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izutsu_toshihiko

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izutsu_toshihiko [2022/08/04 15:07] – [Arbeit, Thesen und Einfluss Izutsus] lsartor3izutsu_toshihiko [2022/11/18 17:56] (aktuell) – [Izutsu Toshihiko - wissenschaftlicher Islamforscher in politisch geladenen Zeiten] cweber6
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 ===== Izutsu Toshihiko - wissenschaftlicher Islamforscher in politisch geladenen Zeiten ===== ===== Izutsu Toshihiko - wissenschaftlicher Islamforscher in politisch geladenen Zeiten =====
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 Izutsu Toshihiko 井筒俊彦 (1914–1993) wurde am 04.05.1914 in Tôkyô geboren. Er war ein japanischer interdisziplinärer Religionsforscher und Literaturwissenschaftler und die erste Person, die den Koran aus seinem arabischen Original in das Japanische übersetzte. Für diese ist er ebenso bekannt wie für seine Beiträge zur vergleichenden Religionswissenschaft und Islamforschung. Izutsu Toshihiko 井筒俊彦 (1914–1993) wurde am 04.05.1914 in Tôkyô geboren. Er war ein japanischer interdisziplinärer Religionsforscher und Literaturwissenschaftler und die erste Person, die den Koran aus seinem arabischen Original in das Japanische übersetzte. Für diese ist er ebenso bekannt wie für seine Beiträge zur vergleichenden Religionswissenschaft und Islamforschung.
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 Izutsu verfolgte sowohl in seinen Islamstudien als auch in seinen weiteren Studien einen //semantischen// Ansatz, mit dem er verschiedene Texte analysierte. Er arbeitete strikt werkimmanent und nah am Text orientiert. Anhand der Semantik einzelner Teile eines Texts, die er ohne Hinzunahme jeglichen anderen Kontextwissens genauer betrachtete, versuchte er eine allgemeine philosophische Weltanschauung des Texts herauszuarbeiten. Dies tat er sowohl in seiner Analyse des Korans als auch in anderen Fällen, z.B. bei der Analyse der Texte des Gelehrten Ibn 'Arabî (1165-1240), aber auch bezogen auf andere Religionen. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, wie dieses Verfahren in der koranorientierten muslimischen Islamforschung Anklang finden konnte, da es trotz der nicht-muslimischen Natur Izutsus mehr Ähnlichkeit zur muslimischen als zur westlichen Islamforschung aufwies. Izutsu verfolgte sowohl in seinen Islamstudien als auch in seinen weiteren Studien einen //semantischen// Ansatz, mit dem er verschiedene Texte analysierte. Er arbeitete strikt werkimmanent und nah am Text orientiert. Anhand der Semantik einzelner Teile eines Texts, die er ohne Hinzunahme jeglichen anderen Kontextwissens genauer betrachtete, versuchte er eine allgemeine philosophische Weltanschauung des Texts herauszuarbeiten. Dies tat er sowohl in seiner Analyse des Korans als auch in anderen Fällen, z.B. bei der Analyse der Texte des Gelehrten Ibn 'Arabî (1165-1240), aber auch bezogen auf andere Religionen. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, wie dieses Verfahren in der koranorientierten muslimischen Islamforschung Anklang finden konnte, da es trotz der nicht-muslimischen Natur Izutsus mehr Ähnlichkeit zur muslimischen als zur westlichen Islamforschung aufwies.
  
-Es ist gut möglich, dass Izutsus Erinnerungen an die Erziehung seines Vaters - wenn auch negativ und von Izutsu in seinem weiteren Leben abgelehnt - einen Einfluss auf seine Analysemethoden hatten. +Es ist gut möglich, dass Izutsus Erinnerungen an die Erziehung seines Vaters - wenn auch negativ und von ihm in seinem weiteren Leben abgelehnt - einen Einfluss auf seine Analysemethoden hatten. 
-So reflektierte Izutsu einmal, wie sein Vater ihn dazu zwang, das japanische Zeichen //kokoro// 心 (Herz) immer und immer wieder groß niederzuschreiben und das Papier daraufhin für eine gewisse Zeitspanne anzustarren. Er sagte ihm, dass man das Papier für 24 Stunden betrachten solle. In dieser Zeit sollte die dem Zeichen inneliegende Bedeutung verinnerlicht werden. Sobald dies geschehen war, sollte das Zeichen vor dem inneren Auge gelöscht und mit diesem Löschvorgang einhergehend das Papier ebenso vernichtet werden, damit nur noch die verinnerlichte Bedeutung übrig bleibe. Auch wenn Izutsu selbst solche Erfahrungen sehr negativ erlebte, so kann eine gewisse Ähnlichkeit zu seinen eigenen Methoden, die sich mit der Dekonstruktion der Semantik eines Texts beschäftigen, jedoch nicht von der Hand gewiesen werden. So konzentrierte auch Izutsu sich zeitlebens am semantischen Wort und versuchte, aus diesem eine größere, abstrakte Bedeutung herauszutrennen.+So reflektierte Izutsu einmal, wie sein Vater ihn dazu zwang, das japanische Zeichen //kokoro// 心 (Herz) immer und immer wieder groß niederzuschreiben und das Papier daraufhin für eine gewisse Zeitspanne anzustarren. Er sagte ihm, dass man das Papier für 24 Stunden betrachten solle. In dieser Zeit sollte die dem Zeichen inneliegende Bedeutung verinnerlicht werden. Sobald dies geschehen war, sollte das Zeichen vor dem inneren Auge gelöscht und mit diesem Löschvorgang einhergehend das Papier ebenso vernichtet werden, damit nur noch die verinnerlichte Bedeutung übrig bleibe. Auch wenn Izutsu selbst solche Erfahrungen sehr negativ erlebte, kann doch eine gewisse Ähnlichkeit zu seinen eigenen Methoden, die sich mit der Dekonstruktion der Semantik eines Texts beschäftigen, nicht von der Hand gewiesen werden. So konzentrierte auch Izutsu sich zeitlebens am semantischen Wort und versuchte, aus diesem eine größere, abstrakte Bedeutung herauszutrennen.
  
 **Übersetzung des Korans** **Übersetzung des Korans**
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 Am Ende des Pazifischen Kriegs war Izutsu mit etwa 31 Jahren noch recht jung. Die Kriegsjahre hatte er vornehmlich mit seinem Studium und akademischer Arbeit verbracht. Eine eindeutige Position Izutsus zur Kriegszeit in Japan kann aus seinem Lebenslauf kaum herausgearbeitet werden. Durch seine Verbindung zum Islam, welcher in Japan zu jener Zeit nur in Verbindung mit der Panasien-Bewegung größere Aufmerksamkeit gewonnen hatte und für die Idee eines geeinten Asiens in hohem Maße instrumentalisiert wurde, ist Izutsus Rolle während der Kriegszeit jedoch nicht unerheblich.  Am Ende des Pazifischen Kriegs war Izutsu mit etwa 31 Jahren noch recht jung. Die Kriegsjahre hatte er vornehmlich mit seinem Studium und akademischer Arbeit verbracht. Eine eindeutige Position Izutsus zur Kriegszeit in Japan kann aus seinem Lebenslauf kaum herausgearbeitet werden. Durch seine Verbindung zum Islam, welcher in Japan zu jener Zeit nur in Verbindung mit der Panasien-Bewegung größere Aufmerksamkeit gewonnen hatte und für die Idee eines geeinten Asiens in hohem Maße instrumentalisiert wurde, ist Izutsus Rolle während der Kriegszeit jedoch nicht unerheblich. 
  
-Der Islam begann im Gegensatz zum Christentum erst nach der Meiji-Restaurationin Japan  Wurzeln zu schlagen und hatte keine lange Geschichte in Japan. Zum Islam konvertierte Japaner waren ideologisch oft Anhänger der Panasien-Bewegung und verfolgten mit ihrer Konversion auch japanisch-nationalistische Interessen. Durch die Inszenierung des Islams als Gegenmodell zum Christentum sollte so die Idee eines geeinten Asiens gegen den kapitalistischen und christlichen Westen untermauert werden, auch wenn der Islam als abrahamitische Religion aus japanischer Sicht große Ähnlichkeit zum Christentum aufweist. Bei einigen der ersten Konvertiten handelte es sich um Personen des Militärs, deren Handlungen eindeutig politisch motiviert waren. Viele von ihnen legten die Religion im Laufe ihres Lebens wieder ab. Trotz des Einsatzes des Islams für nationalistische Interessen legten einige Wissenschaftler und Konvertiten ein aufrechtes Interesse an den Tag, so schloss sich Interesse an der Religion und politische Motivation wie in dem Fall von [[okawa_shumei|Ôkawa Shûmei]] nicht unbedingt gegenseitig aus. Mit der engen Verbindung des Islams zu nationalistischen und panasiatischen Interessen wuchs in den 1930er Jahren auch die Unterstützung seitens der japanischen Regierung. So wurde z.B. die bekannteste Moschee Japans, die Tôkyô Camii (Tôkyô Jâmii 東京ジャーミイ), von der japanischen Regierung finanziert. +Der Islam begann im Gegensatz zum Christentum erst nach der Meiji-Restauration in Japan  Wurzeln zu schlagen und hatte keine lange Geschichte in Japan. Zum Islam konvertierte Japaner waren ideologisch oft Anhänger der Panasien-Bewegung und verfolgten mit ihrer Konversion auch japanisch-nationalistische Interessen. Durch die Inszenierung des Islams als Gegenmodell zum Christentum sollte so die Idee eines geeinten Asiens gegen den kapitalistischen und christlichen Westen untermauert werden, auch wenn der Islam als abrahamitische Religion aus japanischer Sicht große Ähnlichkeit zum Christentum aufweist. Bei einigen der ersten Konvertiten handelte es sich um Personen des Militärs, deren Handlungen eindeutig politisch motiviert waren. Viele von ihnen legten die Religion im Laufe ihres Lebens wieder ab. Trotz des Einsatzes des Islams für nationalistische Interessen legten einige Wissenschaftler und Konvertiten ein aufrichtiges Interesse an den Tag. So schloss sich Interesse an der Religion und politische Motivation wie in dem Fall von [[okawa_shumei|Ôkawa Shûmei]] nicht unbedingt gegenseitig aus. Mit der engen Verbindung des Islams zu nationalistischen und panasiatischen Interessen wuchs in den 1930er Jahren auch die Unterstützung seitens der japanischen Regierung. So wurde z.B. die bekannteste Moschee Japans, die Tôkyô Camii (Tôkyô Jâmii 東京ジャーミイ), von der japanischen Regierung finanziert. 
  
 Izutsu unterscheidet sich in seiner politisch-neutralen Haltung grundsätzlich von den meisten Islaminteressierten seiner Zeit. Weder konvertierte er zum Islam noch sprach er sich als Anhänger der Panasienbewegung aus. Auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit zeichnete sich keine politische Position fest ab. Selbst seine "Orientalische Philosophie" war in ihrer Thematisierung von religiösen Philosophien nicht mit anderen Arbeiten ähnlicher Natur gleichzustellen oder zu vergleichen. Nichtsdestrotrotz muss festgehalten werden, dass die "Orientalische Philosophie" in ihrer Idee der Herausarbeitung "orientalischer" (also panasiatischer) Gemeinsamkeiten dem allgemeinen Zeitgeist entsprach und entgegenkam. Izutsu unterscheidet sich in seiner politisch-neutralen Haltung grundsätzlich von den meisten Islaminteressierten seiner Zeit. Weder konvertierte er zum Islam noch sprach er sich als Anhänger der Panasienbewegung aus. Auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit zeichnete sich keine politische Position fest ab. Selbst seine "Orientalische Philosophie" war in ihrer Thematisierung von religiösen Philosophien nicht mit anderen Arbeiten ähnlicher Natur gleichzustellen oder zu vergleichen. Nichtsdestrotrotz muss festgehalten werden, dass die "Orientalische Philosophie" in ihrer Idee der Herausarbeitung "orientalischer" (also panasiatischer) Gemeinsamkeiten dem allgemeinen Zeitgeist entsprach und entgegenkam.
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