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 Dennoch kann nicht davon gesprochen werden, dass Ichikawa sich völlig von ihren Zielen des Frauenwahlrechts verabschiedete und sich dem Staat andiente. 1932 kooperierte das Bündnis von Ichikawa mit der Proletarischen Frauenbewegung (Musan fujin dômei 無産婦人同盟), sich gemeinsam für das Wahlrecht einzusetzen. Dies führte jedoch dazu, dass Ichikawa und die Zeitschrift //Fusen// von der Regierung zensiert und einzelne Ausgaben verboten wurden. Ichikawa selbst sah sich mit Überwachung ihrer Schreibtätigkeit konfrontiert und hatte kaum noch Möglichkeiten, sich politisch zu äußern. So begann sich das Bündnis verstärkt sozialen Problemen von Frauen zu widmen, um im Zuge der Verbesserung der Lebenssituation von Frauen mehr Rechte für Frauen einzufordern. Nur mit mündigen Bürgerinnen wäre der Staat in der Lage, die Kriegsanstrengungen zu meistern. Die Frauenbewegung insgesamt veränderte allmählich ihre pazifistische Position in eine Unterstützung für den Krieg, und Ichikawa Fusae wurde ab 1935 vermehrt in staatlichen Organisationen tätig.  Dennoch kann nicht davon gesprochen werden, dass Ichikawa sich völlig von ihren Zielen des Frauenwahlrechts verabschiedete und sich dem Staat andiente. 1932 kooperierte das Bündnis von Ichikawa mit der Proletarischen Frauenbewegung (Musan fujin dômei 無産婦人同盟), sich gemeinsam für das Wahlrecht einzusetzen. Dies führte jedoch dazu, dass Ichikawa und die Zeitschrift //Fusen// von der Regierung zensiert und einzelne Ausgaben verboten wurden. Ichikawa selbst sah sich mit Überwachung ihrer Schreibtätigkeit konfrontiert und hatte kaum noch Möglichkeiten, sich politisch zu äußern. So begann sich das Bündnis verstärkt sozialen Problemen von Frauen zu widmen, um im Zuge der Verbesserung der Lebenssituation von Frauen mehr Rechte für Frauen einzufordern. Nur mit mündigen Bürgerinnen wäre der Staat in der Lage, die Kriegsanstrengungen zu meistern. Die Frauenbewegung insgesamt veränderte allmählich ihre pazifistische Position in eine Unterstützung für den Krieg, und Ichikawa Fusae wurde ab 1935 vermehrt in staatlichen Organisationen tätig. 
  
-Zunächst wurde sie 1935 eingeladen, im von der Regierung gegründeten Zentralen Komitee für unparteiische Wahlen (Senkyô shukusei chûô renmei 選挙粛正中央連盟) mitzuwirken. Sie akzeptierte die Einladung, weniger aus Überzeugung als vielmehr aus der Hoffnung heraus, auf ein Frauenwahlrecht hinzuwirken. Gleichzeitig engagierte sich Ichikawa im Bund für Mutterschutz (Bosei hogo renmei 母性保護連盟), da mit dem Voranschreiten des Krieges mehr Frauen und Kinder auf den männlichen Ernährer in der Familie verzichten mussten. Die Regierung verabschiedete 1937 einen Erlass zum Schutz von Müttern und Kindern (Boshi hogohô 母子保護法).+Zunächst wurde sie 1935 eingeladen, im von der Regierung gegründeten Zentralen Komitee für unparteiische Wahlen (Senkyô shukusei chûô renmei 選挙粛正中央連盟) mitzuwirken. Sie akzeptierte die Einladung, weniger aus Überzeugung als vielmehr aus der Hoffnung heraus, auf ein Frauenwahlrecht hinzuwirken. Gleichzeitig engagierte sich Ichikawa im Bund für Mutterschutz (Bosei hogo renmei 母性保護連盟), da mit dem Voranschreiten des Krieges mehr Frauen und Kinder auf den männlichen Ernährer in der Familie verzichten mussten und auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Die Regierung verabschiedete 1937 einen Erlass zum Schutz von Müttern und Kindern (Boshi hogohô 母子保護法).
  
-In den Jahren ab 1937, als der Sino-Japanische Krieg begann, wurde Ichikawa Fusae mehr und mehr Teil staatlicher Organisationen. Ihr Ziel war es, die Wichtigkeit von Frauen für die Gesellschaft aufzuzeigen. Im September 1937 wurde sie Vorstandsmitglied der Nihon fujin dantai renmei 日本婦人団体連盟 (Vereinigung japanischer Frauen), die sich mit Unterstützung der Regierung und im Zuge des Aufbaus der Heimatfront für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsumstände von Frauen einsetzte. Ab 1940 mussten sich alle unabhängigen Organisationen auflösen, so auch die Fujin kakutoku dômei, bis dann 1942 eine Gleichschaltung aller Frauenorganisationen in der Dai Nippon fujinkai 大日本婦人会 (Großjapanische Frauenvereinigung; kurz: Nippu 日婦) stattfand. Der überwältigende Teil der Führungsriege war männlich, jedoch gehörte Ichikawa Fusae ebenfalls dem Vorstand an. Zur selben Zeit wurde sie Funktionärin der Dai Nippon genron hôkokukai 大日本言論報告会 (Großjapanische Pressegesellschaft). Ichikawa wurde somit Teil des totalitären Staatsapparats. Auch wenn sie diese Teilnahme nie verleugnete - denn sie wollte auch während des Krieges die Wichtigkeit von mündigen Frauen für eine Gesellschaft demonstrieren – wurde ihr in der Nachkriegszeit vorgeworfen, dass sie die Inhalte der Organisationen nicht in Frage stellte.+In den Jahren ab 1937, als der Sino-Japanische Krieg begann, wurde Ichikawa Fusae mehr und mehr Teil staatlicher Organisationen. Ihr Ziel war es, die Wichtigkeit von Frauen für die Gesellschaft aufzuzeigen. Im September 1937 wurde sie Vorstandsmitglied der Nihon fujin dantai renmei 日本婦人団体連盟 (Vereinigung japanischer Frauen), die sich mit Unterstützung der Regierung und im Zuge des Aufbaus der Heimatfront für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsumstände von Frauen einsetzte. Ab 1940 mussten sich alle unabhängigen Organisationen auflösen, so auch die Fujin kakutoku dômei, bis dann 1942 eine Gleichschaltung aller Frauenorganisationen in der Dai Nippon fujinkai 大日本婦人会 (Großjapanische Frauenvereinigung; kurz: Nippu 日婦) stattfand. Die überwältigende Mehrheit der Führungsriege war männlich, jedoch gehörte Ichikawa Fusae ebenfalls dem Vorstand an. Zur selben Zeit wurde sie Funktionärin der Dai Nippon genron hôkokukai 大日本言論報告会 (Großjapanische Pressegesellschaft). Ichikawa wurde somit Teil des totalitären Staatsapparats. Auch wenn sie diese Teilnahme nie verleugnete - denn sie wollte auch während des Krieges die Wichtigkeit von mündigen Frauen für eine Gesellschaft demonstrieren – wurde ihr in der Nachkriegszeit vorgeworfen, dass sie die Inhalte der Organisationen nicht in Frage stellte.
  
 >> "Ichikawa Fusae should not have accepted positions in the government-sponsored organizations. She should have worked as a free citizen and as a feminist leader." (KURIHARA 1991, S. 98) >> "Ichikawa Fusae should not have accepted positions in the government-sponsored organizations. She should have worked as a free citizen and as a feminist leader." (KURIHARA 1991, S. 98)
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 >> "Letztlich ist die Gleichberechtigung eine Frage der Erziehung." (zitiert nach LINHART: "Fusae Ichikawa – die letzte Suffragette") >> "Letztlich ist die Gleichberechtigung eine Frage der Erziehung." (zitiert nach LINHART: "Fusae Ichikawa – die letzte Suffragette")
  
-Diesem Credo blieb sie auch persönlich bis ins hohe Alter treu. So reiste Ichikawa 1970 in die USA, um sich über die Neue Frauenbewegung zu informieren. Die Frauenbewegung der sogenannten Zweiten Welle – die Erste Welle stellte den Kampf um das Wahlrecht dar – forderte gleiche Rechte und Möglichkeiten, persönliche Entscheidungen in allen Bereichen wie Politik, Arbeit, Familie und Sexualität zu treffen. Es wurden die institutionalisierten Machtverhältnisse angegriffen, welche Frauen zugunsten von Männern daran hinderten, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Ichikawa zeigte zwar deutliche Sympathie für die Neue Frauenbewegung, jedoch gab es auch Strömungen innerhalb der Bewegung, die sie kritisch betrachtete. Eine grundsätzliche Anti-System-Haltung kam für die reformistisch eingestellte Ichikawa nicht in Frage. Daher blieb sie auch der japanischen Bewegung der 1970er Jahre (Ûman ribu ウーマンリブabgeleitet vom englischen Begriff Women's Liberation Movement) gegenüber zunächst kritisch eigestellt, da sie die Bewegung lediglich als Imitation der US-amerikanischen Bewegung ansah. Ende der 1970er Jahre jedoch gestand sie ein, dass sie in vielen Punkten der Ûman ribu zustimmte; beispielsweise konnte sie sich der Kritik an der Beschränkung der gesellschaftlichen Frauenrolle auf die der Mutter anschließen. Ichikawa Fusae selbst blieb ihr Leben lang ledig und hatte keine Kinder. Für sie stand ihre Arbeit für die Frauenbewegung im Fokus, so dass eine Heirat und Kinder ihren Lebensstil sowie ihre Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt hätten. (Siehe DIENER 1997, S. 1139)+Diesem Credo blieb sie auch persönlich bis ins hohe Alter treu. So reiste Ichikawa 1970 in die USA, um sich über die Neue Frauenbewegung zu informieren. Die Frauenbewegung der sogenannten Zweiten Welle – die Erste Welle stellte den Kampf um das Wahlrecht dar – forderte gleiche Rechte und Möglichkeiten, persönliche Entscheidungen in allen Bereichen wie Politik, Arbeit, Familie und Sexualität zu treffen. Es wurden die institutionalisierten Machtverhältnisse angegriffen, welche Frauen zugunsten von Männern daran hinderten, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Ichikawa zeigte zwar deutliche Sympathie für die Neue Frauenbewegung, jedoch gab es auch Strömungen innerhalb der Bewegung, die sie kritisch betrachtete. Eine grundsätzliche Anti-System-Haltung kam für die reformistisch eingestellte Ichikawa nicht in Frage. Daher blieb sie auch der japanischen Bewegung der 1970er Jahre, der Ûman ribu ウーマンリブ (abgeleitet vom englischen Begriff Women's Liberation Movement) gegenüber zunächst kritisch eigestellt, da sie die Gruppen lediglich als Imitation der US-amerikanischen Bewegung ansah. Ende der 1970er Jahre jedoch gestand sie ein, dass sie in vielen Punkten der Ûman ribu zustimmte; beispielsweise konnte sie sich der Kritik an der Beschränkung der gesellschaftlichen Frauenrolle auf die der Mutter anschließen. Ichikawa Fusae selbst blieb ihr Leben lang ledig und hatte keine Kinder. Für sie stand ihre Arbeit für die Frauenbewegung im Fokus, so dass eine Heirat und Kinder ihren Lebensstil sowie ihre Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt hätten. (Siehe DIENER 1997, S. 1139)
  
 Ichikawa Fusae wurde wiederholt als Volksvertreterin gewählt, zuletzt 1980, bevor sie 1981 im Alter von 87 Jahren starb. Verzweiflung an der gesellschaftlichen Position von Frauen in Japan ließ sie bis zuletzt nicht erkennen. Vielmehr sagte sie in dem Interview mit Yoko NUITA: Ichikawa Fusae wurde wiederholt als Volksvertreterin gewählt, zuletzt 1980, bevor sie 1981 im Alter von 87 Jahren starb. Verzweiflung an der gesellschaftlichen Position von Frauen in Japan ließ sie bis zuletzt nicht erkennen. Vielmehr sagte sie in dem Interview mit Yoko NUITA:
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 ==== Forschungsstand ==== ==== Forschungsstand ====
  
-Ichikawa Fusae hat einen festen Platz in der Geschichte der japanischen Frauenbewegung. Daher wird sie in Überblickswerken wie //Gendering Modern Japanese History// (2005) von Barbara MOLONY und Kathleen UNO oder //Japanese Feminist Debates. A Century of Contention on Sex, Love, and Labor// (2016) von Ayako KANO auch immer als zentrale Person genannt, beispielsweise als eine der Gründerinnen der Shin fujin kyôkai. Dennoch gibt es kaum Monographien, die sich ausschließlich mit Ichikawa als Person beschäftigen und ihren gesamten Lebensweg bzw. die Entwicklung ihrer Politik nachzeichnen. Eine Ausnahme bildet hier das Werk von MURAI Ryôta, //Ichikawa Fusae: kôtai wo soshi shite zenshin// 市川房枝: 後退を阻止して前進 (2021), welches alle Lebensabschnitte in die Betrachtung aufnimmt. In der westlich-sprachigen Literatur jedoch fehlt solch eine Gesamtschau. Vielmehr werden die verschiedenen Lebensabschnitte wie die 1920er Jahre oder die Tätigkeit während des Krieges getrennt von einander betrachtet und als ins sich geschlossene Entwicklungen angesehen. Eine umfassende Biographie könnte jedoch zeigen, dass Ichikawa durchgängig ihren politischen Zielen treu blieb und sich lediglich den politischen, gesellschaftlichen und historischen Begebenheiten anpasste.+Ichikawa Fusae hat einen festen Platz in der Geschichte der japanischen Frauenbewegung. Daher wird sie in Überblickswerken wie //Gendering Modern Japanese History// (2005) von Barbara MOLONY und Kathleen UNO oder //Japanese Feminist Debates. A Century of Contention on Sex, Love, and Labor// (2016) von Ayako KANO auch immer als zentrale Person genannt, beispielsweise als eine der Gründerinnen der Shin fujin kyôkai. Dennoch gibt es kaum Monographien, die sich ausschließlich mit Ichikawa als Person beschäftigen und ihren gesamten Lebensweg bzw. die Entwicklung ihrer politischen Haltung nachzeichnen. Eine Ausnahme bildet hier das Werk von MURAI Ryôta, //Ichikawa Fusae: kôtai wo soshi shite zenshin// 市川房枝: 後退を阻止して前進 (2021), welches alle Lebensabschnitte in die Betrachtung aufnimmt. In der westlich-sprachigen Literatur jedoch fehlt solch eine Gesamtschau. Vielmehr werden die verschiedenen Lebensabschnitte wie die 1920er Jahre oder die Tätigkeit während des Krieges getrennt von einander betrachtet und als in sich geschlossene Entwicklungen angesehen. Eine umfassende Biographie könnte jedoch zeigen, dass Ichikawa durchgängig ihren politischen Zielen treu blieb und sich lediglich den politischen, gesellschaftlichen und historischen Begebenheiten anpasste.
  
 Eventuell liegt auch genau darin die Schwierigkeit, Ichikawa als Person zu erfassen. Ihre politischen Aktivitäten erstrecken sich über ca. 70 Jahre, in denen Japan sich von der Taishô-Demokratie in eine ultranationalistische Gesellschaft und schließlich in eine Demokratie wandelte. Ihre politische Tätigkeit war eng an politische Ereignisse gekoppelt, so dass bei einer Gesamtbetrachtung immer auch die zeitgenössische Politik und die Reaktionen verschiedener politischer Gruppierungen beachtet und analysiert werden muss. Eventuell liegt auch genau darin die Schwierigkeit, Ichikawa als Person zu erfassen. Ihre politischen Aktivitäten erstrecken sich über ca. 70 Jahre, in denen Japan sich von der Taishô-Demokratie in eine ultranationalistische Gesellschaft und schließlich in eine Demokratie wandelte. Ihre politische Tätigkeit war eng an politische Ereignisse gekoppelt, so dass bei einer Gesamtbetrachtung immer auch die zeitgenössische Politik und die Reaktionen verschiedener politischer Gruppierungen beachtet und analysiert werden muss.
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 ==== Literatur ==== ==== Literatur ====
   * DIENER, Doris: „Die Frauenrechtlerin Ichikawa Fusae nach 1945“. In: //Asiatische Studien: Zeitschrift der Schweizerischen Asiengesellschaft//, Bd. 51, Nr. 4 (1997), S. 1135-1140.   * DIENER, Doris: „Die Frauenrechtlerin Ichikawa Fusae nach 1945“. In: //Asiatische Studien: Zeitschrift der Schweizerischen Asiengesellschaft//, Bd. 51, Nr. 4 (1997), S. 1135-1140.
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