrenz, desto mehr wird die daraus entstehende gegenseitige Marktrealisierung zur Unterbietung führen und den Preis drücken. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass bei geringer Konkurrenz und entsprechender Nachfrage Preise und Renditen höher ausfallen können. Unter Ökonominnen und Ökonomen gibt es die Diskussion, ob aufgrund dieses Aspektes die Mehrwerttheorie von Marx gänzlich verworfen werden kann. Reich sieht dies jedoch nicht so: Die breite Masse der Waren und Dienstleistungen unterliegen gerade auf Grund des Konkurrenzdrucks einer Vergleichbarkeit, aber auch einer Kosten-Gewinn-Rechnung. Eine Investition ist für Kapitalistinnen und Kapitalisten nur dann lohnend, wenn der Wert einer Ware die Kosten der Produktionsmittel und der Lohnarbeit übertreffen. Wäre dies nicht der Fall, würden die Kapitalistinnen und Kapitalisten in einem anderen Bereich investieren. Lassen sich in einem Bereich allerdings große Gewinne erzielen, so wandert das Kapital in diesem Bereich und erhöht damit wiederum die Konkurrenz. Immer ist zu bedenken, dass in der Praxis die Regulierung von Angebot und Nachfrage durch verschiedene Monopolstellungen, Patentrechte und Machtstrukturen gezielt beeinflusst werden, um Konkurrenz auszuschließen.

Als weiterer Aspekt muss bedacht werden, dass die Gewinne, die aus Angebot und Nachfrage entstehen, immer auf Eigentumsrechten beruhen. Reich fasst an dieser Stelle alle auf Eigentumsrechten basierenden Kapitalgewinne, wie z.B. auch Gewinne aus Mieteinnahmen, unter der Kategorie Mehrwert durch Angebot und Nachfrage zusammen. Am Beispiel von Mietwohnungen lässt sich sehr deutlich zeigen, dass ein Mehrwert aus Angebot und Nachfrage nicht nur Waren oder Dienstleistungen umfasst, die aus Lohnarbeit heraus entstehen, sondern dass bereits das bloße Eigentumsrecht Gewinne erzielen kann. Auch für den Mehrwert durch Angebot und Nachfrage stellt Reich eine Handlungsanalyse auf, die ebenfalls vier Aspekte umfasst:

1. Es gibt einen Markt, auf dem ein Bedarf an Waren oder Dienstleistungen besteht und erzeugt wird. Zudem gibt es klare Eigentumsrechte, die einen Anspruch auf Verkauf, Vermietung, Kreditierung und Verzinsung begründen.

2. Konsumentinnen und Konsumenten haben Wahlmöglichkeiten. Daher können Preise nicht durchgehend willkürlich gesetzt werden, wie das bei einer monopolistischen Marktposition der Fall ist.

3. Es gibt Tauschmittel in Form von Geld, die die Käuferinnen und Käufer, Mieterinnen und Mieter und Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer ausreichend zur Verfügung stehen müssen. Das heißt auch eine breite Masse der Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter muss zumindest genügend Mittel zum Konsum besitzen, um den Markt aufrecht zu erhalten.

4. Es findet ein Handel statt und die Marktmechanismen werden eingehalten, also sinkende Preise bei hoher, sowie steigende bei geringer Nachfrage. Außenregulationen sind insbesondere nur bei einem versagenden Markt notwendig.


Der Tauschprozess ist "prozesshaft und zirkulär", das bedeutet, dass eigenes Handeln auf dem Markt die eigenen Ausgangsbedingungen verändert. Durch viele Käufe des Verbrauchers wird der Markt angekurbelt, was auch im Endeffekt steigende Löhne zur Folge haben kann.

Die Innovation als Motor des Wettbewerbs ist von Joseph A. Schumpeter in die Analyse der Märkte eingebracht worden. Er beobachtete eine wiederkehrende Phase, in denen die Märkte von Monopolisten mit hohen Preisen dominiert werden. Diese Monopolstellungen können dann durch innovative Entwicklungen verdrängt werden, indem neue Fertigungsmethoden die Produktivität erhöhen, die Kosten senken, die Waren verbilligen. Hier ist insbesondere der Staat mit dem Markt verbunden, indem es Regelungen durch den Staat gibt, um eine Monopolstellung zu verhindern. Es ist zumindest in Demokratien die Aufgabe des Staates, das Gemeinwohl der Gesellschaft sicherzustellen. Darunter zählen nicht nur bestimmte Regulationen des Marktes, sondern unter anderem auch folgende Aufgaben, die Reich zusammenfasst:

• Er muss eine Infrastruktur bereitstellen (Märkte, Verkehr, Rechtssicherheit usw.)

• Er muss die Verwaltung und Steuerung des Gemeinwesens nach innen und außen regeln (innere Ordnung und Sicherheit, Frieden, Bündnisse usw.)

• Er muss dafür sorgen, dass hinreichend qualifizierte Arbeitskräfte erzogen und gebildet werden.

• Er muss ein Sozialsystem entwickeln, das für Gesundheit, Alter und soziale Fälle zuständig ist, um soziale Konflikte und Unruhen zu vermeiden und ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.


Diese Aufgaben des Staates kosten Geld, welches durch Steuern eingenommen wird. Diese werden z.B. auf Waren erhoben (Mehrwertsteuer) oder aber an Löhnen und Gewinnen. Wenn also der kapitalistische Markt erstarkt, können mehr Einnahmen durch Steuern verzeichnet werden, was die Unterstützung des Staates ebenfalls ausbauen kann. In Krisenzeiten ist eine Erhöhung der Steuern meist kontraproduktiv, da bei den Konsumenten weniger Geld für den Erwerb von Gütern und Dienstleistungen übrig bleibt. Das kann den Markt weiter schwächen.


Mehrwert durch Illusionierung, Täuschung, Betrug

Der Mehrwert durch Lohnarbeit sowie durch Angebot und Nachfrage lässt sich in verschiedener Art und Weise unmittelbar beeinflussen, steuern und manipulieren. Im Folgenden sollen verschiedene Einflussmöglichkeiten, die auch ein Eigenleben entfalten können, erläutert werden:


Illusionierung

Jede Dienstleistung oder Ware scheint heute mit Illusionierung verknüpft zu sein. So suggeriert Werbung stets beste Qualität und versucht mit verschiedenen Tricks, ihre Waren zu verkaufen. Für Werbung werden mittlerweile hohe Summen ausgegeben, die selbstverständlich auch in die Kosten-Nutzen-Rechnung mit einfließen und so den Wert und die Differenz des Mehrwerts wesentlich beeinflussen. Reich beschreibt verschiedene Taktiken, welche sich die Werbung zu eigen gemacht hat, um eine möglichst hohe Nachfrage zu realisieren:

• In der Werbung werden Wünsche geweckt oder berührt. Diese werden suggestiv eingeführt und mit bestimmten Objekten und Bildern besetzt, um selbst banale Waren positiv aufzuladen. Projektionen sind damit die Grundlage der Illusionierung.

• Durch werbepsychologische Tricks werden Waren und Dienstleistungen zu menschlichen Bedürfnissen und ihr Besitz zu einem Begehren gemacht. Dabei wird die Warenästhetik stets auf die jeweilige Zielgruppe angepasst.

• Besonders teure und einmalig scheinende Waren oder Dienste werden zu Statussymbolen, deren Besitz grundlegend für die Abgrenzung zu anderen Menschen und Schichten scheint.

• Firmennamen dienen als Erkennungszeichen und werden gleichzeitig zu einem Identifizierungsobjekt. Coca Cola und McDonalds sind bekannte Beispiele.

• Durch Illusionierung wird der Nutzen einer Ware suggeriert. Je mehr dabei die Waren oder Dienste in der Öffentlichkeit verhandelt, diskutiert und gezeigt werden, desto dringlicher scheint der Besitz eben dieser Ware oder Dienstleistung.

• Als typische Werbestrategie lässt sich noch die Individualisierung aufführen. Diese suggeriert die Einmaligkeit eines Produktes oder einer Dienstleistung, obwohl beides in großen Mengen vorhanden ist.


Nicht nur die Waren und Dienstleistungen selbst, sondern auch die Arbeitskraft muss sich auf dem Arbeitsmarkt bestmöglich verkaufen und nutzt hierbei Illusionierungen, um ihren potentiellen Arbeitgeber und ihre potentielle Arbeitgeberin zu überzeugen.

Generell gilt im Kapitalismus der Besitz von vielfältigen Produkten und Diensten als Reichtum und Glück. Obwohl sich der große Reichtum mit einem Arbeiter und Arbeiterinnenlohn nur schwer verwirklichen lässt, wird die Illusion des Glücks durch Reichtum als Wunsch mächtig. Dies zeigt sich an dem Erfolg verschiedener Quizshows oder von Gewinnspielen, die den schnellen Reichtum ohne Arbeit versprechen. Ob und inwieweit Reichtum jedoch tatsächlich mit Zufriedenheit und Glück in Verbindung steht, ist äußerst umstritten. Studien zeigen, dass reichere Mensch zwar zufriedener mit ihrer Versorgung, ihren Teilhabechancen in der Gesellschaft, dem Arbeitsplatz, dem Einkommen, der Sicherheit und des Lebensstandards sind, jedoch weit unzufriedener mit dem Familienleben, der sozialen Ungerechtigkeit und den Konflikten zwischen „Arm“ und „Reich“. Hier zeigt sich bereits die Entsolidarisierung der Reichen, welche die Abgaben von ihrem Reichtum als Ungerechtigkeit und Unglück erleben.


Täuschungen

Täuschungen sind gezielte, jedoch objektiv messbare Illusionierungsformen, bei denen alle oben genannten Aspekte herangezogen werden. Täuschungen gehen mit Mechanismen einher, die objektiv messbar mehr versprechen als gehalten wird. Zum Beispiel werden große Packungen mit unverhältnismäßig kleinem Inhalt angeboten, um eine größere Menge der Ware vorzugaukeln. Als weiteres Beispiel gelten Sonderangebote, die sich bei genauerer Betrachtung als Schwindel entpuppen. Da es im Kapitalismus eine Vielzahl an Täuschungen zugunsten des Verkaufs gibt, haben sich Verbraucherschutzvereinigungen gebildet, die die potentielle Käuferin und den potentiellen Käufer, mit speziellen Kenntnissen ausgestattet, gegen Täuschungen wappnen will.

Täuschungen beziehen sich nicht ausschließlich auf Waren und Dienstleistungen. Auch Arbeitskräfte und Selbstständige täuschen und beschönigen Zeugnisse, Lebensläufe, Berufsbiographien bis hin zu akademischen Arbeiten. Der Übergang von Täuschung in den Betrug ist umfassend geworden.


Betrug

Das wissentliche Verletzen von Verträgen, Regeln, Gesetzen, aber auch des guten Anstands ist dort üblich geworden, wo zusätzliche hohe Vorteile und Gewinne gemacht werden können. Wenn es nicht durch starke Gegenkräfte reglementiert, begrenzt oder verhindert wird, ist es ein regelmäßig auftretender Bestandteil kapitalistischen Handelns. Je mehr ökonomisches Kapital gewonnen werden kann, desto stärker ist der Reiz, dieses riskante Geschäft zu betreiben. Als kapitalistisches Lehrstück zählt Reich hier die Banken- und Finanzkrise 2008/09 auf. Hier wurden Immobilienkredite in der Hoffnung vergeben, dass die Preise steigen und die Schulden damit getilgt werden können. Als die Blase letztendlich platze, war es Aufgabe der Regierung, mit Steuergeldern der Bevölkerung einzuspringen. Die Betrügerinnen und Betrüger auf Bankenseite, die solche Geschäfte finanzierten, profitierten hier in doppelter Weise: Zunächst erzielten sie hohe Gewinne durch das eingegangene Risikogeschäft. Als dieses platzte, wurden die Folgen des Risikos jedoch auf die Gesamtbevölkerung umverteilt.

Auch in der Handlungsanalyse des Mehrwerts von Illusionen, Täuschungen und Betrug fasst Reich vier Aspekte zusammen:

1. Es besteht ein Angebot, das illusionär erzeugte und suggerierte Wunschvorstellungen und Bedürfnisse befriedigt.

2. Um glaubwürdig zu sein und tatsächlich Absatz zu finden, wird die Fiktionalisierung dieser Leistung plausibel, für alle zugänglich beschrieben und demonstriert.

3. Der Tausch wird durch Verkauf, Austausch, Vertrag, Verpflichtung, Boni usw. in Handlungen vollzogen und damit als erfolgreich bewiesen.

4. Der Mehrgewinn wird entweder zusätzlich zu einem tatsächlich bestehenden Wert oder rein betrügerisch realisiert. Das heißt, es kann sogar Gewinn ohne jegliche Gegenleistung erzeugt werden. Davon abgesehen kann durch gezielte Werbestrategien die Nachfrage gesteigert und somit können bereits bestehende Wert- und Mehrwertrealisierungen gesteigert werden.


Viele Ökonominnen und Ökonomen haben sich mit der Frage beschäftigt, ob das Fundament des Kapitalismus Täuschung und Betrug darstellt. Reichs Schlussfolgerung deckt sich hier mit der Folgerung der meisten Ökonominnen und Ökonomen: Aus bloßer Täuschung und bloßem Betrug lässt sich auf Dauer kein Mehrwert erzielen, für einen Extragewinn sind diese Strategien jedoch äußerst gut einsetzbar.


Mehrwert durch parasitäre Gewinne

Parasitäre Gewinne bezeichnen zum Beispiel Erbschaften, Heirat, Glücksspiel oder Spekulationsgeschäfte. Die Differenz des Mehrwerts wird aus fremder Leistung und eigener Nichterwirtschaftung berechnet. Reich grenzt sich hier stark vom Begriff des Parasitären als moralische Kategorie ab. Parasitäre Gewinne bezeichnen kein schlechtes Handeln, sondern ein tatsächlich stattfindendes Handeln, das Nutznießer/innen mit Vorteilen durch die Handlung selbst erzeugt. Parasitär erscheint dies insofern, da es keine eigene Leistung auf Seiten der Nutzer/innen geben muss. Der von anderen erwirtschaftete Reichtum kann durch eine teilhabe ohne große eigene Anstrengung angeeignet werden.

Für Reich ist insbesondere der parasitäre Gewinn durch Erbschaften mitverantwortlich für Chancenungerechtigkeit und soziale Ungleichheit. Gründe dafür sind unter anderem die Dominanz des Privateigentums im Kapitalismus und die Verstärkung des Erbschaftseffekts durch die starke Tendenz zur Heirat innerhalb gleicher ökonomischer Schichten. Weiterhin zählt auch die ursprüngliche Anhäufung von Kapital dazu, welche den Kapitalismus in seinen Anfängen voranbrachte und die bis heute stark von bestimmenden Eliten gehalten wird. Dabei ist festzuhalten, dass die meisten Erben in geringfügigem Umfang erben, nur wenige dagegen hohe Beträge. Hier besitzen die oberen 20 Prozent der Deutschen mehr als 72 Prozent des Nettogesamtvermögens, die unteren 40 Prozent dagegen nur 1,2 Prozent. Nach Reich entzieht sich der Staat zu oft seiner Verpflichtung, die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer weiter anwachsen zu lassen. Aufgabe des Sozialstaates wäre es dabei, die wachsenden Ungleichheiten zwischen den ökonomischen Schichten durch eine gerechte Besteuerung einzuschränken.